Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 51 (26.3.1893)
- Date
- 1893-03-26
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Freies Blatt. Seite 5- Nr. 51. Drohungen gegen Bcaintc hinrcißc» lasten, daß sic 4 2t>mal so fiel Morde und 3 17»>al so viel KindeSniordc als die Inden verüben. Ist da nicht Jacobowski zu der Frage berechtigt: „Aber jene Vergehen dcis Juden, werde» sie nicht durch Riord nnd KindcSniord ausgewogen, bei denen die Ehristcn weitaus stärker bethciligt sind? Jene VerbrcchenSrubrikc» unter den Juden haben alle die wirthschaft tichc Vernichtung oder auch »nr Schädigung anderer Individuen zur »Folge, Mord und Kindesmord dagegen die völlig physische! Wer will sagen, was schliinnicr, was vcrhängnißvollcr für das Gemeinwohl des Staates ist'?" Roch Eines! Giese befaßt sich auch eingehend mit'dein Umrtanbc, daß die Zahl der frcigesprochencn Inden größer ist als die Zahl der frcigcsprocheiicn christlichen Deutschen, ciü Umstand, der natürlich abermals gegen die bösen Juden, so widersinnig dies auch scheinen mag, ausgebcntct wird. Obwohl der Verfasser selbst zngeben muß', daß die Anzahl der Frcigesprochencn gegenüber' der Zahl der Vcrurthciltcn. und Angeklagten eine verschwindend kleine ist, glaubt er dennoch anS diesen Zahlest die ganz besondere Verworfenheit der Juden dcslialb Meilen zu müsse», weil sich darin nur in besonders starker Entwicklung die! Eigenschaften des Berufsverbrechers, nämlich verschlagene Umgehung dcS (Gesetzes und scrupcllose Entschlossenheit in der Vcr thcidigung documentircn. Demgegenüber ist zu bemerken: der.Grnnd für die hästsigcrcn Freisprechungen jüdischer Angeklagter ist einfach darin zu suche», daß die Inden seit dem Anwachsen der antisemitischen Bewegung eben hänsigcr schnlvloS angcklagt werden, von den Volksrichtern aber — und darauf legen wir besondere Betonung — in richtiger Erkennung ihrer Aufgabe stets dann frcigcsprochcn werden, wenn eine Kchlanklage erfolgte. Hicfür spricht auch eine Thatsachc, die Giese in einem anderen Eapitcl seiner Schrift durch Ziffern belegt. Die Zahl der freigesprochcncn Jirdcn stieg nämlich vom Jahre I85>3 bis 1889 j» einem Vcrhältniß wie 37 : 43. Dieses Vcrhältniß ist einzig itud 1 allein auf das Anschwcllen der antisemitischen Hochslnth znrückzuführe». Aber in den Jahre» 1882 bis 18*9 ist auch - was Ostest selbst zugcbc» muß — eine ausgesprochene Abnahme der jüdische» Eriminalität erfolgt, die um so ausfallender ist, als sich gleichzeitig bei der christlich deutschen Bevölkerung eine Zunahme ergibt. DieS beweist »nS zweierlei: Einerseits hat die antisemitische Bewegung, welche spc eiell im legten Decenninin so enorm an Boden gewann, eine Vcr> wildcrung der ihr folgenden Massen und damit »aturgcniüß eine Ver mehrnng der Verbrechen ans christlich dcntschcr Seite hervorgcrufen, andererseits aber waren die Juden unter den Segnungen gesellschaftlicher Frcil>rit sichtlich bemüht, dem anliscinjlischcn Ranbthicr durch correetcs (^bahren -die Rahrnng zu entziehe». Daher die Abnahme der jüdischest Eriminalität. Dr. Jäcobowst» schließt seine hochintercssaruc Schrift, die hiemit Jedermann! zur l'cctürc empfohlen sei, mit einer Ansammenstellnng, ans wclchcrj mit Deutlichkeit hcrvorgcht, daß „die positive Mora liiat dcS^ deutschen Voltes durch die Jude» nicht verschlechtert wird, wie der. Antisemitismus glnu-bbast machen w!ill, sondern verbessert". DaS ist auch das Haupt ergebniß unserer Untersuchung. ' '! Vi a i 2t? inte l'. (Ans >Cllt 'Jlbflcorönftculiailfc.) Bei by 2'craihung des Finanz gcsctzcs im Äbgcordnctcnhansc hielt Freiherr v. S charschmid eine aus gezeichnete Rede, in welcher er den rcaetionärcn (Gefühlen der Anii scinirrn und ihrer .Helfershelfer sehr entschieden cntgcgcntrat. „Wir respcctircn,'! sagte er, „alle religiösen Ucbcrzcngungcn und sind bereit, der Kirche - zu geben, was der Kirche ist. Allein wir perhorreseiren den gewistxN finstern, initsclaltcrlichen Ostist, jenen o'cift, ivclcher vor soundsovielcit hundert Jahre» zu den fürchterlichsten Mißbräuchen, zur ' Jngüisition^ und zur BartholoniüuSiiacht geführt hat." Von einem Zwischenrufe des StanipiglicnfälscherS: „Es ist ja .nur ein stricg gegen die Juden" unterbrochen, fuhr Freiherr v. Scharschmid fort: „Und darin soll eine Rechtfertigung liegen? . . . Dieser Geist ist . allerdings verblaßt und ivagt sich nicht hervor, allein er ist nur darum zurückgcgangc», weil er sich gegenüber den bedeutenden Veränderungen, welche die niodernc Eultur hervorgcbracht hat, nicht hcrvorwagt." Der Redner bemerkte, daß gerade die legten Scene» es ihm nninöglich machen^ von den gegnerischen Parteien die antiscnritischc Partei ganz un besprochen zu lasten. ES sei eine bekannte Sache,. daß die sogenannte antiscinilstchc Agitation sich nicht bloß gegen das Jndcnthnm richte, .sondern q«ich weiter gcl)c, gegen das Eapital, gegen die bestehenden Einrichtungen überhaupt, eigentlich gegen alle Jene, welche nicht den antisemitischen Führern Gefolgschaft leisten. Positive Gedanken habe er in dieser Bewegung bishsr nicht herauSsindcn könne», außer gewissen Einschränkungen der Gewcrbesreiheit. L as einzig Vosinve -wurde nur in der Bezeichnung „christlich soeigl" liegen, Ost-rade qegSn diese Bezeichnung, aber müsse man an« allermeiste» protesrire». „'Aach meinem christkatholische» Gefühl," , sägte^--der rstedner, ..balle ich cs für eine wahre Blasphemie, wen» der geheiligte Raine Ehristns in irgend eine Verbindung mit diesen Agitationen^ gebracht wird,-welche nur daraus abziclcn, Haß, Verleuindung und- Verfolgung ausziistrcucn und die wilden Leidenschaften der Menichcnr zu wecken. Es baden sich gegen dicscir Mißbrauch des christlichen "Raniens auch cinzclnc Stimmen von . Sbcrhirten erhoben: allein leider sind sic sehr vereinzelt geblieben. Im AUgcnirincn kann man nicht leugnen, daß von Seite der Geistlichtcit und der clcricalcn. Partei eine gewisse Eonnivcn; gegen diese Richtung geübt wnrde^ das; sogar Allianzen Vorkommen, welche darauf schließe» lasten, daß der gewisse millclalietlick)«- Geist, von dem ich gesprochen habe, anch gegenwärtig in den kirchlichen Fnnetionärcn und in der elcricalcn Partei nicht erstorben ist, waS' ich sehr bedauere."- Freiherr v. Scharschmid besprach sodann den Aufschwung, welchen alle wirth schaftlichen Verhältnisse'in Sestcrrcich genommen haben, und erörterte die Vage des GcwerbcstandcS im Zusamuicnhaug mit dem AutiiemitiS muS. England und Frankreich danken der Gewerbcfreiheit den größten Aufschwung. „Wenn cü z. B. gelänge," bemerkte der Redner, „iämml lichc Juden ans Wien zu vertreiben, sü weiß ich doch nicht, waS die Gcwerbslcute dazu sage» würden, wenn aus einmal *0,1 >00 Eonsunienten weniger wären. Dan» würde der .stleingewerbestaub die kosten dieser Dperation allein tragen." Freiherr v.' Scharschmid crinncNe daran, daßdie' anS Frankreich' vertriebenen Hugenotten in Berlsii Anfnahmc fanden, obfcho» sic für die dortige» einheimischen GcwcrbSleutc, namentlich in der Scidcnindnstrie als Eoncnrrcnle» nustrate». Ebenso sei die Answauderung von Ricderländern nach England der dortigen Dertilindnstrp: sehr Nnbcancm gckvcscn, trovdcm seien die i'cutc ausgenommen worden, weil das Vaud > cs als einen großen Vorthoil ansah, tüchtige Industrielle zu gewinnen. Das seist, allerdings Ebristen gewesen, aber im Punkte der Eoncnrrcnz bleibe sich die Sache gleich, ob die einheimische» ansässigen Ostwcrbslentc durch christliche oder durch jüdische Eoncnrrenz Schaden seiden. In Holland gebe cs übrigens auck> viele" portugiesische und spanische Inden, welche »ach ibror Vertreibung durch die Jnanisition sich dort ansiedcltcn. Holland babc cS durch den (^ststst der Toleranz zur Blüthc gebracht^ während Spanien und Portugal ökonomisch zurückgcgangc» rind dein Verfall' anhcinigegebcn worden sind, von welchem sie sich bis heute nicht erholt babc». Die antisemitische Partei nenne sich besonders gerne anti " liberal Wenn aber die von der liberalen Partei geschaffenen Jnstitu lione» der Preßfreiheit, des Vereins- und VersaininlnngsrcchtcS, des GeschcS zum Schuhe der persönlichen Freiheit nicht eristiren würde», io wisse er wirtlich nicht, aus welche Weise die Herren.Antisemiten in der Vage gewesen wären, ihre politische» Ziele zn verfolgen Alle Herren, 'deren Rainen bekannt geworden sind, ivärcn wohl ohne diese Justiz, Unionen gcnöthigt gewesen, ein stilles, znrückgczolgencs Vebcn in Geschäfte» oder .sfanzleien zu führen, oder' wenn sie es vernicht hätten, in die Scsfcnilichteil zn treten, io wären sie wabrsclieinlich mit der Polizci in sehr uuaugcnelunc Eonflieie geralhcn welche .vor jenen durch die liberale Partei geschaffenen Justilutionen sich sehr unangenehm gemacht und eine Gewalt ansgcübt hat, von der nia» sich gegenwärtig gar keinen Begriff machen kann. Der Redner betonte schließlich aus das Rachdrücklichstc fei» nnd seiner Ostsiniutugsgenossen Festhalte» an frciheillichcn Grnndsähcn. —->!'» cg er hielt sodann eine jener Reden, welche in Antisemiten Versammlungen zündend' wirten, mit denen man sich aber im Parlamente.»nrblamirt. Eine Flnib von hämischen nnd beleidigenden Auslassungen gegen Inden' nnd Ungarn, gegen daS mo bilc Eapital überhaupt und die Rollitchildgrupve insbesondere, toinml ip jeder Vneger'schen Rede vor. Tiesmal aeeenlnirlc er auch in-fo auffälliger Weise seine jehigc streng katholische und papsttrcne Partei - stellnng, daß man annehmen i^nßte, er besorgeeine neuerliche Heraus fordcriing zu einem Duell und wolle sich dagegen durch seinen statholicisnins asteenriren. ostnndlich wurde Herrn Vuegcr von Dr. Riar Menge r hcimgclcnchtet. Derselbe legte in überzcngeirdcr Weile dar, daß Lueger ohne jede Sachtenntniß spreche. Mil der ihm cigenkhüin lichcu Eoguetterie unterbrach l'ncgcr den Abgeordneten von Jägern darf durch -den Zwischenruf: „Ich bi» überhaupt ei» sehr unwissender Riensch." .Der dadurch beabsichtigte Esieei wurde jedoch nicht erzielt, denn Dr. Menget räumte ohueweitcrS . ciii, daß - dem wiitlicki >'» sei, und charattcrisirte Vncger's rhetorische Leistungen mit -den Worten: .'Sehr viel Mund, aber wenig V e n nlni > > e." Als Doetor Mcngcr im weitere».Verlaufe seiner Rede daraus hinwics. daß i'ncger sich früher alS ein entschiedener liberaler, ja alS ein Demokrat gcrirte, nahm der AnScrkorcnc von Margarethen teilten Aniland, auSznrufen: „WaS fällt Ihnen ein?" Er nnißte die Antwort cinstecken: „Sie