Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 50 (19.3.1893)
- Date
- 1893-03-19
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Freies Blatt. Seite k> Nr. 50. cS den freisinnigen Studenten durch energisches Einschreiten gelingen wird, ihren Ansichten zum Durchbruche zu verhelfen. („Ans der Vorstadt.") Wir erhalten folgende Zuschrift: Ein wnth schnaubendes Geschimpfe dcS „Deutschen BolksblattcS" über > daS Volksstück von C. Karl weis und Hermann Bahr veranlaßtc mich, der sonntägigen Aufführung im Deutschen BolkSthcatcr bcizuwohnc». Ter RhadamanthuS des „Volksblattcs" that über die in dem „Machwerke" aufgcstapelte „Rohheit" entrüstet, er sprach von „ekelerregenden Wahngcbildcn", von „Blödsinn" rc. Thatsächlich aber ist die Compagniearbcit von Karlweis und Bahr vielleicht nicht besser, jedoch sicherlich nicht schlechter als so manches Product von Theodor Taube oder Earl Gründorf. An wahrheitsgetreuer Gestaltung einzelner Charaktere,, an witzigen Einfällen, parkenden Schlagern und Rührsccncn fehlt cS auch der Novität des Bolksthcaters nicht: allerdings sind die einzelnen Bilder nur lose znsainuicnhängcnd, aber das ist ja auch bei so vielen anderen Wiener VolkSstückcn gegenwärtig der stall. Ich und meine Frau haben uns bei der PorstcUung „Aus der Borstadt" gut unterhalte», wenn wir auch in-mancher Figur, auf der Bühne einen „lieben alten Bekannten" begrüße» konnte»/ Was daS „BolkSblatt" zur Entrüstung gereizt hat, war nicineS Erachtens das Beste a» dem Stücke. Dasselbe streift nämlich auch jene „Reform", welche unter dem AuShängcschildc des „Ehristenlhuins" kleine Meister dazu verleitet, sich in Wirthshäuscrn hcrunizutnminel», die Zeit zu vergeuden und bei Saufgelagen über die Böscwichtc zu janiinern, welche den „goldenen Boden" des Handwerkes cntwcrthet haben. L’idciido castigare nwres — ist die Aufgabe der BolkSbühNe, und nur diejenigen, welche sich dadurch in ihrem „Gewerbe" geschädigt sehen, verübeln cs den Herren Karlwcis und Bahr, daß sic in einem BolkSstücke vor der antisemitischen HcilSlehrc warnen. Geradezu köstlich aber ist ein im zweiten Acte von Herrn Greißncgger meisterhaft vorgctrageneS Couplet, welches die ungestillten Bürgermcistcr-Schmcrzcn des Anführers der Christlich-Socialen liebevoll behandelt. Sollte sich auch die Prophezeiung des „BolksblattcS" bestätigen, und das ihm so mißfällige Stück bald vom Repertoire verschwinden, dieses Couplet, ivelchcs Sonntag mit einem Beifallsstürme begrüßt wurde, dem gegenüber einige schüchterne Zischverfuchc nicht Stand zu halten vermochte», wind keinesfalls im Archiv dcS Bolksthcaters begrabe» werden, sondern lange noch im Wiener Bolksmundc fortlcbcn. ‘ ' d. <1. (Der Krug geht so llinsic zum Brnnuen :c.) Ter Staatsanwaltschaft wurde eine Eingabe aus dem Rathhausc übermittelt, in welcher um die Erhebung der Anklage wegen Amtsehrenbeleidigung gegen den Herausgeber und verantwortlichen Redactrur dcs „Testcrrcichischen Bylksfrcu n d", Di. Ludwig Pscnncr ersucht wird. Substrat der Anklage bildet jene vor, einiger Zeit im „Bolkssrcuud" erschienene und im „Freien Blatt" eingehend besprochene (Auto-'?) Biographie Ernst Lchncidcr'S, in welcher u. A. die Beschnldignng erhoben wird, als ob der Beschluß des- Wiener Gemcinderathes vom I. Tcccmbcr 18*5, mit welchem entschiede» wurde, daß der Vertrag mit der Gasgesellschaft im Jahre 1888 für den Tctober I88U nicht zu kündigen sei, durch die Käuflichkeit und Bestechlichkeit der Majorität des Gemcindcrathes zustande gekoninicn wäre. Da dies für jene Mitglieder des Ge-, mcinderathcs, die seinerzeit durch ihr Botum diesen Beschluß herbei gcsührt haben, den Borwurf involvirt, eine unehrenhafte und verächtliche Handlung begangen und die ihnen anvertranten össcntlichen Inter rncn um Geldrswillen gröblich zu Gunsten einer Privatgesellschaft prciSgegcbcn zu haben, habt« folgende derzeit noch in Function be-, findlichc Mitglieder des Gemcinderathes vom Jahre 1885> die Eingabe um strafgerichtliche Verfolgung des „Bolksfreund" unterschrieben: Bürgermeister Dr. Johann Prix, die Vice-Bürgermeister Dr. Albert -dichter und Tr. Raimund Grübt, ferner die Gcincindcräthc Felicia» Altenberg, Georg Boschan, Bernhard Ern dt, Robert lsicitlcr, Hermann.GcrhardnS, Dr. Moriz Lederer, Heinrich Matthicö, Josef Matzcnaucr, Carl Mcißl, Carl Johann Müller, Gustav Simon, Dr. Anton Stcnzl, Dr. Ludwig Bögler und Ignaz Zweig. — Tic letzten parlamentarischen Ablagerungen Geßmann's, die einc Verdächtigung der Südbahngcscllschafr in der össciztliche» Meinung bezweckten, haben sich als eitel Spinnweb erwiesen. Herr Tscar Schüler erklärt in Wiener Journalen, daß die scnsationcllcii Enthüllungen des Abgeordneten vom Neubau „Punkt für Punkt unwahr »nd völlig ans der Vuft ge» griffen sind", und der kaiserliche Rath Alois Sckira, Jnspcctor der k. k. priv. Südbahngescllschaft, stigmatisirt seinerseits „die besagten falschen Anschuldigungen als einc „u n q » a l i f i ci r b a r e B e r l c u mdung". Der Umstand, daß Geßmanii diese „nngualificirbarc Verleumdung" unter dem Schutze der Jminunität vorbrachte, bewahrt ihn vor dem Schicksale Psenner'S. (C'inc SitgcSfcicr.) Ans T berhollabrunit -wird berichtet: ' Dis Vertrauensmänner der deutsch fortschrittliche» Partei im Korneuburger Städtcwahlbezirke rcranstallcten am Sonntag Rachmillags aus Anlaß der Wahl des Freiherr« v. CzediJ zum ikandtagsabgeordiirlcu eint Siegesfeier, die-dadNrch an Bedeutunggewann, daß sie den Anstoß jzum Abschlüsse cincS Bündnisses der fortschrittlichen Wählerschasz. aller drci Wahlortc, Kornenbnrg, Stockcrau und TcbcrhoUabrnnn, gab. Ten ans Kornenbnrg und Stockcran in großer Zahl unter Führung der- Bürgernicistcr Franz und Julius S ch a n m a » n cingeirossenen Wählern wurde ebenso wie dem Vandtogsabgeordneten Freiherr» v. Czcdik und dem in Vertretung der nieder-österreichische» Parteileitung erschienenen Rcichsrathsabgcordnctcn Dr. March et auf dem Bahnhöfe durch Bürgernicistcr S ch-rei netz/nnd viele Gesinnungsgenossen ein festlicher Empfang bereitet Die Siegesfeier fand iin Scksicßhanssaalc statt und nahm folgenden erhebenden Verlaus: . > Ter Vorsitzende Bürgermeisier Schreiner begrüßte die Wähler .des Wahl bezirkes mit einer kurze» An'prache. — LandlagSabgeordneler Freilierr u Ezedik. lebhaft acclainirt, dankte -ivtan» in längerer Ned'd der Wirhlerichasl inr ihre entschlossene, übcrzengungilreue Haltung am Wahltage und sühne Felgendes aus: „Bei den coloffalen Anstrengungen der Gegenpartei, die nainemlich auf da? geschlossen für die iortichrililiche -Idee einstehende Tberhollabrnmi das Sclsivcr gewicht ihrer Agitation verlegte, gewinnt der Wahlsieg umsomehr an Bedeutung. Sic habe» den gedungenen Leuten, die hicher gefomme» sind, gerate nicht die Thur gewiesen, aber Sic haben sich auch von einer wandernden Truppe nichts einreden lassen rNiise: TaS gibt? not bei uns!) Mir sind Versuche dieser Art, die Bevölkerung ans dein Lande in solch unglaublicher Weise becinslnss.n, noch nicht vorgekommen. Nicht genug, daß man "einer anders gesinnten Wähler schail den Candidale» ansdrätigl, voii Wien anS wi(d eine sörmliche Invasion deS Wahlbezirkes in Scene gesetzt rNnse: Sehr gntlss, eine kleine Armee van Nednein wandert von Stakt zu Stadt, auch die Elag>ie»rc »imjiit man mit und arrangirt die Comödie im Vorhinein so, daß die .Zuhörer von draiißeu ganz pass sind und glaub--», an'* der Sache sei wirtlich was dran. (Heiterkeit und Znssiinmnng.1 Ich habe gesunden, daß man gegen den gesunde» Sin» der Landbevölkerung sich durch nicht? 'so schiver versündigen kann als durch solche Manöver, und gerade T bei Hollabrunn hat durch sein entichiedeiicS Anslrclen diesen Elementen gegenüber bewiesen, daß cSunter den bedauerlichen groß städtischen Verhältnissen ui» wenigsten zu leiden haue. Und dainm leere» auch die Gegner die ganze Schale ihre? Zornes über diese schöne, iin Ausblühe» begriffene Stadt an?. Wissen 'Sie, daß Sie eigentlich gar nicht selbst gewählt haben, meine Herren i.Hcilerkeilt, da? hat Aller Ihre Sparcasse gemacht. Cho Ruse.- Schwarz ans Weiß ist die» zu lesen. Sie hahen nur gniäumi, Sir- Habe» kein Urtheil, keinen Willen, Alles, wa? Sie Ihaten, haben Sie unter dem Banne der allinächligen Spai cässe geihan " t Allgeineine Heile, keil, i Freiherr v. Ezedik kam dann ans die wider seine Person erhobenen Verleklmdungen z» sprechen und bezeichncte ^dieselben al» bodenlos und insalii erlogen: in >tiir;e widerlegte er auch unter slüriniichem Beisalle den ihm geinachte» Vorwnrs der Neligionslosigkeit. „Ich bin," tagte er, „ein guter Aalkolik Es fallt mir-nicht ein, den religiöse» Scheiterhaufen, wieder auszurichie», ünmer-aber wc»de ich mich gegen Jene ansiprcchen, die als Feindender gesellichastlichei, Trdiinng von Neuem den Hebel ansetzeii,»»! die Hetze gegen Aiidersgläubige hkranfziibeichivörc» und friedliche Bürger ansznwiegrln WaS mich am incisien eiupörte in der PerleuttidnngScanipagne, daS war die Aeußelnng Tr. Geßmann'S «Plni.N»se>, ich habe an dein 1873er Arach hervorragend mitgewirli. Ich ivar damals Tirecior der Handelsakademie, und cs gibt keinen Mewchen, der mir »achsagcn kan«, daß ich jemals an der Gründung einer Bank bellnnligl gewesen bin. Und irotzdei» — verzeihe» Sie, ineine .Herren, den Ausdruck in meinem Un mulhe — haben diese erbärmlichen Jnlriganleu mich nicht verschont. (Lebhafte Enltüsmng.j Glauben Sie, daß nach meinein Vorleben, nach all den ehrenden Auszeichniiiige», die mir vielseitig zuiheil wurde», jemals Tr. Geßman» sich zu der Frechheit versteige» durste, inir so. wa» »achzusage»'? (Erneuerte an dauernde Enlrüstungskundgebnnge» » Ich taute Jbiie», meine Herren, daß Sic Tr. Geßman», al? er diese Lügen.in Tberhollal»»»» vorbringe» wollte, n>i? mir erzählt wurde, nicht;»»> Worte koinineu ließen, aas diese? Treiben nar die? die richtige Antwort. Tr. Lueger bat c? jür gut besnndcn, ans ein Wort von mir in der ihm eigenen Beeise zu leagiren. Tieie Leine sinken such däduich gekränkt, daß ich sic die österreichischen 'Nihilisten nannte. Und nu» bat Herr Tr. Lueger in einer Veriannnlnng in Stöcker an in Erwideruiig ans diese Eharalterisirung seine Hosentaschen hervorgczogen, sie ningeivendet und selbst bewußt ans dieselben dculend gesagt: .Sehe» Sie, meine Herren, uw sw Nihilisten ivir sind, da ist nicht?, nnd i» den Taschen von Tr. Aiwtz ist auch nicht? dri»; aber in cen Taschen von Ezedik, da ist schon wa? drin.- Ich liade die Leute nicht 'Nihilisten genannt, weil sie vielleicht nicht? haben, ich habe sie- Nihilisten genannt, weil sie Alles zerstören, weil sie da? Nicht? wollen. >Leb hafker Beifall) Lassen Sie sich nicht von der relij,>öien"Tünche dieser Leute bklhörcn, die Ncligio» dient ihnen nur al? Musil, sie wollen nur da? Chaos, und darum nannte ich sie Nihilisten, und ich bereue e? nicht, kiese» Wort, das heute schon zum geflügelten geworden ist, gebraucht zu haben." . X