Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 50 (19.3.1893)
- Date
- 1893-03-19
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Freie» Blatt. Nr. 80. ivenn ich den Tank der arischen Böller für die culturerweckenob Thätigkeit der Semiten vor Augen habe. Ein Gefühl des Ekels und der Berachtung gegen die Bestien in Menschengestalt, die heute noch, ans puren Elaffenintereffen, auS Herrschsucht oder auS purer Knechtsdinistfertigkeit im Interesse Herrschender, die Instincte der darbenden Menschheit aus die Juden als Blitzableiter lenken möchten. Wenn die Jude» (Geldgeschäfte niachen, so frage ich diese lügnerischen Schurken: Wer hat den Krämergeist großgezogen'? Ihr selbst habt eS gethan, Ihr und Eure Borfahren, die den Inden die Shren abschnitten, wenn (ieein „ehrliches Handwerk" zu betreiben wagten. Man lese die (beschichte der Iudenvertreibung auS Spanien und Portugal. Die Jude» waren Ackerbauer und Handwerker schon von Hadrian's Zeiten an. Das wurde ihnen Alles verboten. Das „rechtlose, vogelfreie Pfandgeschäst", daS habt Ihr den Jude» aufgedrängt. Ihr habt die Inden behandelt schlininier als räudige Hunde: daS ist der Dank, -dafür, daß ne Euch aus tiefltsr Barbarei erhoben. Wcm tlÜBt drr AntistlllitiöMIIö?) Die wirthschastliche und sociale Prävalenz deS IudenthumS zu brechen, ist daS Schlagwort, mir welchem die antisemitischen Bolksverhetzer die irregeleiteten Wühlermassen. namentlich den sprichwörtlich gewordenen „kleinen Mann", über die in Wahrheit reaetionären Endziele dieser Bewegung zu täuschen versuchen. Daß aber bei der unablässigen Schürung deS Racen und Elasten Hasses in letzter Vinie das „ehrlich arbeitende, christliche Bolk" die Zeche zu bezahlen hat, daß der christliche GewerbSmann für die Kosten aufzukommen hat, welche die Fabriken für Düngung des arischen Culturbodens verschlingen, daß dies vorläufig die einzigen Früchte find, welche man den „geretteten Kleingewerbe- .treibenden" vorlegen kan», daS wird wohlweislich in den Eonventikeln beim „goldenen wuchsen" verschwiegen. Und doch hat der Antisemitismus in Wien nichts Anderes erreicht als die Einschränkung verschiedener VnrusanSgabe», Ausgaben, welche das verschüchterte Großeapital ans Furcht, an den Pranger gestellt zu werden, vollständig unterläßt oder — anderwärts, in der Provinz und im AuSlande, macht. Daß die Dlieiaurirung überschiifssgen Einkommens dem Grnndprincipe national „ ökonomischer Wohlfahrt zuwiderlüufl, das wird Herr Tr. Pattai, das Finanzgenie der Christlich Socialen, auS seiner Univerfitätszeit her noch wissen. Und darunc können wir mit.Gemeinderath Frauenberger tragen: Sind die Herren so blind oder so schlecht'? Gemeinderath Frauenberger bat dieser Tage in populärer Weise im '^wlitischen Bereine des X. Bezirkes dargethan, wie die jüdischen Groß- -.npitalitten — denn in erster Vinte gegen die jüdischen geht die Hatz — sueeessive beginnen, jede überslüsfige Auslage, keine Gewerbskategprie ausgenommen, zu vermeiden. Die koscheren Restaurationen blühen, weil der Jude sich im arischen Gasthause nicht besiegeln lassen will. D ie Hetzer habe» wohl ihren Zweck erreicht, das Vocale. ist judenrein. - Aber der Wirth? Rieht besser steht es in anderen Gewerbszweigen, und namentlich der Kausmannsstand hat zu leiden unter den segensreichen Wirkungen jener Thätigkeit—Gesinuungsrohheit sagte Frauen berger — welche der Berein „Christliche Familie" entfaltet. Dem Ruse: „Kaust nur bei Christen" folgt der Gegenruf „Kauft nur bei Juden", und duobns litigantibuiT geht der Kaufmann zugrunde. Wann werden der Wählerschaft die Augen aufgehen über dies erbärmliche Dreiben, welches dem wirthschaftlichen Ruine entgegensteuert? Wann werden die Wühler von Hernals sich klar werden, daß sie ihr Wahlrecht, dies schöne constitutionelle (beschenk, um ein Linsengericht verkauften, als sie den Er-Bertreter der Hgriberger Bauer» zu ihrem Abgeordneten erkoren? >». Ir. Fnr ncflcu Die Wiener Antiiemite». > Am 15». d. M. hielt s'r Fortschrittliche Berein im XII. Bezirk eine zahlreich besuchte Ber'aninikung ab, zu welcher sich die Abgeordnete» Dr. Fux, Miskolc;», Grat Stürgth, Dr. £tto Polak, Fürstl v. Deickek, B c ns, Svob oda, der Bicebürgermeisser Dr. Grübl, mehrere (^emcinderäthe und Bezirksausschüsse, sowie nahezu die gesammte Jntelli gen; von Meidling und Hietzing eingenindeu halten. Dr. Für hielt einen mit stürmischem Beifall aufgenominenen Bortrag über die innere Vage, in welchem er n. A. den Wiener Antisemiten einige tressende Bemerlungeii widmete. Er bedauerte es, daß gerade in Wien deu Rück schriitlern der (Gimpelfang am betten gelungen sei, wies darauf hin, daß die Christlich Socialen und Antisemiten für daS Gewerbe absolut nichts gethan haben, und fuhr dann fort: Wer sind denn unsere (Gegner? ¥ ufg er, der seine lleberzeugnng jährlich geändert hat: Liechtenstein, der zuerst die Bauern von Hartberg durch die Schiilnovelle, jetzt die Bürger von Hernals durch witzige Gstanzeln gegen die Inte» reich und glücklich macht, und endlich Schneider! Wo wollen die I Herren hinaus? Sie find die Handlanger der Feudal-Lonseroativen. Da» ist auch der Zweck, daß sich Liechtenstein in Hernals hat wählen lasse». Man will das Pglk von Wien haben und durch diese« gegen die Schule den Todesstoß führe». Nach der Ansicht der Antiliberalen genügt e», wen» der Gewerbsmanu drei- Krenzel machen kann, um die nöthigen Petitionen zu unterschreiben, es ist gar nicht gut, wenn er zu viel lernt, denn sonst könnte er doch darüber Nachdenken, woher denn der Liechtenstein und seine Familie zum Gelde kam, wie so dieser die Häuser i» Wien, wie er selbst erzählt haben soll, um» halbe Geld Taufte, so daß alle die Geschäftsleute, die sie bauten, vielleicht umS Geld kamen; er lömile fragen, wa» denn die Herren Antisemiten bisher geleistet haben. Der Antisemitismus ist eine Krankheit und ei» Gift, das unsere Gesellschaft bedroht.Dem Gewerbe kann durch Gesetze nicht geholfen werde». Ter GewerbSmann braucht Arbeit: lohnende Arbeit. Diese kann ihm gegeben werden durch große öffentliche Anlage», vernünftige Zollpolitik, gerechte Besteuerung, Mittel zur tüchtige» Fachbildung und leichte Creditbeschaffung. Aber immer wird die Hauptsache die persönliche Tüchtigkeit, der Fleiß, die Sparsamkeit deS Einzelnen sein. Auch heute noch ist eS der dornenvolle, aber sichere Weg der unermüdlichen Arbeit, der Verminderung der ProductionSkosten und Wertherhöhung de» Erzeugnisse«, der zum Ziele führt. Diesen Weg werden Ihnen die Antisemiten nicht weisen. Aber ich thue es auf die Gefahr hin, eine unangenehme Wahrheit zu sagen. Darum, Wien wach' aus! Weg mit dem Pessimismus, der an der Selbsthilfe verzweifelt und Kraft und Muth lähmt; weg mit der Lässigkeit, welche die Erfüllung der bürgerliche» und öffentlichen Pstichten so gern dem Nachbar überläßt; weg mit dem ServiliSmu'S, der knechtischen Gesinnung, die bezaubert ist, wenn ein Fürst sich herbeiläßt zu gnädigem Lächeln; weg mit der Denkfaulheit, die nicht prüft und nicht wägt, wa« Freund und Feind; weg mit der blöden Gemüihlichkeit, welche die ernstesten Dinge als Hetz betrachtet; weg mit der Genußsucht, die de» Manu nicht ehrt und sein Hans zerrültel: weg mit der Lllelkeit, die sich schämt, ei» ehrliches Gewerbe zu treiben, und immer mehr zu scheinen sich bemüht; weg mit dem Antisemitismus, der eine Schmach ist unserer Zeit, da doch Kaiser Joseph schon 1783 an seine Läuderchefs schrieb, daß Religion. Stand und Nation keinen Unterschied mache; weg mit der Heuchelei, welche dem Volke goldene Berge verspricht, um es zu verdummen, statt ihm die harte Arbeit zu preisen und ihren erziehlichen Werth! Dagegen aus zum Kampfe für unsere Schule, für Freiheit und Fortschritt! l Separatismus nutcr drr jüdischen Studentenschaft.) Aus Sludentenkreiscn schreibt man uns: DaS Bereinsleben der Wiener Studentenschaft weist eine klaffende Lücke auf; es fehlt an einem geistigen Centruin für die fortschrittlich-freisinnigen Elemente, an einer Stätte, wo ivissenschaftliche und TageSfragen Raum fänden für eine freie, ungezwungene TiScussion. Macht sich diese Lücke im Allgemeinen bemerkbar, so ist sie doppelt empfindlich für die jüdische Studenten schaft, welche, von den meisten Bereinen und Bereinigungen aus geschlossen, eines gastlichen Heimes entbehren muß. Diesem tlebelstande abzuhelfen, sind nun die Universitätshörer jüdischer Confessio» entschlossen, doch besteht bezüglich der Art der Ausführung eine ziemlich tiefgreifende Divergenz der Ansichten. Der Berein „Kadimah" will eine Lese und Redehalle jüdischer Studenten ins Lebe» rufen, welche wohl freisinnig sein, aber durch Ausschluß nichtjüdischer Mitglieder die Gewähr bieten soll, daß der zu gründende Berein nicht, wie eS schon des Oefteren geschehen, nach Berlauf einiger Zeit „arischen" Zwecken dienstbar gemacht wird und auf diese Weise mit ' jüdischem Wissen nnd jüdischem Gelde dem Antisemitismus Borschub geleistet werden soll. Tie Gründung eines jüdischen BereineS sei die einzige Antwort auf die behördliche Genehmigung der Statuten einer „Germania", welcher man Hörsäle zur Abhaltung von Bersammlungen zur Berfügung stellt. Tie andere Partei dagegen, welche auf dem Titel „Freisinniger Berein" besteht, ist sich dessen bewußt, daß unter den gegenwärtigen Berhältnissen auch ein freisinniger Berein zum überwiegendest Theile ans Juden bestehen würde, aber sie sagt: Es sei inopportun durch Bildung eines compacten Sbjectes den Antisemiten ein leicht;n treffendes Ziel zu bieten. Aber auch vom Wissenschaft lichen nnd socialen Standpunkte aus sei die Bezeichnung „jüdische Lesehalle" als unzulässig, zu erklären. Tie Juden seien keine Race, die Inden als solche.seien keine Ration, schon weil ihnen daS einigende Band einer gemeinsamen Sprache fehle. Man könne auch nicht schlecht weg jüdisch und freisinnig als Synonyma ansehen, weil es ebenso gut, wenn auch vereinzelt, conservative Juden gebe. Der neue Berein würde nur ei» geistiges Ghetto bilde», das Ghetto, welches der Endzweck des Antisemitismus sei. Mit Recht konnte ein Redner in einer Bersammiung jüdischer Studenten ausrufen: „Hüten Sie sich, einen Separa tismuS z» züchten, welchen unsere Bäter in der Schulfrage so energisch bekämpfen!" ES wäre bedauerlich, wenn der Berein „Kadimah" durch daS eigensinnige Beharren auf Ausschluß von Nichtjuden und Errichtung eines Ghetto eine Spaltung in der jüdischen Studentenschaft Hervorrufen würde, und wir hoffen, auch im Interesse des Judenthums, daß