Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 50 (19.3.1893)
- Date
- 1893-03-19
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Freier Blatt. -Nr. 50. Seite 2. allein zur Erhaltung und Fortpflanzung einer weltbürgerlichen Gesinnung befähigt oder berufen sind. Es gibt glücklicherweise noch sehr viele Männer nichtjüdischer Confessio^, die zur Propagirung jener Idee, deren allgemeine Annahme erst die Menschheit zur Führung ihres stolzen RainenS berechtigen wird, das Ihrige beitragen. Nicht weniger, gefehlt wäre cs für die Juden nach Sitte der Srthodoxcn diesbezüglich eine Prädestination in Anspruch zu »ehnicn; vielmehr fordert "unsere moderne Weltanschauung von der infliience des milieux. darin lediglich einen mit Rothwcndigkeit erfolgenden geschichtlichen Vorgang zu erkennen. Darum wird die Dankbarkeit der Dürstenden nicht geringer sein. Daß aber die Sehnsucht nach Incaruirnng jenes Gedankens, welcher den Krieg verdammt, immer allgc- »iciiicr werden wird, läßt sich mit derselben Bestimmtheit Voraussagen, mir welcher' die Bahnen der Planeten berechnet lvcrden. Der Fortschritt in unaufhaltsam; und von den Ideen, welche ihn tragen, ist eben eine die kosmopolitische Hochachtungsvoll R o t> c r t £ x i I ü £m Kartell gegen Lartelle. Prinz Liechtenstein hat einen Eoncnrrcntcn gefunden. Auch in seinen Adern rollt das nltraniarinblauc Blut eines Jahrhunderte alten AdelsgcschlcchreS, auch er ist — wir citircn den Redner selbst — „statt zu Hause >iohl zu bauen und Schsen zu züchten" hcrabgesticgc» von den« ihm kraft seiner Geduzt zukommenden Picdcstal, um in der rauch, geschwängerten Vuft eines Wiener Borstadt-Gasthanscs den Haschisch des 'prichwortlich gewordenen antisemitischen Beifalls cinzusaugcn. Auch er verkügt über die zur wahren Bolksbeglücknng unumgänglich noth wendige Taille und jene legere, vornehm klingende Aussprache des Buchstaben R. Ernst Graf Sylva Taronca, der Schloßhcr.- von- Pliihonie, hak verflossenen Sonntag in einem bcrnfsgenosscnschaftlichcn Handwerkervereiiic das Progranim zur Reform der (Gewerbeordnung entwickelt „im Einklänge und Einverständnisse mit seinen Parteigenossen", «''ras Snlva-Tarouca har alw als Herold seiner Partei iungirt, der Fendal-Elcrical Eonservativen, Wir übergehcn es, dem Redner ans das eingangs seines Vortrages erwähnte C^cbict zu folgen, wo er die Blnrhepcriodc mittelalterlichen Zunftwesens in den glühendsten Farben schilderte, „daß den armen Meistern vom bloßen Hörensagen das Wasser im Munde zusainmcnlaufcn sollte ob des leider entschwundenen Glanzes und Rcichthnms zergangener Tage". Wir wollen a^ch den Vergleich zwischen Zünften und Eartetlcn nicht ans seinen nationalökonomischcn Werth prüfen. Tenn, ivcnn Graf Snlva Taronca sich die Behauptung leistet, die Zünfte ivarcn EarlcUc oder Ringe, welche in gleicher Weise Prodnccntcn und Eonsumcnkcn schützten, welche eine gerechte Bcwcrthung der Waarc und des Arbeitslohnes bewirkten, die ungesunde llcberprodnction und Erzeugung von Poielwaare hintanhicltcn, so stehe» wir vor der Alternative, annehincn zu müsse», ('Har Snlva Taronca glaubt selbst nicht an das, woran seine Zuhörer glauben sollen: oder er glaubt cs, dann aber stehen seine volkswirthschaftlichcn .Kenntnisse auf der Höbe jenes Winens, welches Prinz Viechtcnskein bei Kritiiirnng des deutsch österreichischen Hanbelsvcruagcs als Frucht seiner Kalksburgcr Studien zum Beiten gab. „Als im.Jahre lStOl," fuhr der üledner fort, „der Referenten entwnrf iür das neue. Gewerhegeietz fcrkiggcslcUt werden sollte, habe ich wiederholt dem Grafen Belcrcdi ansgeholicn, und ich kann versichern, daß seine Intentionen ganz andere und viel wcitcrgehcnde waren, als sie ihatiachlich im Gesetze zum Ausdrucke kamen, Und ivcr har das Tnrchgreiten der Belcrcdi'schen Ideen verhindert? Chorus, Beifall klatschend: Tie Juden!) Ich Hetze nicht gerne, aber Ihr Beifall zeigt mir, daß Tie winen. wen ich meine." 'Nun kamen die positiven Vorschläge, das Rccevt jener Mirtur, vonwelcher uns Graf Snlva-Tarouca als socialrcsorinäkorischcr Arzt vn'vricki, sic werde die sofortig« (Gesundung des durch und durch kranken G.ewerbcstandcs zur Folge haben Mit dem einen Fuße im obligatorische» GenonenichasiSzwange, j„ d^r inappellablen Jurisdiction der Zünfte, im Befähigungsnachweise für alle Fabrikanten, kurz in der allcrichwärzeften wirthschastlichen Rcaction stehend, entwickelte der gräfliche Politiker andererseits ein phantastisches Zukunftsbild der Elektrotechnik, welches Edi'o» und Bellam» in Erstaunen zu setzen vermöchte. Unter staatlicher Aussicht stehende Eentralkraftgiilagen sollen bcrufsgcnossenschaftlichcn Bereinigungen gegen billiges Entgelt die zum Betriebe kleiner Motoren nothivcndigen S-uotcn dnnaniischer Kraft lie'crn, um so das Kleingewerbe concurrcnzsähig zu machen für den industriellen Wettkampf mit de» maschinellen, großcapitalistischcn Betrieben — der Juden natürlich. Die Elektricität im Dienste des Antisemitismus, wahrhaft litt de sieele. Als sich der Beifall gelegt, bestieg Adam T r a b c r t die Tribüne, um.' unter dem donnernden Applaus der großen Versammlung ein Loblied zu singen auf die Clcrical-Eonservativc», welche durch Grafen Sylvas- Tarouca de» Ehristlich-Socialcn, „sagen Sic, de» Antisemiten* die Bruderhand reichten, um im gemeinsamen Kampfe wider die (Gegner der katholischen Rcformidec Schulter an Schulter zu stehen, Graf Sylva-Tarouca beeilte sich durch Beglückwünschung und warmen Händedruck die Jntcrcstensolidarität mit Trabcrt öffentlich zu bekunden. Die neu rcgistrirtc Firma „Sylva-Tarouca, Trabcrt & Co." versprach in ihrem' Prospekte > in der kommenden Saison die wirthschastlichen" Utopien Splva-Tarouca's zu rcalisiren. Und das „ehrlich arbeitende, christliche Volk ‘, der klcingcwcrbctreibcndc Kannegießer, er schwankt jetzt zwischen zwei Hcubyndcln: Liechtenstein — Sylva-Tarouca. Auch wir hetzen nicht gerne, aber Sylva-Tarouca hätte besser daran gcthan, in Pruhonic Kohl zu bauen und Schsen .zu züchten, als ein solches Eartell zu gründen, welches seine Theorie durch sich selbst ad absurdum führt. M. M. Die 3u£on und die lDi|fenfd?aft. . idlluj., Zn derselben Zeit, d. i. an der Wende des IahrtauscndcS, ersteht, wie Gercckc weiter ansführt, aus den Reihen der Juden auch der erste Freidenker des Mittelalters. Es war dieses der Arzt Ehiwi Albachi aus Balch, Baktricn. Sein Werk, das 200 Entwände gegen die Bibel enthielt, wird später von. dem jüdischen Fcuergeiste Jbn Esra verbreitet. Alle literarischen Schätze aus Asien und 'Nordafrika werden im zehnten Jahrhundert nach Spanien transportirt, und hier beginnt die eigentliche Glanzcpoche. Als in Asien und Afrika der sinsterc, unduldsame ('Rist unter dem Muhainmcdanisnins znm Durchbruch kam, und viele jüdische Gelehrte die ungastlich gewordenen Gefilde verließen, da war in Spanien der Boden prüparirt, (Großes zu erzeugen. Ein Jude war Reichskanzler unter Abdul Raiuou Hl. vom Khalifat Cordova. Sein Raine war Ehasdai Jbn Schaprut; selbst hochgebildet, zog er alle talentvollen und gelehrten Männer seiner Zeit heran, unterstützte und ccmumcitc sic auf jegliche Art und Weise, auch harte er stetige llcbcrsctzer und Eopistcn angestellt. Seine Regicrungscpochc gestaltete Eordova zu dem berühmten frcigcistigcn Tempel aller Wissenschaften. Die dortige Bibliothek war zu seiner Zeit so groß, daß allein 24 Bände mit den Vcrzeichnisien der vorhandenen Werke angcfüllt waren. Selbst mit dem oströniischen Herrscher Constantin VIII. knüpfte Ehasdai Verbindungen an, um von den in Constantinopcl ungenützt lagernden antiken Büchcrschätzcn Abschriften zu bekommen. Selbstverständlich waren die Ucbcrsctzcr sünimtlich Juden, die Araber haben niemals eine derartige Thätigkcit entwickelt. Obgleich durch und durch maurisch, förderte er die hebräische Sprache so viel, als er vermochte, und ließ alle besseren Werke auch sin diese Sprache übertragen, du einen herrlichen Forincnrcichthuiu erlangte. Ans Eordova ging u. A. der erst heute recht gewürdigte Philosoph Salomon bcn Iehnda Jbn G'cbirol (1021 - — 11(70) hervor, bester bc kannt unter de», Ncnnen Avicebron. Ferner waren da zu sindcn die Philosophen Backsta bcn, Josef Jbn Pakuda -1000—lO'.'O); der "berühmte 'Arzt nnd Ilcbcrsrtzer Abu Ibrahim Jbn Koslarbcn ZäsliS, bester bekannt unter dem Schriftstellcruainen Zizchaki (0<83—1057). Im Jahre 101." . erobern die Berber, welche von dem orthodoxen, ivistenschaftsfcindlichcn Geiste der mongolischen Türken- und S.cl dschuckcnschaare» erfaßt wurden, Eordova und die gelehrte Judcnwclt findet litt» ihren Eentralpnnkt in Granada, wo ein Mitglied der alten jüdischen Gelehrtennnd Staatsinäuncr-Familie Ragrcla Vczir geworden ist. Von diese», Vezir Samuel Jbn 'Ragrcla singen die Dichter: Zn seiner Zeit erhob sich das Reich der Wistcnschaftcn aus seiner Niedrig keit,- und die Gestirne der Erkcnnlniß erglänzten wieder. Wahrlich ein erhabenes't!ob, rin '.'ob, das von alle» - christlichen Herrschern des Mittelalters und der Neuzeit nur einige Wenige unter ihnen theilcn können, Friedrich II. von Hohenstaufen und die Albigenser Barone. - Samuel 'Ragrcla (geb?!»'.«!!) hat sich schon früh einen Rainen als Gelehrter gemacht, er beherrschte sieben Sprachen, verfaßte Werke über Medici», Grammatik, Philosophie, Astronomie: verfaßte Gedichte und vernachlässigte dabei nicht die praktische Verbreitung aller literarischen Werke der Wissenschaften und schönen Künste. Er sorgte für wissenschaftliche Verbindungen mit Syrien, Egypten, Nordafrika und anderen Gegenden. Die Gelchrtengcmcinde des Ehasdai von Eordova ließ sich zum Thcik in Granada, Toledo, Saragossa, Malaga und anderen