Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 49 (12.3.1893)
- Date
- 1893-03-12
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite G. Nr. 49. Freies komme eine lange Reihe von Gewerbe-Reformatoren, tvelchc die Sache auch verstehen, weil sie alle Toctoren sind. Es sei bedauerlich, daß ein großer Thcil des Gcwcrbestandcs sich durch Pcrsprcchungcn blenden und irrcfttbrcn, durch Anhoffnung von Gesepesresormen von den vcr nünftigcn Badncn sclbstichöpfcrischer Thätigkcit abdrüngcn läßt. Wenn im Parlamente für das Gewerbe nichts geschehe, sei dies die Schuld gewissenloser Hetzereien, durch welche das Gewerbe von Acuten geblendet wird, die auf seinen Schultern cmporgcsticgcn sind. Blind oder schlecht seien diese i'aitc — ob mehr blind oder mehr schlecht, das wage Redncr nicht unterscheiden. Anschließend an -diese mit lebhaftem Beifall auigcnommcnc Rede besprach Gemciudcratll ,< r a » e n brr ge r die Abstinenz der gcm'einderütblichcn Antiseniitc» und die letzte Vandtagsdcbattc. Redner brandmarkte cs als eine Schande, daß man sich in öffentlichen Körperschaften so weit -vergessen kann, die Immunität zu mißbrauche», um unter dem Schupe derselben die gröbsten -Ehren bclcidigungcn zu begehen. Ser antisemitische „Bürgerclnb" sei bei jenem ,rubrer angclangk, den er verdient — bei Herrn Grcgorig, bezüglich denen man nar sagen tann, daß man die Berirrung der Wählerschaft beklagen müffc, welche . so tief herabgcsticgcn ist. Wen» man solche teilte, dann die anderen Führer, einen Gcßniann, einen Schneider, bc trachtet, da muß »um schon vermöge der Dualität dieser Führer die vollste Ucdcrzeugnng erlangen, daß der Antisemitismus nichts wcrth ist, daß über die Unwürdigkeit dieser Bewegung de» Bcrsührkcn bald die Augen ansgcben iverden und somit diese Schande des Jahrhunderts verschwinden wird. Auch diese Ausführungen wurden durch lcbbattcn Beifall ausgezeichnet. — Am (». Mar; faird im XIII. Bezirke eine Per sammlnng desdortigen „Tculsch tortschrilllichen Berciucs" statt, in welcher inchrcre Redner, darunter die Abgeordnete» Tr. G. Marchct und Tr. Silo Polak, das Treibe» der „österreichischen 'Nihilisten" nach Berdienst würdigten. i Glitt Porzciältll. Porige Woche fand eine Berfammlung der Wiencr Gcmischkwaarcnverschlcißer statt, aus deren Perlauf sich die Ebristlich Socialen überzeugen dürste», wie wankend die (Grundlage wird, auf der sie so fest zu stehen vorgebcn. Ter Referent Tauer .brachte die Porgängc in der Krankcncaffe;ur Sprache und zog den Schluß, daß die Anlisemiken unter dem Scheine der Polksfrcundlichkeit die habsüchtigsten Ziele verfolgen. Tic weiter der Krankcncaffe suchten durch eigenmächtige Erhöhung der Rechnungen sich einen Porthcil zu erwerben, und so wie diese kleinen antisemitischen Blacher cs nicht ver schmähen, ein "humanes Institut aüszubcuten, so beuten wieder die großen Hetzer in ihrer Weise die Masten des Polkcs für ihre persönlichen Zwecke aus. Tic privilegirten Bolksbeglüeker, die Lueger, Gcßmann, Pattai und der durchlaumtigstc Polksmann haben nicht ein Wort für die in ihrer Eristcu; bedrohten Gcmischtivaarcnvcrschlcißer, die doch auch zum „kleinen Mann" zählen, verloren. Tr. Kronawcttcr allein war cs, der für die Interessen der Genoffcnschaft sich warm dir scvte. In der Praris zeige es sich, welchen Werth die Bersprechungen der Christlich Socialen haben, diebesonders vor einer Wahl den Mund voU nehmen. Tie Gemischlwaarcnvcrschlcißcr werden sich zur gegebenen Zeit an die Haltung all der antisemitischen Koryphäen zu erinnern wisten: so wie man -ihre Rachb^ter von sich abschüttcln müste, so müstc man auch die tonangebenden Größen von sich weisen, und die kleinen Vcuke werden schon zur Einsicht kommen, daß diese ganze Sippschaft alles-Andere, nur nicht ihre Interessen vertrete. Tic Pcr.- sammlung, welche die Ausführungen des Referenten mit lebhafter Zustimmung verfolgt hatte, nahm schließlich einen Antrag an, wonach dem Abgeordneten Tr. Kronawcttcr der Tank votirt und dem Genoffenschattsvorstchcr, Handels7anfnicrrath Zimmcrmann daS unumschränkte Pertrauon ausgesprochen wurde. Eine in dieser Woche in Scchshaus stallgchable Pcrsammlung von Gemischtwaarenverschleißern gestaltete sich ebenfalls zu e ner Kundgebung gegen die christlich-soeialen <->'cscUschaslsrelter Wir-bcgrüßcn darin ein günstiges Prygnostikon für dic kommenden (Rmcinderarhswahlcn, da cs zu erwarten steht, daß bei denselben die Gemischtwaarenvenchleißer mit wenigen Ausnahmen für die fortschrittlichen Eandidaten cintrctcn werden. Czcchisckr Arbcitcr und Christlich Sociale.. Mau schreib, uns: „ Tas Vicbängcln der rcichsräthlichcn Iungczcchcn Fraction mit den Herren vom Berge ist nicht nach dem Gcschinacke der ezcchischcn Arbeiterschaft, und gewiste Abgcoidncle aus den Vändern der Wcnzclskronc, welche fich fo gerne brüsten, die breiten Schichten des Polkcs hinter tich;u haben, dürften durch die welche dieser Tage in einer czechischen Polksversammlung in Wien gehalten wurden, darüber aufgeklärt werden, wie man über dieses Koketlircn denkt. Tic geschniegelte, micdcrgegiirtcte T urchlaucht aus Hernals würde erstaunt sein, zu hören, wie die czcchische Arbeiterschaft in ihrer Muttersprache, welche für gcwiste Begriffe einen Schal? derbdrastischcr, aber ungemein prägnanter" AuSdrückc besitzt, über . die Retter des kleinen Mannes, über die Blatt. patentirtcn Volksfreund« von Liechtenstein's Gnaden urtheilt. Mit blutigem Hohne geißelten die Redner daS heuchlerische' Treiben der Ehristlich-Socialcn, welche unter Porspieglung besonderer Bolksfrcundlichteit die ärgste» Feinde des Polkcs sind und jede Aetion der liberalen Partei, welche den wirthschaftlich schwächeren Kreisen zugute kommen könnte, durchkreuzen. Liechtenstein und Paöaty machen sich bewußter Unwahrheiten schuldig, wenn sic sich der Sympathien der czechischen Arbeiterschaft rühmen." C'in Harakiri.) Tcni Berichte eines hiesigen Journals zufolge, soll bei der antisemitischen Parteileitung die Absicht bestehen, den Professor Schlesinger zur Ricdcrlcgnng seines ReichSrathSmandatcS zu .-bewegen, damit sich um das lcvtcrc der Prager Profcstor Eanonicus Rohling bewerben tönnc. Würde sich der viertdimcnsionale Professor aber auch dazu entschließen können, daS politische Harakiri an sich zu vollziehen, falls er feinen wcrthen Parteigenossen bereits lästig geworden ist'? sC'ill srcillldschnsllichcr Nath.) Das Drgan des hochwürdigsten Bischofs Tr. Toppclbaucr, das „Winzer Polköblatt", con statirt^in einem Wiener Briefe mit Betrübniß, daß' die christlichsocialen Bersammlungen in Wien in letzter Zeit abgcuommcn, jene dcr libcralcn Partei sich wachsenden Zuspruches erfreuen. Das „Bolksblatt" findet den Grund dieser bedauerlichen Thatsachc darin, daß manche christlich-sociale Redner sich „zu scharfer" Waffen bediene», welche sich im Gebrauche abnützcn. Pom ewigen Iudenfrcffcn und Bismarck-Rusen werde kein Bolk fcjt; auch die Gracchcn haben sich durch die eigene Agitation zugrunde gerichtet. iTcr Aiitiscinitisiillis im Waldviertcl. Ans Trosendorf im Waldvicrtcl wird uns geschrieben: Einen wcrthvollen Beitrag zu der von Ihrem Blatte (Rr. 4'2 vom . Jänner I8Ul!) berichteten (beschichte, wie Trosendorf antisemitischj n^urdc, möge auch folgender Zug bilde»: Zur Zeit, als der gewisse „Ingenieur" in Trosendorf erschien, um dasselbe vom jüdischen Joche zu befreien, lebte daselbst ein Jude, der seit vierundzwanzig Jahren schon einen Manufactur- und .Kurzwaarcnhandcl betrieb. G ") war ein ruhiger, anständiger Mensch, der mit seinen Mitbürgern stets auf bestem Fußt lebte, mit den meisten auf Tu und Tn stand, sich nicht mit Politik befaßte und fast nie ein Gasthaus besuchte. Er lebte überhaupt sparsam und cingczogcn und brachte cs durch jahrelanges Sparen zwar nicht zu einem Bermöge», aber doch zu einiger Wohlhabenheit, die ihn, für feine alten Tage, er ist nahe an sechzig Jahren, vor Sorgen bewahren sollte. Seit dem Tage, da der geivisic „Ingenieur" in Trosendorf erschien, war cs jedoch mit dem friedlichen Einvernehmen zwischen G. und seinen christlichen Mitbürgern vorüber. Man hatte sich durch den neuen Apostel belehren lassen, daß der freundliche Perkehr mit cincm Juden unter allen llmftünden entehrend sei, und daß der jüdische Geschäftsmann um jeden Preis ruinirt werden muffe. G. wurde boycoltirt im übertriebensten Sinne des Wortes. Tage-, wochenlang stand er müßig in seinem ehemals vielbesuchten Gewölk,- bis er endlich sich entschloß, das Geschäft zu verkaufen. Allein das war nicht so leicht. Rach langer Zcit kam endlich eine Nachfrage und ein Käufer, der, von G.'s Lage unterrichtet, diesem einen recht — mäßigen Kaufpreis anbot. G. nahm indessen das Angebot an und verließ Trosendorf, wo er ein Picrtcljahrhundcrt lang gelebt halte. Man sollte deuten, daß nun die anti semitischen Hcilslehrcr höchlichst befriedigt gewesen wären; indessen setzten sic das an G. begonnene W>crk auch an seinem christliche» Nachfolger fort. Ruch er wurde bo»cottirt; auch ihm wollte man nichts abkaufcn, trotzdem er A r i e r ist, trotzdem er billige, gute Waarc tief unter dem Erzengungsprcisc in Händen,-hatte; er mußte wiederdafür bestraft werden, weil er dem Semiten sein Vager und Eigcnthum abgetanst hatte, wenn auch nur um de» halben Preis. Wir haben cs also hier mit einem zweiten christlichen Dpfcr dcS Anti scmitismus in Trosendorf zu thnn. Wem jetzt noch die Nothwcndigkcit des Antisemitismus für den christlichen Gcwerbsmann nicht cinlcuchtct, dem ist überhaupt nicht zu helfen. (C'in „Mißtrauensvotum".) Tic Rcichenbergcr „Tcutschc Polts zeitnng" ging in ihrem^ blinde» Haß gegen die „Iudcnliberalcn" so weit, ein von cincm unverfälschten Juden künstlich erzeugtes „Mißtrauensvotum" auszubauschen. Wir lesen in der WarnSdorfcr „Abwehr": In den letzten Tagen hat der Rcichenbergcr Ableger von Schöncrcr'S „Unverfälschten Teutschcn Worten" in einem Eigenbericht aus Böhmisch Kamnitz seinen systematisch auf Leichtgläubigkeit drcssirten Lesern verkündet, daß eine am^lU. Februar in Böhmisch-Kamnitz stattgefundcnc Pcrsammlung mit „zahlreichen Theilnchmern aus allen Bcvölkcrungs schichten der Stadt und der Umgebung" eine Kundgebung gefaßt habe, in welcher dem Abgeordneten Tr. Fournicr das Mißtrauen aus *) Ter volle Paine des Betreffenden ist der Redactio» bekannt.