Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 49 (12.3.1893)
- Date
- 1893-03-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 49. Freies Blatt. Seite 3. auch dies widerlegen und durch Zeugen de» Beweis erbringen, daß er auch an diesem Tage nicht in Hpücschan, sonder» in de», mehr als zehn Kilometer entfernten Orte Frcistadt gewesen. Um alle Umstände der von der Bettlerin vorgebrachten Beschuldigung aufznklärcn, begab sich am 27. Februar die GerichtScommissio» in das Hans des Tandler und ließ daselbst eine Ticlc des Fußbodens anfrcißc», welche in den Erzählungen der Bettlerin eine Nolle gespielt hatte. Unter dieser Tichlc befand sich ein etwa 00 Ecntimctcr langes und 40 Ecntimctcr tiefes Koch, daS zu einem früher darüber befindlichen Backofen gehört haben soll, und die Gerichtscoinmission stellte fest, daß dieses Koch nach seinem Zustande 'offenbar seit viele» Jahren leer und übcrdiclt stvar. I» Anbetracht dieser Ergebnisse der Untersuchung wurden David Tandler, sein Lohn und der Taglöhner »och am selben Tage ans der Hast entlasten. Trotzdem wurde aber die Aufreizung dcS Pöbcld gegen den schuldlosen Mann und dessen Familie fortgesetzt. Am 20. Februar, Abends, als sich Tandler »och in Haft befand, wurde sein Hans mit L leinen beworfen. Am 27 Februar, Vormittags, kam ein Fleischhanergchilfc i» das HanS und forderte die gegenwärtig dort dienende Magd auf, daS Hans zu verloste»: als die Magd sich weigerte, mißhandelte der Fleischhauer sic und drohte, sic und den Tandler zu er schlag«^ 2a, durch die Freilassung der drei Verhafteten wurde der Pöbel >ogar gereizt, und am Abend rotteten sich «JO bis •SO Bursche vor dem Hause Tanölcr's zusamincn, wurden aber durch Gendarmen auscinandergetriebcn. Als die Ergebnisse der Untersuchung bekannt wurden, legte sich endlich die in so unverantwortlicher' Weise unter der Bevölkerung. hervorgcrnfene Aufregung. Welch verwerflicher Mittel sich aber die antiseuiitischc Agitation bediente, um der Gehässigkeit gegen die Juden immer neue Nahrung zu geben, beweist ein anderer Vorfall, der sich während der gegen Tandler geführten Untersuchung ereignete. Sonntag de» 20. Februar, Morgens, wurde in Holleschau das Gerücht verbreitet, daß die Tochter eines Eisenbahnbcdicnftctcn verschwunden sei, und gleich war man wieder mit einem neuen Verdachte gegen die Juden bei der Hand, bis Abends ein a» die Eltern des vermißten Mädchens gelangtes Tclcgrannn anzeigte, daß dasselbe sich;n den Großeltern nach Ungarisch- Hradisch begeben habe. Die Juden und die.Missenschaft. Unter dem Titel „Tie Verdienste der Juden um die Erhaltung und Ausbreitung der Wissenschaften" ist soeben*) von einem Ncw-.'jorkcr Gelehrten Adolf Gerccke eine kleine, aber voiv-wissenschastlichcr (Gründlichkeit erfüllte Schrift erschienen, die wir schon deshalb glauben unseren Lesern wenigstens bruchstückweise bekannt machen zu müffen, weil dadurch der Tünkcl dcS sogenannten „ Arierthums", das auf geistigem Gebiete gerne ein ausschließliches Privilegium beanspruchen möchte, in wesentlich neuem — sagen wir cS nur gleich — sehr bedenklichem Kidjte erscheint. Wir wollen im Nachstehenden aus einem durch eine Fülle lehrreicher THatsachen interessanten Eapitcl das preß gesetzlich Zulässige reproducircn. Nachdem der deutsch-aincrikanischc Gelehrte den Stand dcS geistige» Fortschrittes in der antiken Welt bis zu deren Verfall geschildert und die PrädiSposition des Judenthnins für die Wistcnschaft schon aus dem empirischen Eharaklcr ihrer Nationalrcligion abgeleitet, fährt er fort: Tie jüdische Religion ist daö Erzcugniß von empirisch denkende» Patrioten. Patriotismus und der EausalncxuS sind deshalb die beiden Grnndidccn derselben^und letzterer ist das Ecntrum der Welt, nicht sie selbst. Natürlich konnten sich die Juden, da sic doch unter den Völkern zerstreut waren, der allgemeinen Zorfahrcnhcit nicht ganz entziehen. Sie waren im Gcgcnthcil von der griechischen Philosophie sehr eingenommen. Manche bestrebten sich daher, deren Resultate mit ihrer Rcligion zu vereinige», so u. Ä. Philo von Alerandria. Andere wandten sich ganz der Philosophie zu. Tan» waren da verschiedene weltflüchtende Sccten, die sich in der Wüste vergruben, aber alle diese Secten werden nach und »ach ausgcschicdc» wie ein fremder Körper.. Die Juden sind wenig zu metaphysischen Spcculationcn geneigt, weniger noch als die Araber. Ihr ganzes Denken ist eminent irdisch, empirisch. Da nun der Bestand der Wissenschaften ans der Empirie basirt, so wird erklärlich, warum überall da, wo die unterdrückenden Völker den Juden Ellbogenfrcihcit gewährten, diese sich hervorragend an den Wisienschaften betheilitztcn. Andererseits ipird verständlich, warum solche Völkerschaften, die sich gern in metaphysischen Spcculationen verlieren, wenig bewandert in den Wissenschaften, sowie in indnstricllen Untcrnchmungcn sind. Tie Juden voii Judäa sowohl als auch die von Nordafrika und Spanien waren im Anfänge unserer Zeitrechnung vollständig mit den antiken Errungenschaften vertrant. ,S.icwurden wegen ihrer, methodischen, praktischen Anivcudnng der vielerlei Er fahrungcn schon früh gehaßt. In Egypten, wo sic von der Zeit AlcrandcrS vcS (Großen an zahlreich vorhanden waren, bildeten fic das fördernde Element in Wissenschaften und. Künsten. Ja, sie' sind in Aleraudrien v B zeitweilig die berufenen Pfleger derselben. Sie oeen pirtcn zwei Fünftel der Stadt Alerandria in ihrer glänzendsten Periode, und haben großen Einfluß, bis sie unter Enrill vom christlichen Pöbel, im Anfänge des fünften Jahrhunderts ». Ehr., vertrieben werden. Während nun in allen Känder» christlichen Glaubens die Wissenschaften vernichtet wurden, entsteht in den Niederungen des EuphratS und Tigris jene gewichtige jüdische Eultnvtpoche, die mit der Herstellung des sogenannten babnlonischc» Talmuds endet. Es ist eine ganz gewissenlose, auf Nichtswifser berechnete Fälschung, wenn verschiedene Historiker behaupten, syrische Ehristcn wären die Kehrer der Araber gewesen. Juden Haben an der Wiege deS MnhammcdauiSmus gestanden, die ganze traditionelle Vergangenheit der Inden wurde von den Arabern aeccptirt. Gegen die Ehristcn, von denen nicht von einem einzige» bekannt ist. daß er Arabisch verstanden hätte, hatten . die Araber eine tiefe Antipathie. Erst ganz spät, nachdem die »inhammcda uische Frcigeistcrei, kurz vor dem Verfall des Ehalifats von Bagdad, sich breit machte, duldete inan hier und dorteinige Ehristcn. Von den Juden dagegen waren einige ganz arabisch, später, hören sogar die Versuche einer hebräischen Grammatjt auf, die von den Hochschulen nntcrnonlmcn waren, und alle Inden, die je nachdem Snrisch, Ehaldäisch, Persisch oder Griechisch zu sprechen gewohnt waren, sind in kurzer Zeit^ arabisch. TicscS ist alles bei den Ehristcn nicht der Fall, denn sic? waren viel zu indolent, auch waren sic die erklärten Feinde der Araber. Schon ans diese» Gründen könnte man den Ehvisten gar keinen Einfluß auf die Entwicklung der arabischen Enltnr beilegen. Aber diese. Argumente sind für mich noch gar flicht einmal von Bedeutung. Mein Hauptargumenl ist, daß die Wiege der arabischen Eultur, ihrer Bekanntschaft mit den antiken Wissenschaften, nicht in Syrien, speeicll TamascuS, steht, was jeder, der nur die schulmäßige Geschichte der arabischen Invasion kennt, sofort unbedenklich zugibt. In Mesopotamien aber, d. h. in den Euphrat- und Tigrislündcrn, ist der Einfluß hes Ehristenthums außerordentlich gering, denn hier waren die Ucberrcstc aller christlichen Sccten erst vom Ehalifat von Bagdad zwangsmäßig organisirt worden. Andererseits sind Ehlislen nur an der nordwestlichen Ecke von Mesopotamien zu finden. Um Bagdad, Babylonien nach Norde», Süden, Sstc», nach Südwcsten sind jüdische, chaldäische und persische Einflüsse maßgebend. Ter muhammcdanischc Zug war aber ursprünglich ein östlicher und nordöstlicher: erst als die Araber eine Enltnrnalion waren, treten sie mit christlichen Ländern in Verbindung. Wenn also Bagdad die Gcbnrtsstätte der arabischen Eultur ist, dann- | müssen wir den Einfluß der Ehristcit absolut verneinen, denn cs waren einfach keine da, wohl ', aber die gebildeten Inden ans allen antike» Eulturlündcrn, die hier einen Priesterstaat gebildet halten nur außer ordentlich geistig regsamem Keben. . . , Im Äbendlandc war im VII, Jahrhundert u. Ehr. die Kenutniß, von ,dcr Erde schon wieder so .zurückgegangen, daß z. B. der in. diesem Jahrhundert lebende Eneyelypädift Isidoras von Sevilla, die größte Keuchte seiner Zeit, wieder aus die Homerische Vorstellung von der Erde zurnckgckommcn war, d. h. man kannte nur'dqs, was am Mfltel ländischen Meere an Ländern herumlag, und dachte sich, daß uni diese Länder herum dcr.Weltflnß „Sceanos", im Kreise flösse. Aus Meso potamicn dringt erwiesenermaßen in diesen Seiten nicht, die geringste Knude in die abendländische' Finstcrniß, und wie sollten nun Ehristcn überhaupt etwas von ciner Stadt „Bassra" wissen'?! Wo Baffra lag, da war ja nach ihrer Meinung schon der große Weltsluß Wenn nun weder nach Syrien, noch nach Egnptcn, noch »ach Konstantinopel . Kunde von den Euphrat- und Tigrislänvcrn südlich von den Ruinen Babylons dringt, wenn absolut kein Handelsverkehr staltsindel, wie können den» die Ehristcn einen Einfluß dahin ausüden? '.Ku» ist aber , nicht Bagdad die eigentliche Wiege argbischcr Wisienschast, sondern die uralte Handelsstadt Bassra an der Mündung des Euphrat und Tigris. Man hat Basira vom comincrciellcn Standpunkte aus das orientalische Venedig genannt.. Es war mehr als das, denn' es vermittelte schon von den Glanzperioden Babylons her den Handel mir Indien. Alle Weltanschauungen, mit Ansnähmc des Ehristenthums, waren hier im Kaufe der Jahrtausende vertrete». Hier halte sich, weil es eiuc.eommcr ciclle Stadt war, jeder mit Ruhe seinem' Glauben oder Unglauben hingcbeu' können; und selbst als die erobernden Araber ihren Fuß hicher setzten, erfaßte siö, sobald sie ansässig wurden, der Geist der. Tuldsamkeit und hier bildete sich sofort die große Scctc der Mutaza- *) Im BerlagSmagazin I. Schabeljtz, Zürich 1893.