Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 49 (12.3.1893)
- Date
- 1893-03-12
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2. ' Freies Panama und die Antisemiten. Original Mitlheilung dt« „Freien Blatter".) Paris, ii. 'Uiärj—, II. Tic Antisemiten, bereu Anzahl sich mehr und mehr auf die Herren Drumont, Marquis Mor7s und ihr Gefolge beschränkt, erwarteten von den Einwirkungen der Panamaseandale auf die öffentlick)e Meinung und das allgemeine Stimmrecht ihre Erwählung in den Pariser Gemeinderath und in die Kammer, wofür die allgemeinkn Wahlen im Mai und Leiober jtattfinben werden. Tiefe Speenlalion ist bereits verunglückt. Der Eonseilspräsident hat, nach einem"officiellen „Milgelheilt", die Berichte fämmtlicher Prüfecren über die politische Lage in den Departements erhalten. Man empfängt aus ihnen den allgemeinen Eindruck, daß die letzten Ereignisse an der öffentlichen Stimmung und Geistesrichtung nichts änderten und die republikanische Strömung der öffentlichen - Meinung nicht beeinträchtigten, was übrigens schon seit zwei Monate» durch die republikanischen Ergebnisse aller vereinzelten Ergänznngswahlen constatirt wurde. Einen Augenblick lang haben die Mitglieder des Pariser Gemeinderathes eine antisemitische Eoueurren; bei den allgemeinen Wahlen im Mai vorausgesehen. Sie habe» jedoch zur Stunde schon, Jeder in seinem Bezirke und bei seine» bisherigen Wühlern, die Ueberzeugung gewonnen, irgend ein Erfolg einer antisemitischen Wahlagitation sei nicht zu be sorgen. Drumont und Mor> s wollten den revolutionären Soeialisten und sogar den Anarchisten ihre antisemitische Agitalion förmlich auidrängen. Mor«-S, der in Bordeaur und Luon debutirte, wurde von den Anarchisten übel zugefichtel. Die soeialistische Ereeutio» der antisemitischen Demagogie fand in Paris statt. In einer Generalversammlung der „Arbeiterpartei" wurden Drumont und Morns als falsche Brüder und falsche Polksfreunde erklärt: es wurde ihnen vorgeworfen, 'ausschließlich die Juden zu disfamiren, wählend finanzielle Schwindler auch unter Katholiken und Prolestanten .Vorkommen. Ein hnwesender Mitarbeiter der genannten Herren protestirte gegen die Verdächtigung seiner Ehefs. „Nicht nur," sagte er, „widmen sie de» Arbeilersnteressen ihre Zeit und ihre Kräfte, sondern mengen sich auch persönlich in den Kampf und sind bereit, für den Erfolg der -soeialistischen Anforderungen ihre Köpfe aufs Spiel zu setzen." — „Nieder mit Drumont!" wurde ihm zugerüfen. Mehrere Redner ließen an Drumont, More-s und Genossen kein gutes Haar. Alle Antisemiten wurden als verdächtige, heuchlerische, nichtswürdige Subjecle und. Lerräther der Verachtung und dem Hasse der Arbeiterpartei empfohlen. Dem verhöhnten Protestler wurde das Wort entzogen. Einstimmig votirte hierauf die Versammlung nachstehende Tagesordnung: „Die Arbeiterpartei m ü s s e A l l e n mißtrauen, welche unter antisemitischen Vorwänden sich hinter dem j e f»i t i - scheu ' SoeialisinuS verbergen, um dahin zu ge lange», daß die Arbeiterbewegung sich d e g r a d i r e und u n f l ä l h i g versumpf e." Nach einer solchen Tagesordnung kann an eine antisemitische Eandidatur für die Stadt Paris oder für die Kammer kaum gedacht werden, in der Provinz noch weniger als in der durch die Diffamatioiispresie der Antisemiten einigermaßen verpesteten Atmosphäre der Hauptstadt. Mieder das „Blutrnärchen". Jn dein relativ amncmitenrciiteii Mähren tauchte vor einiger Zeit u:cen das „Bluimäichen"'auf, versetzte die Bevölkerung von Holle > cti?. n und Umgebung monatelang in große Aufregung, und die eines Mordversuches fälschlich beschuldigten Jude» gerielhen dadurch in die gefährlichste Situation. Tie gerichtliche Untersuchung stellte nun die rollige (Grundlosigkeit der von böswilligen :>i a e e u li e rer» e 1 Mt 11 b e 11 e» u n d verbreiteten (Gerüchte über e-i-n e n g e v l a n l e n .:R i t u a l in o r t" fest. Ter für die amticnutiidK .'>:i;erci und ihre Eonseguenzen sehr bezeichnende HoUeschauer Fall trug sich folgenderniaßen zu: Am l ls November v. I verbreitete sich in Holleschan das Gerücht, daß ui dem Ham'e des Häuteulid Schniktwaarenhändlers.Tavid Tandler eine drei Tage vorher daselbst in de» Tienst getretene Magd namens Earoline S taniek '.*<achts in ihrem Bette von mehreren, den jüdischen Jargon sprechenden unbekannten Männern überfallen, gebunden und in den Hof des Hauses geschleift worden sei, wo es ihr Blatt. Nr. 49. aber gelungen seif zu entwischen. Die von der Behörde alsbald eingeleiteten Erhebungen ergaben, daß die Äiagd allerdings in der betreffenden Nacht gegen I Uhr mit gebundenen Händen und etwas zerkratzten Händen zü einer Dienstvermittlerin gekommen war und derselben die Geschichte von dem angeblichen Ueberfalle erzählt hatte: aber es stellten sich zugleich Umstände heraus, welche bensiesen, daß die ganze blöde Attentatsgeschichte erlogen und zu. bestimmten Zwecken erfunden worden sei. Trotzdem wurde die Mär in der nächsten Zeit von antisemitische» czechischen Blättern als angeblich wahr und mit verschiedenen gehässigen und aufreizenden Beisä^en weiter verbreitet. So erzählte z. B. der „Belehrad" das Märchen unter dem Titel: „Santen in Holleschau". Die „Moravska Drlice" brachte in einem aus Hollesckiau datirteu Artikel eine dem „Ezech" entnommene Geschichte, daß im Jahre 1774 ein Dienstmädchen namens Trnka von einem Juden zu ritrzellen Zwecken gemordet und der Mörder hin gerichtet worden sei. Auch in dem antisemitischen „Znaimer Volksboten" wurde eine aitgcblid) unaufgeklärte Geschichte erzählt, die sich vor zehn Jahren mit einer Bietoria Blumen stein bei einer Frau H e r tz k a ereignet haben sollte, aber in diesem Falle mußte das Znaimer Antisemitenblatt von Frau Hertzka die Berichtigung aufnehmen, daß die Victoria Blumenstein »ach Verübung eines großen Diebstahles flüchtig geworden, sich nach fünf Jahren freiwillig dem Holleschauer Gerichte gestellt hat und im Jnquisitenspitllle in Ungarisch-Hradisch gestorben ist. Aber durch diese fortgesetzten Agitationen wurde in der Bevölkerung die Aufregung gegen David Tandler erhalten und genährt, und sieben bis acht Wochen nach dem li*. November kamen aus einem benachbarten Srte zwei Knechte eines als jnngezechischer Agitator bekannten Brauers eines Morgens nach Holleschan und stießen vor dem Hause des Tandler gefährliche Trohungen gegen denselben aus. Ja, obwohl die behördliche Ilntersnchmig die Unwahrheit der voll der lügnerischen Magd erfundene» Gescksichte klar dargethau hatte, wurde zn Ende Jänner dieses Jahres gegen den bedauernswerthen Man» eine zweite ähnliche Beschuldigung erhoben, welche womöglich »och ungeheuerlicher als die erste war, aber trotzdem eine erneute Aufregung unter der Bevölkerung hervorrief. In den letzten Tagen des Jänner, etwa am 27., ging ein Weib auS Buchlowitz bei Ungarisch-Hradisch in Holleschan betteln, und kurz darauf erzählte sie bei dem Gemeindevorsteher in Wschetul, sie habe in einem Hause in Hollesckiau gebettelt, wo man ne habe abschlachten wolle», und diesem Schicksale sei sie nur durch schleunige Flucht entronnen. Diese Erzählung der Bettlerin wurde der Gendarmerie mitgetheilt, welche die Anzeige, bei Gericht erstattete, und es wurde nach der Frauensperson geforscht, welche erst nach längerer Zeit eruirt und zustande gebracht werden konnte. Dieses Weib richtete nun seine erlogene Beschuldigung gegen David Tandler, der dadurch neuen Anfeindungen und Verfolgungen auS gesetzt -wurde. Bei der in der Bevölkerung herrschenden gereizten und gehässigen Stimmung gegen David Tandler war es nur im Interesse seiner persönlichen Sicherheit, daß er, sowie sein Sohn Fritz und der bei ihm bedienstete Taglöhner König am 24. Februar in Haft genommen wurden. Der vom Holleschauer Gerichte streng und sorgfältig geführten Untersuchung sowie dem Eifer ihres gewiffenhaften Rechksbeistandes, des Holleschauer Advoeaten Tr. Camillo Budik, hatten die des Mordversuches Beschuldigten es zu danken, daß sie schon nach drei Tagen, am 27. Februar, wieder aus der Haft ent laffen wurde» und die Untersuchung gegen sie in Anbetracht ihrer vollkommenen Schuldlosigkeit eingestellt >v u r d e. Tie Bettlerin konnte nämlich, nachdem sie vor Gericht gestellt worden war, anfangs gar nicht das Haus und nicht einmal die Gasse, wo der Mordversuch gegen sie verübt worden sei, angeben. Am 24. Februar wurde sie nun, von Gendarmen und Polizei begleitet, in die Judenskädt geführt, und dort fragte sie, ohne daß es die Gendarmen gleich bemerkten, einen Knecht, wo Tandler wohne. Hierauf bezeichnete sie das ihr von dem Knecht gezeigte Haus Tandler's als dasjenige, wo der Mordversuch gegen sie verübt worden sei; sie erzählte j dann auch Einzelheiten des angeblichen Vorfalls und behauptete unter Anderm, Tandler, sein Sohn und der Taglöhner hätten Stricke gebracht und den Riegel an der Thür vorgeschoben. Als sie hierauf mit den drei Beschuldigten eonfrontirt wurde, wollte sie dieselben mit Bestimmtheit wieder erkennen und gab weiters an, der Vorfall habe sich am 27. Jänner zwischen 11 und 12 Uhr Mittags ereignet. Die Lügenhaftigkeit dieser letzteren Angabe .stellte sich allerdings bald heraus, ^indem Tandler nachzuweisen vermochte, daß er am genannten Tage sich in dem. zwei Meilen entfernten K r e m s i e r aufgehalten hatte. Doch die Bettlerin änderte alsbald ihre Aussage und erklärte,'^es,ssei vielleicht am 23. Jänner gewesen. Glücklicherweise konnte aber Tandler