Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 49 (12.3.1893)
- Date
- 1893-03-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies WM «bomiemeiitrpreis: Organ zur Abwehr des 2Antisemitismus. Ganzjährig mit Postzufrndung . . fl. L.50. . Halbjährig fl. I.L5. Bierteljährig fl. -.LS Smj-I»«,!ummcr»«kr. ' . Erscheint an jedem Soinitagc. Nummer 4!t. Wien, 12. Murr III93. ' II. Jahrgang.. Rcdaciio» miö ViamiutfirntioK: IDini I. §cifcyflätttf 10. Die Zionisten. fturj oor Beginn der antisemitischen Bewegung machte sich unter den Inden in den westlichen Provinzen Oesterreichs, de sonders in Wien, eine Bewegung geltend, welche dir Modificirnng der jüdischen XUebcte auf ihre Fahne schrieb. Namentlich die obsolet gewordene Gebetformel, welche dein Wunsche einer Wiederkehr nach Jerusalem Aufdruck verleiht, sollte auSgeschieden werde». -In der jüdischen Reförmbewegung erfolgte aber seit Auöbrnch des Anti semitismus nicht bloß ein Stillstand,, sondern an Stelle derselben traten rückläufige Ströninnge» in den Bordergrnnd. Die Juden, wenigstens viele derselben, begannen sich wieder abzusondern, und, um nur ein Beispiel anzuführe», selbst solche Bekenner des mosaische» Glaubens, welche schon seit Jahr und Tag keine rituellen Speisegesetze beobachtet hatten, suchten mit Vorliebe, um nicht ühi canen ausgesetzt zu sein, spccielle jüdische Gasthäuser auf, die wie Pilze nach dem Regen emporschossen und somit die einzigen Geschäfte waren, denen der Antisemitismus zugute kam. Eine Blüthe, welche die Racendoctrin gezeitigt, bilden auch die Zionisten. ES sind dieS nicht etwa orthodoxe Juden," welche der MessiaSglaube nach Jerusalem lockt, sondern meist moderne Menschen, die gewissermaßen den Teufel durch Beelzebub, den arischen Racendünkel durch eine» semitische» paralysircn »lochte» und mit den Antisemiten insofernc gleiche Zwecke verfolge», als auch sie die Welt um so viele Epochen zurückschraubcn wollen. Die Zionisten wünsche» nichts mehr und nichts weniger als die Rück i Wanderung der Juden »ach Palästina. Wohl ist daö gelobte band der Bibel viel zu klein,-um alle in der Diaspora lebenden Juden aufjunchmt». Die Zionisten würden sich aber damit zufrieden geben, wen» »nr Palästina in jüdischen Besitz käme, gewissermaßen einen Ralionalstaat bilden würde und als solcher de» außerhalb desselben weilenden Juden ein moralischer Stützpunkt wäre. Sie denken nicht an die Organisirung von Freischärler», uni einen EroberungSzug zu untcrnchincn, nicht an die gewaltsame De posstdirung der jetzigen Bcwobner Palästinas, sondcrn an eine friedliche Lösung aller Schwierigkeiten auf diplomatischem Wege. Palästina, schwebt ihnen vor, soll ungefähr in dasselbe Berhältniß zur Pforte trete» wie derzeit Bulgarien Daö sich auch den Zio nisten aufdrängendc Bedenken, ob denn der Verwirklichung ihres Planes nicht das heilige Grab entgegenstehe, unterdrücken sie mit einer beschwichtigenden Phrase. Bei der Toleranz der Jude», erkläre» sie, werde ihnen Niemand ernstlich zumuthen, eine der ge sammten Ehristcnhcit theure Stätte nicht liebe- und achtnngsvoll zu beschützen. Herb Stöcker und die Zionisten stimmen also in dem Punkte überein, den Antisemitismus durch Rcpatriirung der Juden nach Palästina zu beseitigen.. Bon allem Anderen abgesehen, müßte ein solcher Borschlag, welchen übrigens schon Schiller dem Banditen Spiegclberg in den Mund gelegt hatte und den in unsere» Tagen zuerst B. Jstäczy im ungarischen Parlamente zur Sprache brachte, doch wenigstens die Juden für sich haben. Das wäre aber nur bei einem sehr geringen Bruchtheile der Fall. Mehr als ein Witz ist die vielcilirte Acußerung eineö Pariser Banquicrs, welcher auf die Frage, was er im Falle einer Wiedererrichtung dcö jüdische» Reiches thäte, zur Antwort gab: „Ich würde meinen Souverän ersuchen, - mich als Sr. Majestät Gesandten in Paris zu lassen." Die Confession ist heutzutage kein Moment, welches allein die Kraft hätte, eine staatliche Gemeinschaft ins Leben zu rufen und zu erhalten. Bon einer »alionalen Zusauimengchürigkcil der Inden können aber nur Ucbelwollende oder Unbesonnene spreck-en. buigi bnzalti steht dem Marchese di -Rudini, dessen Eabinct er angcj hörte, in seinem Denken und Fuhlen, Sinne» und Trachten näher! als irgend einem marokkanischen Jude». Hat Äambcrger nicht j mehr Bcrnhrnngsplinkle sogar mit Freiherr» v. Minnigerode als mit einem Juden, dessen Wiege an der Wolga stand? Sic sind so gute Deutsche w e wir, sagte Professor Moinmsen, als man den iu Deutschland lebenden Juden Mangel an deutscher Gesinnung anfdiöpulirc» wollte. Ans freien.Stücken würden die Juden in europäischen Eulturländern »jemals nach Asien ziehen. Nach einem jahrhundertelangen Aufenthalte in einem Lande ist man mit dem selben gleichsam verwachse» und verläßt cs nicht, wenn man nicht muß. Was war es denn, das reiche Juden an einzelne Ortschaften fesselte, in denen der Antisemilismus ihnen das beben vergällte? Warum kehrten sie dieser oder jener Stadl nicht den Rucken? Bon Geschäften, Gewinn und Perlust möge bei dieser Gelegenheit gar nicht gesprochen werde», denn^wir haben hier nur beute im Auge, die |)io<-»l ue^otiiü leben und ihren Aufenthalt nehmen können, wo sie wollen. Der Jude hängt eben so gut wie andere Menschen an dem Reiche, der Provinz und dem Ort, wo tr geboren, erzogen wordc», wo er Freud und Leid erlebt hat, wo seine Lieben ruhe», und wenn er in der Ferne feilt Glück sucht, ist cs wie bei jeder Auswanderungs bewegnng hauptsächlich herbe Nölhwendigkcit, die ihn dazu treibt. Die Zionisten möge» doch bei den ihnen bekannten Juden Um frage halten, ob sich dieselben nicht weit mehr für die Abänderung des Wiener Gcmeindcslatuls, beziehungsweise fü^die Neugestaltung des Sälzvcrschleißes i» Galizien inleressiren als für die Wiedcraiifrichlung eines ganz oder halb selbstständigen jüdischen Staates. Den Inden in Rußland würde die Zustimmung des St. Petersburger Eabinctö zu einer Bermehrnng der den „krauten Mann" im Oriente.belästigende». Fragen durch eine neue palästinensische ein'e geringere Freude bereiten als die folgende, angesichls der wirih schafllichen' Situation leicht erklärliche Nachricht, welche nun der offieielle Telegraph aus der Hanplstadl des Ezarenreicheo versendet: „Im. Ministeril»» des Innern ivird ei» Gesetzentwurf ausgearbeitel, demzufolge den Inden, welche in den Flecken und Städten deö fünfzig Werst breiten, westliche» Grenzgürze.ls wohnen, das Recht verliehen werden soll, dort weiter zn wohne», während I daö jetzt giltige Gesetz den Juden vcrbictel, daselbst zu wohnen,! falls sie nicht bereits vor dem L7 Oetobcr ISös sich Von nieder gelassen haben. Der neue Gesetzentwurf soll in der nächsten Zession deö ReichsralheS zur Beihandlung gelangen. Die Gouverneure wurden angewiesen, die Ausweisung der Juden inzwischen zu sistiren. Die Bergünstigniigen des »eiic» Gesetzes würden sich auch aus die schon verfügten und rechtskräftig gewordenen Ausweisungen erstrecken." Auch die aus Rußland verlriebeiien Jude», vor die Wahl gestellt, -dorthin .zurückzukehren oder in Palästina sich an sässig zu machen, dürften bis auf ivenige Ausnahme» -sich für das Erstere enlscheidcn. Sind sie doch in ihren 'Anschauungen iin* bebensgewohnheitc» 511111. großen Theile rliusscii und fühle» sich trotz aller Drangsalirunge», die sie in russischen bänden erlitten, dort am heimischesten. Der neue „nationale Zionismus" aber, eine Frucht der antisemitischen Raeenhepe, -setzt sich über den historischen Entwicklungöproceß ebenso leichten Herzens hinweg wie sein brutaler Urheber, hal jedoch erfreulicherweise ebensowenig ivie dieser eine Zukunft. Es wird hoffentlich nicht lange dauern, und die Eullur I well wird Beiden Nachrufen können: lio<,»io>>-imi in >>»«->-! Hf