Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 48 (5.3.1893)
- Date
- 1893-03-05
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 48. Freies N 1 a t t. Seile-^- die höhere linmiiialität der Katholiken bmd) ihre Bcrbieilung im Osten erklärt, wo überhaupt eine hohe Kriminalität herrscht, ebenso die Mehrbelastung^ der Katholiken bei gefährlicher Körpcivcrlctziiug.. D i e hohe und denl christlichen C r i in i n a lilä tsa nl hei 1 ü berwiegende Criinina 1 ität d cr Ja, de n b c i Beleidigung, Erpressung, Betrug und Urkundenfälschung stimmt überein mit einer hohen Betheiligung ap diesen lictsarten d er im Handel und Verkehr BcrnfSthätigcu, z u denen die Inden ein hohes Conlingcnt stellen." ((Line unerlanbte Rcclainr.) In Constäu; hat sich jüngsthin ein antisemitischer Bereit! gebildet, lind um für denselben Propaganda zu machen, hat inan eine Anzahl hervorragender Personen genannt, welche Mitglieder geworden seien. Nunmehr haben diese Persönlichkeiten sich öffentlich dagegen verwahrt und gerichtliche Klage wegen Mißbrauchs ihres Namens cingercicht. Allerorten greift die Ansicht platz, daß cs eine schwere Ehrcnbclcidigung sei, zu den Antisemiten gezählt zu werden. (Allshebiniff dtr KahalS in Rußland.) Nach einer Moskauer Zeitung soll ein vom russischen Ministerium des Innern ansgcarbcitctcr Entwurf, betreffend die Aufhebung der KahalS (jüdischen Cultus gcmcindcn), demnächst im RcichSrathc zur Verhandlung gelangen. In der betreffenden Mitthcilnng heißt cS: „Tas Ministerium des Innern erachtet sowohl im allgemein staatlichen als auch im Interesse der jüdischen Bevölkerung selbst das Fortbestehen der KahalS für schädlich, da dieselben den JndaiSmuS und die scharfe Absonderung der Jude» förderten. Tie Commission zur Crörtcrung der Indcnfrage hatte von sümnitlichcn GonvernementS-Chefs Gutachten über die indischen KahalS eingefordcrt, und fast süninitlichc Gonvcrncurc hatten sich in dem Sinne ausgesprochen, daß die Aufhebung der KahalS nnbedingt roihwcndig sei. ^Besonders bcmcrkcnSwcrth durch die Gruppirnng der Thatsachen zur Charakterisirung der KahalS sind diejenigen (Gutachten, die vom ehemaligen Gcneralgouvcrnkur von Wilna General - Viciitciiant I. 2. Kacha»o w, und dem livländischc» Gonvcrncnr, General Lieutenant M. A. 2iuowjcw, abgegeben wurden." Taß rS die russischej Negierung für ein allgemein stattliches Interesse hält, die Organisation der jüdischen CultuSgcnicinden zu zerstören, kann bei dem BerfolgirngSsystem, welches sie gegen die Juden anwcndct, nicht Wunder nehnicn. Befremden muß cs dagegen erwecken, daß den KahalS daraus ein Vorwurf gemacht wird, daß sic die „scharfe Absonderung der Inden" gefördert hätten. Wird dieselbe doch durch Klcidcrordiiungcn, Anweisung bcstiinmtcr Wohnsitze, Ausschluß vom Besuche öffentlicher Lehranstalten ec. von anitswcgcn gefördert. Die Hnpokrisic aber, welche so weit geht, die geplante Gewaltniaßrcgcl als im Interesse der jüdischen Bevölkerung selbst gelegen zu bezeichnen, ist geradezu ekelerregend. - 2lus antisemitischen Oereinen und L>ersannnlungen. ((slirisllich-socialer Verein.) In Rndolssheiin fand vorige Woche eine Plenarversammlung des Christlich socialen Vereines statt, in ivelcher Pscnncr sür die Aushebung der Gleichberechtigung der Inden plaidiit». Offenbar »in die nichldcnlschen Mitbürger für diese „Reform" zu gkwinnen, trat er nicht für ein ReichSgesetz,' sondern kür LandcSgcsetze gegen die Inden ein. Tie Art, wie Pienner die Moralbegrisie der Juden als verwerflich hinstellte, wie er gegen lic durch die Behauptung auszureizen suchte, daß sie die christliche Bevölkerting zu Sclavcn »lachen wollen, daß sie die Answanderungsbewegung in Galizien verschulden re. — all dies gemahnt mit zwingender Nothwendigkcit an daS letzthin feierlich verkündigte Negiernugsprogranini. Dasselbe besagt a» einer Stelle, daß die Regierung nuverrückbar auf dem Boden der bestehenden Ver 'äffung und ihrer Grundprincipien stehe und Aenderungri/dieser Grundpriii eipien nicht znstiininni werde: an einer änderen Stelle heißt eS wieder, daß unser staatliche« beben ein friedliches Berhältniß der einzelne» Consessionen, Gesellschaften und Staatsbürger uiilcreiiiander erheische, die Regierung daher religiöse lleberzengnugeit stets schützen und achten und Verhetzungen jeder Art mit Entschiedenheit entgegentreten werde. Wiewohl der Plan, auf der Basis lenes Programmes eine -feste Parlamentsmehrheit zu bilden, mißlungen ist. erachtet sich doch die Regierung, wie ossiciöse Organe versicherten,^ für verpflichtet, die ciiizelncn Prograininpunktc strengstens zu befolgen. lNeucS über die Nationalökonomie.) Alois Liechtenstein ha« sich ei» nachträgliches Faschingsvergnügen gemacht. Diesmal war es unter dem Titel einer Feier zu Ehren des PapstiubiläumS, daß er am letzten Sonntage eines jener wohlbekannten A»tisen>ilcm»eeti»gS veranstaltete, von deren „gähnender Langweile" wir bereits früher einmal ein anschauliches Bild gegeben. DaS einzig Reue, was Liechtenstein Sonntag znm Besten gab, ivar der clai'sische Satz, daß die Nationalökonomie eine Wiffenschast der Reiche» und Eapitalisten sei, eine Wiffenschast, von welcher daS arme Volk nichts GnteS weiß. Aloi« Liechtenslein wollte daiiiil oiiinbur tagen: die Rauunalotvuom.e ubeitaßt ii»r, ^in reichen Latisundienbesiver, für euch arme Teufel ist cs am besten, wenn ihr euch die ,'löpse nicht >»iH schivcren Gedanke» zerbrecht. tFiinfhauskr BolkSvercin.) Die Hanplwafsc», mit denen die AnlUeiniie» käinpse», sind Lüge »nd Verdächtigung/ »nd keines der in Wien erscheinenden Blätter sicht sich so oft wie daS Antisemitenorgan znr -Ansnahinc von Berich tiguiigen gezwungen. Einer Aufforderung de« Herrn StadtralheS Schlechter zufolge mußte das „Tcuischc VolkSblall" seinen Bericht über eine Bersainnilung dcS Bolksvereinc« in Flinshaus dahin berichtigen, daß alle Angaben, die Herr Genicinderaih Jedliczka -in jener Bersainnilung gemacht haue, unwahr sind- Iedliezka hatte, um" die „Paschawirthschast" in Wien zu iÜilstriren, Folgende« geäußert: „Haben die Paschas in der Tüikei gcheiiniiißvolle HareniS, so hat der Wiener Bürgermeister dasür einen ebenso geheimen Stadtrath, welcher, »in ihm mehr Awehen;» verschaffe,», als Behörde hingestellt wird. AlleidiugS ist eS da»» lächerlich und dein Ansehen der .Behörde' nicht recht zuträglich, wen» zum Beispiel ein Mitglied diese« hohen RatheS, der Sladtrath Schlechter, iin Geincinderalhe über eine» Brunneiiverschlnß bdhus« Wafferer'parniß reserirt, welcher die .ttleinigkeit voll k'l! sl. per Stück kostet, hingegen der Stadtbanrath eitlen beinahe gleich constrnirten Verschluß prodncirt, der bloß 8 st.!ll) kr. kostet Ter einzige E»lschnldign»gsgr»»d für Sladtrath Schlechter ist hiebei nur der, daß der Erfinder deS vom Stadtrathe begutachtete» VerschluffcS ein Verwandter Herrn Schlechtcr'S ist " In der Berichtigung, zu deren Aufnahnie da« Anti' scinilenorgan verhalten wnrde, constalirte Sladtrath Schlechter, daß die angegcbcnen Zahle» über den Preis der von ihm im Name» des Stadtrathe» »nd i» Uebercinstiiuinnng mit den BauanNS , BuchhaliungS- und MagistratSanträger, beantragten .Niiaust'schen Sclbstschlußhähne gegenüber den vom Stadlbauainie coustniirtcil Riederichraubhähne» vollständig unwahr sind, und daß die weitere , Bcinerkung, daß der Erfinder der von ihm cmpfvhlenen Sslbstschliißhähue ei» Vcrivandter von ihm sei, ebenlo vollständig unwahr ist. <Literarisches.> I»I Berliner „Aiitiseuiitischen Bolksvereilt" hat jüngst ein antisemitischer Slandrcdner, der Abgeordnete Werner, sein literarische« Licht leuchten lassen, indein er jagte: „Ein polnischer Dichter sang einst: .Ein Jeder hat sein .Heim, der Pole nur ein^Grab'. Wen» wir dem Utberhandnchnicn jüdischen Einflusses still zugeschcn hätten, würden wir auch bald sagen müssen: .Ter Iüd' hat »nscr Heim, der Deutsch.' nur das Grab'." Unsere Leier, dir über die literarischen itenntniffe de« Anliscinistling« cinigerpiaßcn er staunt sei» dürften, wird cS gewiß intereisire», zu erfahren, wer denn jener - „polnische" Dichter war. ES war also ein sicherer — Lord Bnron, nnter deffen „Hebräischen Melodien" (Hclirow Melodie*) in dem rührenden Klagelied „Ol, ueop for iliose“ die Worte vorkoizimen: - Tho ivild-dotv Iiatli lier liest, tlie 1»X his eure. Mankiml their eonntrv — Israel >»il tlie "rav«-. Zu dklitsch: . Die Taube hat. ihr, Rest, der FuchS die .stluft. Der Mensch sein Heim, Ilracl — nur die Gruft! Es erinnert diese Litcraturprobe a» da« „Eouversalionsleiikoii von .Nnigge", an da« , Riksenspielzeug von Rückcrt" — a» das „Brükcrlein sei» voll Restron" n. s. w. Schuster bleib bei deinein Leisten, und Anliieiniien meilgt euch nicht in die Literatur oder bleibt bei der Erzeugung von schauderösen Schuitdroniane», wie das neuesten« von einer Müncheuer Berlagsatistalt angekündigte und au» antisemitischer Feder gestonene Machnurk mit dein enlzückeudeu Titel: „Tie Millionenräliber vom Panama Eanal und ihre Blutopser oder die Thcalerprinzcssiu und der Iudcukö.nig von Paris". 'Wenn dahinter nicht der antisemitische Ltlelat Abgeordneter Wcliier oder gar der Tichter Türk steht, wollen nur keine guten „Arier" sein. ■ z. lUcbcrslöckcrl.- Vorige Woche fand in Sold IN I Regierungsbezirk Frank fnrt an der Oder) eine Alitijciuitciiversaminlung statt, in welcher »ach dein „SptHM Wochenblatt" Pfarrer MatheS in Liebcuselde', ei» noä) junger MauiuB^u Abgeorducten Riäert ein „großes Thier" naunlc und die Forderung ausstellte, „daß die Juden ansgeroitei werde» iniiffen mit eiserne» Harken, wie man das Un/raut ausrollet". Finst BiSinaut würde/wenn er von dieser geistlichen Ausschreitung" .'tennlniß erhielte, sagen, daß MaiheS den Stöcker übeistöckert. Ist in Preußen rinc solche Ausreizung zum Mord kein Verbrechen und würde eS auch nicht geahndet ivcrdcn, ivcnn z. B. ein anarchistischer Ereedeut znr Ausrottniig von Junkern und Muckern ankporucn würde > 2lus antisemitischen Blättern. (Was, die Jlldkll Alles verschulden) Die „Politischen Fragmente", höchst ulijusrieden mit dem krrchcnpolilischen Programm der ungari'chen Regierung, neune» dasselbe „feindliche Anschläge" gegen die taiholischc .'inche, die nur dem „verheverischen Treiben" der Juden zu verdanken seien Es sei hier nur bemerkt, daß im MunieipalauSschuß der Stadt TemeSvar, der sich für daS kirchenpolitische RtgierungSprogranim aussprach, atS deffen Gegner außer dem katholischen Pfarrer Abt Oudtz auch der Lberrabbiner Löwii auftrat. Doch