Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 48 (5.3.1893)
- Date
- 1893-03-05
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 83% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441390--0475-4887002- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
t Nr. 48. Freies Ein (Lapitel christlich socialer Reform. Vor uns -liegt ci» ZeitnngSblatt: „Dic V o k S i« c i n it u g, C igan für daö Kleingewerbe" ist ihr mclocifpicdjctbcr Titel, „Turch eigene Kraft" lautet das Motto. ES ist eines jener Winkelblättchcn, welche der politischen Hochflnth ihr Steden verdanken und in der Regel in kürzester Fristwieder in die wohlverdiente Vergessenheit znrückzusiukcn pflegen. Bei der „Volksmeinung" traf das letztere allerdings nicht ganz zu, denn sic wurde wenigstens von Einem nicht vergessen, von ihrem Geldgeber, cincin Baucrssohn aus Harlbcrg, dem friifferen Wahlbezirke l'icchtcnstcin's. Anton Wanek ist ein armer Teufel, dessen väterliches Erbgut von 1300 fl. „Tic Volksmcinnng" verschlang. Er hat sic' darum auch in treuem Angedenken behalte», was ans folgendem Briefe, den Wanek k», uns richtete, recht deutlich ersichtlich ist: E w. W o h l g e b o r n! * > Weide» schon entschuldigen, da« ich so frei bi» um eine Anotnnsl 511 bitten. Bicleicht werden Sie sich zu erinnern wisien während der Wahlzeit wurde in Hernal« eine Zeitung herausgegebeli mit de» Titlet Die Bvlksmeiiinug. Da bi» ich unter einem Anlissemittischen schwindlcr zum ^'pser gefallen der hat mir mein Väterliche« Erbihcil meine paar hundert herausgeschwindclt zu diesem Blatt indem er mir versp ach das wir eine sichere Exeden; haben werde»,und der l'ichtenstei» ivird daS Blatt riulcrstntze». F. richlenslein und alle ivaren i» jede» Exemplar darin gestanden ich habe. Mich verleiten lassen und habe mein unschuldiges Geld hineingesteekt. und wie die Wähl, vorbei war bin ich ganz Mittels'« hinausgestellt worden so daS ich jetz i» einer rage bin nicht weist was ich anfangen soll. Tie Eckern sind weggestorben so habe ich niemanden, bin schon lange ohne Beschästignng ich habe an pichiensici» zweimahl ein Bill gesnch cingereicht habe um. eine Unterstützung habe keine Antwort erhalte», öd; bin ei» Arbeiter bin ganz unschuldig dazu komnieu und wäre für mein pcben ininirt. ich bin 28 Aahre all a»S Steiermark. Darum möchte ich Sie noch mahl« bitten um Rath wo ich inich hinwenden soll unterzeichnet sich j Hochachtungsvoll j Anw» Wanek —■ Aeulercheiiseld Ärundsteingasse R. 22. 7le Stiege 1 Stock Thur W. 28 Wien. Wir gingen der- Sache, die n»s schon psychologisch inlcressant genug schic», nach und kamen so-in die l'agc, uns eine ganz merkwürdige Vorstellung von dem socialen Reformwerk der Antiscmitcn zu verschaffe». Herr Wanek, so recht der „kleine Mann", wie er den Heerbann der, Antisemiten bildet, wurde gegen Ende des Jahres 1800 durch. Vermittlnng eines ehcinaligen Eollcgcn mit dem Herrn Johann Friedrich Rordmaiin, angeblich Möbelcrzcuger und Händler (derzeit V111. l'crchcnscldcrstraße 08 wohnhaft), bekannt gemacht. Rordmann benahm sich gegen Wanek, der damals i» .überaus bedrängter Vage war, sehr freundlich, lieh ihm sofort einen Winterrock und versprach ihm Arbeit. Wenige Tage darauf jedoch begann'Rordmann seine „mcnschenfrcnud liche" Thätigkcitdkordmann erfuhr, daß Wanek ein väterliches Epl> fheil zu erwarten habe, und suchte ihn zu bewegen, das Geld zu rcclauiircn und in seinem (Nordniann'S) llntcrnchmcn zu invcstirc». Ta die Eltern des Wanek das Geld nicht senden wollten, löste Rord manu für Wanek eine» Gewerbeschein als Möbclhändlcr, ans Grund dessen Octztcrcm von seinen Eltern daS Erbtheil von circa 1300 fl. auSgefolgt wurde. Als das Geld kam, trat Rordmann zuerst mit Geldforderunge», dann^-aber mit allerlei Projccten hervor. Es standen damals die allgemeinen Rcichörathswahlen bevor, und Rordmann.brachte eines Tages in Vorschlag, anläßlich der Wahl ein Blatt zu gründen. I>e facto wurden auch auf Wanck'S Kosten Prospekte gedruckt, welche das Erscheinen der „VolkSmcinung, £rgn» für das Silcingewerbc" ankündigtc» Ein sicherer STlto G l ä s c r (damals Währing, Leopold! gasie Rr. 0 wohnhaft', angeblich Sollieitator bei einem Advocaten, wurde als verantwortlicher Rcdactenr des Blattes bestellt, 'Rordmann selbst fungii'tc als Herausgeber und Wanek als Eigcnlhümcr, rcspcctivc Verleger des Blattes. Redaction und Administration befanden sich i» Hernals, Vcronicagasse Rr. 4, und war daS Ziel dcS Blattes, die Wahl des Fürsten Liechtenstein zum Rcichoraths -Abgeordneten von Hernals zu n utcrstNYen. Tie erste 'Rümmer erschien am l. Februar 181*1 und wurde in einist- Auflage von 000 bis 1000 Ercmplaren gedruckt. TaS Gros derselbe» kam in den antisemilijcheu Versammlungen zur Vcrthcilung. Tic Herren 'Rordmann und Gläser richteten sich ihrer neuen Stellung als Pnblicistc» entsprechend ein und waren in der Anschassnng von Brief papieren,- Visitkarten und dergleichen wahrhaft verschwenderisch, natürlich +l Wir geben den Brief mit genauer Beibehaltung der 'Trlhogravtiie itiid Satzstellnng wieder. Blatt. ^eite U ans Kosten des „kleinen Mannes" Wanct. Rach der vierteil oder fünften Rümmer war aber daS Blatt eingcgangen,' nachdem die Wahl bereits vorbei und Wänck feines OVlbc« cnlblößt ivar Einige Tage nachher wurde Wanek mitsamml der Redactiou dclogirl So also war es -mit der „eigenen Straft" bestellt, die am Titel köpfe der „VoltSincinung" als Molto prangte. Einen armc» Tcuset hatte 'Rordmann sich als „Wurzen" auserlesen, er hatte io lange geschöpft, bis der gcldspendende Born versiegt war. Tann aber hieß es den ORldgcbcr ganz unschädlich > machen und die Gefahr einer etwaigen gerichtlichen Anzeige abivcnden.- Wanek, wurde gepfändet lind aus die Straße geworfen. Wenige Tage reichten - hin, die letzten erübrigten Groschen verschwinde» zu machen, und jetzt war es an der Zeit, den Hunger als Bundesgenossen zn rufen. Wanek litt Roth, da erschien wieder Johann Friedlich Rordnianu auf'dem Plane -- diesmal als rettender Engel lind gab für das wcnhlöie „Papierlwcrl", d. h. für die Tocumcnte des Blattes, Briese, saldirte Rechniingen, daS Polizei dccrrt, einen Guide >1, der kaum hinreichte, die Bedürfnisse eines Tages zu decke». Für eine» Versatzschein über, zehn Gulden, die Wanek für eine Uhr ausgenommen Halle, gab er ihm gleichfalls großmülhig einen Gulden. Als zuletzt der gewesene Zeitungsbesitzer wie ein Schwamm ansgcprcßt war und dem 'Rordmann' eine neuerlich Jzesorderte Geldsumme verweigerte, griff S'etzierer, wie Wanet erzählt, »ack> einem Teiche und bedrohte ihn thätlich. , , _ 811111 zum Blatte selbst. An' der Spitze desselben -sindcn wir einen! Appell an die Gönner des SUeuigewcrbcs, in welchem als Zweck .des llnlrruchmcns die Hebung des Patriolisniiis. in der Bevölkerung, die' Stellungnahme gegen den hcrandrängeuden Socialismus und endlich die Errichtnng - von freien Be l c h n n n g s h alle n für Kleingewerbeircjbrudc angesührt wird. „Wir bitte» daher," schließt dieser Ausruf, „jeden cdcldcntenden STcsterreichcr um (geneigte ll n.k e rst ü tz» n g dieses a >ef gesunder -ki Basis beruhende» und für den in feine m F o-r t bc st a n d bcdrohlcii St leingcwcrblcr -n ü vliche» 11 n l er n ehmc n s." lRach diesem Prälndium^olgl ein' Artilel, der zu den bevorstehenden Wahlen Stellung nimint und in welchem die Bcschimpfnng des damaligen fortschrittlichen Eandidaten Tr. F„ St r 011 aivcttcr mit dcr.Verhimmelnng V i.cch t c 11 st c i n's und der christlich-sociale», antisemitischen Ideen abwechselt. Tas meiste Interesse besitzt ein Artikel: „Zur Errichtung der Be l ch n u » gsha l lc n"; diese waren ja einer' der wichtigsten Programmpnnkte. der „Volts mcinnng" und sollten für den biederen Herausgeber und Gründer Johann Friedrich Rordmann die zweite (Geldquelle werden. Im Prospccl' heißt -cs, daß die „ V 0 l k S in ein» n g" c i n e W a a r c n b c l ch n i^sg su»d A n c t i o n s h'ü Ile gründe» wird, welche alle Erzeugnisse dcr Silcingcwcrbcrreibcnden. unter zulässig höchster Belehnung znm Verkaufe übernehmen und den erzielten Vcrkanfsschilling voll und ganz dem Einftellcr zu Händen ansbezahlen wird. Thalsächlich berief auch Rord mann mehrere Vcrsammlnngcn behufs Vorbesprechung dieser Angelegen heil ein und verstand cs, eine Reihe von höchst chrenwcrthen l^eschäsis- - lenken mit seinen .tönenden.Phrasen zn sangen. „Es gibt eine 'Abart der Eapitalsspccnlakion, welche allen Grundsätzen christlicher Moral znm Hohn, gleichsam die Hände ehrlicher.Arbeit. in Kelten, legend mit ihren Sangarmen giei ig und-Micrsättlich den armen >t lringeiverbetreibenden nmsangcn, ihm seine im Schweiße »lühsamcr Arbeit' erzenglcn Prodncte zn entreiße», den (üewinn an seinem Erzeugnisse ansziisauge»^ ihm aber die Harle Blühe mir eineyi Spottpreise entlohnen." So hieß, es in dem Prospectc, u»d so sprach 'Rordmannin den Veriamiu lungc», in den'cil er gleichwie im Prospecte aiißerdem noch jedem Kleingewerbetreibenden „unentgeltlichen Rath und Hilfe in Gerichts sowie Gewcrbeangelegcnheiten, niientgelllichen billigen Eredil, nu entgeltliche 'Quellen zum Rohmatcrialbcznge - und nnentgelllichen guten Absatz für Waarenvorräthc" zu verichassen versprach-. Ten Trahtsicbmacher Franz Ezermat machte 'Rordmann gnädigst znni'Sbmannc dcS „Belehiinngshallcn Eonsorlinms"-, ohne indeß seine selbstsüchtigen Absichien befriedige» zu lünncn Herr Ezermat verlor trotz 'Rordmann's gntcin Willen an diesen lein Geld, denn schon »ach der vierten oder fünften Sitzung legte er stillschweigend feine Stelle nieder und erschien nicht mehr in den 'Rordmann Eonventiteln „Es machte mich „Vieles! mißtrauisch-." sagte Herr E-zermäk -zn nnst-rem Berichterstatter-, „in »euerste» Sitzungen versprach er uns Allen goldene Berge: er habe bereits den Platz zur'Errichtung dieser Hallen, oder rr habe bereits ein p'ocal gemielhct, mit dem Polizeit'citcr — der sei» intimer Freund sei — habe er auch schon Alles geordnet, es bedürfe jetzt »nrmehr noclHder thatkräftigcn Mitwirkuug aller Mitglieder. So sprach er nnd tonnte dann nicht einmal sein 'Rachtmahl zahlen. Jede Sitzung fand in einem anderen Gasthanse statt, nie war eVn Regicrnngsverlrelcr, anwesend — so daß ich mir dachte, da steckt was dahinter. Wie ich horte," erzählte Herr Ezermat weiter, „trat er mit einem Fabrikanten