Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 47 (26.2.1893)
- Date
- 1893-02-26
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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£ttte 4. Nr. 47. freies Blatt; weil die einfache Thatsache, daß bev 'Abgeordnete Ernst Schurjder wenige Loche» nach jenem Proceffe von der antisemitischen Partei lcitung als ReichsrathSabgeordneter ausgestellt und mit eclatanter Majorität gewählt wurde, die verrollende und denioralisirende Wirkung der antisemitischen Vcfne besser -,» beleuchten imstande ist als ganze Bände voll scharfsinniger Seductionen. Aus dkl» Abstcordnctkllliallsk.i 5er viertdimensionale Lchle s j»g e r hat wieder einmal das Bedürfniß einpsunden, sein Vicht leuchten zu lassen, und sprach am 20. d M. bei der Debatte des Abgeordnetenhauses über den Boranschlag deS Finanzministeriums. Schlesinger. nannte die Balutaregulirung ei» „österreichisches Groß Panama", schiinpske über die Juden und sprach von.einem Blutbad, das zu gewärtigen sei, wenn stch das Bolk einmal gegen die Peiniger wenden würde. Schließlich gebrauchte er die schöne Wendung: „Auch einer Steinbach Vorelen und einer Steinbach-Sirene müsse man Miß trauen entgegenbringen " V n eg er ries hierauf: „Ser ist ja zu fd)tcd)!' - Sa geht kein Schisser hi«!" Sie Rede Schlesinger'ö und der Zwischen rns Viiegei'*, an und für stch anstandswidrig, sind um so betrübender, als es das österreichische Parlament und nicht eine Borortekneipe ist, wo man stch mit derlei Singen hervorwagt. — Ein rhetorisches Jong Icinftürfkin gab am ’JÜ. d. M Herr v. Kozlowski zum Besten. Mit drolligem Ernste versicherte er;»»> Ergötzen seiner »leisten Elnbgenossen und des Mechanikers Schneider, daß eine Aeußerung des FinanzininisterS gegen angesehene galizische Steuerdesraudanten, welche sofort mit einer Suellsorderung zur Hand wären, wenn . inan ihr Sreiben beim rechten Rainen nennen würde, nur ans — galizische Inden gemünzt sein könne. , Ci» nrncr Bcrcin zur Abwehr des Antisemitismus.» In der ersten Halite des Monates März wird sich im X. Bezirk ein ne wer Berei» eonstilniren, der die gleichen Zwecke verfolgt wie der Berei» zur Abwehr deS Antisemitismus. Ein kleines .Häuflein freiheitlich gesinnter Bürger hak über Anregung des Herausgebers der „Frau Laberl" seit Lochen Gleichgesinnte geworben, und nach Ueberwindnng inannig sacher Hindernisie ist es den Proponenten möglich geworden, an die Eonltiknirnng des Bereines zu schreiten. Ort und Sag der- Berianinilnng werden wir rechtzeitig bekanntgeben. lAus fortschrittlichen Btrrincn.i Im „Ber eine der Fort sch ritt Sfr eun de in der inneren Stadt" hielt Abgeordneter Gras S kürzth eine Rede, in welcher e/die gegenwärtige Situation beleuchtete Ser ausgezeichnete Redner wies darauf hi», daß die Regierung in ihrem Programme die Wahrung des ronsessionellen und soeialen Friedensverbürge und Ausschreitungen in dieser Richtung mit Enlschiedenheit entgegenzutrete» verheiße „Ich brauche wohl," fügte' er hinzu, „nicht zu erläutern, gegen welche Personen und gegen welche Strömungen in unserem socialen Veben diese Worte gerichtet sind Es wäre aber völlig unrichtig, in diesen Sätzen ein Zugeständniß an irgend'eine Partei erblicken zu'wollen. .Indem die Regierung für den socialen und confessionellen Frieden auf Grund der verfassungsmäßig gewährleisteten Gleichheit der Staatsbürger vor dem (besetze eintrilt, ersülll sie nicht mehr und nicht weniger als ihre Pflicht und Schuldigkeit." Mit. großer Entschiedenheit wies Stnrgkh die gehässigen Angriffe der reactionär antisemitischen Streiter gegen die moderne Schule zurück. "In derselbe» Bersannnlnng ergriff auch der FiiHrer der Sentich-Viberalen, Abgeordneter Sr. v. Plener, das Wort, begründete das Borgehen seiner Partei und sagte: „Wenn wir mit Erfolg, AhiUt und srnchtbarem Wirken vor die Bevölkerung trete») dann wird die gehässige Agitation gegen uns in den unteren Schichten der Be völkerung, . namentlich in ' Wien, an Boden verliere». Alle diese Agitationen sind innerlich hohl und kommen über eine negative Kritik nrid über eine gehässige Ausbeutung der Unzufriedenheit nicht hinaus. Hier aber wird es Aufgabe unserer Partei sein, der eine Reihe lalenkirter, schassenssreudiger Männer angehört, schrittweise den Boden in der Bevölkerung wieder zurückzugewinnen, den sie im Vaufe der lcizten Jahre durch ein Zusammentreffen widrigster Umstände verloren Hai Srop unserer schwierigen Vage verzweifle ich nicht an der Zukunft." - Sehr beächkenSwLUH war auch der Berlauf einer Bersaniinlung des „Bereines der Fortschrittsfrenn d e im X VI. Bezirke". Abgeordneter Lrabetz hob in einer trefflichen Rede die Berdienfte der liberalen Abgeordneten um den Gewerbestand hervor und fuhr dann fort: „Siefen Veistungen gegenüber frage ich: Was haben die Herren von der antisemitischen Partei bisher.für die Klein gewerbetreibenden gelhan? Hat der patenlirte Bolksvertreter und der durchlauchtigste GefellschaftSretter je einen Reukreuzer für dieselben ausgegeben V Freibier allein thut eS nicht! Früher hat er die Bauern zum Rarren gehalten, jetzt versucht er es bei den Städtern". Der Redner besprach eingehend eine anläßlich der Wahl des Prinzen Viechtenstein erschienene Broschüre und wieö nach, daß deren Inhalt unwahr, und erlogen sei. Tie Beaintenfrenndlichkeit der Antisemiten habe sich erst neulich gezeigt, als sich der Abgeordnete Geßinann, der doch selbst ein Beamter sei, durch den bekannten Zwischenruf „Beamten-Bagage" durchaus nicht beleidigt gefühlt habe. Biecebürgermeister Sr. (" rü b l unterzog dann die Abstinenzpolitik der antisemitischen Gemeinderäthe.. einer scharfen Kritik und bemerkte, daß bei jeder politisch reifen Partei .ein solches Berfahren gleichbedeutend mit der Selbstvernichtung wäre. Schließlich sprach anck) Bicebürgermeifter Sr. Richter. Er betonte, daß eö allerdings im Jntereffe einiger Führer gelegen sei, die Bürger schast gegenseitig zu verhetzen, daß er aber deffennngeachtet die Hots nung hege, es werde in kurzer Zeit der Rebel schwinden, der aus de» Gemüthern lastet und es verhindert, daß,mit Einigkeit an dem Wohl der Stadt Wien gearbeitet werde. Tie Herren Antiseniiten halten es darauf abgesehen, die Bersanimlung zu sprengen. Allein zahlreiche Ordner versahen energisch ihre Functionen. Mehrere antisemitische Gruppen, welche sich den Eintritt in das BersammlnngSlocal mit Gewalt zu erzwinge» suchten, stießen ans kräftigen Widerstand und zogen unverrichteter Dinge ab. Rur wenigen Ankffeusiten gelang es, sich in die Bersainmlnng, zu der ausschließlich Gesinnungsgenossen geladen waren, einznschleichen. Sie mußten sich aber anständig be nehmen oder, wenn ihnen dies nicht möglich war, das Vocal verlassen. Gemeinderath Stehlik, welcher als ungebetener Gast der Bersamni lung beiwohnen wollte, wurde von den Ordnern nicht eingelassen. Im „Berei ne zur Hebung der (bewerbe" hielt Geineinderath Franenberger einen mit großem Beifall ausgenoininene» Bortrag über daS Gewerbe und seine Bertreter int öffentlichen Veben, in welchem er darlegte, daß der AntiseiniliSinnö in nicht geringem Maße Schuld an dem Rückgänge der (bewerbe in Wien trage. «Tic Wiederkehr der Cittsicht.) In Hernals fand eine große Bersainmlnng fortschrittlich gesinnter Bürger statt, welcher mehr als dieißig hervorragende Abgeordnete, darunter Tr. v. Plener, Siegninnd, O'raf Wnrmbrand, Tr. Für, Snperinteudent Tr. Haase und Sr. Kronawetter anwohnten. In einem Bortrage übet die Schule und die , gewerbliche Arbeit setzte Abgeordneter Sie gm und klar auseinander, daß es Abwege seien, ans welche gewiffe „Retter" des kleinen Mannes denselben führen; besonders nachdrücklich warnte er vor jenen hoch gestellten Bolksbegluckern, die sanimt ihren Ahnen jahrhundertelang mit unsäglicher Berachtnng. aus Bürger und Bauer herabgeblickt habe» 1 und ihnen nunmehr damit helfen ivollen, daß sie ihnen statt einer er höhten Anforderungen entsprechenden Bildung eine geringere, statt einer selbstständigen Anschauung der Welt und deS Vebeus einen durch ver ( gltete Tognien beengten Gesichtskreis, statt des Brotes einen Stein ' anbieten. In einer Rede, welche die gegenwärtige Vage und daS Ber halten jener Männer, die von den Principien der liberalen Partei sich abgewendet haben, fkizzirte, gab Tr. v. P lener der Euvartnng Ausdruck, daß die Einsicht in jenen Wiener Wählerkreisen, die ihrer Bergangen heit untren geworden, sind, wiederkehren werde. Tein Führer der Teutsch-Viberalen wurden von den anwesenden Hernalser Wühlern 'stürmische Ovationen bereitet. Ter Borsitzende Tr. Kästner sprach die Hoffnung aus, „daß bald der Tag kommt, wo daS alte Band zwischen uns und der festgeschloffene» großen Partei wieder hergestellt wird, und daß wir dann wieder — wir sind ja jetzt wie eine Insel in schmutziger Flnth — znm Festlande jener mächtigen Partei gehören, werden, die mit der geschichtlichen Entwicklnng Oesterreichs aufs Innigste verflochten ist". «Fortschrittliche Pnekeiversoiniillniist) In St. Pölten fand am 11*. d. M. eine zahlreich besuchte Bersanimlung der sortschritt lichen Partei statt, in.welcher die ReichSrathsabgeordneteii Lrabetz und Professor Tr. Marchet sprachen. Ersterer betonte, daß es keine Bolksberather, sondern Bolksverführer sind, welche den Gewerbetreibenden - eine Gesetzesreforni als ein Universalheilmittel empfehlen. Ter Gewerbestand müsse sich der eigenen Kraft bewußt zu werden suchen, und aus sich selbst vertrauend, sich vor Allein aus den Bande» jener Veute zu befreien streben, welche nur auf dessen Spaltung specnliren, um ihre eigensüchtigen politisch-rückschrittlichen Zwecke zu fördern. Tr. Marchet wies bei Besprechung des RegieriliigsprograninieS darauf hin, daß man gegen die antisemitische Verhetzung schon längst Hütte ein schreiten müssen. Es sei ein Jammer, wenn inan den innern Bürger krieg ins Auge faßt, der sich in Oesterreich seit Jahren etablirt hat. Nicht gegen Ausschreitungen der Inden, wie das Aushängeschild lautet, wende sich diese Bewegung, sondern sie gehe darauf aus, den Frieden völlig zu zerstören. Eine wahre Trachensaat sei anSgesät worden; der Lind müsse in Sturm ausatten, und er werde jene Männer, welche die Berhetzung predigten, hinwegfegen. Das aber werde das größte