Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 46 (19.2.1893)
- Date
- 1893-02-19
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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<>, tV reite 4. Nr. 46. riPtjumi, daß er gegen die „Oubenliberaten" noch ein Mittel vorlüttiig habe, bedeuten, oder ob dieses Mittel erst zum Vorschein kommen werde, ist höchst gleichgiltig. Jene Drohung hat ihren Zweck, die Gegner einzuschüchtern und durch sie einen anständigen Vorwand zur Beendigung deS t>teineinderathsstrikes zu gewinnen, vollständig verfehlt. 5er (Gemeinde und VersasiungSauSschnß des Landtages trat noch am I.Y d M. zusammen und nahm die Anträge des ^andesausschusses auf Abänderung des Wiener Gemeindestatuts en bloer an. Gleichzeitig mit der erwähnten Eingabe des „Bürgerclubs" brachten die Antiieiuiren auch einen Antrag ein. wonach das Schächten nach jüdischem Ritus sowie die Einfuhr und der Verkauf des Fleisches geschächteter Tkiere verboten werden soll. Dem Anträge, der an erster Stelle voni Mechaniker Schneider unterfertigt ist, liegt selbstverständlich nichts weniger zugrunde als reine Dhierfrenndlichkeit. Die Judenhetze ist diesen '„'eilten die Hauptsache. Auch-Bauma n u hatte mit einer im Herbste eingebrachken Interpellation, betreffend die Cholera und das :;i Wahring befindliche Spital der israelitischen EuktuSge in ein de, durchaus nicht sanitäre Interessen im Auge. Diese Inter ve^laiion beantwortete nun Statthalter Graf .st ie l in a n s e g g wie folgt: 5ie Herren Landlagsabgeordneten Anion Bauman» und Genossen haben in der Landtagssivnng vom 1!*. September 189*2 anläßlich der damals herrschenden imminenten edholeragesahr die Anträge an mich gerichtet, ob ich gezeigt sei, Alles vorznkehren, was pir Abwendung der Einschleppung der Cholera durch erkrankte Individuen geboten erscheine, und ob ich nicht geneigt sei, z» ver- .i»la>>e,i, daß die Ausnahme von russischen und polnischen Juden in da« Rothschild- Spiral nftirt werde. Ans diese Anträge habe ich die Ehre, zunächst *,u erllären. ^aß alle weienilichen lind, wie die Ereigniffe erwiesen haben, auch Leäiü wirksamen und zweckmäßigen Barkehrungen der Staatswa l I INI g cur Hin ra u h al t ung der Einschleppung der Cholera;u ,ener Zeit, als die>e Anfrage gestellt wurde, schon längst aetro'se» worden waren. Was aber insbesondere die von de» Herren Iniervellauteil damals befürchtete Einschleppung der Cholera in oder durch daS von ihnen Rothschild.Svital genannte Spital der Wiener israelitischen Cultiis temeinde im .Will. Bezitke, Währing, Gurtelnraße Rr. 35», betrifft, so liegen mir tolgende amilickie Ta'en vor: In diesem Spilale haben .tränke, welche aus Raupen und Rußland zugereist waren, in der Zeit vom Jänner bis Ende Sevteinber zusammen 29, wovon auf Galizien 21, auf Rußland 8 ent -allen — und insofern nur die Zeit Ni--Betracht gezogen wird, seit welcher die abeleragefahr eingetrete» ist, al'o seit Anfang August 1892 — im Ganze» 9 ’ir.uife, von denen 6 a»S Galizien und :> aus Rußland zugereist waren, Auffiabme gesunden. TaS namentliche Berzeichniß der Anfgenonimenen liegt mir vor, und es maebk ersichtlich, daßRw-dieseS^SP ital kein einziger an einer zur Berichleppung geeigffeten infectiösen Krankheit t'eidender ausgenomiyen. beziehungsweise in demselben de .in feit wurde. Ltzas da» Spital selbst anbelangt, so kann dasselbe nach den amllichen Iii>veelioiisbes,inden als ein vorzüglich eingerichtetes, in Hinsicht aus die Raumverhälinisse, die herrschende Reinlichkeit und die Bentilationsvorrichtiingen aber hervorragendes Institut bezeichnet werden. Es ist silbstversiändlich, daß in einer solchen, allen Ansorderniigen der moderne» Hngiene eiil'vrechende» Anstalt auch für ausreichende Isolirlocalitäte» vorgesorgt ist. TaS Spital vertilgt über sechs solche Räume, welche für Fälle deS Ans bruches einer Intectionskrankheit retervirt sind. Tie Aufiiahine findet übrigens bei zugereisten Kranken nur in Fälle» der Unabweisbarkeit, nämlich der aus iucklich eonstatirten SvitalSbedürstigkeit statt. In dieser Beziehung muß gegen aber der urige» Behauplung der Herren Interpellanten, daß solche 'zugereiste 'traute im israelitischen Spitale Ausnahme finden, wenn sie i» den öfienttiche» piläler» abgewieien wolden sind, bemerk, avecden, daß auch in de» öffeuil-che» pitälern als Maßstab tür die Aufnahme die Spitalsbedürftigkeit und die Unabweisbar keil dient, und daß sich demnach keine Fälle ereignen können, wo .i!.+ ’ zugereiste Batienten von de» k. k. Wiener Krankenanstalten als nicht oi'alsbedürffig abgewie>en und dann als unabweisbar in da» Spital, »er i . ki'chen Cizltusgemeinde ausgenommen werden. Mit Rücksicht auf das •■'••■r/tt Lin ich »>cht in der Lage, noch auch war ich eS zur Zeit der t itfii'ni Cboleragefahr, der Anregung der Herren Inter .;u ei^tlp rechen, die Ausnahme zugereister Israeliten . da-?siia: der Ltiltnsgemeinde zu sistiren. ^llrultlvkisllllfi einer Beleidigung.) Im Bezirksausschüsse ddi III ne re II S'adt kam es zu .einer erregten Scene, bei welcher >lu Mitglied einem Eollegen zurief, wenn er Scandal machen wolle, möge er sich v o n de n A nti semi ten wählen lassen. Da sprang der so Apoürophirle von seinem Sipe aus und erklärte, er lasse sich in 'einer Ehre nicht angreisem und föit'nc eine solche 33e leibig li ng nicht aus sich ruhen lassen, lieber verzichte er ans das Mandat Tosklllek H. 5er antiseinilische Armenrath Dostalek, der vor 'i.i-.em wegen 5iebsl,ehlerei zu einer Kerkerstrafe verurkheilt wurde, Blatt. steht in den antisemitischen Annalen nicht vereinzelt da. Ihm folgt nun der gleichfalls antisemitische Bezirksausschuß Johann Kurz, welcher zwar nicht unter die Diebshehler gegangen, wohl aber nach Verkauf seines Porzellangeschäftes unter falschen Angaben und Zurücklaffung von Schulden aus Wien verschwunden ist. dlngeblich ging die Reise, auf der den verheirateten Bezirksausschuß eine Dame seiner Bekanntschaft begleitet haben soll, zu Geschäftszwecken nach Karlsbad. Von dort sollte in zwei Tagen eine Mittheilung in Wien eintreffen; seine Frau wartete auf dieselbe, jedoch vergebens. Donnerstag den 10. Februar erstattete nun Tr. Kulka als Vertreter von zwei Wiener Firmen, denen der flüchtige Bezirksausschuß die Summe von 1400 fl. schuldet, gegen Kur; die Strafanzeige. Seine Gattin äußerte zu unserem Berichterstatter: „Ich sage Ihnen, an dem Ganzen ist nur der Antisemitismus schuld, ich «bin die doppelt Betrogene: die Frucht fünfzehnjähriger Thätigkeit ist für mich Elend und Roth. Rur die antisemitischen Agitationen meines ManneS haben mich rninirt. Sft und oft habe ich deshalb mit meinem Manne Auftritte gehabt und gesagt: Ei» Geschäftsmann darf nicht Antisemit sein. Der Antisemitismns ist unser Ruin." Eine bessere Kritik über die Partei der „Volksretter'' und ein besseres Beispiel siir die Moral dieser Gesellschaft braucht man nicht. Die Fälle Dostalek und Kur; — „sprechen Bände". (Ein Abütritcnstiicklein.) Sie traten zusammen, die weisen Väter der Stadt, um über die Installirung eines neuen Dheaterdirectors zu berathen. Da erhob sich Einer auS ihrer Milte, um seinen „GesinnnngS adel" dadurch zu bekundest, daß er den Antrag stellte, eS sei der neue Director dahin zu instruiren, daß er das Engagement „fremder Elemente", insbesondere von Slaven und Juden vermeide. Wacker! So geschehen nicht etwa zu Schilda in längstvergangener Zeit, sondern in der schönen Landeshauptstadt Steier marks in unseren Tagen. Die Mehrheit der Stadtväter entschied sich zwar dafür, dem netten Director nicht die Möglichkeit zu verschließen, Mierzwinski, Marcella Sembrich, Marie Pospischil, Generalmusikdirector Levi von der Münchener Hofoper und Sberregisseur ,Sonnenthal vom Wiener Burgtheater für Graz zu engagiren, und lehnte daher den Antrag gegen die „fremden Elemente" ab. Allein für die Grazer Zustände ist es bezeichnend, daß ein solcher Antrag überhaupt gestellt werden konnte und daß obendrein nenn coiitmttitalc Würdenträger für denselben stimmten. Gödel heißt der Mann, der ein Theater vom Standpunkte der christlich-germanischen „Socialreform" für Kleingewerbetreibende geleitet wissen will; er ist nicht Schuster, auch, nicht Selcher, sondern ein „stndirter Herr", ein Advocat. (Eilt 'Jiotfjcanbiöat.) Die Troppauer Antisemiten haben bei verschiedenen Persönlichkeiten vergebens angeklopft, allein keine hat sich dazu hergeben wollen, als deren ReichsrathScandidat bloßgestellt . zu werden. In dieser Rothlage nahmen sie das an, was sie ursprünglich verschmähten, nämlich die - Candidatnr deS Wiener Mittelschullehrers Pommer. Ein Mann von Selbstbewußtsein hätte unter solchen Um ständen auf eine Mandatsbewerbung verzichtet; Pommer aber scheint sich darüber zu freuen, daß man doch zu ihm Zuflucht nehmen mußte. Zur Herabsetzung des von den liberalen aufgestellten Eandidaten hebt die Pergani'sche Zeitung hervor, daß sein Vorname Wladimir lautet. Der antisemitische Rothcandidat heißt Josef, und darin soll seine bessere ^.ualisication znm Vertreter Troppaus im Abgeordnetenhanse liegen? Kisum t e n <: re omnes! •- sagen bekanntlich die Lateiner der Solecer Schule. (Friede nnter den (konfessionell. I In T eschen verschied kürzlich der allgemein geachtete Kreisrabbiner Simon Fried man II, und sein Hcichenbegängniß gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung, an welcher sich alle Kreise der Bevölkerung, auch Geistliche anderer Eonfessionen, darunter der fürstbischöfliche Kanzler Monsignore S ikora und Superintendent Dr. Haase, betheiligten. 3lm Vorabende der Leichenfeier erhielt, der israelitische Eultusvorstand in Tefchen sosgendes Wiener Telegramm: „In dem Kreisrabbiner Herrn Fried mann ist seiner Familie der beste Vater, seiner Gemeinde ein treuer Seelsorger, der Menschheit ein nnerinüdeter Kämpfer für Recht, Wahrheit und Humanität, niir ein edler Freund gestorben. Wir werden ihm ein dankbares und ehrenvolles Andenken allzeit bewahren. Ilm ihm die letzte Ehre zu erweisen, werde ich morgen Früh in Teschen eintressen. Superintendent Dr. Haase." A (Ans dem preußischen Abgcordnctcnhansc.) In dem preußischen Abgeordnetenhanse, in welchem am 13. d. M. der Eultusetat zur Verhandlung kam, interpellirte der sattsam bekännte Judenfeind Freiherr v. Wackerbarth den Eultnsminister, weshalb dieser nicht den Religionsunterricht der Juden stärker überwache, da 800 Jndengeineinden ohne EnltuSbeamte seien, beanstandete die Dispensiimng jüdischer Abiturienten vom Religionsunterrichte und fragte nach der 3lufsicht