Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-01-12 · 45 (12.1.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
45 (12.1.1893)
Date
1893-01-12
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441384--0451-4886981
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seit« 6. Nr. 45. Freies Blatt. liinnit v B geschehen durch Maffenverbreittuig gut geschriebener Jugend schriste», i» denen dem kindlichen (^ciuüth da? Bcrwerslichc des Jude»' Hasses in seiner ganzen Abscheulichkeit vorgesührt würde. Unsere Gegner, die Antisemiten, wissen sehr wohl, daß die Zukunft hat, wer die Jugend Kar. unterlassen cs daher nicht, in ihrer Weise Einfluß auf die Jugend tu nehmen. Die bedauernswerthcn Folgen dieser osscncw und Keiinlichen Einflußnahinc liegen für Jedermann deutlich erkennbar zu Tage. Ihnen gilt cs entgcgcnzutrctc», so lange cs noch Zeit ist. Tic Verbreitung von Jugendschriftcn, die vom Geiste dcS wahren Mcnschcntkuins erfüllt find, würde selbstredend nur eines der vielen Mittel zur Erreichung des uns vorschwcbendcn Zieles sein." Es wäre zu wünschen, daß diese Anregung auch außerhalb Berlins Beachtung fände. Ailliicmiklschk Tcmonskrakioiltil in einem Theater.) Aus Berlin, >. Februar, wird berichtet: Im hiesigen Alexandra-Theater kam cs schon Freitag Abends bei der" erneu Anfsührung eines Schau spiclcs unter dem Titel „Moderne Teutonen" zu wilden Scciien, die durch gewisse, den Antisemitcii unangenehme Stellen des Stückes herv orgerufeu. wurden. Im Berlause des Sonutags wurden »arten an die auliicmitischcn «Gesinnungsgenossen versendet, worin für die zweite Ausführung der „Modernen Teutonen" ^folgende Crörc ausgegeben ivurdc: „Wir haben beschlossen, heute Abends Mann für Mann anzutretcn und au diesem jüdische» Machwerk unsere Kritik zu üben: ' deshalb, Gesinnungsgenossen, tretet Alle an und bringt eure freunde mit! Man bittet, daraus zu achte», daß mindestens vier «Genossen ihre Plätze beieinander haben." Taruntcr standen noch die Worte: „Man wolle diese Karre nur an bewahrte (Gesinnungsgenosse» befördern." Tic Bornellung nahm einen sehr aufgeregten Berlauf. Fortwährend wurde die Tarstcllung durch anzügliche Bcnicrkungcn gestört, die Haupt iäclüich aus den Hinteren, dicht besetzten Bänken erschollen und stets eine» Höllenlärm cntscssclten. Aus dein Schlußacle wurde die Scene, welche den Stnrui des Pöbels auf das Haus eines Juden zum Gegen staube Kal, sortgclaffen. Man gab nur die letzte Scene des vierte» Acics, aber auch über diese senkte sich vorzeitig der eiserne Borhang. Ein mitten in das Spiel hinein ausgebrachtcs Hoch aus Ahlwardt fand.ein kreischendes Echo, und das Vicb „ Tcutschland, Tcutichlaud über "Alles" wurde von ein paar Tutzcnd Schreiern mißbraucht, um den Schluß der BorsteUung zu erzwingen Tie Tircctiou wird das Stück nicht mehr zur Ausführung bringen. Tiefe Eapitulation der Thcatcrlcitung vor den Scandalmachcrn ist ein sehr trauriges Smuptom. Rache eines Alllilemiktll. > In Berlin wurde vor einigen Tage» ein „Ertlablatt" mit der frech erfundenen Aachricht von ciucni Attentat aus den Ezar verbreitet. Als Trucker war ein antisemitischer Agitator angegeben, und wie ein Berliner Blatt meint, hatte die Erfindung lediglich bezweckt, der deutschen Regierung Bcrlcgenhciten zu bereiten, um sich für die Rede des Reichskanzler? gegen die antisemiiischc Tema gogie zu rächen. I Paasch' RcichstaqscalldidlMlr. > Tic Eandidakur Paasch' für die Ersatzwahl zum deutschen Reichstage im Wahlkreise Preußisch S l a rg a rd - Bcr e n t ist, wie rcichsdcuksche Blätter melden, nunmehr von den Antisemiten endgiltig zu (Gunsten des polnischen Eandidatcn, Herrn v. Kalkstein, zurückgezogen worden. Z'andschaftsdirector A l brecht - S uzcmin, der als deutscher Eandidat in diesem gemischtsvrachigcn Wahlbezirke ausgestellt wurde, wird also von den Antisemiten, die sich mit ihrer „nationalen" Gesinnung brüsten, bekämpft werden, während der polnische Eandidat sich ihrer Unterstützung erfreuen wird. Wenn so was Juden thälen, dann würden alle deutschen Antisemitcnblätker, von "der „Kreuz-Zeitung" bis'zum Wiener „Bolksblatt" herunter, über „jüdischen Bcrrakh am Tcntschthnm" die größte Entrüstung zur Schau kragen. lOn» nülioruirr Fall. Aus Eassel wird der „Frankfurter Leitung" geschrieben: Tr H., ein sehr bekannter Thicrarzt, vcr imcibeie jüngst ein niöblirtes Zimmer cru einen jungen 'Referendar, .'lach einigen Tagen erhält Tr. H. von seinem Miethcr einen Brief, worin ihin der junge Herr eröffnet, daß er bei einem Juden nicht lvohncn könnt, und bittet, man möge ihn doch aus der Stelle auszicheii lan'en. r wolle den Betrag der Micthe. für den lausciidcil Monat vergüte». Tr H cnvidcrte wörtlich: „Im Besitz Ihrer Zeilen, ge linkte ich Ihnen, sofort auszuziehc»; Sic brauchen mir nichts zu vergüten. Ich will lcdoch nicht verfehlen, Ihnen zu bcinerken, daß mir derartiges Benchnien in meiner Praxis noch nicht vorgekommen. Ergebenst Tr. H, Thierarzl." i C^itt ('idlOlIC Tnimoill?. Ofi;cr «''f r i n, welcher Trumont bei her Gründung der ..l,i>,rc- I'urc>I^“ zur Seite' stand, nachdem er zuvor ein Blatt zur Berrhcidigung der Juden hcrausgcgcben hatte, wurde dieser Tage in Paris.wegen verschiedener Betrügereien verhaftet. Als „Banqilicr" hatte er u. A. einen feiner Elieutc» um 2DU.OOO Francs geprellt (2er Czar und die Juden in Rußland.) Tic ,.c«>„t,-,»,mra,-v Review“ veröffentlicht einen Artikel Über den russische» Ezar von E. B. v'anin, in welchem der Berfassrr u. A. folgende interessante. Thatsachc berichtet: „Ter Ezar ist vollständig über die Behandlung seiner jüdischen und pichtjüdischcn Untcrthaucu uutcrrichtet. Ich 'habe Triginalbriefc gelesen, die ihm darüber von Leuten geschrieben waren, aus. welche er Rücksicht nimmt. Persönlich kenne ich den kaiserliche» Kammerdiener, der diese Briefe dem Ezar anshäudigte und sah, wie letzterer dieselben und auch die von der Polizei crthcilten Antworte» durchlas. Bor einem Jahre war ein Beamtcx zu einer verantwortlichen Stelle im Justizministerium ernannt worden und mußte persönlich" vor dsm Ezar erscheinen, um seine» Dank für die Ehre abzustattc»; aber seine hcrvorstchendc Rase, der semitische GcsichtSinpns schic» den Ezar sehr peinlich zu berühre», und kurz nachher bemerkte er zu seinem Minister: .T«cser H. ist ein Jude/ .Verzeihung, Majestät, er ist ei» orthodoxer Ehrisl? ,Tem Stamme nach ist er Jude, und das kommt auf kins Hera»»: ich werde stvcngchweaus halten, daß Juden zu solche» Aemtcrn nicht zugclaffcn werden,' crtkndcrtc der Ezar scharf und in einem Tone, der Herrn Manaffeiu überzeugte, daß er mit der Er ucnnnng .des Beaiutcu einen großen Fehler gemacht hatte." Tas hiesige Auliscmitcnblatt säug in Folge dieser Erzählung neulich das Vob Ezar Älcrandcr'S III. Judcnfciudlichcs ans Arabien.- Wiede», „Hamagid hack," aus Bagdad berichtet wird, sind die Juden in Hamadar (Arabien'! schwere» Bedrückungen und Bcrfolgungc» von Seite der musclniäni schen Bevölkerung dieser Stadt auSgcsetzt. Als vier angesehene Juden der Stadt sich ans das dortige Tclegraphcuanit begaben, ui» den Pascha in Bagdad davon zu benachrichtigen, drang die aufrührerische Menge in das Tclegraphcnamt ein, und die vier Juden konnten nur duich Ucbcrtritt zum Islam ihr Vcbcn retten. . Ei» Abgesandter dcS Pai'cha kam später i» die Stadt. Während seines Bcrwcilcns daselbst verhielt sich das Bolk ruhig. Sobald derselbe aber die Stadt wiederum verlasse» haue, reizten Terwische die Menge gegen die Juden auf, und diese wurden zwei Tage lang in ihren Wohnungen belagert. Ter Besuch der Synagoge »küßte unterbleiben; denn jeder Jude, der die Straße betrat, wurde schrecklich .mißhandelt oder gar gctödtet. Eiu Mädchen, das von seinen Eltern hinansgcschickl worden war. um v'cbeusuiitlel zu holen, wurde gezwungen, den Glauben zu wechseln u»d die Frau eines Moslems zu weiden Ter Stadthauptmann, au den sich die Jude» wegen Hilfe wandte», gewährte ihnen den verlangten Schutz unter folgenden von den Bcrtrctcrn der Judcnschasten untcrzeichncten Bedingungen:. I. An einem Regentage (?) darf kein Jude sei» Haus verlasse»; 2. die Kleider der Jndenfraucu müssen von zweierlei Farbe sein: l«. die jüdischen Männer dürfen nur alte vcrschliffcnc Kleider mit vor» an der Brust augchcfteten rolhcn Wappen kragen; 4. wenn ein Jude einen Äiuselman begegnet, so darf er nicht vor diesem, sondern muß hinter ihm gehen; ö. muß der Jude, wenn er mit cincni Muselman spricht, eine dcmüthige Haltung.annchmcn, und seine Stimme darf er nicht laut erheben; «>. müssen von,Inden auf der Straße getragene Speise» immer zugcdeckt sein, damit sic nicht das Gelüst« der Muselmane» erregen: 7. jeder berauschte Jude, den man auf der Straße trifft, wird gctödtet. Außer diesen hat der Stadtoberste noch weitere zehn für die Juden gleich erniedrigende und pciuigendc Bedingungen gestellt. Unsere Auliscuiilen könnten sich jedoch an den angeführten sieben Punkten ein Beispiel nehmen und überzeugen, wie stümperhaft sic noch in der Ausarbeitung ihrer „Rcfor»l"-Pro grammc Vorgehen. 2lus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. llM Gedanken ) Im sogenannten „Christlich-socialen Arbeitervereine" war für die am letzten Sonntag stattgehabte Versa,ninlung ei» Vonrag de» Abgeordnete» Schlesinger: „TaS Jahrhundert dct Corrupiion" aiigekündigt. Schlesinger ergriff thatsächlich das Wort, und über sei» Auftreten bringt da? „Vaterland" folgenden launigen Bericht: Er spricht nicht, nnr als, ,'andern auch wie ei» deutscher Professor: sehr gelehrt, sehr gründlich und sehr lang.... Er spricht über „die sozusagen von Gott gesetzte Lbrigkeil", dann über Steinkohle», Telegraphie, Telephouie und die dadurch ermöglichte „Allgegenwart des Menschen", sowie über verschiedene ähnliche modernste Dinge und Begriffe; ferner über die Judenpresie und die Vergiftung des christlichen Volks geistes, über die Valularegulirnng und über den Hoff'schcn Malzextract, über die „llrzeitungen", worunter die Correspondenzburcaux zu verstehen surd, über die Börse» und die .Zllium-s israelitc: im Ganzen Uber 12» Gedanken. Nur über sein eigentliches Thema sprach er kein Wort. Tie Per sicheruug des Redners, daß er ein Christlich Socialer oder, „wie inan auch zu sage» pflegt", ein Antisemit sei, nimmt die Versammlung mit einem wahren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.