Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 45 (12.1.1893)
- Date
- 1893-01-12
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 45 Freies Blatt. Mehrt Euch! .ui einer Wehn Euch! Ei» Mahnruf an die Juden" in Berlin erichienenen Broschüre fordert deren Verfasser §. Timon die Juden >> mif. in Bezug auf Tcganisalioii und planmäßiges Vorgehen vom Feinde in lernen, wie dieser Filialvcreine in den Provinzen zu errichten, B-audcrvcrfaiuinlttugcu re. zu veranstalte». Dem Mahnrufe geht ein neiilich geschriebenes Borwort von Bertha v. Suttner voran, dem ivir Jolgendes cutnelimcn: Ich erinnere mich, daß ooc ungefähr zwölf Jahren, als die ersten Siöckeriadn aufraiichte», gar viele Leute von der Feder — mein Mann und ich waren auch darunter — sich hinfetzien und an die Blätter Proteste und i'ir.'itel und Erzäklnnge» einsaiidtcn, in welchen gegen den Wahn- und Widersinn, gegen die Schäden und G.-fahren jener Vcrrolguugsdoctrineu angekämpft wurde, Ade: es war wie ciue Verabredung in der gefainmien Preise: alles Tera-.ime winde zn,-stckge-chicki. „Es iväre der Zache zu viel Ehre angelhan in . widerleg! sich bei vernünftige» Leute» von selbst. . m >cl"„ in VU nahmc begriffen .. . würde durch Beachtung nur verstärkt und ''s,nt... wir. gebeu principiell aul die Frage nicht ein und eriuchen Zie, IN Ideen ge-chätzlen Beiträgen iede Anspielung darauf zu veruiciden." Und >o »insiteu die AnliAnnsemitcn von damals — denn mit den erste» Angreifer» erwachten auch die ersten Berlheidiger — ihre (Gefühle der Entrüstung, der Bk>Slan,«: inenchdrängen Das Zustein bat sich nicht bewährt. Es.ist ja möglich, tiß dn- Protene die Bewegung nicht autgebaltcn, sonder» beichlennigt Kätten — das lim n,i> ln nte nicht eniicheiden — die Boransseyung jedoch, unter der man -/‘'i::'.:- daü sie sich durch Berachtung werde todlichweigcu lasse», hat sich als v.l-.i- .MVi'v» Und wate sie auch nicht im .Heime ersticht worden — was um».".: : ' n edlich ist — >o Hütte die >Beschleunigung die Zache nur ei» paar Jabre in das Ztadiuin gebracht, bei dem man-Heute angclangt ist, das?»id.nin des Zichivehrcnuiüüens. Tiefes wird natürlich auch wieder die Be wegung n a.tnrn machen, doch hoffentlich. bis zu jeuein ltzrade der Äbsnidiiäk :n:d llnr. traalichkeit. der ilr End, bereiten wird: Nicht die Betroffenen waren es üddig'ns, die zueist zur Abwebr giineu' Tie in letzter Zeit aus der Ent i i siung Solch i, die das.Unrecht, nicht länger milansiheu lonnzen, cntnandeiicn Vereine sind ob,,: und bcinabc gegen den Willen dcrjeuigeu ins Leben ge ::e::n denen das Un echt zuge'ngt worden Ihr Ztolz.bäuinie sich sogar gegen Idee „in Z.l nn genomnie»" zu werde». Als ob Jene, .die da gegen de» z.nii'einiiisinns lau: und osten Ziellung nabiiie». dies nicht auch geiha» hätten, um sitree der i;:i. sich grei'enden Berivilderung zu schüven, ui» von sich 'e:bcr ' n B . d. .l : abzulveHreu, t-.'si auch sie so herzenshart i'eien wie das 'däu'lrin, dardu- 'liaeenoeriolgung predigt-und io uriheilsHe'chräukt ' wie die di.si.-n Masten, die dies 'chweigend hiuucbmen. Ter Unterschied ist der: die ...na and ee>,U cha'!l-ch bechsiehenden Juden wandte» sich ab, eine Bertheidigung »»'er -!-->v Winde findend, sie veiachtetens die anttst-iiiiii-chcii Anschläge; die Abwel.veieine bingegeu stell:,» sich vor die Front — Andere zu verlheidige» fault Niemand unter -einer Wurde sinden, und: „Wir verrichten kein Werk des Haste: -agten iie den ,-ugncrn ins Gesicht.? Es. in wahrlich an der Zeit, daß auch «das .Abwehrwort;u»i Abwehrschrei >ch e-.l-ebe, dasi überall osten,'ehrlich, muihig -ob nun Juden dabei sind oder : iä i, ob man nan selber Jude ist oder nicht: iin Privat- und im öffentlichen Bei!el>r, in der. Brest,, von der Volksvertretung und vor dein Throne das belei:.a:e Menschenrecht sich geltend mache. . . Aber freilich damit die Nichlanti'einnen erfolgreich den Zchnv'dcr-Beisolgfcn ausübcu können, »innen diese irr Allein sich >elber 'chnven, nicht lbu», als melkten sie »ichtS von den An g:st'. i-, n nsten nicht die gebotene Abwehr als etwa Ueberslüfsiges oder gar Per lei-ende? zarnckweiscii. Wie -oll man binireten und sagen: „Zolche Bebauksung -st ln-reiind. ist nicht langer miiaiizu-eben", wenn der Mistbandelle eine gleich a .ii.'.e Mi---,- iu-.-.abitb Bein, ei» ent-chlosten zorniges „Ich dnld' eS nicht!", .!» „Zur Berai ' i c-.lniig zieben" bei lederi auch der geringste» Rcchlsverletzung 'bis zue i-i.-i-u und bis zur höchsten Instanz ist, wenn irgendwo, hier zwingende Boiliivendigtei: Bo-ch bietet das Gei'etz ausgiebigen .Schlitz. Tie Verfolger ui-d die Venolzie» aber bandeln io, als wäre die von den Ersten angestrebte , -l.'.-chllosigleit de, Jnt n -chon eine Tbaiioche. Zo kann sie es -werden: ein baragrarb, der nicht benüvi wi>d, stirbt ab, nnd einreistender Brauch verlangt ' erreicht seine Eintragung, in das Gesetzbuch. Tie Hauptsache ist: allem "B.-nnungslaiiipr miisi ,,n Namen der Vernunft und im Namen des Gesetzes vor d»--'et, beide» uiibaltbare Terrain „Jude oder Nichtjnde" entzogen . n --reiner, dem die rageBe-chnldignng enigegengeschleudert worbe»: „Tu bist ei» Ji:'--" -oll dies übel hören, sonder»- den Aiiichuldiger an die Wand dii-cheii: „Ja-, das bi» ich, geradeso wie Tn ein Christ bist . und was- „mettei? öp.is;• i-.'-'t Tu mir >'o»st vor? Tas -oll untersucht und geprüft weiden" In die Jragr einmal io gestellt, io laiin sic nicht mehr auf dem enge» t'Vbii’te der anliiemirücheii Te.liiue» ausgelragen weiden, nnd die Unzahl d--i,i. die sich der Bewegung ans verschiedenen aiißerbalb liegenden Gründen ,f-ii hat ». werten sich von ihr znrilckziehen. Ten» gar Wenige werde» ülmit e in En.':-., d.-r -intisemitischei, Agitation, dej Bernichtuiig aller Inden, offen einverstanden erklären. Tausende von gütiggesinnle» und geistvolle» Menschen, die heule dem Antisemitismus hinneige», weit sie in demselben nur eine Berlheidigung deS Eonfervalismus gegen unbestimmle Umsturzgefahreir sehen, würden sich von dieser Bewegung schaudernd lossagen, wenn sie erkannl hüllen, daß ihr einziger Enderfolg weiler nichts ergeben könnte als die Niederwerfung »nd Ausroltiing.— nicht von socialen Schäden oder verpönten Doclrincn, den» diese wurzeln außerhalb — sonder» von einer Gruppe »»glücklicher Nebenmensche». Unglücklich. . . Viele sind es in unseren Landen schon heute, obwohl ihre Rechllofigkeit nicht schon wie etwa in Rußland ei klärt worden ist. Und wenn sie ihn auch im Stolz und Trotz verberge», ihr Schmerz mag darum nicht minder, zornig und bitter feilt. 'Nur ei» kleines Bildchen als Beispiel. Wir wohnten einst bei einem indischen Ehepaar., Der Gatte ivar in einem Bankhaus beschäftigt, aber da« knappe Gehalt genügte nicht znm Auskommen, daher vermielheten Herr und Fra» Meyer einen Theil ihrer Wohnung, Sie (>atteit einen einzige» Snabcfc. Ei» wunderhübsches, talcntiite«, liebevolles Kind Ich hatte oft Gelegenheit, das Fauiilienlcbe» dieser Leute zu beobachte»: es war ein musterhafte«; der klciue Leopold war der Stolz und das Glück der sonst in sehr beschränklen und zurückgezogenen Berhälluissen lebenden Ellern. Ich war oft anwesend, wenn d. r Stieme aus der Schule heimkai»; selig war das Kind, wenn eS wieder guie Zeugnisse blingen konnte, „Ach, ich bin so glücklich!" ries er einmal, „Warum'?" fraglen wir. „Tag ich auf dkr Welt bin, eS ist so schön auf der Wett, und weil ich's weit bringen werde, ich bi» wieder der Erste gewesen heule!" Eines ander» Tages kam er gedrückt »ach Hause; nicht daß n ei» schlechtes Zeug »iß hatte. „Was ist Tiv de»» geschehen. Junge, Tu siehst ja ganz.verstört aus?" Ta schluchzte er aus. . Genug, ich schreibe hier keine Novelle. WaS das x»id erzählte, mau kau» sich's ja dciikcn. Es komnit wohl alle Tage vor. Ter Loh» eiues stramiiieu Antisemiteil, selber faul und raus lustig, höhnlc und hänsclle den fleißige» Äamerade»; „Judenbub, zu was plagst Tich? Wirst dyck, Teil, Leben laug nichts erreichen, bist ja mir Einer von der Seniiieubaude!" Täs Weh, dar in des kleine» Erzählers Stimme zitierte, das stauuente Weh darüber, daß cs ihm nichts nütze» soll, wenn er brav und fleißig war, das beschämte, herzzerreißende Weh der Eltern — sie lauschte» nur einen Blick, das Alles werde ich nicht vergesse»; zum wenigste» de» eigene» Schmerz, der mir bei dieser Scene durch die Seele schnitt. „So gehe» Sie doch augenblicklich ziim Schuldireclor," wandle ich mich an den Baler, „verlangen Sie — —Er aber schüttelte den Slops: „'Wozu, vergebens!" 'Nein, es wäre nicht vergdbcns, sagte miv mein Gefühl. Aber ich wußte eS ja: Das stumiiie Ertragen der Unbill war allgemeiner Brauch, und so begnügte auch ich mich damit, mir . bitter aufzuseuszen u»d das weinende öliud i» meine Anne zu schließen: „Warle mir, Poldi, bis Tu groß bist, -tverdel Ihr keine so schliinuil» Feinde mehr habe»." Diese Prophezeiung blieb in doppeljer Weise hnerfüUt: Poldi ist gar nicht groß geworden; ich cifuhr späker, daß er mit vierzehn Jahren gcsiorbc» ivar, und die Feinde sind schliinmer als je. Aber >- nicht länger iiuparirl solle» ihre Schläge bleiben, djmn' die Losung ist nun ausgegeben : Webrl Euch! 'All? Dem Absitorvlltttllllausc. In der Tcbattc über das Volksfchulivescu beleuchtete Freiherr v. cppcnhciincr den jüngsten Versuch, des Prinzen Liechtenstein, aus der Äreuzaffaire.für den Antiscinilisnins Eapital zu schlagen. Freiherr v, Tppcnhcimer, welcher den Wunsch hegt, daß die Jude» möglichst bald in den 'Nationen aufgchen solle», unter denen sie leben, sagte, daß dem Prinzen Liechtenstein die Bedeutung des ÄrcnzcS als Thinbol der lautersten Menschenliebe, wie cs scheint, nicht zur vollen Erkcnntniß gelangt sei, da er sonst uninöglich in der Art, wie er cS lhut, und mit den Mitteln, .die er anwcndct, die antisemitische Agitation betreiben könnte. Das (ifebahrcii der Nacenheper wurde ferner in einer ausgezeichneten Rede, welche Dr. F u x zur Wahrung der Tchnlc gegen rcaetionärc Einflüsse hicll, schärfstcnS vcrurthcilt. (C'ill Brief >iro»alvctlcr's.) Der ReichsrathSabgeordiicte Herr Dr. F. Rro.nawettcr schreibt uns in Beantwortung einer Anfrage wie folgt: Geehrter Herr Redactcnr! Ich bin der Sohn des Wiener Schlossermeister« und Bürgers Ferdinand .llronawetter, geboren am Februar 1838 z» Wien; mein Pater Ferdinand .stroiiawelter ist am 31. Tecember 1801 geboren in Wien und Sohn des befugten Schloffermeisters Jolef ,<tro»awetter. der als ötind von Oedenburg »ach Wie» eingewandert ist. Meine Mutter Anna öiroiiawetter ist am N>, Jänner 1803 geboren, Tochler eines Tapezierergehilfen namens Josef Garlmayer, der in Langeiizersdorf am Bisamberg geboren ist. De» GebnrtSlag meiner Großellern kann ich nicht angeben. Meine ganze Familie, soweit ich nur eine Ahnung von Mitgliedern derselben habe, ist römisch-kalholischer Religion; -Berwandle habe ich außer einem Bruder und einer Schwester und Geschwisterkinder» ans der Familie Gartmaher nicht. Alle meine Berwandlen sind in der römisch lalholi