Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 45 (12.1.1893)
- Date
- 1893-01-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441384--0448-4886978- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Freies Blatt. .Seite ti. Nr. 45. große König wünscht, daß Hetzer gründlich, nicht allein in der Form, sondern auch in der Wesenheit de» eigenen Glauben übe: der wohlverdienteste unter de» Gläubige» ist der ehrlichste, der reinste Mensch. (Glaube ist daS Wesen der Aufrichtigkeit. Aber der Eifer des Apostel aiuteS darf picht den Geist der Verfolgung, darf nicht ciitm5\ den Wunsch erzeugen, sich zu rühmen. Man diene Gott in Teniuth, man diene Gott in Bescheidenheit! Der Glaube spendet die Tröstungen und die erhabene Ergebung mir denen, die in der Stille trauern, nur" denen, die stark sind im Schmerze: er schließt Hochninth, Prahlerei, und Z'ob aus; in diesen Tendenzen liegt der Keim der Verfolgungen, des theologischen Hasses. Tahcr wünscht der de» Göttern thencrc König, daß jeder religiöse Glaube durch Almosen und Ehrcncrwcisungc» an Ruhm und Werth wachse. -Woraus cs bei den verschiedenen zur Erlangung eines so gerechten Zieles tauglichen Mitteln ankommt, ist, daß man das Wort prüft: „Tn sollst weder Vob haben für den eigenen, noch Tadel für de» fremden (Glauben!" In guten, erhabene», heiligen Sachen kommt cs nie vor,' noch wird cs je Vorkommen, daß durch Teinüthignirg und Verhöhnung der Eine» sich die Anderen erbeben; die einzelnen Glaubensbekenntnisse sind Manifestationen der Tugend, der Güte, welche Wetteifer, Neid/ übertriebenes pob ansichlicßcn. Schlechter noch ( handelt derjenige, welcher, indem er die eigene Religion rühmt, hossi, die anderen zu verkleinern, oder die anderen geradezu. beleidigt, in der Meinung, ..dadurch dem eigenen «Glauben größeren Glan; z» verleihen. Güte, Wahrheit hören ans, Wahrheit zu sein, wenn sie nur ansstrahlcn ans dem Probir »eine des Neides und nicht von dem inneren Herd der Tugend ans. ''ob, Tadel, Nacheiferung, Wetteifer sind Tendenzen von strafbarer. Tchwächc, sic widersprechen dem heiteren und weichen Ebaraktcr eines "'lanbrns, der durch sich selbst Befriedigung, in sich selbst Entschädi , gnng und vollkommciic Erfüllung findet. Tic Bcrschicdcnhcit derllccligion kann und darf nicht die Ein nacht ansschlicßen; denn die' Religion kann als die höchste der Tugenden nicht Zorn oder Uneinigkeit hcrvorbringcn So leben die >en verschiedenen sieben Bekenütnisscn Angchvrcndcn benachbart, ruhig, sich gegenseitig vcrlrancnd: sic fühlen sich wie in einer höheren Bruder ichast religiöser Idealität, die ihnen gemeinschaftlich ist. Tic Mission des Königs sei cs, alle diese heiligen Feuer der verschiedenen Religionen vor-dem Erlösche» zu bewahren, sich zu freuen, daß sic wie dem Himmel angelobtc Altäre slamnicn zur beuchte der Gcwjsicn, zur Anf- »inntcrung der Tugend. Jede Bcrbcsscrung, jedes Wachsthum, jeder religiöse Fortschritt erstellen ans dem Grunde der Seelen, nicht ans' dem Streite, aus dein 'N'cidc. Eö gibt ein Erbthcil der gcmcinschafliichen moralischen Güter: die ehrerbietige Sanstuiuih gegen die Elter», die' Milde gegen die Freunde, die Barmherzigkeit, die Mäßigkeit, die Achtung vor dein s'cbcn der Menschen und der anderen Lebewesen. Welch E'lanbc immer sich diese heiligen Thesen ^ucignet, sic entwickelt, predigt, verherrlicht, er darf sich nicht in stolzen Prahlereien, in Verleumdungen der Berdicnstc Anderer, sondern in dck Güte seiner Werke äußern. Wer weiß bester die von Natur ans verkehrten Seelen umznfonncn in (''c lehrigkcit und in Saikstninth des Gehorsams, der Ehrfurcht, der Vicbe »nd aller anderen Tugenden'? Tic große Klippe des Gebens ist das Ucbcl: wer lehrt am besten, sic zn vermeiden? Aber cs handelt sich »m Werke und nicht »m Worte: die Güte ist keine Glaubenslehre, sondern eine Ucbung. Tic Tugenden haben nnbcschränktc und un zahlige Anwendungen, sind von unaussprechlichen Sorgen begleitete Nur die Heiligen fühlen und erforschen ihre Unpollkomincnhejten und senszen darüber; je. mehr man im Guten steigt, desto mehr strebt man ::> steigen. Wer inuncrfort diese» erhabene Ideal pflegt und an die Vollkommenheit in diesem und int zukünftigen Vcbcn denkt, der hat leine Mnßc für die Eitelkeit. Ein Art der Eitelkeit ist cs anch, die Vortrcsslichkeit des eigenen Glaubens zu predigen, ihn mit dem der änderen zn vergleichen. In diesem Falle sind die Worte Sünden,dcs Hl'chinuthcS, auch wenn sic erfüllt scheinen von religiösen Elemente». Ter König, welcher sich der Bollkommcnhcit nahe glaubt, oder wenigstens ucicr als die Anderen von Neid »nd Sorgen ist, erklärt, daß er die '.'lnfrichtigsten, die Thütigstcn, die Bescheidensten vor Allem liebe, jene, welche den Glauben am Grunde des Herzens und nicht auf der Spille der Zunge haben. Darin liegt die liefe Originalität der buddhistischen Tenionstration, bei dieser geht die. religiöse Freiheit nicht unter der Form der Toleranz aus einem politischen Eoinpromiß der' streitenden Religionen hervor, noch aus dem liebenswürdigen Skcptieisnins einer ivdisscrcntcn Herrschaft; sic geht nicht hervor aus einem unbeständigen, verschossenen Deismus, welcher alle Religionen alö die Erklärung einer mcl höheren typischen Idee und alS die Bcrchrung dieser betrachtet. Tic tiefe Schönheit und. die alleinige Neuheit der Edietc des Königs Piyadasi besteht darin, daß die religiöse Freiheit ans der Quelle der Religion selbst entspringt, daß sie eine unerläßliche Bedingung der Gotlbeit, eine Wesenheit des Glaubens 'selb« »nd sozusagen der Glaube an die Güte des Glaubens ist. Je stärker im Herzen der Glünbigcn die himmlische Flamme brennt, desto mehr müssen sie die Bcrpflichtnng fühlen, dieselbe auch frei in den-Herzen der Anderen brennen zu lassen. - So wird nicht allein ans der Religionsübnng der Keim der Berfolgungen ausgcrottct, cs wird auch eine Tisposilion des (Geistes geschaffen, durch welche Glaube und Freiheit zwei 'Rebe» gewinne ein und derselben Substanz, zwei unauflösliche Zwecke, zwei unthcilbarc Güter werden. Tie Qblicgcnhcit des Staatesist nach diesem Snstcm »ichi damit . zu Ende, daß er die Achtung vor der Freiheit durch Züchtigung der Berfolgcr cinsührc; ihm obliegt auch die Erziehung der Sceteei zur srcundschaflZiche» Bcrbindung der beiden Principien, welche bis zur Stunde in dcp (beschichte der Religionen in unglücklichem Kampfe er schienendie eifersüchtige Zuneigung zum eigenen Glauben und der eifersüchtige Rcspcct vor dein Glauben Anderer. Tiefe zwei, scheinbar cntgcgcngcscllten Prineipicn .finden ihre Bcrsöhnung im Evangelium ' (denn so muß man cs nennen) des grklßen buddhistischen Königs, ein ' Evangelium, welches zu gleicher Zeit ein unübertresflichcr Typus der wahre» Gewissensfreiheit ist, die nicht liegen kann in geschickten und wechselseitigen Vergleichen, in gegenseitigen Duldungen, -den Anzeichen - entkräfteten Glaubens oder politischer Gerechtigkeit, ein Evangclinm, welches immer durch den widcrcrstchendcn Geist der Verfolgung unterdrückt werden kann. Tein erhabenen Gedanken des Königs Asoka zufolge mußte die religiöse Freiheit unter die Aufsicht und den unvcrlcvlichcn Schnll derselben religiösen Eonfession gestellt werden. Tahcr beschränkte sich die Aufgabe des Staates daraus, in den Herzen der (Gläubigen gleichzeitig zwei verbündete Gefühle z» erwecken: Eifer für de» eigenen Enll, Achtung vor dem Enltc der Anderen. Tie französische Einrichtung, wonach -alle anerkannten Enltc vom Staate eingcscyte und gczayllc Beamte, haben „Beamte der öffentlichen Gebete", wie sic Mirabeau nannte,' wird gemäß den Edietc» des buddhistischen Königs in einen religiösen Staat ningeformt, in welchem öffentliche, zn diesem Zwecke eingesetzte Fnnctionärc sozusagen den amtlichen Auftrag haben, alle Gläubigen, welches anch ihr Glaube sei, an jenes Erbthcil gcmcinschaftlicher Tugenden'zu erinnern, ohne das der Religion die Heiligkeit mangeln würde, und sie zn Ermahnen, immer mehr an . jenen beide» rnhmwürdigsten Grundsätzen festzuhaltcn, die sich von einander nicht trennen können: der Eifer für den eigenen Glauben, bescheidenuiicigc»nüyig, still, die Ehrfurcht und sozusagen die Rebe zum fremden Glauben. Tcm theologischen Haß, der eine nothwendigc Bedingung jedes Glaubens schien, die tycologische Viebe suhstituircn und staatlich anerkennen — das ist die Qriginalitüt der Kundgebung des buddhistischen Königs: dies ist ihr bleibender und ewiger Charakter, Wie Schopenhauer begeistert von den Veden ünh llpanijhadcn zn sagen pflegte, daß die Viteratur und die Philosophie Indiens gleich der (Griechenlands betgetragen habe, unsere Eivilisation zu erneuern, jo kann dieses Eapitcl über religiöse Freiheit auch dazu beitragen, die moderne Gesellschaft zn verbessern. Diese ist zn gleicher Zeit 'betrübt durch den theologischen und den.atheistischen Haß, verdorben durch die (Gewalten des ' blinden Glaubens und des blinden Pcngncnö. Ten Eult Anderer lieben, während man dem eigenen fich hingibt, den Eult der Anderen achten, indem man gleichwohl sich selbst die Freude an einem (Glauben versagt — diese Tugenden scheinen heutzutage so schwer, daß 8er alte indische König Gefahr läuft, für einen Träumer gehalten zn werden, llnd gleichwohl träumte er zwciuudcinhalbes Jahrhundert v Ehr. Wahrheiten, so erhaben, so modern, so dcnlokratisch, daß cS eine Schande wäre, ihn nicht zn verstehen, ihn nicht zn schöllen, llnd die sanfte und kräftige Art, mit, welcher jener buddhistische König seine Träume auslegtc, hat nicht' nur den Frieden der Seelen gezeitigt, so lange er lebte, sondern auch nach seinem Tode, bcnn .es zeigt sich int Bnddhis mit», selbst als er nicht mehr von einem so großen Heiligen gestützt und ausgclcgl wurde, eine, Tendenz, ans der religiösen Freiheit einen Schall Z» mache». Ein eompelenter Schriftsteller (S>-nard), welcher die Inschriften des Königs 'Piyadasi vom philologisclpzn Ständpniifl er klärt, bcmcrtl, daß die religiöse Toleranz kein Ausnahuisfall war, daß sic nur kein leuchtendes Beispiel hatte, aber eine "allgemeine Neigung wurde, wie die Beweise im Ucbcrslussc zeigen.' llnd wenn cS wahr ist, daß die ehrbareren Menschen jene sind, welche^ aus den menschlichen Herzen den Haß ausgewicscn und ihn durch die Thräncn und,Blnl schonende Viebe ersetzt haben, sollte der Name des buddhistische» Königs nicht nur der geschichtlichen 'Neugierde dienen, sondern zugleich mit Jenen, welche für die Freiheit der Religion oder der Philosophie dachten, litten, starben, unter die Wohlthätcr der Menschheit eingetragen werden.