Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-01-12 · 45 (12.1.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
45 (12.1.1893)
Date
1893-01-12
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441384--0447-4886977
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 45. Seite 2. Freies Blatt. alle sieben Asceten (liüiftcMct oder Bewohner von Hütten; er ehrt sie durch Almosen und auch aus andere Art. Aber der den Göttern thcurc König mißt diesen Almosen und diesen Ehrenbezeigungen geringere Bedeutung bei als dem Wunsche, die moralischen Tugenden, die de» wesentlichsten Thcil bilden, herrschen zusehen. Aber für alle solche Tugenden gibt es einen gcmeinschastlichen Ursprung: die Bescheidenheit der Rede: man darf nämlich nicht die eigene Religion erheben, indem man die andere» in schlechten :)i ü r bringt oder s i c ohne g i l t i g c Ursachen h c r a b s c tz t: cs ist vielmehr von Bort heil, den anderen Religioncir bei jeder (Gelegenheit jene Ehren zu erweisen, die ikncn gebühre». Bei dieser Handlungsweise trügt man zum>Fortschritte der eigenen Religio» bei, indem man den anderen dient: handelt man anders,, so schadet man dem eigenen (Glauben, indem man die anderen disrrcditirt. Wer den eigenen (Glauben erhebt, indem er den Anderer hcrabsctzt thnt cs sicherlich ans Zuneigung für den eigenen mit der Absicht, diesen ins beste Licht zu setzen. Gerade im Gcgcnthcil, wenn man so handelt, versetzt mau ihm den cmpsindlichstcn Schlag. Tarnm allein ist die Eintracht gut in dem Sinne, daß der Eine des Anderen GlaubcnSnieinung anhört nnd duldsam anhört. Es ist iw der That dcrWunsch des den Göttern lhcncren SiönigS, daß alteGlaubensmeinungen aufgeklärt wurden, daß die reinen Lehren öffentlich bekannt werden fallen. Alle, welches auch immer ihr Glaube fei, müsien übcreinstimmen, daß der den (Göttern thcnrc Möitig dem Almofengeben und dem äußerlichen Eulte geringere Wichtigkeit beilegt als dem Wunsche, die wescnt-- liälcn Glanbenslehrcn . nnd die Ehrfurcht vor alle» Bekenntnisse» herrschen zu sehen. An diesem Resultate arbeiten die Aufseher der Religion, die mit der Ucbcrwachung der irrauen betrauten Beamten und andere Tiencr der össcntlichen (Gewalt. Tie Frucht ist der Borlheil des eigenen Glaubens und das Licht der Religion " An anderer Stelle nrtheilt der große König folgendermaßen: .Ter de» Göttern lheure König Piyadasi wünscht, daß alle sieben >die Bekenner der verschiedenen Religionen s rin allen Trrcn wohnen können. Alle, in der That, setzen sich die Unterwerfung der Sinne und die Reinheit der Seele zum Ziele: aber der Mensch ist ivankel mütbig in seinem Wollen, wankclmnlhig in seinen'Rcigungcn. Sound] wird er a,nch daS obeal, welches er hegt, vollständig oder nur nach einzelnen Richtungen hin verwirklichen. Aber' wer das thnt, besitzt, auch wenn er keine reichlichen Almosen gibt, die Herrschaft über die Sinir», die Rciiihcir der Seele, die Erkenntlichkeit, die Treue iy den Reß guugcn, und dies iü immer"eineausgezeichnete Sache. Tic Unterweisung -in der Religion ist die beste Handlung: cs gibt keine wahre Ucbung der Religion ohne Tugend. Zn der That, das Böse ist leicht, das Böse neckt iw.der Raiur, aber diese sträubt sich doch gegen das Böse. Brüher bestanden die Ucberwachcr der Religion nicht, aber ich habe im vierzehnten Jabrc meiner Herrschaft solche Rcligiouswächtcr eingesetzt. Tie bcschästigcn sich mit den Anhängern aller Bekenntnisse zwm Zwecke der Befestigung der Religion, dcS Fortschrittes der Religion, der Nützlichkeit und der (Glückseligkeit der (Gläubigen: sie sind außer bei den Bavanas, den Kamboljas, den Gandharas, den Bewohnern von Snraüra und PctenikaS und den anderen Bewohnern der Grenze noch bei den Kriegern, den Brahinanen, den Reichen, den Armen und den Alien beschäftigt mit der Sorge um deren Bortheil und Glück und uni den-Getreuen.der Religion alle Hindernisse aus dem Wege * zu räumen: auch erquicken sie Jene, welche in Kette» schmachten.". Alle diese zahllosen Anstrengungen mitleidiger Barmherzigkeit für die menschlichen Geschöpfe beschließt der den Göttern theure König Bivadasi, indem er an das künftige Leben denkt, stets bekümmert, die große Klippe des Ucbcls zu vermeiden. Ter König betrachtet sich als das Eentrum aller freien, religiösen Gewissen, welche den Glauben durch Ucberzeugung, durch innige und spontane Tugend und nicht durch (Gewalt nähreu: auch er verändert, hebt, verklärt sich sozusagen, um sich für diesen großen Zweck des künftigen Lebens vorzubcreitcn. Und so urtheilt er über seine Pflichten, über seine Mission. „Es ist meine Pflicht," sagt er, „mit meinen'Rüthen für das öffentliche Wohl zu sorgen. Tic T-uclle desselben liegt aber in der Arbeit und der Gcrechligkcttspflcge, denn cs ist nichts wirksamer fürs öffentliche Wohl. Alle meine Anstrengungen haben nur ein Ziel, diese Schuld . um der Ge'chöpfe willen zu zahlen: ich mache sie, soviel als möglich, glücklich ans- Erden nnd möchte, daß sic in der anderen Welt den Himmel erwerben könnlcn." Tiefe erhabenste Sorge, diese ängstliche Achtung des Lebens leuchten aus jedem Worte, aus jeder That des KünigS. Er bereut die üppigen Gastniahlc, bei denen zu Ehren feiner Tafel jeden Tag bitnbcittaufenbe von lebenden Wesen getödtct wurden, er lröstcl' sich nur bei dem Gedanken, daß nun für seinen Unterhalt bloß drei Thicre getödtct werden: zwei Pfauen und eine Gazelle, und er! v.hrt fort: „Richk einmal diese drei Thicre sollen.in Zukunft getödtct werden." TicfcS Mitftid fühlt er für Alles und für Alle, weil die Guten und die Heiligen gehcimnißvoll unter jeglichem Himmclsfchutzc stehen. Tahcr verbietet er, eine ganze Menge von Thicren zu tödten: , die Ziegen und Schafe dürfen nicht geopfert werden, weder wenn sic säugen, noch wenn sie trächtig sind, noch ihre Zungen unter sechs Wochen. Längs der Wege pflanzt er die Bäume mit den geheiligten Schatten, weil sie den Wanderern und den Thiercu zur Erquickung diene». Unendlich ist feine Sorge ui» .die Seele der Sünder; er schafft eine große Zahl grimmiger Strafen ab: er führt die Gleichheit in den Bcrfahrcn und in den Strafen ein; den zu Tode Bcrurtheiltcn gewährt er drei Tage der Sammlung, »m sich für das künftige Lebe» vorznbcrcitcu: „Auch wen» sic im Kerker cingcschlosscn sind, wünsche ich, daß sic sich des Zcnscits versichern sollen." Bnrnouf und Lassen glaube» schließlich, daß Piyadasi auch das Berd icn st habe, zuerst d ic T o des st r a fc ab geschafft zu habe«. Ter wesentliche Eharaktcr, welchen die Lehre dcS berühmten buddhistische» Königs trägt, ist diq, tiefe Aufrichtigkeit, die lieber zeugung, daß ohne innere Bcrbesserung kein wahres Heil weder in dieser Welt noch in der Zukunft zu sindcii sei: daß cs »ölhig sei, das Herz und nicht nur die Kleidung zu ändern; und je mehr die innere Flamme des Zdcals geläutert werde, desto mehr werde das Leben verschönert und würdig gemacht. Tic Freiheit des Gewissens und der Eulte folgert er aus der Aufrichtigkeit des Glaubens; auch de» Andersgläubigen vertrauen und sie lieben, in der Tiefe dcS eigenen Glaubens Gründe finden für die Achtung vor der Religion aller Anderen: sich nie zufrieden geben mit dein 'Anscheine, mit den äußerlichen Formen — in diese goldenen Borschriftc» klingen alle Lehren aus, und feierlicher als i» jenen ersten Kirchcngesctzcn über die religiöse Freiheit. Tic Bcrwalknng für die Religion, das Gesetz für die Religion, der Fort schritt für die Religion, die Sicherheit für die Religion — das sind die Regeln, welche von König Piyadasi proclamirt und der Freiheit geweiht wurden. Thne die Freiheit würde cs sich um eine despotische Theokratie handeln: durch'.die Freiheit anticipirt er mehrere Jahr Hunderte den Einklang der Ucberzeugung mit dem (Klauben, er macht ans dicfcin, und das. soll ja geschehe», eine Sorge des individucUcn (Gewissens und nicht eine Sache des Staates. Rach dieser buddhistischen Lehre sind die Menschen, oder sollten sic sein, Philosophen, dürstend nach reiner Wahrheit, Erforscher der geheimsten Falten ihrer Seelen, in' unaufhörlicher, schweigender' Betrachtung und Bekennung ihrer Sünden. Bis zur Bekehrung bc$ Königs Pipadasi war der Gott jedes Bolkcs einnationaler, ein zerstörender Gott : Religion nnd Rational gcsühl war eins. Gleichwie man die Menschheit außerhalb dcS Paterlandes nicht fand, cbeirso gab cs außer der eigenen Religion nur Jrrthum. Tic fremden Götter hassen, wie auch den fremden Glaube», die Unverträglichkeit der Eristcnz inrhrerer Religionen unter l^bhnt desselben Himmels annehmen: im Namen des Himmels tobten, im Rainen des Himmels verfolgen — das war die herrschende Glaubens lehre im Alterthum; sie mäßigte sich im alten Rom unter dem Zwang der StaatSnothwcndigkcit und wurde nach und nach panthcistisch in dem Sinne, daß die Götter der Besiegten oder Schutzvölker aufgenommen oder geduldet wurden. Soviel inan'bis jetzt weiß, ist eS Indien, woher das erste Wort von der Gewissensfreiheit drang. Tie Grundlage dieser Forderung ist ausschließlich moralisch, ohne ~jebc Beimischung politischer und convcntipncller Elcmciite. Tie moderne Uebniig der Freiheit der Eulte ist hcrvorgegangen aus dem Eonflirtc der käinpfcndcn Religionen: Katholiken und Protestanten beruhigten sich nach grimmigen Streitigkeiten, weil, sic endlich kainpfcSmüde wurden. Tas erwähnte Edict von Mailand vom Juni 313 macht den Berfolgungcn ein Ende. Zwischen dem untergchenden Heidcnthum und dem erstehenden Ehristcukhum kündigt cs einen Waffenstillstand an: dieser Act ist mehr politischer als religiöser Natur. Tas erhabene indische Manifest wird nur durch religiöse Interesse» inspirirt; cs spricht zum Gläubigen im Rainen seines Glaubens und bemüht sich, diesen zu überzeugen, daß er auch den eigenen Cult ehrt, indem er die anderen achtet. In diesen Behauptungen ist nicht der geringste durch den Augenblick cingegebcnc Gedanke, nicht eine Spur von Bc dürfniß. Jedes religiöse Gewissen erhebt sich, indem cS in einer innerlichen und geheimnißvoUen Unterredung mit sich selbst' rechtet, zur Belehrung vor den anderen religiösen Gewissen. Tic Welt ist voll himinlischcr Keime; sic blühen, in verschiedenen Formen, aber die Wesenheit ist ganz dnrchräuchcrt von der Gottheit. Während man bis dahin und auch nachher aus der tiefen Liebe zur eigenen Religion den theologischen Haß gegen alle anderen Religionen, den verkehrtesten und hinterlistigsten, entspringen sieht, manifcstirt sich in dem vorliegenden Schriftstücke die entgegengesetzte Tendenz. Ter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.