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Freies Blatt · 1893-01-12 · 45 (12.1.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
45 (12.1.1893)
Date
1893-01-12
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Aboniieulkntsprris: Orczcm Jur 2 Unrein* bi'5 Antisemitismus. 0>an;i»lirig mit Postzus'udung . . fl. 2.50. ' 'Halbjährig fl. I.S5. BIcrteljährig fl. —.«5 , ein,',»' Nummern 4 kr. Erscheint an jcdcm Loniitagk. Redactio» und '.Homiuifunrtoa: lOicn I. Jeircrftättc 10. 4iummer 45. Wien, 12. Februar 1893. II. Jnlirtiaiifl. <£in 21Ianifcft der Gewissensfreiheit. Bo» 8. L»;;atii.*> Ein berühmter französischer Schriftsteller, Gaston Boissier, ronnnentirt das von Kaiser Eonstanti» im Juni .413 verösscntlichic Tolcranzcdict von Mailand und bemerkt, daß cs ei» neues System inangnrirtc : daS Princip der religiöse» Toleranz, ossieiclt durch einen Kaiser proelamirt. „Es war das erstemal," fügt er hinzu, „daß die Welt derlei ver'nahin." .»st diese Behauptung genau? Bis zur Stunde glaubten cs fast allgemein Ijcne wenigen Schriftsteller, welche sich mit der Gewissensfreiheit beschäftigten. Aber inan muß briucrkcn, daß die großen philosophischen und religiösen Berändcrnngcn im Dricnkc, und vornehmlich jene Indiens, fast iiiimcr in den (beschicken Eurraas widerstrahlten, welchem von Tag zn rag mehr die geschichtliche Originalität in guten wie in bösen Initiativen al>gcsprochcn wird. Daher darf inan sich nicht wundern zu höre», daß etwa 540 Jahre vor dem Mailänder Edirt die Welt des Morgen landcS — in Indien — ein kaiserliches Manifest über die Freiheit der (iitltc vernahm, das »och viel großartiger und. erhabener war als jenes Eonstautin's. Tic große» moralischen und religiösen Idee», die Leuchtzeichen der Humanitätitu-ji. de...» hinwieder aufbliytcn auf den l'wtecn der (beschichte und Europa erneuerte», sic gingen alle in 'Asien ans. In allen philosophischen Systemen, welche im Laufe der Jahrhunderte einander folgten — von den ersten tosmogcnetischc» Systemen angcfangen bis zu den letzten Bcrwcgcnhcilcn des Positlivismus, welche die (Gottheit immer weiter zurücktricben oder, wie Maine de Biran .sagte, die Unwissenheit anS einer viel entferntere» Ciicllc ansfließen ließen — in "allen diese» ursprünglichen oder modernen Formen der Religion leuchten uns zwei Grundanschauungc» besonders tlar ntgcgcn: daß das Gefühl des (göttlichen dem Menschcnhcrzcn eingeboren sei, und daß dieses Herz daS Bcdürfniß habe, cs auSzndrückcn in voller Freiheit und -Besonderheit e vnriotn), den Elementen der Gottheit selbst. Forschen wir in der (beschichte über die Entwicklung und die Schicksale dieser Principicn nach, so sehen wir mit Befriedigung im Interesse der reinen-und aufrichtigen Religion, daß sic im spontanen 'Rauben ihre glänzendsten Siege feierte, in der bemäntelten Heuchelei, in den wilden Berfolgungcn dagegen jede Größe verlor, verzagte und ticl und manchmal nahe daran war, jedwede' Herrschaft ans der Erde inznbüßcn, auf welche nicht mehr Friede und Liebe nicdcrthautcn, iondcrn gräßlich und von Blut gcröthct das Gewölbe des Himmels herabblickte. Die Gewissensfreiheit begreift in sich auch die Freiheit der Wissen ichaft, welche sich von ihr ablöst wie das Söhnchen vom Muitcrleibc. Besäßen wir die Freiheit des (Gewissens nicht, so würden uns auch die unaussprechlichen Tröstungen des Himmels fehle»; die Herrschaft des Menschen über die Ratnr würde verloren gehen ohih die Freiheit der Wissenschaft! Das Wiehcrcrkennen der ersten Triebe drr Gewissens sreihcil in den entferntesten Ursprüngen, der '.Nachweis, daß der zarte Strahl dcö dichtes selbst in den schwierigsten und traurigsten Momeiucn nicht erlosch, daß die angeborene Güte der menschlichen Ratnr sich lmmcr zu Gunsten der Unterdrückten gcoffenbart, sogar in jenen schrecklichen Zeiten, wo die Unterdrückung im Ramcn Gottes die höchste *) Ter gewesene Minister Luigi Lnzzalti, als Mann der Ltziiseuschaii und Politiker auch außerhalb Italiens hochgeschätzt, veröfseiillichie in der ..Xnvrn Antulogia“ einen „II priuio decrcto «ulIn libertü >ti cosfieii/.a" überschiiebenc» Aufsatz, den wir hiemit nach eingeholier Genehmigung des Berlaisers »nseren Lesern in deutscher llebersetznng bielen. Tugend schien, geheiligt durch die össentliche Mcinnngr—. diese ethischen und eulturhistorischc» Untersuchungen sind so erhabener Ratnr, daß sie in den heutigen Studien eine herrschende Stellung cinnchmen. Jede neue Seite, die dem dünnen Bande über Gewissensfreiheit ejngesngi wird, ist ein kostbares Doeumcnt, welches^den Adel unserer mensch lichcn 'Ratnr bestätigt, und erleichtert wohlthätig die Herzen der freien Menschen, die freilich noch durch ungcrechlc (besetze- und Borurilieile, . noch ungerechter als diese bedrückt werden. Wie Eonstantin zwischen Heidcnlhnm und Ehristeiilhiiin, so sieht der indische König Asoka zwischen Brahinaismus und Bnddlns inuS, dem Ehristenthlim des ÜTricnts. Diese zwei ^großen Männer geben die für unfehlbar gehaltene alte Methode der Bcrfotgnygcn ani und vcrlranc» sich der Ehrfurcht vor den Eultcn, der Freiheit an. Sic konnten das Gemetzel im Rainenst^ottcs sortsetzcn, aber sie ließen davon ab Das ist ein Art von Klugheit bei schwachen Regenteli, ein Aet großer Weisheit bei einer unbeschränkten Herrschaft über die OV wisse», und jene Fürstcy verdien,cir daher das Lob, welches Ammianns Marecllinus dem Balcntinian spendet, welcher /ich in seinem Reiche dadurch berühmt gemacht hatte, daß er sich nrillen unter den verschiedenen Religionen nnvarteiisch hielt, weder irgend Jemande.', beunruhigte, noch r-eroroneie, vag man Dies'» »».hr als J.inn verehr.a soll, noch durch Drohungen die 'Racken der Unterkhanen vor den von ihm verehrten (Gegenständen beugte. König Asoka, ivegen seinerGrausamkeit der, „Wüthendc genannt, bekehrte sich zum Buddhismus und führte mit aufrichtiger diene das Leben 'eines Heiligen. Wir stehen zwischen L5'.> und 222 v. Eh. G. Hnndeuvierzig Jahre früher verurtheilie Athen, die größte der dcepnbliken, Sokrates zum Tode, weil er die Götter seines Baterlandes "beleidigt Halle. Sei» großer Schüler Pl-.no schließt in seiner „Republik" nnd'in seinen „Gesetzen" alle jene Bürger, die nicht Anhänger der Slaatsrcligion sind,- aus. Auch jvcnn n. nch seder Art Propaganda enthalten, schaden sie durch ihr Beiiviel: wenn sic mit dem Gleichmnth und der Milde des Weiien sich abge'oiiderl halten, erscheinen sie ihm-deshalb nicht weniger schuldig. Er verurili;u sie zu fünf Jahren Hast, während welcher ,4eil ihnen, um sie zum wahren Glauben znrückznsühren, jeden Tag eine Predigt "gehalten werden soll. Sind aber die Atheisten, die Leugner derheimatlichen Göller, voll Eifer für die Propaganda und suchen nie dje Gläubign, die Bürger jener.vollkommenen "Republik.zu.verführen, dann sollen sie in schreckliche -Kerker rcergenkt werden, nnd nach dem Tode verwehre man ihnen das Begräbniß. Wie in so vielen anderen Lehrsätzen der „Republik" und der „(besetze" wuchs das inctaphnsische Ideal ans Nt alltäglichen Wirklichkeit hervor, weil die Grieche» einer rohen und" fanatischen Trthodorie gehorchten, die sich ans den Stolz, der Priester käste Mid den Aberglauben des Bolkes gründete. Darum wurden auch die von Plato in seinen unsterblichen Büchern angcdrolsten Slra'en wirklich vollzogen, wie der Schierlingsbecher des'Sokrates und die Flucht des Aristoteles beweist, der ein neues Attentat der Athener ans die Philosophie verhindern wollte. Protagoras wurde zur Flucht g. zwungcn und sein Buch über die Götter aus Bciehl der Behörden verbrannt; auch Anaragoras, deb gefangen war, fand sein Heil in der Flucht: ThcodoruS, der „Atheist" genannt, und wahrscheinlich auch Diogenes von Apollonia wurde» als Gottesleugner vor Gericht gestellt So ging eö in der freiesten Stadt"dcr Welt zn. injendn Jahren, »i welchen von dem entfernten Indien eine viel höhere Glaubenslehre, die Befreierin der religiösen (Gewisse», anSging - - Aber bevor.wir unseren Gegenständ cingelpend erörtern und seinen geistigen Werth bestimmen, hören wir das Evangelinm des, weisen nnd sanftmüthigcn Königs: „Der den (Völkern Ihenre König Pmadasi "' l

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