Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 43 (29.1.1893)
- Date
- 1893-01-29
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 48. Leit« 6. Freies ergibt, i« feiner Weise in ursächlichem Zusammenhang mit der plötz-_ lichen Einladung der Hannover'schen Justizbehörden, die Göttinger Irrenanstalt einer längeren,'wahrscheinlich lebenslängliche» Besichtigung zu unterziehen. Ter Friedensschluß mit ineiner Familie war vielmehr nur die iialurgemaße Consequenz eines bereit« seil I'/, Jahre» sich vorbereitenden und im lepteu halben Jahre zum völligen Turchbruch gelangten Umschwungs in meiirer Beurtheilung der Judenfrage. Tag eS für mich nach wie vor eine „Judenfrage" gibt, möchte ich an dieser Stelle nochmals nachdrücklich beton,'„! Aber diese Frage liegt jenseits ^er Grenzen de« politischen Gebietes Sie ist eine heilige Krage, die nicht zum politischen Handelsobjeel und pockwitiel für die uiizusriedcitkii Masten hcrabgewürbigl werden darf, und zu deren tzösung nicht die Redner und Schreier ronservativcr oder antisrmiti>'cher Radauversainmlniigen und Parteitage berufe» sind, sondern nur die, die von Viech» und Hoffnung erfüllt sind für da« anserwählte Polk Gottes, das nicht bloß das religiöse Polk der Pergangenheit - ist, sondern auch das der Zutuns«. Tarum habe ich jenen „chrisltich-arüchen" Handelsjuden. die anS der Judenfrage „o Gcschäslche" machen, die das Polk, ans dem der Heiland hervorgegangen, znm Object politischer Schachergeschäsie eruiedrigen und als wohtseilen Preis »ür werthvolles Siimmvieb bingeben, unddie durch ihre völlige Lieblosigkeit gegen das Polk. ans dem das Christcnihnm erwach'k», 'nur beweisen, wie weit sie noch vom echten Ehristentlmm entfernt sind »ud wie lies iie noch i» den P.a»de» deS He i'denibums stecken, öfteutlichen Xampf a»gesagt! Und ich hone mich in diesem »ianips aus eine Parteiorganisation, stutzen zu können, die uiehr vermag und fcüer gefügt ist, als die der conservativen Temagogie! Meine Parieigenosten sind die Apostel! Ter Parleizweck ist die Ausbreitung deS chrinlillirn Glaubens! Tas Parteiprogramm ist da« dreizehnte Cavitel des erste» atoriniherbriei'es! Und der Parieiches heißt — — Ehrinus! «Aiitiscinitifcht Taktlosigktit" am Kntlicöcr. ■ Ter preußische Hof Historiograph Trcitschkc bat wieder cinmül sein antisemitisches Vicht an der den Wissenschaften - gewidmeten Stelle leuchten lasten, während feiner Borlesung über politische Theorien au der Berliner Ilnivcrsität führte Trcitschkc aus: „Revolutionäre können wir nie gut nennc», da eine Revolution imiiicr einen rlccchtsbruch bedeutet. Wir Müssen uns also gegen die Worte verwahren, die unser derzeitiger Rector. Birchow i von guten Rcvolntiönäre» gcsaselt hat." Rach dicscni Ausspruche begannen verschiedene Studenten als Zeichen des Mißfallens mit den Fußen zu scharren, während andere in lauten Beifall ans brachen. ' Herr v. Treiti'chse, welcher bekanntlich taub ist, merkte von beiden Aeußerungen nichts und ließ sich in dem Fortgange seiner Bor lesung nicht stören. Je mehr Treitschke selbst im AntisemitisiiillS aufgcht und den (belehrten adsircist, desto mehr scheint ihm das Ber-- ständniß für die wistenschastliche Bedeutung Anderer abzugehen, wen» diese nicht in AntiscinitismüS machen, sondern wie;. B. Birchow auch um die Abwchridcs sich hervorragende Bcrdienste envorbcu haben. Tas MaschiiienlikfcrnilstSlillgcbok Der Jvirma ^ocuic an Frank reich. > War das ein Värni in allen antisemitischen Blättern, als ein Pariser Boulevardblatt die Sensationsnachricht brachte, die Firma Vocwc habe im Jahre ltHri Frankreich ein Maschinenlieserungsangcbot .gemacht. Sogar die sonst nur verschämt antisemitischen Journale lebten sich^in eine „patriotische Entrüstung" hinein und zogen' an einem Strange mit den Srganen des unversälschtcstcn Radau-Antisemitismus. Am lautesten schrie über das „verrärherische Treibeninternationaler Inden" die „Kreuzzcirung", und selbstverständlich unterließ es auch das -Wiener Antisemitenblatt nicht, das »achzubete», was ihin «eine Berliner Meisterin vorbetetc. ‘Jiiui nimmt aber das.Hamburger :Trgan des Fürsten Bismarck ausführlich'Notiz von einer in der Münchener „Allgemeinen Zeitung" veröffentlichten Tarstcllung eines deutschen Industriellen, aus der sich die Grundsätze ergeben, nach denen in Deutschland allgemein bei KricgSmateriallieferuugcn 'au das Ausland gehandelt wird. Tas Trgan des ehemaligen Reichskanzlers führt aus: „Es verlangt die deutsche Kricgsvcrivaltung, wenn sie mit einheimischen Fabriken Brrlrägc abschließt, wo sie es für nothwendig oder nützlich hält, Geheimhaltung und Nichtlieferung an das Ausland oder die Bcrpslichtung zur Einholung einer spcciellen Erlaubniß. Wo sie sich nicht aus Geschäftsverbindungen und Bertrüge stützen kann, aber dennoch die Ablieferung gewisser einheimischer Fabricate an einen aus- .«värtigcn Staat verhindern will, verständigt sic darkon.die betreffenden Fabrikanten, und zwar unter deutlicher Hervorhebung der aus dem Zuwiderhandeln sich ergebenden Com'equenzen. Sie ist über alle' bezüglichen Borgängc orixnkirt und, wenn ihr die Ausfuhr irgend welcher Fabricate »ach einem auswärtigen Staat den eigenen ^Interessen nachtheilig erscheint, in der Vage, die Ausfuhr rechtzeitig zü verhindern. Tic deutsche Kri'gsvcrwaltung ist dabei imnjer von der Erkcnntniß ausgcgange», daß sich die eigenen Fortschritte in der Herstellung von j Krieg SmateriaL nicht für längere Zeitdauer der .«ienntniß anderer i Staate» verheimlichen lassen, und sic hat nur verlangt: daß ihr selbst! Blatt. ein entsprechender Borsprung gesichert bleibe. Nach diesen Darstellungen, die für unzutreffend zu halten wir keinen Grund haben, erscheint die Gefahr einer wirklichen Schädigung deutscher Interessen durch Vieferung von Kriegsmaterial an das Ausland thatsächlich so gut wie ausgeschlossen. Um so berechtigter ist die Forderung, der deutschen Industrie den Absatz nach dein Auslande und damit ihr Gedeihen nicht aus Gründen zu erschweren, «pelchd mit der Wohlfahrt des eigenen Vandcs «zichts zu thu» haben. Die deutschen für daS Kriegsmaterial arbeitenden Industrien können'— vollends neben den ausgedehnte» Staatsfabriken — nicht ständig mit einhcimisckscn Aufträgen versorgt werden. Es treten ganz erhebliche Pausen ein. Wollte man die einheimischen Industrien über die Fälle eines klarlicgcnden Interesses der eigenen KriegSverwaltung hinaus in dem Berkchrc mit dem Auslände beschränken, so wurde» sie in ihrer Veistungsfähigkcit' und Entwicklung rasch zuri'ickgehc», bald veröden und verfallen. Ter Fortschritt in der Fabrication würde in das Ausland verlegt — der Fortschritt, die Arbeit und der Bcrdienst — mit kurzem Wort: ohne eigenen Borthcil würde man nur der ausländischen Eoncnrrcnz diene». Ter Einsender in der .Allgemeinen Zeitung' versichert, daß diese Anschauungen und Grundsätze durch die oberste politische Leitung nie eine Einschränkung erfahren hätten — sicher nicht, so lange Fürst Bismarck Reichskanzler gewesen ist. Es ist noch zu wenig bekannt, mit «pclchcr Energie und wie klarer Erfassu'ng auch der technische» Situation der 'erste Reichskanzler seine ganze Autorität eingesetzt hat, um die Ncubcwaffnung unserer Armee in Fluß zu bringen, Nachdem aber der Borsprung errungen und dem eigenen Erfordcruiß vor gesorgt war, hatte der Reichskanzler den einheimischen Jndnstric» gegenüber nur den einen Standpunkt: Nehmt eure Aufträge, woher ihr sie bekommen könnt; sorgt für die Aufrechthaltung eurer Betriebe und verdient an Russen und Franzosen, was ihr zu verdienen vcrmögct. Der Geschäftsbetrieb eines industriellen Etablissements kann jedenfalls auf Grund keiner anderen als wirthschastlichcr Erwägungen erfolgen; auf Bewerbung um ge- ^«vinnbringcndc Viefcruug an das Ausland aus Gründen des Patriotismus zu verzichte», kann 'dem Betriebe nur zugeinuthet werde», wenn mit der Lieferung eine Schädigung des eigenen Vandcs zweifellos verknüpft ist und die Militärverwaltung das Etablissement darauf hinwcist. Wenn die deutsche Industrie durch patriotische Enthaltsamkeit nicht verhüten kann, daß sich das Ausland gut bewaffnet, so wird sic kein Borwurf treffen, wenn sie ihrerseits versucht, die Viefcrunge» für. sich zu erlangen, anstatt den Gewinn hieran der ausländischen Eoucnrrcn; zu überlassen. Aus angeblichen diplomatischen Situationen Bedenken gegen den Abschluß vortheilhaftcr Vieferungen an das Ausland zu entnehmen, kann die deutsche Industrie schon deshalb nicht verpflichtet sein, weil sie keine genügende Kcnntniß der Situationc» hat und ihr B. nicht znzumuthen ist, auf bloße Zeitungsartikel hin ihren Betrieb einzuschränkcn." So viel wie Hninmcrsteiii und Bergani wird wohl auch Fürst Bismarck von den Pflichten deö deutschen Patriotismus verstehen. (Antisklllitischc Dcliricn.) Tie scincrzcitigc Eutdccknng der „Xowoje Wremja“, wonach die jüngste BcrsassiingSändcriiiig in Bulgarien auf die Absicht des Fürsten zurückgcführt war, eine jüdische Tpnastie in Bulgarien heimisch zu machen, wird nun durch eine Meldung des Pariser lluliii" secundirt, wonach die bulgarische Berfaffung deshalb geändert worden sei, um dem Fürsten Ferdinand die Ehe mit Fräulein v. Blcichröder zu gestatten, die als Jüdin den bulgarischen Thron besteigen «volle. Voild die russisch-französische Alliance auf dem Gebietder Bcrrücktheit. Ein heiratsfähiges Fräulein v. Blcichröder gibt eS jcvt überhaupt nicht. iLaukcr Zlldtll.) Tic Antisemiten sehen «vicder einmal den Himmel voller Baßgeigen, d. h. die Welt voller Juden. Tic Panamascandalc sind Wasser aus ihre Mühle, denn nun «vird Alles, «vas den Herren unangenehm ist, als 'Jude auf die Proscriptionsliste gesetzt. Gerade kritisch gehen sic dabei nicht vor, «vic wir schon in der letzten Nummer an dein Beispiel des Generäls Saussicr gezeigt. Auch Rouvicr uud ganz besonders der Schivindlcr Arton müssen in den Augen der Antisemiten Juden sein. Tic „Allgemeine Zeitung für das Inden thu m" schreibt nun mit Rücksicht auf die beiden letzteren: „Es. ist eine Lüge, daß der französische Exministcr Rouvicr ein Jude ist oder auch nur von sinken abstamme, und ebenso ist cs notorisch, daß der in den Panamaproceß so arg vcnvickclte Banguicr Arton streng katholisch ist und erst jüngst mit Eardcnälen und hohen Geistlichen «nieder das Projcct einer .katholischen Bank' ausgchcckt hat." Dasselbe Blatt macht ferner darauf ausmcrksäin, daß auch das anj gcblichc Judenthum V u n g c's, des Sammlers der Welfeufondsquittnngcn, gleichfalls nur eine von den Antiscmitcnblättern frech ausgcstreute Er! sindung ist. Es ist übrige»« psychologisch sehr interessant, daß gerade