Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 43 (29.1.1893)
- Date
- 1893-01-29
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441380--0432-4886964- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 43. Freies Blatt. Leite fr. greifen aber dabei die Grundlagen der ganze» heutige» Besitz ordnnng an. Aus deist-stleid gegen einzelne Eapitalisten entspringt dann der Haß gegen daS Capital überhaupt. So verwirren sie die Begriffe deS Volkes, erschüttern alle Belhaltnissc und habe» den Llassen, welchen sie ihre neue Lehre predigen, noch nicht den geringsten praktischen Nutzen erwiesen. (Nicht bestätigt.) Wie aus M ah re» b erg berichtet wird, wizrde der neugewählte Obmann der dortigen Bczirksvertretung, Alois Langer, ein eifriger Antisemit und Parteigänger Schönercr's, vom Kaiser nicht bestätigt. In Folge dieser Nichtbestätigung hat der BezirkSobman» stellvertreter Franz Tietinger, .ei» Gesinnungsgenosse Langcr's, seinen Posten niedergclegt, und daS von der Witwe Zang erhaltene Grazer Antiscmitenblatt, welches die Mahrenbcrger lobt, weil sic Schönerer zum Ehrenbürger machten und die 'Niederlassung eines oiibcu „klug" verhinderten, kündigt eine Erörterung des Falles Langer im steirischen Landtage an. , (Kauft nur bei Ehnstcu.) Aus Prag wird uns geschrieben: Ter hochgeborne Fraucnversammlungs Mranstalter in Wien ist auf dem besten Wege Schule zu machen. Schon ruft ein tschechisch-antisemitisches Blatt, ,.Na§e z&jmy“, seinen Lesern: „Kauft nur bei Ehristen!" zu und liefert so eine nette Illustration deö Märchen? vom antisemitenreinen Moldaustrand. Mit dankcnswerther Energie hatte die Staatsanwaltschaft den Rothstift über diesem confcssionellcn Weckrufe walten lasten, und auch in der EinspruchSvcrhandlung wurde die Eonsiscation bestätigt. Der gelehrige Schüler Liechtensteins, Rcdacteur H n s c k, prahlte bei der Berhandlung mit der Behauptung, es 'seien ihm von jüdischen Advocatcn Tausende von Gulden angctragen worden, er mögc vom Antisemitismus ablasscn. „Ich könnte," sagte er, „iip Wagen fahren und Hühner estcn, > wenn ich dies thüie; doch mir ist mein Ideal, der Antisemitismus, viel zu heilig." Uns aber klingen diese Worte des Herrn Hu^ck. wie die Fabel vom Fuchs und den saueren Trauben. » «Verleihung des Ehrrstbürgerrechics.) Aus Proßuiy wird uns geschrieben: „Herr Mori; Eisler, Doetor der Philosophie und Schuldirector in Nikolsburg, ein gebürtiger Proßnitzcr, wurde dieser Tage zum Ehrenbürger der hiesigen Jsraclitengemcindc ernannt. Herr Tr. Eisler genießt in weiteren Kreisen den wohlverdienten Ruf als hervorragender Pädagog, und die Gemeinde hat, als sic ihm anläßlich seines siebzigsten Geburtstages diese Auszeichnung zutheil werden ließ, sich selbst geehrt und den Beweis erneuert, daß sic gemeinnütziges Wirken zu würdigen versteht." (Aus dem preußische« Abgeordiiktcuhause.) Gelegentlich der Berathnng deS Etats der Domänenvcrwaltung im preußischen Ab gcordnctcnhause kam der Ucbcrgang der Eonservalivcn vom latenten zum offenen Antisemitismus zur Sprache. Ter Eonscrvasivc Freiherr v. Mi nnigcrode sagte: „Ich erkläre bezüglich des Anlisemitismus, der jetzt in unser Programm anfgcnommen ist, also nicht {mehr der subjektiven Meinung des Einzelnen unterliegt: Wer noch Ideale im Leibe hat, westen Her; noch höher schlägt bei dem Gedanken an die Größe der christlich-deutschen Nation, der verlangt eine christliche Obrigkeit und christliche Lehrst für christliche Kinder." Diese Erklärung beantwortete "Wr Freisinnige Rickert unter dem Beifall seiner Partei' gcnostcn wie folgt: „Der conscrvalivc Parteitag ist ein Wendcpunlt in der Geschichte der .großen eonservalivcn Partei' gewesen. Ich bi» immer der Ansicht, daß cS viel bester ist, mit seiner HcizenSmeinung heranszukommen, als sic zu verberge». Da haben wir gesehen, daß der eigentliche Spiritus rector Ihrer Partei Herr Stöcker ist. Man muß nur das Scelcnvcrgnügcn auf Ihrer Seite sehen, wenn er spricht. Herr v. Minnigcrode hat cs klar ausgesprochen: unsere Stellung in diesem 'Punkte steht fest und nntcrlicgt nicht mehr dem Subjektivismus des Einzelnen. Er hat das gegenüber Herrn v. Hell' dorfs »nd den 23 Dcclarantc» gesagt, die nach seiner Meinung nicht werden wicdergcwählt werden. Herr v. Miunegcrodc l>at nnS von seinen Idealen erzählt, die er im Leide trage: christliche Obrigkeit und christliche Lehrer für die Jugend. Das Ideal, das ich in meiner Seele trage, ist anders; cs beruht auf der preußischen Berfas snng, die wir alle beschworen haben, und deren (Grundsätze auch Ihr einstigen: Führer, der getaufte Jude Stahl, hier respcetirt hat. Sie machen einen Rückschritt gegen die Verfassung, wenn Sic eine lediglich christliche Obpigkcit wolle»! Wie weit wollen Sic denn gehe»? Soll der Artikel 12 der Bcrsastung verleugnet werden, wollen Sie die Juden nicht mehr zu Richtern haben? (Rufe rechts: Rein!) Das wollte ich eben von Ihnen höre». Aber das deutsche Grundgesetz vom 3. Juli best immt, daß die Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher A e m t e r vom religiösen B c k e n n t n i ß unabhängig i ft. Ties Gesetz wurde am 2. Juni I8G.» fast einstimmig angenommen: selbst Herr Windthorsl sprach und stimmte dafür, und uns: die Mecklenburger waren dagegen. Di-cS deutsche Grundgesetz ist unser Ideal." y . (Ein Schreiben Rudolf Gllkist's. Ter berühmte RechtSlehrer Dr. Rudolf Gneist veröffentlicht ei» Schreibe», in Ivelchem er die zeitweiligen politischen Entartungen zum Gegenstände seiner Betrachtung macht lind auch auf das Bünduiß der deutschen Eonscrvativcn mit den Antisemitc» zu sprechen kommt, über welches er sich folgendermaßen äußert: „Das unheimliche Gefühl des allmälig unter den Füßen wci chcnden Bodens ist cs, welches extreme Parteien zu allerlei Bündnissen mit i>en heterogensten Elementen verleitet. Schon bald »ach I8-t-< wurde daS Bestreben sichtbar, dem verhaßten libcralisircnden Bürgcrthum die .Arbeiter Bataillone' auf den Hals zu schicken. Ta diese Methode nicht inehr anwendbar erscheint, ohne den Großgrundbesitz selber zu gefährden, so lag der verführerische Gedanke ziemlich nahe/den Rei d gegen den Besitz,- dem auch unsere Mittelstände sehr wohl zugänglich sind,..mit dem Racenhaß zu kum.uliren und mit diesem Borspann 'eine Anzahl konservativer Wahlkreise, wenn sie nicht für die Partei zu behaupten sind, wenigstens dem Liberalismus nicht znfallc» zii lasten. Diese Politik. crsckicint kurzsichtig, da das Hetzen gegen eine Art des Besitzes zuletzt immer sich gegen de» Besitz als solchen richtet. Gewiß gibt eö nichts Unnatürlicheres als die Eoope ration einer conservativcn Partei mit einem Dcnunciantcnthum, welches von einer fixen Idee aus (vergleichbar dem Berfolgungswahusinn) sich gegen die solidesten Grundlagen unseres Staate», eine rechtschaffene Berwaltung, insbesondere Militärverwaltung richtet. Nichts Unbesonneneres als ein zweideutiges Berhalten einer Partei gegen die Berdächtignng unserer GcrichtSsprüchc, während die deutsche Gesetzgebung mehr als jede andere gethan hat, um von den Gerichtshöfen auch den entferiycste» Schein der Befangcicheit oder Parteilichkeit hernzuhalten. Hergänge wie die Tivoliversainmluna wirken übler als zehn Mißgriffe dar Partei leitung in anderer Richtung; denn gerade solche Hergänge bleiben Jahrzqhnte hindurch tinvergesten."! (Zur Bcrlincr'Abwehrartion.) Eine große Anzahl hervorragender Bürger israelitischen Bekenntnisses, in Berlin erließ Nachstehenden Mahn ruf: „Die Ereignisse der jüngsten Bergangcnheit haben gezeigt, in welcher gewisienlosen Wesse der. Antiscmitismns weiteren Bolksschichtc» cinznimpfen versucht wird. Nicht vieler Worte bedarf es, um die Ge fahren zu schildern, die sich hieraus ergeben. Mit.außerordentlicher , Rührigkeit und unterstützt von sehr großen Geldmitteln, betreiben schon j feit Jahren die Antisemiten ihre Agitationen; uns fehlen die.ent sprechenden materiellen Mittel, um in umfastender Wirksamkeit den ausgestrcutcn Bcrlcuuidungcn und Verdächtigungen entgcgenzutrcten, die immer gefährlicher werden müffcn, wenn ihnen nichOnachdrücklich die Wahrheit gegcnüdergcstellt wird. Um für dicicn Zweck Mittel zu beschaffen, sind die Unterzeichneten zusammengetreren: sie wollen ins besondere durch Flugblätter, durch Broschüren, durch Wandcrredncr . jene falschen Behauptungen bekämpfen, welche antisemitische Flugblätter, antisemitische Broschüre»,- aniiscmilischc Wanderredner mit der Absicht ansstrcnen, allmälig die staatsbürgerliche und sociale Stellung der Juden zu untergraben. Es handelt sich nicht darum, schlechte Elemente, die eS in unserer wie in jeder Gemeinschast gibt, in irgend einer Weise zu schütze», sondern es gilt allein und ganz ausschließlich, die Rechtsgleichheit mit allen gesetzlichen Mittel» zu vertheidigen. Wir sind überzeugt, daß unsere Glaubensgenossistl zu ernsten Spfer» für diesen ernste» Kampf bereit sind: wir führen diese» Kamps nicht für unS, sondern auch für unsere .iiinder In unserer gefährdeten Lage haben wir das beruhigende Bewußtsein, daß unser eigenes,'Inlercstc mit den, . unseres deutschen-Vaterlandes auf das Engste verknüpft ist. Tic anli semitische Verleumdung, die uns bedroht, macht auch vor>Ehrlsten nicht Halt und züngelt bereits durch das ganze Slaalsgebande. Indem.wir uns vertheidigen, trete»' wir somit Elementen entgegen, die die Festig- „ feit unserer öffentlichen Instilulioneu auf die Tauer .untergraben müsteti. Tic zusticßendcn Beiträge, werden /»ach den hier augedcnteteu Gesichtspunkten zur Berwendung gelangen." .' I (Ter Bekehrte.) Tr. Ehristoph Morris de Ion ge Hai von Zürich aus an die Berliner „Mittheilu»gen" neuerlich folgenden Brief gerichtet:. < ' 1 j In Ihrer Nr. :>■ wird einer Miltheilimg des „Neich»boren"'Eiwähmi»g gethan, der znsolge ich mich mit meinen Ellern auSgeiöhnt haben „soll". Diese Miltheilnng ist zutreffend. Tie Aussöhnung hat sich aber nicht auf meine-Ellern beschränkt. Sie hat sich vielmehr aus meine ganze nähere Familie, insbe sondere auch ans meine drei Brüder ausgedehnt. Auch istsie» bereits vor einiger Zeit erfötgt, indem sic schon Anfang November durch eine» Bneswechsel mit einem in Paris wohnhaslc» Snkel mülterlicherseitS, den ich daraufhin, seiner Einladung folgend, besuchte^ vorbereitet wurde und Ansang December zur Anssührung gelangte. Sie steht also, wie schon die Vergleichnug der Ieitdaleu