Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 43 (29.1.1893)
- Date
- 1893-01-29
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 4. Freies MhI'jic ftolfl.'ii „ach sich ziehen werde, Heule gab nun Tr. Fischer Ansklärungen über dieie Angabe» de» Päreres. Er coiistalirte mm, daß. vo» einer Gesund Kcilsiiörmig des Ntiiien Waprinek absolut keine Rede sei» konnte; daß er dein Knabe» »ach der Untersuchung-den Rath - gegeben, sich einen halben Tag kalte Umschläge zu machen, wenn er überhaupt etwa« zur Beschleunigmig der Heilung tdu» wolle, und ihm ansgetragen habe, die Schule sofort wieder z» besuchen. Tr. Fischer stellte ganz entschieden i» Abrede, daß die Züchtigung irgend welche Folgen nach sich gezogen habe, und gab au, daß gar keine Veranlassung daffir Vorgelegen in, daß der »nabe dar.Bett hüte und die Schule nicht besuche Weitere machte Tr. Fi'cker die interessante Mitlheilung, daß der Vil.ibe, obwohl er bei seiner sofortige» Untersuchung über Kopfschmerzen nicht geklagt, drei bi« vier Wochen später zu Tr Fischer mit der Mitlheilung ge. keiiinien sei, er leide in Folge der Züchtigung noch immer an Kopfschmerzen. T-tr ^seuge bade inbeß iofoil das lügnerische und Tendenziöse in den Angaben d/s Knaben erkannt und ihn einfach abgcwiesen. Ter Gerichtsarzt, Tr. Bela Wein, der in Folge des Ersuchens des Hauptangeklägte» Popper den Knaben;n>et Tage nach dem Vorfälle gleichfalls untersiicht hatte, traf denselben in der "T.wüuung seiner Eltern im Bette stehend an, wie er eben mit einem Schul, eollegen Allotria trieb. Tiefer Zeuge constatirie, daß von einer Verletzung ab 'ellit keine Rede sein könne; es sei also gar keine Veranlassung dafür vorhanden gewesen, daß der Knabe da» Bett hütete und die Schule nicht besuchte. — Tr S eidler (Vertbeidiger des Adolf Popper): Es handelte sich also, Herr Toekor, im vorliegenden Falle um nichts Anderes als um eine Comödie?! — T r. W e i ß: - Ich alS Gerichlsarzt will diesen Ausdruck, nicht gebrauchen, allein es lag wirklich kein Grund vor, daß der Knabe der Schule fernblieb. Oberlehrer Meißel producirl das Rohrstäbchcn, mir welchem Popper den kleinen Waprinck gezüchtigt halte. TaSselbc ist ein ganz dünnes, morsches Rohrstäbchen (spanisches, :>iohr>, mit dem selbst bei Anwendung der größten »traft eine V^letzung nicht zutgc'ügt ivcrden kann. Herr Meißel erzählt auch, daß der Knabe auf seine Ver aiilas'ung ain Tagx »ach dem Vorfälle in die Schulkanzlei gekommen sei, daß er; Zeuge, Um dort untersucht und lediglich zwei Ltrieinen constatirt habe, dir i» der Regel die Folge einer ganz gewöhnlichen, nicht übermäßigen Züchtigung bilden. Bei der nochmaligen Einvernahme der Betheiligten spielte sich «ine tnamaii'che Scene ab. Ter Angeklagte Popper gab. nämlich an, daß er de» Knaben wenige Stunden nach dem Vorfälle, welcher Gegenstand der Verhandlung in, au» der Gaffe spielend angetroffen habe. Trotzdem der Knabe dieses . Factum später selbst zugesiand, rief Tr. Unterberger, der Vertreter der An klage, Herrn Popper zu: „Tas ist nicht wahr." Angeklagter Popper -erregt ans Tr. Unierberger zmretend-: „Herr Toctor, ich verbiete mir, mich einer Lüge lfu zeihen. Wenn ich auch Angeklagter bin, spreche ich dennoch, unbeirrt von dem eventuellen Ausgange des ProceffeS, nur die Wahrheit." Tr. Unlerberger schwieg. Ter Sckuldiener Riegelbauer traf den Knaben, als er am Tage nach der Züchtigung in der Wohnung der Ellern erschienen war, um einen Ans trog de» Oberlehrersauszusuhren, in der Küche, wo derselbe mit häuslichen Arbeiten beschä'iigl war Ter staaisamvaltliche Functionär Handel und der anliieniitische Atvocat Tr. Unierberger als Vertreter des Waprinek stellte» Anträge ail' Verurlkeilung des Herni Popper und des der Mitschuld bezichtigten Lehrer? Fille, wäkrend der Verrheidiger Tr. Seidaer erklärte, bei der Wucht de S anfgcbrachttn B ewe is m a ter ia le« au' ein Plaidoher verzichte» zu könne». Tie ganze Affaire habe sich al» der Ausfluß eines Comödienspielc« gezeigt, bei dem die Vertreter der Anklage die Rolle der Tupirten gespielt bitten Tiefer Erklärung schloß sich auch der Verlh)ldiger Tr. Gustav Adolff Singer an. woraus der Richter ein frei! pre ch e nb e s Urtheil fällte und die Privaidetheiliglei: mit ihren Er-avansvrüchcn von £.0 ft. aus de» Eivilrechts -weg ivies. > Tic aillisciiiiliichc» xiampsreden gegen das Capital. Angesichts der Tharjache, daß satt in jeder Antiseinitciivelsaininlung der eine oder der andere Redner gegen das Kapital loszieht, kam deutsch-liberalen '^rovinzblätkern von sachkundiger Seite eine eingehende Würdigung dieser agitatorischen Thälig/eit zu. Aus besrcnndetcn Leserkreisen wurde "nun uns" gegenüber der Wunsch geäußert, .von dem conipctentcn llnheile über ruchlose, demagogische Ilmtriebe Roti; zu nchinen". Wir cnisprcchelt diesem Wunsche um so bereitwilliger, als wir den unS empsohlenen Aussav ebenso belehrend wie interessant finden. Es heißt in demselben: Tie Antisemiten eignen sich ganz die Terminologie der Socialdemokraten an, obwohl sie sich dagegen verwahren, Anhänger der Socialdemokratie zu sei» Obne Capital ist aber keine selbstständige Production möglich; wenn man also die colleclivisti'che Production nickt will, so muß man das Capital in den Händen bo» Einzelunternehmern anerkenne». Wer diese Frage der Rechtsordnung und der Gükererzeugung anstckt, untergräbt die ganze Grundlage der heutige» Ge sell'chakt und Rechtsordnung. Trängl inan die Antisemiten an diesen Punkt der Fragestellung, io sagen sie: nicht das Capital überhaupt, sondern das Groß cavikal ist es, welches schädlich sei. und welches sie bekämpfen. Stellen sie sich vl'o damit doch wieder auf de» Bode» der heutigen Rechtsordnung, so müßte» sie ebenso einlehen, daß die ganze gegenwärtige Entwicklung aus industriellem Blatt. Nr. 43. Gebiete ohne daS große Capital uninögtich gewesen wäre. Wie wäre denn die ganze Bauinivollindustrie, ohne welche ivir un« dir ivohlseile Bekleidung unseres Volke» gar nicht denken könne», möglich ohne da» große Capital? Ist die Eisen Industrie, die Papierindustrie, die Erzeugung chemischer Waaren anders denkbar als im Großbetrieb? Wen» die Antisemiten in ihrem KaMpf gegen das Groß capital consequenl sein wollen, so müffcn sie die^Existenzberechtigung aller dieser großen Industrien, wasche das kennzeichnende Merknial de» neunzehnten Jahr hundert« sind und die ja die Grundlagen der heutigen großen Verkehrs und Handelsbeziehungen gelegt haben, auch anfechte»; sie müffen sich gegen die Eisen bahnen wenden, den» die Eisenbahnen und Locomotive» werden auch nur durch große« Capital und großen Betrieb hergestellt. Oder wolle» sie vielleicht die so geschaffenen Berhältniffe gelten laffe» und nur jenes Großkapital in solchen Industrien anfechten, in welche» daneben noch concurrirende Kleinbetriebe de stehen? TaS heißt gewiffe Industrie» jeder weiteren Entwicklung berauben. Kan» ei» veriüinstiger Man» glauben, die Tuch- und Schaswollindustrie über Haupt müßte aus de» Betrieb kleiner Tuchmacher beschränkt werden? Sollen inechanische Webstiihle, deren Ausstellung großes Capital erfordert, veibole» werden? Glaubt man damit die Concurrenzsähigkeit der einheimischen Production zu erhöhen? Sollen Maschinenschlofferei, Metall,varensabricalion untersagt werden, weil eS daiiebe» viele Schlosser und Spengler gibt? Und spielt denn nicht auch in dem sogenannten Kleinbetriebe daS Capital eine große Rolle? Wo liegt den» überhaupt die Grenze zwischen kleinem und großem Capital? Wird ei» Tischler, der durch Fleiß und Geschick sei» Capital,;. B. von 11>.*KX> fl. ans 103.1X10 st vermehrt hat, mmmehr 20 statt 3 oder 4 Gehilfen beschäftigt und allenfalls eine kleine Tampjmaschine ausgestellt hat, deshalb zu einem gemeinschädlichen Schmarotzer der bürgerlichen Gesellschaft)' Wenn ein Bauer seine» Besitz ver größert, seinen Vichstand vermehrt, ein« oder die andere landwirthschastliche Maschine anschafft, so thut er auch »ichlS Anderes, als sein Capital vergrößern: ist es aber Jemandem eingefallen, es» solches Beginnen als eine schädliche Au« gebürt der große» capitalislischc» Betriebe z» bezeichnen? Und doch ist e« nichts Anderes als die Anwendung größerer Capital^summe» aus den landwirlhschaft lichen Betrieb. Treibt mach die Antisemiten in diese Enge, dann stottern sie verlegen, das .dältcn sie mit'ihren Angriffen esege» da« Capital nicht gemeint, es sei nur das -mobile, da« Geldcapital, wogegen sie sich wenden. Ist, cs denn wahr, wie die Anlisemilen behaupten, daß das Geldcapital ein Unglizck für ein Land list? Sind den» die capitalearme» Länder iin Osten Europas oder gar in Asien/ glücklicher und wohchabender al« der civilisirte, capitalskeäftige Westeis? Ter unbesriedigende Zustand jener liegt nur darin, daß sie zu wenig Capital habe», und die Unbe licbtheik des Capital» oder bester gesagt der Capitalisten i» Oesterreich-Ungarn hat wesentlich ihre» Grund darin, daß so Viele den Mangel a» Capital schmerz lich empfinden und darum jene Wenige» beneide» und anfeinde», welche in, Besitze de« so allgemein »othwendigen ProductionSmiltclS sind. Haben denn nicht alle ReZiermigen solcher capitalsarmer Länder gestrebt, fremdes Capital ins Inland hereinzuziche», um den Volkswohlstand zu söider»? Und daS Geldcapital iin engeren Sinne des Wortes ist auch »ichtS Andere« als die Ansammlung von, Ersparnisse», welche eine sruchtbringcnde Anlage suchen. Die Antisemiten sind ja Anhänger de« Staatsbahnsystems. Womit soll den» der Staat Eise» bahnen bauen, wen» er daS Geld hiezu-nicht durch eine Anleihe ausnininii? Es ist aber ein großer Jrrtbum, zu glauben, daß di« Staatsanleihe,i den, Staate von einige» großen Banke» und Speculantc» gewährt, werden. Tas Vermögen dieser Geldinstitute, wäre bald erschöpft, wenn sie dem Staate nichts Anderes aus die Anlche» einzahlen wollte» alS ihr eigenes,Capital. Sie sind nur Vermittler, welche die Ersparnisse vo» Tausenden in diese Anlage leiten. Und kaust nicht daS sogenannte kleine Publicum das ganze Jahr hindurch Obst galionen und andere Wenhpapiere, um seine Ersparniffe zinstragend anzulegen'? Alles dieS ist »ivbileS Capital. Wenn der initiiere Bürger Pfandbriefe kaust, so leiht er sein inobilcs Capital dem Grundbesitzer, die Psandbricsanstalt ist nur der Vermittler und Bürge des Geschäftes. Ist es den» zu wünsche», daß alle diese Forinen des heutigen CreditvcrkehreS aushören, oder ist eS nicht vielmehr zn wünschen, daß unser mobiles Capital fortwährend znnehme, damit der Zinsfuß für Staats- und Hppothckarsch»Iden noch mehr sinke? Wen» England feine Consols vor zwei Jahren auf 2:,;4 und 21/, Percent herabgesetzt und Millionen an Zinse» dadurch erspart hat, jo ist ihm diese großartige Operation nur mög lich geir>esen wegen der iingchcure» Maste des mobilen Capitalim Lande, während bekanntlich alle capitalsarmen Staate», also Staaten, welche nach der Meinung der Antisemitc» von jener Pest des mobilen Capital« »och weniger ergriffen sind, einen hohe» Zinsfuß für ihre Anlehen zu entrichte» gezwungen sind, welche in letzter Linie die Steuerträger ausbringen müffen. Capital al« solches ist kein Unglück für ei» Land, kein Verderben für seine Moral; treiben einzelne Capitalisten Mißbrauch mit ihrem Capital, schädige» einzelne SpeeUlaiilen daS ehrliche Geschäft, dann greife mau diese einzelne» Fälle schonungslos an, hüte sich aber, das Kind mit dem Bade auSzuschütlen. Und^dari» liegt das Widerwärtige der antisemitischen Angriffsweise: sie Hetzen ganze Bevölkerungskrcise gegen andere, sie benützen'daS sociale Unbehagen zahlreicher Bernse und lenken e« gegen alle Jene, welche in der socialen Stusenlriter etwa« besser gestellt sind.