Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 43 (29.1.1893)
- Date
- 1893-01-29
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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J Seit« 2. - Freier sich nicht um Haaresbreite über das geistige und moralische Niveau , -des Spcncet'schen Pächters'erheben, heißt das nicht wieder, waö wir schon so oft behauptet, daß der Antisemitismus bloß von den rohen Trieben im Menschen zehrt und lebt? Nicht den gemeinen Mann tadeln wir so sehr, der sich durch die grundgescheitcm Rede» des Herrn Toctors auS der Stadt bestimmen läßt; aber waS sollen - wir zu dem Führer sagen, der sich sein Urlhcil über eine technische Arhcit, wie die der Tonauregulirung, von einem Bauer des Marchseldeö in den Mund legen läßt? Er allein ist uns für Alles verantwortlich, was die Folge der antisemitischen Hetze sein wird, den» er muß es wissen, daß auf die leichtfertige und einseitige Weise der Antisemiten nicht nur keine einzige Detailsrage des Staates und der Gesellschaft, sondern auch die sociale Frage im Allgemeinen nicht gelöst werden kann; er soll und muß es wissen, daß für die Lösung des einen wie des andere» Problems vor Allem drei Dinge nothwendig sind: Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe! Albert v. Dervger. böswillige Verdächtigungen. -?mu' Sippe, deren scandalöscS Gebühren ini niedcröftcrrcichischcn Vandkage von Sr. Majestät beim Empfange der Rcichsrathsdclcgation auf das Schärfste verurtheill wurde, setzt auch im Äbgcordnctcnhausc ihr „Reform"werk fort und mißbraucht die Parlamciitstribüne zu Vcr dächtiguilgcn solcher Art, daß der Ministerpräsident Nicht umhin konnte, sic als „böswillige" yu kennzeichnen. In der Sitzung des AbgeordnetenbausrS vom 26. d. M. gelangte folgendes Schreiben dcS Grafen Taaffe I an das Präsidium des Hanfes zur Perlesung: Wie Eurer' Exeellcnz bekannt ist, hat in ber Sitzung des AbgeordnetenlaiGs vom t2. December r. I. der Abgeordnete Tr. tlitgtr b:i Besprechung der Berbälluinr der Hebensversicherüngsge^ell'chaft „Phönix" eine in der Rubrik „ÄlMvorlcn der Sckiriffleitiiiig" der in Wie» erscheinenden periodischen Truck schrist „Drilliches Polksbtatl" voiP 22. Juni v. I enthaltene Notiz citirt, derzusolgc der Chef des versicherungsleckni'chen Bnrcans im Ministerium des Inner», Herr Ministeriallaih Sann, außer dem ihm als landcssUrstlichem viomntiffat der genannten Bersichcrungsgesellichafl gebührenden Iahresbezuge von ein weiteres Jahresnrnm von 3000 st. seitens der Lebensversickzerungs 'ge'elljckiakt „Phönix" und eines von 4000 fl. seitens der alten „Azicnda" beziehe. La mit dieser Notiz, welche erst auS Anlaß der Rede des Abgeordneten Tr. tzneger zu meiner stenntinß gelangt ist, gegen Ministerialrath staan die Anschuldigung einer strafbaren Handlung erhoben wurde, habe ich bereits am nächsten Tage das Ersuchen a» die hiesige Staatsanwaltschaft gerichtet, beim Wiener Oandcsgerichle in Strafsachen die Einleitung der Borerhebungen in dieser Angelegenheit zu beantragen, nin gegenüber diesen gegen einen Beamten des Ministerin»'- des Innern etbobenen schweren Beschultigungc» volle objeclive stlarbeit herbeiznsübren. Es wurden denn auch am Antrag der Staatsanwaltschaft ''eilend des Slraigerichles der Abgeordnete Tr. tzneger, der Herausgeber des „Tenr'chtn Bollsblattes". tzandlagsabgeordnetcr Ernst Bergan», der leitende Bcrwaliungsrath des „Phönix", Tr. Carl Biel, der Tberbuchhalter der Hebens vcrstcherungsgescll'chasr „PbSUix", Earl H am ve l »> enc r, der entlassene Beamte des „Phönix", Hetmann Gcider, der Tirector der pebensverstcheruugsge'ell- >chask „Phönix", Tr. James st lang, endlich der frühere PAuhemaliker dieser (l-eselktchast, Tr. Bcuzion Igel, einvernommen. ' Tie gepflogenen Erhebungen haben ergeben, daß Ministeaielrath staan weder für die frühere. Gesellschaft ,,'Azieuda" nech «ür den gegenwärtige» „Phönix" jemals Arbeiten geliefert, ilnd daß er in seiner Eigenschaft alS la ndcsfürstlicher Lominissär beim „Phönir" (früher „Azicnda"» außer der bestehenden Tlaaisau'iichtsgcbühr von 80" st. weder von der einen noch djr anderen der genannte» Ge>'ellr'chakten aus was immer für einem Tiletje eine vermögensrechtliche Zuwendung erfahren habe. Mit Rücksicht am dieser -Ergebnis; beantragte die Staatsanwaltschaft die Ein fiel lang der Borerhebungen auf t^rund des » 00 2t. P. C. In Folge dieses Antrages nurdcn denn auch vom Untersuchungsrichter die Borerhebungen in gestellt und der-Erhebungsael an das imr unterstehende.Ministerium des ' Iunern geleitet Auch die beim Ministerium des Innern bestehende TiSciplinara :umi::io»,' au welche ich die mir zugekommenen Borerhebungen geleitet habe, bar'iit ihrer Sitzung vom 48. .d. M. beichloffcn, daß wegen Mangels jedes der Ahndung durch die DisciPlinarvorschviften unterliegenden Thatbestandes zur Einleitung eines Disciplinar verfahren» gegen Ministerialrath Kaan kein wie iinincr ge arieler Anlaß vorliege. Tas Restiltat der gepflo>zeneu Erhebungen hat^ >oi»il ergebe», daß die gegen eine» verdienten und ebrenhaffen Beamten erhobenen schweren A»schuldi- Slatt. ,__ Nr. 43. , gungen jedwede».Grundes entbehren, und daß sich somit die Djit. theilungen der „Deutschen Bolksblatt" vom 22. Juni v. I. al» böswillige Berdächtigungen Herausstellen. Ich beehre mich, diesen Sachverhalt Eurer ExceUcnz mit dem Ersuche» zur Kenntniß zu bringen, denselben gütigst dem hohen Abgeordnetenhause in entsprechender Weise mittheilen zu wollen. ' - Wien, 23. Jänner 1893. Taaffe Das „Deutsche Volksblatt" setzt in seiner Abendausgabe vom 26. d. M. seine Leser von dem voranstchcnden Schreiben desMinister präsidcnteu in folgender Weise in Kenntuiß: „Der Präsident verliest eine amtliche Zuschrift, in der dein Hause die Einstellung des Verfahrens gegen Hofrath Kaan mit dem Bemerken mitgetheilt wird, daß die von dem Abgeordneten Dr. Lueger auf Grund einer Rotiz unseres Blattes erhobenen Anschuldigungen sich als völlig grundlos erwiesen hätten." Unter dem unniittclbaren Eindrücke der cmpfangcncu moralischen Dhrfeige so wortkatz, raffte sich das „Deutsche Bolksblatt" am folgenden Tage zu einem Artikel auf, in welchem zwar nicht mehr statt der „böswilligen Verdächtigungen" eine bcschwichtigungs-hofräth liche Ausdruckswcisc gebraucht, dafür aber in unverfrorener Weise zu verstehen gegeben wurde, das Blatt wäre imstande gewesen, sein. Verdächtigungen zu erhärten, wcnu mau cS rechtzeitig geklagt hätte Johannes Scherr hätte so etwas eine bronzcstirnigc Frechheit genannt. (Zur ^eichstagswahl in Liegnitz. i , Im schlesischen Wahlkreise Hiegnitz, woselbst in Folge des Ablebens des Abgeordneten Hange eine Ersatzivahl vorzunchmen ist, entwickeln die durch den Erfolg in Arnswaldc erniuthigten Antiscmitcu eine kein Mittel verschmähende Agitation für ihren ReichslagScandidatcn, den als Vcrthcidigcr Ahlwardt's bekannten Rechtsanwalt Hertwig. In Scifcrsdorf gelang cS ihnen mit Unterstützung des AmtsvorstchcrS, ein. Versammlung, i» welcher der freisinnige Eandidat Stadtrath Wecker ans Breslau auftrat, zu sprengen. Die Scandalscencn, welche sich dabei abspicltc», widerten Herrn Wecker derart a», daß er sich bewogen fand, von der Eandidatnr zurückzntrctcn. 'Run hielten .sie ihr Spiel für gewonnen. Ihre Agitatoren Förster, Werner :c. sprachen schon von einem, zweiten Arnswalde. Auch in einer Eharlottenburger Anti scinitcnvcrsanimlung, in welcher ein „Schriftsteller" Wilberg das große Wort führte; war bereits vom Siege in Hicgnitz die Rede: zu glcickrwurdc dort den Eonscrvativc», die sich noch nicht für Hertwig nffört hatte», eine „fast jüdische Undankbarkeit" vorgcworfcn Den Vorgängen im Wahlkreise Hicgnitz widmete nun die „'Ration" folgende Bemerkungen: Tnrch ihr rüdes Auftreten im Wahlkreise Hicgiiitz haben cs die A»i> seinike» zuwege gebracht, daß der freisinnige Eandidat Stadlrath Wecker ve» seiner Eandidatnr zurückgelreten ist. . . . Tieier ganze Zwischenfall ist in mauttigsacher Beziehung charakleriftisch; er zeigt an einem concreten Beispiel, welche Wirkungen di« anliscinilische Agitation für unser politisches Heden hat Herr Wecker zog sich von dem.stampfe zurück, weil er angeckclt war von den Forme», in denen dieser .stampf geführt wurde. Wir, können nun zwar ei» solche» Zurückweichen keineswegs billigen, den» gerade der Wahlkampf ist ein Mittel,- um die Bevölkerung politisch zu erziehe», »nd die Bedeutung dieser A»> gäbe ist eine so große, daß cs nicht gercchlscrtigl ist, sie bei der ersten ernsten Schwierigkeit fallen zu lassen. Ei» Eandidat ist hergebrachtermaßcn bereit, mit anständigen Gegnern i» die Schranke» zu treten; seitdem aber durch die Antisemiten wieder einmal das RowdieSthnm in die Politik cingebrochen ist, gehören starke Nerve» doch, damit jener gleichwohl seiner Pflicht genüge, dem die Bevölkerung die Ehre einer Eandidatnr auf die Schultern gelegt hat. In^dem Verhalte» der Ami iemilen lieg! daher Methode; in je roherer Weise sie den Wahlkamps e»! flammen taffen, um so eher hoffen sie sensiblere Naturen cinzuschüchter». Tag ihnen das vorübergehend gelingt, hat sich gezeigt; aber freilich kann ein solcher Erfolg eben nur vorübergehende Bedeulnng haben. Ter politische .stampf b.n keine angenehme Spielerei zo-fcin; sondern er ist eine schwere Ausgabe, »,r gerade die steigenden AuSschreiluugen der Antisemite» sollten eS zuwege bringen daß die Zahl der ernsten Männer wächst, welche sich im öffentlichen Jnterep'e für gebunden erachten, mit aller Schärfe und allem Nachdrucke der Partei Slöcker-Ahlwardt-Hammcrsteiii ciitgegeuz.,treten. Die Wahlbewegungen, die unter den jetzigen Verhältnissen entbrennen, werden einen milden Charakter daher nicht gerade anfweisen, und so kommt za den Gefahren, mit denen uns der AntisciniliSnuiS bedenkt, auch jene »och, daß er dazu beitragen wird, schwächliche Gemülher in ihrem Widerlvillen gegen das allgemeine gleiche Wahlrecht zu bestärken; auch das wäre eine Nebenwirkung, die den Lonfervative» - sehr gelegen käme, den» die Beseitigung des heutigen