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Freies Blatt · 1893-01-29 · 43 (29.1.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
43 (29.1.1893)
Date
1893-01-29
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Ad-N,iri»kiitsprkis: (Dr^an zur 2lbuvbr bes Antisemitismus. n,z,adrig mit Poflzufrudung . . fl. 8.5«. _ ” p.iU-jiihrig fl. > 85. Bitrlefjährig fl. —.05 tSinieli« Jtummcrn 4 fr. (vrfd)Ctllt Ült jcbtlll SoilUtflijC. Nummer 48. Wien, W. Jänner UM. Redactio» uiid Aümiiiislratio»: Dien I. §eircv(iatto 10. II. Jahrgang. Leichtfertig, aber einseitig. „Bei einer Pfeife in der Dorfschenke sngt der Arbeiter sehr benimmt, was daö Parlament in Betreff der Maulfäule und Klauenseuche zu thun hat. Am MarktwirlhshauStische trommelt jri» Herr, der Pächter, mit de» Fäusten, daß die Gläser springe», indem er nachdrücklich behauptet, daß er nicht, die Hälfte Ersatz für seine während der Thierscuche nicdergestochenen Thicre erhallen habe." Mit diesem Zug für Zug den realistischen Sohn Albidns vcrrathenden Genrebilde aus dem Apolitischen Leben der iintereu Elassen beginnt Herbert Spencer sei» berühmtes Study nl Sociology, und der bahnbrechende Denker knüpft daran die treffliche Bemerkung, daß es unter Politikern des obenerwähnten Schlages keine schwankeiiden Meinungen gebe, daß über Dinge, welche das Ackerbauinteresse betreffe», die Ansichten, einfach dogmaliich sind, und daß eine Abweichung von diesem Dogma des „M'arktwirthöhauötischcö" entweder als Duminhril oder Schurkerei gelle. I 'Was würde Herbert Spencer sagen, wen» er Gelegenheit hätte, unser: Antiscmileiz,^bei, der „A.beiJ", .d..h. bci der politischen Kannegießerei zu sludiren? O, da gibt cs gleichfalls keine schwankenden Meinungen, keine controversen Anschauungen, keine »»gewissen Situationen, nur exacte Thalsache», unumstößliche Togmen und für alle Jene, die nicht mit an dem gemeinsamen Strang ziehen, die reizende Alternative, für einen bare» Dummkops. oder durchtriebene» Schurken zu gelten. Und diese allerliebste Methode wird nicht etwa bloß auf Dinge, die das Ackerbauinteresse betreffen, angewandt; o nein, j« entfernter, eine Frage ihrem geistige» Horizont, je unzugänglicher sie ihrem Fassungsvermögen ist, je mehr sie nach einer ruhigen Lösung durch reicherfahrene Fachmänner schreit, und je weniger diese Fachmänner selbst sich in ihren Meinungen über daS schwierige Prclilem einigen können, desto lauter und entschiedener tönen und dröhnen dlc Urthcilssprüche darüber von der Bierbank, desto bestiminter wird den «Geologen und ergrauten Fiiianzpolilikcrn die Lösung der WährungSirage, den Medicinern der Gebrauch oder Richtgebrauch der Äuhpockrnimpfung, einer aus hervorragende» Fachmännern zusaniniengcjetzlcn Stromregnlirungs- und Wasserversorguilgscommission die Beseitigung technischer Schwierigkeiten und endlich den Parlamenten der ganzen Welt die Lösung der sociale» Frage vorgeschriebe». Ja inll geringeren Problemen als diese» thun'S unsere werlhgcschätzten Herren Gegner nicht, und man weiß nicht recht, was man bei derartigen Lösungen n In Alexander mehr bewundern soll, die '.'»ichlfcrligkeit oder die bornirte Einseitigkeit! Man fühlte sich unwillkürlich an . die EinlcilungSworte des ^pcncer'schen Werkes - erinnert, wenn man vor wenigen Tagen im österreichischen Abgeordnetenhause die durch die antisemitischen Nörgeleien Geßmann's hervorgerufenen Ausführungen des als Geologen, Hydrotechniker und Politiker gleich hochgeachteten Abgeordneten Sueß über die Donaurcgulirung bei Wien hörte. Nachdem der Genannte in fesselnder Weise ein Bild von der Riesenarbeit eines derartigen Unternehmens gegeben und weile Per fpcctiven auf den Bau des Suez- und Panama EanaleS eröffiilt hatte, kam er auf die kleinlichen, hämischen und dummdreisten Angriffe der Antisemiten gegen die Donau-RegnlirungScommissio» zu sprechen und fertigte die antiseniitischen Rabulisten in gebührender Weise ab. „WaS wollen denn eigentlich der Abgeordnete Geßmann und die anderen Personen, die uns wiederholt angreifen?" koniite Professor Sueß mit Fug und Recht frage», denn er wies dem bekannten Standredner haarscharf -nach/ daß er auch nicht einmal über die primärste» Elemente der Wassertcchnik unterrichlet se>, und daß er mit unverantworlticher Lcichlferligkeil die Argumente im österreichischen Parlamente ,nachbete,- welche ihm „die Lente draußen" aufgehängt/.„Der Abgeordnete Geßmgnn," benierkle Professor Sueß, „hat davon gesprochen. waö ihm die, Leute dranßeir erzählt haben. Einen Stiefel, einen Rück, einen Apfelstrudel zu machen, dazu braucht man einen Äesähigun'gsnnchwciS, aber einen Wasserbau zu machen, daS verstehe Jeder drairßen." In der Thal, Professor Sueß konnte den ständigen Redner der christlich-socialen Arbeitcrversammlungen nicht besser fasse», als indem er ihn a». sein oberstes und unumstößliches Postulat, den Befähigungsnachweis, erinnerte. Mindestens jede Woche zweimal kann man den Amanuensiö Geßmann über die Rolhwendigkeit des Befähigungsnachweises für das Heil der Welt und Menschheit sprechen hören. Warum soll aber bloß die Erlaubniß zur An ferligung eines Stiefels, zum Schnüren eines Pakets, zum Brate» der guten -Maroni von dem Erweis einer Fachbildung abhängig gemacht werden, nicht aber auch das gefährliche Handwerk, das die. Herren Geßmann, Psenncr, Ammann u. A. Im großen Sthle betreiben? Herr Bibliothekschreiber-, heraus mit Ihrem Befähigungsnachweis zum Hydrotechniker! Herr Wäjchepfaidlcr, heraus mit dem mrdicinischen Doctordiptom, Herr Bergwerksbesitzer von Mühldorf unseligen Andenkens, heraus mit Ihrem Befähigungsnachweis zum Journalisten, und Ihr, Herr Axmann, Psenner, Scheichcr e tutti quauti, wo habt Ihr die berufsmäßige Ausbildung zum Socialpolitiker und Weltverbesserer genossen? Doch ja, so ist's ja nicht gemeint, wir wissen's recht gut. Die Herren gleichen dem Pächter und Arbeiter Spencer's auf ein Haar. Sie denken sich die Reform der Gesellschaft und die Lösung aller strittigen Fragen wie die ^utcn Bewohner des Donauufers, die technischen Gewährsmänner Geßmann's, sich die Lösung der Donauregutirung nach den Worten des Pröfrssjors Sueß dr'nke». Die Bewohner des rechten Ufers wollen den Damm am rechten Ufer, die des linken Users wollen ihn auf dem ihrigen, ohne Rück sicht auf natürliche und technische Schwierigkeiten. So wcrdeii's auch die antiskinitischen Soeialxcsormcr treibe», ganz einfach,.indem sie das verfluchte „Eapilal" aus den Taschen Anderer in die eigenen hinein resormiren, indem sie den Befähigungsnachweis fordern werden überall dort, wo er zur Beseitigung der lästigen Eoncurrenz dien«, für sich aber unbedingt Freiheit des Handelns und des Handels fordern werden, indem sie di?- Genossenschaft für sich als Pro ducciiten hcrbcisehnc», als Eonsumenten aber wahrscheinlich dies schädigende Institut bei anderen Prodnctionöarten nicht cingcführl wünschen werden u. s. w.; ganz nach dem berühmte» politischen Rcccpte der seclcnvcrwaitdif.» Feudalen: -- Und der König absolut. Win» er uuiern Willen Un». Gewissenlose Leichtfertigkeit und^egoistische Einscilchkeii.,. das sind die Hauptmerkmale aller jener Urthcile, die aus der.Tiefe dcr antisemitischelr Uebcrzeugung hervorgehcn und als die v»\ jiopiili vox J)ei so gerne das Eommändomort für de» Marsch des Lebens spreche» möchten. Allerdings haben wir die für Idealisten wenig trostreiche Uebcrzeugnng, daß die Borbedingungen für diese Erscheinung in dem ungebildeten Menschen allerwärls iv gleichem Maße zu finden sind. Daß aber auch die Gebildeten, die Führer der Partei.

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