Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 42 (22.1.1893)
- Date
- 1893-01-22
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Freies Blatt. Seite 4 nttfccrfcit, von denen englische und französische Ingenieure gefabelt batten, lernte jedoch Vaiib und Veutc in niannigfachcr Richtung fcmicii. Dabei habe ich aber fühlen »Nissen, welche peinliche i!agc cs ist, von der großen Matte einer Bevölkerung als „christlicher Hund" angesehen averde», den man ungestraft.ins Icnscils fördern darf. Zwei heim tückische Schüste aus der - stellenweise um .'»<) irreguläre Reiter vcr stärkten Eseorlc nieincr Begleitung galten mir in recht eigener Person. Man tagte: „Dieser Rumi «Ehrisi) kommt nur hichcr, um für den Ben und sich <^old zu entdecken. Findet er solches, so müssen wir Selavenarbcit in den Minen verrichten. Also, wo möglich, fort mit ihm!" Bei allen schwierigen Gelegenheiten konnte ich mich nur auf das ctiva cisi Siebentel der Begleitung betragende jüdische Element stützen, uud nie hat eS versagt. Tort habe ich die Hebräer schätzen gelernt nnd BielcS bewundern müstcn, was sie fertig brachten. Doch nicht allein i» Rordafrika, sondern auch in Südamerika und noch bezeichnender in Rordamcrika habe ich eine günstige Meinung von den Israeliten erhalten, nnd ich entsinne. mich nur sehr weniger Gelegenheiten, bei denen nnangenchme Eigenschaften von ihnen zu Dage traten, dagegen sehr, sehr vieler, bei denen ihre Borzüge,;. B. Mildthütigkcit, in hervorragendem Maße sich geltend gemacht haben, und kann deshalb dem absprcchendcn Urtheil, das R. Fitzner in einigen Sätze» seines außerdem sehr interesiantcn Aufsatzes im „Globus" aus ipricht, nicht bcipslichtcn. Er selbst widerlegt sich ja auch wenigstens z»m großen Theilc in dem, waS er unmittelbar darauf erzählt. Das letztere hat er selbst gesehen und beobachtet, wogegen er das erstere schwerlich auS Erfahrung, sondern wahrscheinlich nur von Solchen haben wird, die sich als von den Juden „-Geschundene" hinstcllen, und das pflegen die am wenigsten Glaubivürdige» zu sein, Zudem irndcrsprechcn auch die doch annähernd analog gewesenen Verhältnisse d« anliegenden französische» Provinz Algier, in der die Juden durchaus nicht rechtlos sind und ali'y viel eher als in Tunis halsabschnciderischc Wuchereien treiben könnten, deren Berhatten in dieser Richtung in Tunis, wo sic fast nie «Gerechtigkeit fanden und nicht bloß Verteum- . düngen, wohl aber noch viel mehr in Form von allerlei Mißhandlungen über'sich ergehen lasten niußtcn. Alls dkm AbgtordllkltNdause.) In der Debatte über dcn^ Bor atschlag des Ministerinmö des Innern, Titel: „Setfentlichc Sicherheit", welche im Abgeordnetenhausc ani 17. d. M. slattfand, wies , Ir Mar Me n gcr auf die vor Weihnachten in Wien abgehaltcnc» Bcriamiulnngen, welche zur Boycottirung derjüdischen Geschäftsleute aiifforderlcit, hin nnd tagte: In diesem Vorgehen sei zunächst eine ttseiahr für die Stellung Wiens als Handelsstadt zu erblicken, da der gwßte 3"heil der Üanfleute im Ssten der jüdischen Eonfcssion augchörk nnd trotz aller Agitationen angchörcn wird und Wien die tvirihichaftlichc Aufgabe habe, die Producte des Westens zu kaufen und »ach dem Ssten zu vertreiben. Jedenfalls aber sei in dem er ivähnlen Vorgehen eine Feindseligkeit gegen die betreffenden Geschäftsleute gelegen, und sei hierin-der Fall des 8 302 des Strafgesetzbuches gegeben. Mau möge welcher Partei immer angchörcn, die Bcsorgniß, daß Wien einen Thcil seiner Stellung als Zwifchenhandelsplatz Volieren könne, theilen oder nicht, die Gesetze, die bcstcl>cn, müssen angewendct uiid gleichförmig ohne Unterschied der Person und Partei a»gewendet werden.-— Das „Freie Blatt"*hob in seiner RcujahrS. numnicr hervor, daß gegen ein Vorgehen, wie cs dem Prinzen z'iechtcnstein beliebt, der 8 302 des Strafgesetzes bestehe, und anerkennt nun das große Verdienst des Abgeordneten Tr. Mcnger, in der Rcichsvertrctung die Rvthwendigkcit der strafgcsetzlichen Sanirung eines die öffentliche Sicherheit gefährdenden MißstandeS betont, zu haben. (5-01 Ausspruch des Erzherzogs Earl.) Ter eben erschienenen hochintcrcsiantcn Sammlung von „Aphorismen" von weil.'Sr. kasterl. Hoheit Erzherzog Earl von Sester reich (Verlag von Wilhelm Braumüller, Wien und Leipzig 1893) entnehmenwir folgende, auch für unsere Herren Gegner sehr beherzigende Worte: „Eitelkeit verbunden mit. reizbaren Rervcn erzeugt Rcligionsschwärmer. Schwäche, Charakterlosigkeit und Mangel an Thatkraft verschafft ihnen Anhang, zvcil viel weniger Anstrengung erfordert wird, sich mit Abltractionen herumzutreiben, als eine Urberzenguna bestimmt aufzufasien und fort während nach selber zu handeln. Es ist leichter. Alles ausschließlich einer höheren Fügung zuzuschreiben nnd zu überlastenum ungestört im Schlummer fortzuwandeln, als die Vergangenheit zu prüfen, um zu erkennen, wodurch wir uns Unfälle zugezogen haben, und diese zu vermeiden, indem man die Gegenwart würdigt und für die Zukunft vorarbeitet. Tic beste Widerlegung der Schwärmer liefert' uns daS Evangelium. Ter Erlöser stellt unr wenige Glaubensartikel auf, ohne .sich in ihre Auslegung oder Auseinandersetzung einzulaffen, alles Uebrige Nr. 42.. seiner Vchrc ist bloß praktisch »msastcnd in ihrem ganzen Umfange die Vergangenheit, die Gegenwart, die des Menschen: Er eifert gegen Jene, welche sich ein (Geschäft daraus mache», die Wahrheiten nnd Vorschriften der Religion zn bekenne», aber dabei die Viel* des Reichsten nicht üben, und zieht ihnen den Fremdling vor, der, weniger bekannt mit crstcrcn, dem Rebclimenschen lautes thut. Er schließt die vom Hinimclreichc aus, welche bloß zu ihm beten, nnd bestimmt cs für Jene, welche handelnd seine Vchrc befolgen." (Bcrliot Dührillg'schcr Schriften.) Das Amtsblatt pnblicirt ei» Erkcnntniß, wonach das VandcSgcricht Wien als Prcßgericht-ans Antrag der Staatsanwaltschaft erkannt habe, daß der Inhalt der ans ländischen Druckwerke: a) „Ter Ersatz der Religion durch Voll kommencrcs und die Ausscheidung alles Indcnthnms durch den nzohernen Völkergcist", von Tr. E. Tühring: >>) „Tic Indcnfrage als Frage der Racsnschüdlichkcit für Eriftcnz, Sitte und Enltnr der Völker", von Dr. E. Tühring: ,') „Tic Größen der modernen Vite ratur", von Tr E. Tühring, das Vergehen und Verbrechen der öffentlichen Aufreizung begründe und das Verbot der Wcitervcrbrcitung dieser Druckschriften ausgesprochen wird. (Eingkstclltc Untcrfll(l)UUj).) Tic gerichtlichen Erhebungen, -welche ans Anlaß einer im vorigen Jahre in einer Vercinsversammlung gehaltenen, gegen die Juden gerichteten Rede des Mechanikers Schnei der cingelcilct worden waren, haben, wie mitgcthcilt wird, mit der Einstellung des Verfahrens geendet. (Der Alttistmitismns im Waldvicrtcl.) Aus ^Tro-sc»dors im Waldvicrtel wird uns geschrieben: Tic Antisemiten geben immer vor, sic befänden sich in einer bloßen Dcfcnsivstcllnng nnd wolllen weiter nichts, als daS „Uebcrwuchern des Judcnthnms" besonders ans wirthschaftlichcm Gebiete verhüten oder cinschränkcn. . Wir in Drosen dorf haben cS leider nur zu gründlich erfahren, wie stichhaltig diese antisemitische Motivirung ist. In unserem friedlichen Srte war für die Antisemiten gewiß nichts zn rcformircn und zn cnrirc», denn Droscndorf beherbergt kaum einen Juden, Nichtsdestoweniger mußten auch wir die Segnungen der antisemitischen Hcilslchrc mit der Ruhe unseres Srtes und vielfach auch mit der Ruhe so manches seiner Bürger bezahlen. Das trug sich ganz einfach zu: Bor einigen Jahre» tam ein angeblicher Ingenieur ans Wien »ach Droscndorf, um sich von einem Augenleiden zn erholen. Durch seine scheinbare Harmlosigkeit, wußte er sich bei cincui Theilc der Bevölkerung einiges Ansehen zu erwerbe», trotzdem Manche, die diesen Herrn von früher kannten, an seine zur Schau getragene Einfachheit nnd Biederkeit nicht reckst glauben wollten. Und in der That, nachdem sich der angeblich krank hafte Zustand gebessert -hatte, entpuppte sich der „Ingönicur" als ein heißblütiger, halbvcrrücktcr Antisemit, der bei nns nur fruchtbaren Boden für seine Propaganda gesucht hatte. Einen seelenverwandten Eompagnou fand er an einem Apotheker, der seine politische Farbe jeden zweiten Tag wechselt und sich nur dadurch in der Gemeinde WürdcnstcUcn zu erwerben vermochte. Als Dritter im Bunde erschien ei» Troscndorfcr Lehrer. Dieses stleeblatt schritt nun rüstig an,dic Befreiung Trosendorfs vom Indcnjoche. Ter Anfang der Propaganda wurde an der Jugend gemacht, jtauin der Schule entwachsene Burschen wurden zu nächtliche» Saufgelagen geladen, bei welchen diese drei Herren präsidirken, und die Folge war. daß einige Burschen von der Srtsbchördc wegen antisemitischcr Ansschrcitungcn bestraft werden mußten. Achtbaren Personen, die ihr Brot in Ruhe genießen wollten, wurde dnrch nächtliche Seandale der Aufenthalt in Droscndorf u» leidlich gemacht, Sonlinergüstc wurden attagnirt, antisemitische Hetzereien in Gasthäusern oder wo cs sonst thunlich erschien, veranstaltet u. s. w Das Vcibblatt der Herren wurde der „Horner Bote", welcher Besprechungen und Beschlüsse der Gcincindcvcrtrctnng Drosendorf in antisemitischem Sinne verdrehte und Personen in Ausübung ihres Amtes nnd ihrer Vertrauensstellung lächerlich machte. Schließlich wurde dieses Treiben den gute» Troscndorscr», die anfangs dem sauberen Eonsortium auf den Leim gegangen waren, doch zu bunt, und die . (Gemeindevertretung sah sich veranlaßt, den „Ingenieur" zu ersuchen, daß er friedenshalbcr den Aufenthalt in Droscndorf unbedingt nur ani daS Röthigste beschränke. In Folge besten kam cs zu einer (Berichts Verhandlung, bei welcher der unwillkommene Gast den Vorwurf „charakterlose! Mensch ohne Ehre" nicht (iirückzuweiscn vermochte. Er fand sich dennoch nicht bewogen, Droscndorf zu meiden, sondern setzte die antisemitische Agitation jetzt erst recht fort Das auserlesene Stich blatt der erbittertsten Angriffe, Verleumdungen und «Dcnunciationcn von Seite der Antisemiten war der Sberlehrer St athrcin, ein ge borener Tiroler und guter Christ, der nichtsdestoweniger die anli semitischen Umtriebe öffentlich und auch in der Gemeindevertretung aus das Schärfste rügte. Merkwürdig, daß cs, sobald Kathrcin dem weiteren Umsichgreifen des Antisemitismus entgegengetreten war, ur- J