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Freies Blatt · 1893-01-22 · 42 (22.1.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
42 (22.1.1893)
Date
1893-01-22
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Blatt. Seite .‘t. Nr. 42. _ Freies Thathandlung die Absicht, den Kläger pt beleidigen oder ihn in der Achtung seiner Mitbürger herabznsetzen, durchaus ferne lag, dag e r vielmehr die Versendung nur zu,dein Zwecke vorn« hin, i, in dadurch den Kreis der Abonnenten dieser Zeitung zn erweitern. Der Vertheidiger <sieleez»nsli'S führte in seinem Plaidoyer aus, daß GeleezynSki als bekannter Häuptling der hiesigen Antisemiten ein begreifliches Interesse an der weitesten Verbreitung seines Parteiblattes habe. ZnniSiege und zur Hebung ihres Ansehens bat also der Feldzug der Antisemiten gegen einen friedlichen Chrenii, an» nicht anSgeschlagen; vielleicht läßt es sich der wackere „Volksiiennd" in Folge dessen vergehen, seinen Abonnentenkreis fürderhin in Czernowitz zti suchen, wenn er in Wien teilte Abnehmer findet „Die dritte Stimme." sLriginal - Miltheilung des „Freien Blattes“.j I Krakau, 20. Männer. „Tie dritte Stimme“ — so heißt ein unlängst erschienenes, von ^iieni ganz unbekannten Autor nanienS Anton Fibich ans Mielee, -mein kleinen Marktflecken in Westgalizien, verfaßtes Buch, welches ,,,»'ere Anfmerksainkeit schon deshalb verdient, weil eS dadurch, daß es : .,a lsicisteSproduct eines schlichten Mannes ist,, als vnx populi er itSjemt. Fibich schreibt: Li.Hr Polen löniieii und werden die Jndensrage nicht so lösen, wie sie nn üiiatischen Mittelalter in Spanien und Portugal gelöst wurde. UnS bleibt nur ■ in Ausweg übrig, nämlich wir müssen uns einfür allemal gegenwärtig i nlti'i,. daß die Jude» mit unS in einem Lande leben; demnach müssen .wir ^,-iirebt sein, sie im Wege gutwilliger Bereinbarung für unsere nationalen Ideen i" gewinnen. Wenn eS ivahr wäre, wie es die Antisemiten prophezeien, daß die :uden andere Völker mit ökonomischer Selaverei bedrohen, so hätten wir Polen, bei uns der Sinn für Realismus und PositivisinnS am aUerwenigsten ent- „ i,ieit ist, am meisten zu befürchten. Allein e» gab und gibt falsche Propheten. Walir ist nur, daß tvir die Jude» jahrhundertelang mißachtet, ihnen nie uii-chnnng getragen und so manchen Fehler ihnen gegenüber begangen haben. Was Wunder also, wenn sie sich isoiirt haben? .. . Die Antisemiten greifen die .inde» wegen ihres Glaubens und ihrer Rare an, und eigeitthiinilich: die Einen .oaäien ihnen Glaubens- und RaeenfaiialiSinn« zum Vorwurf, die Andere» hin- --egen Jrreligiösität, Atheismus und KosmopolitiSinus. Der Jude will mit seiner Religion und seiner Raee die ganze Menschheit beherrschen — sagen die Einen: N'r Jude ist starr und eigensinnig, Jehova ist einzig und allein sein Gott, mir m will im Besitze der wahren Religion sein — sagen die Anderen, i^as ist hie i»gik deS Antisemitismus. Und doch ist das Ehristenthnni ein Product'nicht nur i -r Mischen Religion, sondern auch der semitischen Raee; daS neue Testament >u nur eine Ergänzung des alten, und die freudige Nachricht, daß alle Pro oö.-zeinitge» in Erfüllung gegangen sind, haben in alle Ecken und Enden der e.nen Welt die heiligen Apostel, Söhne Israels, getragen. AuS der Mitte der Inden kapi die allerheiligste Familie, und wenn die Geschichte den Inden sonst '.insttS zuzuschreiben hätte, so sind sie jedenfalls Wohlihäter der Menschheit. Ein logisch und eonseauent denkender Antisemit muß daher auch das Chiistenthnni ar.sechte». Der größte und genialste Feind des Ehristenthuins, Voltaire, mußte, bevor er an das Christenthnin herantrat, zuerst das alte Testament in den Koth stere». Uebrigens waren die Inden iin Alterlhnme ein starkes und abgehärtetes Loli, welches nie eine politische Ueberiiiacht bezweckte und nie.'an ein großes .Kiiisches Eonglomerat dachte. Fern war der Jude im Alterthunie von teti- :::»ie»i Fanatismus, den erst allerlei Verfolgungen im Lause der Jahrhunderte ihm entwickelt haben. Wenn die Juden, nachdem sie ihre politische Unabhängigkeit verloren, trotz 2060jährigen HeruinirrenS, irov nnglaublicher Leri-.!gungen sich doch bis nun behauptet haben, so verdanken sie das ihrer Religion und ihrer beispiellosen Anhänglichkeit an dieselbe. Tie Religion, deren Grund n'ee Enthaltsamkeit ist, und die einen jeden Schritt im menschlichen Leben genau Lorkchreibt, verursachte, daß die Inden, trotz ungenügender 'Nahrung, trotz der nnangenehine» Ghetto-Atmosphäre, eine säst unglaubliche Widerstandssähigkeit be Inndet haben. Selbstverständlich kann und wird eine solche Raee von der Erdoberstäche nie verschwinde». Der Verfasser kommt dann wieder auf die Juden in Polen zu sprechen und sagt: Als die Juden in ganz Europa schrecklich verfolgt worden ivaren, als inan ihnen zur Wahl den Scheiterhaufen oder die Taufe gestellt hatte, öffneten ihnen die Polen weit die Thore ihres Reiches ntid gewährten ihnen Unterkunst, sie durch Verordnungen und menschensreundliche Gesetze in Schutz nehmend. Kasimir der Große war nicht nur ein König der Bauern, sondern auch ein König der Juden. Hervorragende polnische Schriftsteller haben die Juden int besten Lichte dargestellt.. . Daß die Juden hierzulande viel Gutes genossen haben, das ist zweifellos. Ta nur aber mit den .luden in einem Lande walmen, wobnen n euen, und, so Gott will, wohnen werden, so wird es nieln nbaden, ivenn nur nn" kein Blakt vor den Mund nehinen und einige Betrachtungen anstellen, eb und ans welche Weile die Inden der politischen Nation gegenüber ihre Ähnle getilgt haben. Wir sind durchaus nicht berechtigt, den Inden zu verargen, daß ne in dein Momente, in welche», Polen seine politische Selbstständigkeit Verlar,' silli gleichgiltig verhalten hatten. Der polnische Adel trägt große-Schuld daran,'da er nie daran dachte, die Juden in polnische Bürger ninznivaiidetii. - llechrigen-' ist ans de» Schlachtfeldern, ans welchen für die Freiheit Polens geläinpft ivnrde, auch ziemlich viel jüdisches Blut vergossen worden. Berel Joselowiez ist beiweite», nicht der Einzige, der für die polnische Sache käinpste. Wenn die Inden he,» zutage in den einsi^bo» der polnischen Krone beherrschten Ländern zn den Gegner» Polens übergehen, so können wir sie liiesnr durchaus nicht verantwortlich mache», da wir doch sehen, daß an jenen Tuen, wo ihnen nniererseits' wärmere Herzen entgegenschlagen, wie;. B. in Warschau, Krakau. Lemberg und anderen polni scheu Städten, die Inden aufrichtige Patrioten sind . . . WaS wir aber unseren Inden vorznwersen berechtigt ZN sein glaiiben, ist daS, daß sie in eigenihitmlicher Weise alle Fortschritte, die ihre llingebnilg macht, spurlos an sich vorüberziehen lassen. Tie überwiegende Zahl der polnischen Inden gehört noch beute zn den strenggläubigen, den sogenannten „Chasidim“ und huldigt mittelalterlichem', religiösem Fanatismus. .. * Herr All ton Fibich hat auch an den Inden in polnischen Landen mancherlei anSznsetzen, unterläßt eS aber niemals, auf die Mißgriffe der Vergangenheit und Gegenwart hinzuweisen,r welche die Uebelstände schufen, die man jetzt deren Trägern verübelt. Schließlich gibt er der Erwartung Ausdruck, daß die Inden sich modernen Anschanungrn zugänglich erweisen werden,' wozu die Baron Hirsch'sche Stiftung ans gezeichnete Mittel gewähre; erhofft, daß Katholiken und Juden, wenn sie nur Sonderinteressen von Gemeininteressen werden unterscheiden töiinen, sich nebeneinander sehr gut vertragen werden. - N. Np. Die Süden in Nordafrikn. Im „Globus" veröffentlichte R. Fitziier einen Aufsatz über die Juden in Rordatrika', in welchem den jüdischen Bewohnern von Tunis zum Vorwurf gemacht wird, daß, sie es als ihr gutes Recht betrachte», die Moslemim und Christen zn übervortheilen, und daß der größte Theil der eingeborenen Grundbesitzer von ihnen, die Geld-''zu einem wucherischen Zinsfüße von-:»0 bis.40 Pereent verleihen, in hohem Grade abhängig.sei. Im unmittelbaren Anschlnfse an diese Vorwürfe sagt jedoch Fitzner: „Ci» Theil der tunesischen Inden hat sich dein Handwerk gewidmet »nd gewinnt in ehrlicher Arbeit ein ehrliches Brol. In den Bazaren findet inan sie vielfach als Schneider, Schnhinacher, Glaser, Metall- und Goldarbeiter' thütig, und haben dieselben bei fleißiger Arbeit oft einen nicht geringen Grad von (Geschicklichkeit im (siebrauche ihrer primitiven Werkzeuge erworben.“ Im „Ausland" erwidert nun Coniul Tr. Carl T chfenins Herrn - Fitzner-: "Cs sei gewiß klar, man brauche nicht schlau zn sein, um einzniehe», das; Handel mit so hohem Gewinn, wie der vorstehend geschilderte, der Cr * lernung eines Handwertes vorznziehen sei, daß demnach di« Antlagen Fitzner'S gegen die tunesischen Juden mit dem im Widerspruch stehen, waS er später selbst eonl'talire. Aus (''rund seiner Crsahrnngen'an T rt und Stelle schreibt Tr. Schfenins: Abgesehen davon, daß in vielen südliche» Ländern - Pereent .. monatlich für baar geliehenes Geld' teineswegs mir dem Ansdinit - Wucherzinfeii belegt iverden, sondern' geichäfisüblich find, beziehnngS weise vor wenigen Teeennieii noch waren, eristiren die;><» bi-- 40 Pereent, soweit ich die tunesischen Verhältnisse aus eigener An . schauung kennen gelernt habe, nur ans dem Papier, um einen ge wissen Besitzstand zu retten, und zwar vor den eigenen Landsleute», den Steuerbeamten des Landesherrn, des Be», 'die auf marottaniiche Manier zu verfahren pflegen. Tie „dem Juden,verschriebene Crnie" pflegt etwas glimpflicher behandelt zu werden,' weint auch nicht immer, und oft genug verliert der durch keine Schnvgenossenschaft begünstigte - Israelit Alles, was er vorgefchoffen, weil er als rechtlos angesehen - und dementsprechend inaltrülirt wird. Bei den (Glaubensgenossen tan» der tunesische Landmann kein Geld betontnien, weil der Koran be kanntlich das Nehmen von Zinsen verbietet, und was die Haiivliackie ist, sie haben selbst keines. Aber der Jude kann durch direeie oder indireete Verbindung iu.it Europa Geld beschaffen, und durch sein,' Vermittlung werden überhaupt dort vielfach Geschäfte gemacht. Wurde» doch erst Mitte der Sechzigerjahre tunesische Münzen in Paris geprägt und im Lande des Be» i»‘ll»tlaui gesetzt. Ich untersuchte damals einen großen Theil der Regentschaft Tunis bergmännisch für, den genannten hohen Herrn und konnte zwar keine großen Mineralschütze.

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