Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 40 (8.1.1893)
- Date
- 1893-01-08
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Freies Blatt. Nr. 40. „Geld," meinte mein Mann. „ift immer'genug da. Sind Reichsraths - oder VandtagSwahlen, koinnit Ö'clb genug, sind die Wahlen für den 'Gemeinderath, gibt eS wieder Geld genug, kommen wichtigere Zeiten für die (Geschäftsleute, geben die (kanflente was her, damit gegen ihre israelitischen (So »amen tcu geschrieen wird, und so ist immer -,» solchen Zwecken Geld da. Die Politik ist nicht so dnnini, nnd anfangs bat es uns auch gefallen, umsonst tu essen, zu trinke» und zu rauchen" aber ietu sehe^ wir Arbeiter ja, daß wir dabei zugrunde geben und daß sich Niemand unser minimmt." Bei Darlegung dieser Perhältnisse aus dem Munde des schlichten PolksmanneS batte ich unwillkürlich das Bedürfniß, mit der Hand nach dem (iovfe zu ianen, denn ich suhlte'mich einem Schwindel anialle nahe. Ote^t erst verstand ich die ganze niedrige Machinakion dieser Demagogen: sie reizen . daS Poll in seinen menschlichen nnd religiösen Gefühlen ans, sie stacheln seine Habgier, spielen mit dem Elend desselben, reizen die Habsucht bis zur Ekstase nnd weisen auf andere Personen bin, die angeblich alles Geld besitzen, die im Wohl leben schwelgen. Wenn die Petsübrken bis zur Bestialität anfgehetzt sind, fuhrt man sie in die Sineipe und verwirrt ibnen, mit Alkohol nnd Tabakanalm den lebten -liest ihrer Sinne. Man muß nur staunen, daß diese bis zur Bestialität gereizten Menschen nicht sofort zu Brand, Raub nnd Mord greisen und sich mit bloßen Ereeffen begnügen, Nein, diese 'Agitatoren können nicht Angehörige der großen, edlen, deutschen Nation sein, das sind ans der Hölle entsprungene Teufel, die in' i Menschengestalt vor »nS trscheinen. Einer Eombination solcher Schlechtig letten ist ein Menschenherz' nicht fähig . . Am «Schlune der Broschüre gibt der Berfasser einem Wunsclie - Ansdrnek, der in den .(kreisen jener bilden, welche ihrem Glaubens bekenntnisse treu anhüngen, großen Anstoß erregen dürste, nämlich dem Wunsche nach dem Perschwinden der jüdischen Eonfesston, dem liebem tritt aller Inden zum Ebristenthnm. Was ihn hiebei leitet, ist jedoch mitnichten Proselmenniacherei, sondorn ein edles Motiv: stiebe zu Mit menschen: er äußert'sich wie folgt: Wir wünschen eS von ganzem Herzen, daß das Jndentbnm als solches e.inmak zu eristiren aushöre, daß der ewige evnfesnonelle Hader endlich e rimal zu l^rabe getragen werde, denn es ist für den Menschen freund betrübend, daß Millionen, die an einen <''ott glauben gleich uns, welche die gleiche Morallehrc haben wie ivir, einfach iveil sie ihre nstbete in ihrer,vorm zu dem Allmächtigen emporschicken, jabrbnndertelang :u leiden haben Wir möchten mit alter .straft dahin wirken, daß das. JfidenthumalS. solches verschwinde, wobei ivir aber den Angehörigen dieser > Eonfession alles Gute wünschen, geradeso wie ivir möchten, daß jeder Mensch, jedes Thier sowie überhaupt jeder Organismus die ihm zngemessene Zeit möglichst angenehm ans dieser Welt verbringe. Wenn wir uns nun fragen, auf welche Weiie das Judenlhnm abgeschafft werden könnte, müssen wir gestehen, daß wir »ns die stösung dieser Trage nicht etwa durch Truck, Bersolgung oder Scheilerbanfen denken. Wir denken uns die Erreichung dieses Zieles weit einfacher! Wir sehen, daß in allen jenen Staaten, wo volle Freiheit' deS Glaubens herrscht, ivie z. B. in England, Italien, Trankreich n i. w., allgemach das Jndenthum znsammenschmilzt nnd der bestehende :lrcü sich in nichts von seinen cliristtichen Mitbürgern unterscheidet. ES ist also nur die Treiben, welche die Glaubensuiiterschiede ans . gleicht. Ungarn, das gegenwärtig vollständige Religionsfreiheit anstrebt, vollfnhrt den stchersten Schritt, um seine jüdische Bevölkerung zu aisimiliren, denn - wie dies ja das Beispiel in den freie» Staaten schlagend beiveist, werden die aus Mischehen stammenden Nachkommen nicht mehr bilden, sondern ste kehren sich dem christlichen Glauben zu. 'Wenn die (kirchc den ehelichen Berhindungen zwischen Ehristen nnd' Nichichristen in einzelnen Staaten widerstrebt, so begebt sie rin Unrecht, denn ivrnn das Oiibenthnm eine Rare ist, welche eine Jndi vidnalität hervorzubringen vermochte, die dem Ehristenthnm zum Erlö'er wurde, so ist sie gewiß keine minderwerthigere Rare als jene, in der sie. durch eheliche Perbindnngen ansgeben'soll, ja ivir meine», daß > das Ehristenthnm seine Miiston erst dann erfüllen würde, wenn es K»e Eonfeinog, die ihm den Erlöser gegeben Hat, nun durch Ans-! nähme derselbe» in ihre Gemein'cha^t erlösen würde: das ist die erj babene Mission de? Eltristeinbuins! : 1 Tie Broschüre ist, inag man auch mit einzelnen Anssnhrnngen > des Berfaners nicht einventanden fein, immei hin lesenswert!), und wir i können nnr wünschen, daß sie die nröglichstgrößte Berbreilnng finde. l I. st. r s Bliron Hirsch'l'cht Stkftuiig für Galizien »iid die Bukowina.) c Am ’2>. Teeeniber fand unter deniWprsitze des Neichsratbsabgeordneten k Tr Arirold Napovort Edlen v. Porada eine Sitzung desEuraz inrinuiS der Baron Hirsch'ichen Stiftung statt. ES wurde beschlossen, c für die von der Stiftung erhaltenen BolkSschulen in Galizien bei dem galizischen S'andesschulrathe daS Oeffcntlichkeitsrecht anzustreben. Die : Stiftung hat trotz ihres kurzen Bestandes große Erfolge auf dem Gebiete der Perbreitung der Bildung' unter den orthodorcn Juden Galiziens und der Bukowina aufznweiscn. om Jahre 1802 hat die i Stiftung 10 nette BolkSschulen errichtet, so daß sic gegenwärtig bereits 10 Bolksschnlen erhält. Die »vtequciij dieser Bolksschnlen hat sich um 144ti gehoben, ttiib die Anzahl der Schüler an denselben beträgt bereits 3.:5;5f>. IleberdieS erhält die Stifinng 11 Abendschulen mit i'.xO Schülern. Die Anzahl der übrigen von der Stiftnng sub ücntioiiiiten Zöglinge beträgt .‘WO. Es genießen demnach schon 442i$ Zöglinge die Wohlthaten der Stiftung des Baron Hirsch. Im Ganzen erhält die Sliftnng gegenwärtig 114 Unterrichtsanstalten. Tic Hirsch'schcn Bokksschnlen werden auch von christlichen .(i indem besucht, und vom Euratorinm tvird auch für die Ertheilung des religiösen Unterrichtes an dieselben gesorgt. An der Polksschule in Ehrzanow wurde auf .(kosten des Enratorinms ein katholischer -Katechet angestellt. An der (irakauer Baron Htrsch'scheu Handwerkerschnle wurden alle christlichen Bewerber aufgettommett und mit einem monatlichen Stipendium von (> bis st ft bedacht. TaSEreentiveomitn für Weftgalizien, dessen Obmann Uni versitätsprofessor Dr. stkosenblatt ist, hat durch taktvolles Bor gehen Und Schonung der' religiösen (Gefühle der orlhodoxen Juden das Mißtrauen derselben gegen die moderne Schule beseitigt. Zn erwähnen und ijvch die Aenderungen, welche in der letzten Zeit in der Zn sammensetznng des Enratorinms ciitgetiete» sind. Zinn ükegiernngs eommiffär wurde der Statthaltereirath Üceichsrathsabgeordneter Dr. i Edwin P la.z e bernannt. Ueberdies traten ins. Euratorinm ein: Ministerialseeretär Tr. Witold Hausner und Hof- und Gerichts advoeat Tr. Stein. Im Vanfe des Monats Jänner findet im Enra torinm die Wahl des Präsidenten an Stelle des verstorbenen verdienst vollen ersten Präsidenten der Stiftnng, N. v. Türth, statt. Es wurde für diese Ehrenstelle der (Großindustrielle David N. v. <">' n t m a n n in Aussicht genommen. Eilic ^Tailksagtiug".) Ter Schriftsteller Herr Joses Wimmer veröffentlicht folgende „ Tantsagnng" : der ersten Ansführnng meines Stückes .Wiener .Teicrtagc' am Earltheater habe ich von a » tisemiI ii'chrr Seite eine stattliche Anzahl grober Briefe nnd- .(karten erhalte». Alte diese Zuschriften.waren selbstverständlich anonmn nnd haben, was Inhalt und Stbl betrifft, meinen Erwartungen voll kommen entsprochen. Ich betrachte dieselben als ebenso viele Zeichen ehrender An erkenn nng nnd sage den betreffenden Absendern " hiemit den ihnen gebührenden Dank." tWiihlrrvrrslimmliiiig im ll. Bczirke.) Am :-r..d. M. fand in der Brigittenau eine zahlreich besuchte allgemeine Wählerversammlnng statt. Als Einbcrnfer der Persammlung waren ans den Einladungskarte» der ehemalige EEmeinderath Banmeister Tranz Berner t, Bezirksausschuß Alois E;erny, Ortsschnlrath I. M. Köck nnd (kanfmann Georg Hutter verzeichnet. Bernert, seinerzeit ein Anhänger der liberalen Partei, hat sich bekanntlich vor einigen Jahren der antisemitischen Partei angeschlossen und ist auch von derselben als Ge meinderathSeandidat ausgestellt worden, allerdings ohne einen Erfolg erzielt zu haben. Es mußte nun aiiffallen, daß die Namen der als ,Tortschrittsmänner bekannten Herren Köck nnd Ezernr» gemeinsam mit denen der Herren Bernert nnd Hütter ans den Placaten zu lesen waren. Thatsüchlich meldete sich sofort nach Eröffnung der Persamm . lung Ortsschnlrath Köck zum Worte, um zu erklären, daß mit seinem N a m e n '))i ißbr a n ch getrieben worden sei nnd daß er dagegen protestire. Als entschsedeuer Anhänger der liberalen Partei müsse er sich als Gegner Bernert'S. bezeichnen und Perwahrnng dagegen ein legen, daß ohne sein Porwisscn sein Name auf die Ei» la d n» g s k a r t e n gehetzt wurde. Tiefer Erklärung schloß sich auch Bezirksansschnß Ezern» an, welcher von der Majorität der Per sammlnng, die aus Vibeialen und Temotraten bestand, zum Porsitzende» gewählt wurde Bernert erwiderte, er sei der Ansicht gewesen, die Namen dieser Herren auf die Placate setzen;n können, nachdem er dieselben vorher von dem Inhalte der Tagesordnung in .(kenntniß ge setzt habev Herr (k ö ck erklärte sich mit dieser Entschuldigung durchaus nicht einverstanden. Herr Bernert sprach hierauf über die Pertehrs anlagen und unterzog auch die eommnnalen Perhültniffe einer Er örternng; er griff den Bürgermeister an und befürwortete eine Per tretimg der antisemitischen Opposition im Stgdtrathc. Der Obmani .des t'eopoldstüdter demokratischen Bereines, Herr Ncnstadtl, sprach sich in energischer Weise gegen den Borschlag Bernert's aus, de. antisemitischen Opposition im Stadtrathe eine Pertrctnng zu gewähren, da dieser Opposition jedes (Gerechtigkeitsgefühl abgehe. ,Die anwesenden Antisemiten versuchten eine Weile Seandale herpotzurnfen, wurden aber von der Ncajorität der Persammlung entschieden zurechtgewiesen