Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 39 (1.1.1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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4 Leite 6. Freies Blatt. Nr. 39. und insbesondere auch nicht dir international vcpolmioitärcii gegen den 3tgat ausdringen oder ftiieen wolle», daß fic vielmehr von nationaler nud monarchischer Gesinnung erfüUk und zu ilirer Bethütigung bereit finb. “ ’ 3ebr kressend ä*i^n wir nur folgende Bemerkung des Artikels: „Die Unlerstelluiig, daß->0<>00 deutschenJude» gelungen wäre oder noch, gelingen könnte, den '»>> Millionen deutscher Christen den Stempel . ihres (Geistes anfzudrücken und die speeifische Eigenart zu rauben, enthält ein so starkes Armnthszengniß, wie es betrübender für eine große Mehrheit noch nie ausgesprochen sein dürste. An djeser Unterstellung erweiü sich der Antisemilismns ganz und gar nicht als das, was er -zu sein vorgibr, ganz und gar nicht als von nationalem selbstbewußt' sein erfüllt." Der Schluß des „Friedrnswortes" enthält aber wieder so. viel aus politische Proselnteninacherei abzielendes Beiwerk, daß das Ganze bei eiisem von Humanitär und Gerechtigkeit geleiteten (Gegner des Antisemitismus sehr gemischte (Gefühle erwecken muß. Der für qeivnie Bestrebungen des „neuen Eonrses" bezeichnende Schluß lautet: .Und noch ein Wort an unsere .christlichen Mitbürger: Mögen sie einmal prüfen, ob es klug ist, immer nur von -dem allsgezeichneten Erwerbssinn der Inden zu sprechen und im beste» /valle die Be _ Iianprnng auszustetlen, daß jenen noch andere minder löbliche Mittel zum materiellen liifolge verhelfen: ob. ne"nichl vielmehr von unseren jüdische» Mitbürgern das rechte Beniänduiß für Werth npd Bedeutung der Erwerbsfäbigkeir annehmen und lernen sollten, wie man bei der Wabl des Berufs und bei der Rbenseinrichtnng praktische Erwägungen walten läßt. Muß denn der Söhn des einfachen Gewerbetreibenden siudiren, muß denn "der Sohn des Vebrers Pfarrer, der Lohn des Bfarrers rlcegierungsraih werden wollen? (Gerade aus der Annahme des Ankiseinilismus ist zu ersehen, daß ein großer Dheil der Ratio» bisher ivirtbschaftlich zu naiv gelebt bat, und daß in unserer O'etei? gebnng noch Lücken bestehen, welche dem unlauteren Wettbewerb niehr Ranm gewähren, als durch - die Rücksicht ans die uolhwendige Be wegungsfreikekr von Handel und Berkehr geboten ist. Be ein: die Ent wicklnng des Berkrhrs und der Finanzverhälknifse zu einer.Beherrichung des (Großhandels und der Brodudtion der Manenai tikel, vielleicht auch der Brokfrilchke'. durch das i^'roßeapital drängt, so gibt es vernünftiger ivgti'e nur einen Rath, den mau der christlichen Bevölkerung geben kann: gleichfalls Geld zu verdiene», natürlich auf anständige Weise, und die praktische F-nndamentirung der" Lebenshaltung höher zu stellen als Rang und Direl. Je mehr zu allgemeiner Anerkennnng gelangt, daß eine Bermindernng der ('Vgeiiniue zwischen Ehriiten und bilden in Deutschland im staarlichen. nationalwirthschafiliche» und soeiale» Interesse liegt, deno zuversichtlicher dürfen die Jude» darauf rechnen, ans'Tristlicher Leite williger Bereitschaft zur Aufnahme in diejenige» Parteien zu begegne», die man die staatserhalienden nrnnt. Beo es sich darum handelt, das Inlerene Aller zu fördern, der gemeinsamen friedliche» Arbeit den denkbar besten Erfolg zn sichern, da kann es bei beiderseitigem guten Wille» - nickt schwer fallen, die Grundlagen für eine Friedensallianz zu finden, die allen .Friedensstörern gegenüber. sie mögen Ehrinen oder bilden sein, einen vorwiegend defensiven Eharakler haben ioll, stein Dheil soll dem andern ein Spser des Intellerts bringen, keiner dem andern eine unbillige Zumnthnng stellen, keiner dem andern ein (iaitoiui änfnöihigen. Was ne Beide gewinnen, indem ste zusammenwirken, gewinnt das geineinsame Baterland!" Zum BtrKalktn dcr Zudcii (ifncniibcr Deut Aittiscliiikismils,! Bl an macht den Juden Borwürfe, daß sie den Antisemitismus fördern, indem ne schlechte Handlungen, wenn ste von einem Juden begäugen iverden, beschönigen und »ach Möglichkeit todlznschweigen suche». Cf in sächnsches ücegieruugsblatk äußerte nenlich: „Hätten die deutschen Inden nur einen klciuen Dheil der Energie, die sie der Bekämpfung Stöckers, Böckel's n. A. znwandken, auf die <Diseiplinirung und wo nöthig Einfäinchlerung der schlechten (flemente in den eigenen Reihe» ans gewendet - de», deutschen Reichstag iväre rs dann erspart geblieben, den Be,faster der .Iudenslintenausnehmen zu müssen." Angesichts solcher Borwürfe sehen sich die Berliner „M i t t he i l u n g e u aus dem Bereit, zur Abwehr des A u t is e m ib i s niu s" veranlaßt, das folgende, von, Brovinzialrabbiner Dr. Munk in Marburg schon Isor zwei Jahren erlasiene Rundschreiben zu publiciren: GtoubeuSbcüeer! Wie >o p'c im raufe »»lerer i'eideiiSgeschichle ziehen sah wicdee einmal d obende Wollen über nm'ereil Häuptern;uiammcn. Der .yiitee Clüoelä wöge sie in seiner Gnade zerstreuen. -- ES ist unsere Pflicht, Alle» ..uszitbieieu. c r »nverkcniibar blökenden Gefahr Herr zu werden. Du tiefer Erkenuluiß ivlnten berrcnragende Glaub,nSgeuosien in, Vereine mit edle», erlenchleien tSfu.freu ihre ganze .'in,ft daran, die staatsbürgerliche -und gefell -chaftliche Llclluirg der Inden vor Vertu mmening zu bewahre» und den An griffen der («egner in Bor, und Tbäl entgegeiiznlrelen. Tie Thäligkeir derfelban dann aber nur dann von inahrbaflem Erfolge begleitet sein, wenn sie von der jüdischen Gesainmtheit in rechter Weise iinierstützt wird- Wir verlange» nicht von der Mehrzahl unserer Glaubensgenosse» und den Angehörigen unsere» RabbinalSbezirkeS int Besonderen, baß sie in den Stampf gegen unsere Gegner eiligreifen sollen, aber wir fordern, daß jeder Einzelne sein Verhallen ernstlich so einrichte, daß daran» keine Anklagen und Verfolgungen hergeleitet werden lönnen. Ist es ja eine alte StanipfeSweife unserer Gegner, die heute iviederni» in ausgiebigster Weise gegen uns angewendet wird, daß für das Vergehen jedes einzelnen Juten die Gesaniintheit derselben veranlworllich gemacht wird. Gerade dainm ist. diefe es sich selbst schuldig, auf da-? Vcihalte» jedes ihrer Mitglieder derar, einzuwirkeu, daß eS sich jeder imlauleren Handlung im gesellfchafllichc» und gewerblichen peben unbedingt emhält. ES mliß alS selbstverständlich gelten, dgß Angehörige indischer Gemeinden, ivelche in unedler Weife .diese Rücksicht außer Augen lassen, in, gesellschaftliche» Umgänge gemieden werde». Wir sind wohl überzeugt-, daß die Vestrebnngen unserer Heinde den nnlantere» Drüben des eigenen Herzens ihre Entstehnng verdanken, und daß - sie vorhanden sein, beziehnngSweife foridauern würden, auch wenn kein Jude den leisesten Anlaß zum Tadel bieten würde; nichtsdestoweniger muß jeder einzelne Glaubens griiofle Alle» von sich ablbiin, waS den Gegnern Stosi zur Verlenindung und Verächllichmachnng der Juden bieten lönnle. Dem leptere» Sireben hat besonders der sogenannte Jargon Vorschub geleistet. Zn meiner Belrübtiiß habe ich selbst die Erfahrung geniachl — und sie wild mir von iinterrichteier Seite bestätigt — daß dieser „Jargon", ein lranrigeS llebrrbleibsel trauriger Zeiten, vielfach noch die Umgangsfprache eines großen DheileS der Angehörigen unseres Rabbinatsbe.zirkeS bildet, und daß dieselbe in »ngebührlicher und nberlanter Weit'e selbst in de» Eisenbahnzügen daS Dhr von Ehristen und Juden beleidigt. Es ist darüber von lei»,een nid t minder »läge geführt worden als von wohl wollendeli Richlind?». Eben>o haben AnsSrucksweife und Gebahren mancher \ Gewerbeireibenden, wie diefe Dinge besonders auf Märkten hervortrelen, be! rechiiglen Anstoß erregt... ES ist nicht die Vnst am Tadeln, sondern die weitest- > gehende Sorcze um das Wohl Aller, welche mich diese Dinge zur Sprache I bringen läßt. Ich bade die mir nnterstellien t'ehrer angewiesen, dem gedachte»! Nebel in ihren Gemeinden energisch enigegenzntreten und für seine baldige j Beseitigung bcinnht;» fei». Ich bitte 'die Geniei'idemitglieder, ihnen diese Ausgabe zu erleichtern, indem sie sich selbst der gerügten Svrechweiie enthalten und . I Üe auch aus ihreni Belannten- und Verkehrslreiie zn bannen suchen. Ich habe j mit den vehrern die Vereinbarung getroffen, in ihren Gemeinden Vereine zn , begründen, welche sich die sprachliche und geistige Weitekbildnng insbesondere der Jugend.durch Vorträge, vcaüre n. s. w. zur Ausgabe machen sollen. Ich darf ivohl die Erwartung anSsprechen. daß die Beihei-lignng an dem Vereinsleben eine recht lebhafte sein ivird. 'Biogen die von mir ausgesprochenen Wünsche die rechte Würdigung finden, und möge die Venuirklichung derselben nnS Allen zum Heile gereiche». Ter Provinzialrabbiner: Dr. Munk. llnfcrc Abwehr-Eollegin, welche sagt, man werde den kreist n»d den Inhalt des voranstehende» Lchrislslückes allseitig billige» können, äußert indessen bezüglich Eines Punktes eine von der -des Dr. Münk abweichende Ansicht. „Es ist," eillärt sie, „nicht bloß das .gute Recht, sondern die Pflicht, daß die Inden in der Bertheidignng ihrer Rechte nicht zurncksieheif" ' Bismarck tlllü Öcr '.'llltiscillitisilius.l lieber die Ltellnng des stroßen deutschen Ltaatsmannes zum Anlisemitismns hatte die Münchener „A l l g e in e i n e „Zeitung" bemerkt, Iürsi B i s m a r ck sei in .rranksnrt mit dem alten zlrothschild, in Berlin mit Herrn von Bleichröder in sehr gnlen Beziehungen gestanden, und der festere bewahre dem Fürsten auch heule noch eine Ergebenheit und dantbare Anhänglichkeit, an welcher viele „vatriolische" christliche VaudSleute sich ein Muster nehmen könnten. Dieser dürfte wissen, wie Fürst Bismarck über die Bestrebungen des- Antisemitismus denke. Man würde im kcechte sein, -iveni, man dem Fürsten Bismarck die Baterschaft für die Ltelluug zuschriebe, welche die Juden heute geseplich und verfasiungsrechtlich in Deutschland einnehmen. Fürst Bismarck habe ihre EmaneipaNon durch das Geseß -vom!). Juli I8l>'.l, welches gegen seinen B'illen nie zustande gekommen wäre,- erst vollendet, wie er es auch gewesen fei, der in Artikel der RejchSversassnng die (hleichberechtignng der Eonsessionen mit der verfasinngsrechtlichen Bürgschaft umgab. B'ir haben schon bei verschiellenen Anlässen betont, daß die Ltellnng des Fürsten Bismarck gegenüber der Jndenhelle zu verschiedenen Zeiten eine verschiedene war. Man würde auch im Irechte sein, wenn man dem Fürsten Bismarck die Baterschaft für die durch den AiitisemitismnS in Deutschland hervorgenisene große Berwirrung zuschriebe. Als er am Ruder war, hätte er die unheilvolle Bewegung unschädlich machen können, und gegen seinen Willen wäre Ltöcker.-nie in'istande gewesen, den Ah lwardt zn zeugen. Wie der Fürst sich jeyt zum Anti emjtismus verhält, ist daraus zu ersehen, daß die „Hamburger Iiachrichten" die vorher eitirten Aenßerungen des Münchener .Blattes an der Spitze der ersten Seite wiedergeben und die Beme,kung hinzufügen: „Wir Hallen das für zntressend."