Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 39 (1.1.1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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TT Nr. 39. Freies Stadtverordnetencollegium führe; er scheine die Wiener Antisemiten Lueger, Schneider und Liechtenstein als Muster gewühlt zu habe». Tie jungczcchische Partei wäre zu bedauern, wenn sic sich von solchen Tendenzen tragen ließe, wie sie eben Herr Brzcznovsky znni Beste» gegeben. Brzcznovsky erwiderte, er habe nur die deutsche» Juden, keineswegs aber jene Jude» gcincint, welche cs ehrlich mit dem czechi scheu Bolkc meinen. Ter czcchische AntiseniitiSinnS richtet sich, wie schon wiederholt betont und nunmehr durch daS Gestündniß Brzeznovsty's bestätigt wurde, nur gegen daS Tcntschthuui. TaS übersehe» gcwisic „unverfälschte Tcntschc". (Ans den Collkstie» des Aiirstcrzbischofs Tr. Kohn.) 3» doialle» Blättern werden gegenwärtig mit sichtlichem Behagen Stellen ans de» Borlesungen über -lim c>ni„»>ic-un> colportirt, die der nun niedrige Fürstcrzbischof Tr. Kohn seinerzeit als Professor an der thco logischen Kacultät in T'lmütz Tr. Kohn vcrbammtc in denselben den Raccnaiitiscmilismiis, legte jedoch über de» Verkehr zwischen Christen und Juden Ansichten zu Tage, welche zumindcstciis ans den Ehrentitel „hnman" keinen Anspruch haben. In jenen Borlesnngcn, welche lithographirt sind, heißt cs: „Hätten die Katholiken gehörig die Weisungen der beiligcn Kirche betreffs des Bcrkchrcs mit Inden bcaclstct, so wären jc»t keine bürgerlichen Umwälzungen, keine Streitigkeiten und keine Ansrcgnng der Bürger zu befürchten. Ter Krieg, der heute gegen die Inden geführt wird, ist nicht so sehr eine Strafe der Juden als die der Christen, die, weil sic "die Gesetze der heiligen Kirche verachtet, jetzt unter jüdischer Knechtschaft seufze». * Tie eisernen ,Fc s s c l n, mit denen die Christen gebunden sind, schmiedete ihnen der ll»gehorsam gegen ihre >,eilige Mutter. Tic Kirche nämlich, diese beste und liebenswürdige Mutter, war gleich im Anfänge voll Bcsorgniß, es könnten ihre Kinder am Glauben Schaden leiden und durch den Bcrkehr mit de» Söhne» einer anderen Mutter (Synagoge) verleitet werden, entweder ganz die liebende Hand der Kirche zurückznstoßcn oder doch ihre Mutter minder zärtlich zu lieben. Mag sein, daß die hsilige Kirche den Inden gegenüber Toleranz übte, ja daß sic diese sogar in Schutz nahm. We gab sie aber ihre Ziistimmling, daß Katholiken 'ohne Bcrlctzuna des Gewissens mit bilden wohnen. Sehen wir nun das kirchliche >Gcsetzbnch, ivcnigstcnS .einige Paragraphen, näher an: u)> Inden können nicht ' bloß keine Sclavcn im eigentlichen Sinne oder Sclävinncn I Mn»<-i|>i;> elirstiann) haben, sondern die Juden dürfen auch Glicht zum Ticnstc i't Aiiiitilic und des.Hauses Christen hcranzichen, noch können Chiistcn ihnen fortwährend gegen Lohn ihre Ticnstc - leisten. 1>) Spceicll und strenge war cs verboten, daß Christinnen bei Juden Animciiviciistc . rerrichtc». v) I n Krankheiten dürfen Christen keine jüdi s ch c n A c r z t c h c r b c i; i e h c», noch eine von j n d i s ch c r H a n d ereilet.e Medici» an nehmen, ei) Ans jeden iynll ist cs den Christen untersagt, »ntcr der Strafe der Crcoiiiinunicatioii, in dein selben Hause oder derselbe» Familie mit Jude»;n wohnen. Be Anders soll man cs zu verhüten suche», daß. In den ■ in öffentlichen Lebe n Stellungen e i» n c h m c n,| ■ durch .velchc sic eine gewisse 41kachtgeivalt auf Christen auö> n be». könnten, tj Auch ist es den Christen Untersagt, jüdische Hochitcn zn besuchen und mit de» Juden Spiele zu veranstalten. ' Christen dürfen Inden auf keinen Fall zu Mahlzeiten cinladcn: iebenso dürfen Christen, cingeladcn von Inden, nicht ihre Mahlzeiten . .suchen. — Mit diesen angeführten paar Stellen Ist mach keineswegs ,:e ältere) kirchliche Gesetzgebung erschöpft Ich habe nur sozusagen : :i° Fniidaiiiciitaisätze, ans denen sich die weitere kirchliche Gesetzgebung u der Indcnsragc ausbaut, angeführt. Und nun frage ich: Waren i:n die Christen nicht durch diese (besetze den Inden gegenüber sichcr- : m llt V* C hätten doch die Christen i in m e r diese Satzung c.n Iren erfüllt! Weil sic h c n t i g e n ta g S die Gesetze der iligcn Kirche nicht achten, deshalb müssc» sie büßen, 'rem nicht zu helfen. ist, dem ist auch niclit zn rathcn! J: . Taft : esc Gcsctzc n o ch f o r t w ä h r c n d i n K r a s t s i n d, >v i r d aus ~;i A nlivort des Heiligen Stuhles auf eine Anfrage cs galizischeu EpiskopatV im Jahre l>t»l betreffs icscr Sache bewiesen." — Cs ist Ivirklich jammerschade, daß manche Christen auch, heute noch nicht geneigt sind, diese Satzungen;vtmi zn erfüllen! Tic christlich-socialen Antisemiten können sich wahraslig bei Herrn Tr. Kohn, so schwer ihnen dies auch konimcn mag, echt schön bedanken; aber der RaceiiantisciniliSmus hat noch nie eine io leibhaftige Widerlegung erfahren als durch den Fürstcrzbischof Tr. Kohn. ltiillc Ltudicnrkise Tr. Kühjkrlilig's.) Anläßlich des vic^hnndcrt .ährigcn JnbiläninS der Cntdeckuug Amerikas ist auch der Anthcil der Juden an dieser welthistorischen That wiederholt besprochen und in den Bordcrgrnnd gerückt worden. Während von einer Seite ein solcher Blatt. Seite f» Anthcil entschiede» behauptet wurde. wurde er von den Anlisemiiiii, welche :> l>ric>i i lciigncn, daß ein Semit je eine Cisindniig. oder Cni deekuiig gemacht habe, ebenso entschieden bestritten lieber derlei ober skächlichc Crörternngcn dieses -Themas gedachte jedoch die Indeiischaft der Bereinigten Staaten Rordamerilas hinanszngchen, indem sie be - schloß, sich an der am l. Mai zn ei öffnenden WcliauSiullnng in Chicago mit cincni Werke zn beiheiligen, welches ans historischer Basis Nachweise» soll, welchen Anthcil seinerzeit die Iiidenschasi an. der Cntdcctnng Amerikas genommen. Mit der Ausarbeitung dieses. Werkes wurde der ans di'm (Gebiete der jüdischen O'eschichtsschreibnng als hervorragende .Capacilät anerkannte Prediger der .Bndapester israelitischen Gemeinde, Tr. M. >1 a>,i c rlT » g. belraiit. Tr. Käufer ling, der bereits im Sommer in. der Wienerkaiserliäp:» und in der tskrazcr Slatthaltcrci Bibliothek Slndicn gemacht hat. trat am s. Ro. .) ■ vcmbcr mit von hoher Stelle tommcndcn Cmpschlniigsschrcibe» vcr sehen eine Slndieiircisc nach Spanien an, mit dort in den vcr schicdcncn Bibliotheken »nd Archiven dicsk Studien fortznsctzen Tc» ersten Aiifcnthalt ncrkim Tr. .Kauscrling ans italienischem Boden in Mailand, wo er in der. Ambrosiana reichliche Taten fand. In der Stadtbibliothck zu l^eniia verbrachte Tr. Kaiil'erling drei Tage, da hier die reichste Sammlung der ColumbnS Rtcratnr anfgestapelt ist. Bon Genna aus reiste er dann nach Barcelona, wo er in. der Hand schriflciisammliing Archiv» tldla (.Wona il'Arauoii reiche Schätze für sein Werk fand. Ter (belehrte brächte hier nenn Tage zu,- woraus, er sich nach Madrid begab. Hier suchte Tr. Kanscrling de» öfter reichischcn Botschafter Grafen Tnbsk» ans der ihn aus das Freundlichste empfing »nd sofort in die ständige Cokniiibns-Ansstellnng / geleitete. Ter Aufenthalt in Bc'adrid war von reichen hohe» Chrcn begleitet. Bon hier a»S vdiftc Tz. Kayscrling nach Toledo, wo er int Archiv Alkei.la de HinarcS drei Tage, vcrbrachlc. Aach einem vier tägigen Aufenthalte im spanischen Kronarchiv zu Saragoffa -begab er sich wieder »ach Barcelona, von w^ er am 1?\ Tcccmbri^ über Süd srankrcich, die Schwei; und Sestcrricjch die Heimreise antrgt und am -l. Tcccinbcr Abends nach Bndaplkst znrücktehrte. Man darf ans dcit ■ Crfolg dieser glänzonde» Snidienzcise sehr gcspanät sein. Pctitioil an .Vjniicr Wilhelm. > Ter Borstand der Berliner Iudengcmeindc babsichrigt, wie die. „Bol ks Zeitung" meldet, den Kaiser Wilhelm in einer Petition nui Schutz gegen die Ansschreitnngcn des Antisemitismus anzugcl>en. Tie „Bolkszeitnng" spricht sich gegen, eine solche Petition aus, da die Inden nicht als (''»ade erbitten diirse», was ihnen von rcchtswcgcn durch die Berifasinng zukommc. . Mehr * hätten sic nicht zn verlangen: das einzige Biittel zur Crhalinng der Glcichbcrechtignng der Juden sei die Hochhaltnng der Bersassnng. . Wolle der Kaiser ans, freien Stücken sich über den Antisemitismus änßcr». so werde man diese Acnßernng buchen und cntsvrcchcnd com inciitiren Cinc solche Acußcrung zu provocircn, sei weder des Zlkonarche» »och der Sache würdig. Tic letzte» beiden Sätze enihalten, wird.in. einer, Berliner Tcpcsche der „Aeuen freien Preise" bemerkt, anscheinend eine Andeiitiing über das Motiv jenes Planes: es verlautete . schon vor Weihnachten, cs.sei angesehenen Jude» von hervorragender Seite ein solcl>eS Borgehen nahegelegt worden. ((5'ill ^ricdcilswort.) Tie Halbinonaisichrist „ T er »cnc Conrs ' vcrösscnllicht einen Artikel „(sogen den Sli'om, ein Friedens,vort an ' Christen und Inden". In demselben finden wir eine ilrcihe von Aenßcrnngc», deren Tcndc»; nichts weniger als friedlich istdie Inden, welche im Tentschcn Reiche Mitglieder vorgeschrittener Parteien sind. - werden zirx Tcserlion aiigei'pornt, und mag will sie ZN Hilsstruppen fiiV reactionärc Zwecke gewinne». Cs ivird ihnen z» (seninthc geführt: „Immerhin hätte» die Jude» Bcrivahrung dagegen ciiilegen können, daß die Wortführer dxr Tcutsch Arcisinnigeii und der Socialdeinokraien sich gcbcrdctcn, als wäre-ihnen die Cokkectiv -Procura für die jüdische» (seschäfte in der Politik übertragen worden. Sic dursten, ja sie inußien dies um so eher, als ‘trat einsichtige» In^en nicht verborgen -sein konnte, wie die Procnraführer zum Theil andere als staalserhaltcude ^iclc verfolgen, zum Theil recht egoistische .Freunde sind. Sie dursten, ja sie mußten das thn», um ihrer selbst nullen: denn cs fiyintc ihnen nicht verborge» sei», daß der Bcrdacht sich regte und laiit wurde, die Coalirnng des Jiidenlhnms mit dem irrcisinn zeigte Analogien mit der Berbindung, in der Welfen, Polcn und Protestler mit dein Ccntrum geständen. Mit Rücksicht darauf: ist es doppökr erwünsclit, daß. ein A öffentliches Bekennlniß des Iudenihums in seinen hervorragenden - - dcutschcn stkepräsentanten dahin erfolge, nicht daß das Indenthiini anti-freisinnig sei, aber wohl, daß Iudcnihum und die politische''I-rac tion dcS »Freisinns — oder gär Iudenthnm und die Socialdemytratic — sich nicht decken. Cbenso sollten unsere jüdischen Mitbürger sich össcntlich dahin auSsprechen, daß sic nichts weniger als einen Staat im Staate bilden,, oder irgend welche schlechte Clcmente. der (Gesellschaft - i