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Freies Blatt · 1893-01-01 · 39 (1.1.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
39 (1.1.1893)
Date
1893-01-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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:reite 4. Nr. 39. 1 Freies brtß -üKct) der Antisemitismus ein ganz gutes Geschäft ist, ein um so einträglicheres, als genikiuiglich ein weites Gewissen daS einzige Jnvestitionseapital eines solchen Unternehmens bildet. «Eint iusolvcntc Gcnosscilschaft.) Tie Gcnoffenschaft des Rohivaarenlagcrs der vereinigten Schneidermeister Wiens und Umgebung, registrirte tt'euossenschaft mit beschränkter Haftung, erklärte sich insolvent. Bor kaum einem. Jahre wurde das Rohwaarenlager am Fleischmarkt '.h'r. 7 errichtet. Zum Tircctor wurde Schneider Franz Wäs ch i n a, ein bekannter antisemitischer Agitator, bestellt. Waschina hatte mit der antisemitischen Agitation derart zu thun, daß er sich um das Robwaarrnlagcr wenig kümmerte und die Besorgung der Geschäfte seuier Tochtc^ und deren Bräutigam überließ, welche Beide aber von dein Geschürte nichts verstanden. Waschina machte auch den Bcrfuch, dem Unternehmen einen größere» Bankcrcdit zu gewinnen, wurde jedoch seitens dcr^Banken zurückgewiesen. Zn Neujahr hätte der erste Jahres bericht des Unternehmens erstattet, die erste Dividende vcrthcilt werden sollen. Ein verläßlicher Ucbcrblick über den Stand des insolvente» Unternehmens isi bisher nicht möglich, da hiesür vorläusig nur die Angaben Waschina's selbst zu Gebote stehen. — In einer Rkontag abgchaltencn anßcrordcnilichkn Geiicralvcrsaniinlung dcr'AsKnostcnschafl wurde» Waschina wegen seines Gcbahrcns bittere Borwürfe gemacht. Man hielt idm vor, daß er ans Kosten der Gcnosicnschasl Bersammlnngen cinbcrnsen barte, in denen Latschka und Vitffl.tr ihre ge werbliche Heilslelsrc verkündigten. „Wo bleiben den» jetzt der Viicgcr imb der Vatschka?" ries ein Schneidermeister in - lebhafter Erregung. Scliließlich kam Man überein, daß am Jänner abermals eine anßcrordentliche Generalversammlung abgchalten werden und Waschina in derselben einen deiaillirten Bericht ersiaitcn soll. — Tcm Bcrsuchc des Kiesigen Antiseniitenblatles, jede Berbiudung seiner Patrone mit Herrn Waschina abuilcugncn, trat eine am Mittwoch abgehaltcne Schneider ^'eisaminlnng aus das Entschicdcusle entgegen. Einer der Redner avoslrovhiric Waschina nur folgenden Worten: „Jetzt werde» Sie von den Herren Aukiscmileu verleugnet. Was sind aber, frage ich, solche Männer, die heute "einem Parteimannc zuliebe in Bersammlungcn Borträge ballen, 'morgen,, aber-den Parteimanii nicht kcuncii wollen? Waschina in heute noch ein Antisemit; warum also verleugnet ihn das Wiener Ankisemikenblakt?" Dieses Blatt hat schgir seine eigenen .. Schririleikcr" im Stich Zselasicn, wenn'sich diese in Röthen befanden. i llnbcfltntc ' (iolportilflC. I Per antisemitische Agitator Franz Zuleg-cr wurde wegen unbefugter Eolporkage zu einer «Geldstrafe verurtheilt l?r Magst vor feinen WähltNI.« Porige Woche fand in Rcuaikirchen eine Wählcrvcrfannnlnng statt, in welcher der Vand ragsabgcordncle Tr. Magg eine ausgczcichncic Rede hielt. Ten ersten Thcil seiner AiisfüKrungcn widmete er dem Vcrsastuugsjubiläum. Unter Hiliweis ans die Acußcrung S t ei n w cn d er's, der es läppisch ge-! funden kabe, daß die Berfassüng die l^leichbcrcchtigung der Staatsbürger ausspreche, sagte Tr. Magg: „Weiß der Abgeordnete nicht, daß vordem der rintcrthänige Bauer nicht stndircn, nicht übcrsicdeln, nicht keiratcn ditrstc ohne besondere Erlaubniß der Herrschaft, 'die oft gar ilicht, oft nur gegen schwere Bezahlung;n erhalten war? Taß Zehent u»d Robot, Vandemien und Mortuarien die Ungleichheit vor dem Ge'etze' in eindringlichen Beispielen aussührten? Taß noch vor sünszig Iakrcn^der Adelige besondere privilegirtt Errichte hatte, daß die böchüen Staatsämler thatsächbich als dem Erbadel Vorbehalten ange'ehen wurden? Ter Abgeordnete ist nicht dermaßen unwissend, von dein Allem leine Ahnung zu haben, er hat die Aeußerung trotz ihrer Absurdität, gcikan, um den senden Eines ainnhängcn, als wären sie die alleinigen Günstlinge der Slaatsgrundgesetze, und den Viberale», als hätten sie nur um der Juden willen die Verfassung so beharrlich erstrebt " oiii scinercn Berlaufe feiner Rede betonte Dr. Magg, es sei beute das bei den Gegnern beliebteste Rcccpt: auf die Inden 'chimpsen und die Viberalcu verdächtigen,' denn Beides sei billi , und man brauche dazu weder Berstand noch Eharakter; er kam dann aus die Landtagsverhandlungen zu sprechen und führte im Wesentlichen Folgendes ans: ,Tie Verhältnisse in der nicderkstcrreichischen Landcsreilretiing sind belnibcndc, beinahe unleidliche, die Arbeiten daselbst sind peinlich und selten erfolgreich, die Hoffnung auf eine baldige Besserung ist gering. Ter Grund liegt in der Siuncsart, Gcistesrichlnng, Bcschasscnhcit und Kampseswesic unserer Gegner. Ter Antitemirismus ist cs, der Elcricale, Reactionäre und Tentsch-Rationalc im Vandiagc vollständig ins Schlepptau genommen hat, von dem sie sich ziehen lasten, wohin cs den Autifcmitcn gefällt. Ich werde den Antisemiten nicht die Ehre authun, sic für eine Partei in ha.llcn, auch wenn sic noch einflußreicher und zahlreicher werden sollten, als sic leider schon sind. Ter Haß ge. en eine Religion oder Ration kann eine traurige gemeinsame Eigenschaft von Menschen, aber Blatt. t er kann nicht ein politisches Progranim sein; die Bestrebungen des Hasses sind der gerade Gegensatz zu dem Streben nach Recht und Gerechtigkeit, das jedepolitische Partei haben muß. Aber diese Epidemie der Geister ist da, und sie ist so ansteckend, daß alle die genannten Parteien sich mit den eigentlich gesinnungslosen Rur-Antisemiten zu einer Gesammtheit verquicken, die nun aus Thun und Lasten des Landtages einen ebenso großen wie unheilvollen Einfluß übt. Dazu vcrmiffen wir leider die kräftige Hand eines festen Leiters der Verhandlungen; unser verehrter, überaus wohlwollender Landmars^hall ist besonders seit seiner bedauerlichen Kränklichkeit so schwicrigen/Anfgabcn nicht mehr gewachsen. I So gibt cs im Landtage fort und fort häßliche, unwürdige Scenen, wüsten Värm, endlose Erörterungen Über ganz Nebensächliches und Verhinderung der ruhigen, ernsten Arbeit." Der Redner unterzog hierauf die einzelnen Arbeiten in der letzten LandtagSscssion einer Besprechung „mtb schloß wie folgt: „Unser Weg ist klar vorgezcichnet: lThne unsere Gegner unnöthig zu reizen, aber mit entschiedener Verthcidigung des Rechtes und der Freiheit, nick kräftiger Abwehr aller Mrdächtigungcn und Anfeindungen cintr-t-.i für die Jntcrcston der Gesammtheit, für Sondcrintcrcffcn nur dort, wo sic sich dem Gcsammtwohlc cinfügcn. Daher Förderung der Eultur, aller nützlichen und Humanitären Schöpfungen — das Ködern einzelner Elaffen oder Stände oder Parteien kann nicht unsere Sache sein. Den Rückschritt wollen wir hindern, vielleicht können wir Fortschritt bewirken." Tie zahlreich erschienenen Wühler zollten den Auseinander sctznngcn des Tr. Magg lebhaften FkKifall und votirtcn ihm einhellig Tank und Anerkennung. (Bischof Tostpclßaiier gegen antisemitische Zeitungen.) Der Bischof von Linz, Tr. Doppelbauer, erließ eine Warnung vor antisemitischen Blättern christlich-socialer Färbung. Es sind nicht etwa die Hetzereien gegen die Inden, welche das obcrhirtliche Einschreiten zur Folge hatten. Bischof Tr. Doppelbauer, welcher bekanntlich im ober österreichischen Landtage für die Ausschließung des Vertreters der Juden aus dem Vandesfchnlrathc mit der Begründung cintrat, cs könnten sonst auch — Ehincscn, wenn sic in -Linz Aufenthalt nehmen würden, eine gleiche Repräsentanz in der obersten Untcrrichtsbchörde des Landes vcrlangrn, sah sich zu einem Schritte gegen die Antisemiten veranlaßt, weil er von ihicn Preßerzeugnisten eine Schmälerung der päpstlichen und bischöflichen Autorität sowie eine Vcrlcitnng des jungen ElcrnS zur Insubordination besorgt. In dcm bischöflichen Erlaste gegen die angeblich christlichen Zeitungen heißt es: „Ich meine besonders jene Blätter und Artikel, welche die Zersplitterung der katholisch-politischen Partei anslrcbcn, daS Ansehen des Heiligen Stuhles und der Bischöfe herabdrückcn, dcn in aßgcbcndcm Einflnß des EpiScopatS in der Leitung kirchlich-politischer Fragen leugnen und daS Recht, hierin eigene Wege zu gehen, beanspruchen. Ich warne fcsncr dcn chochwürdigen ElcrnS vor jenen Preßerzeugnisten, welche unter irrm Scheine des Eifers für Kirche und Vaterland Tendenzen verfolgen, die von einer währen Liebe zur Kirche und zum Vaterland weit entfernt sind; warne auch vor solchen Zeitungen, welche dein j u n g en-E l c r u S m i.t w oh l b er c ch n e t e r Absicht über «Gebühr schmeicheln, nneingedcnk dessen, daß alles Dasjenige, waö feit 2ö Jahre» zur Erhaltung u»h Befestigung der conscrvativen Ideen in Sesterrcich und besonders auch in der Tiöccsc Linz geschehen ist und noch fortwährend geschieht, selbstredend unter dem treuenLusaminenhaltcn und Mitwirken des ganzen ElcrnS zustande gekommen ist, und daß gerade der nun nicht mehr junge Clcrus die allcrschwicrigstcii Kämpfe zu bestehen hatte. . . Ich erhebe endlich auch meine warnende Stimnic gegen Blätter und Artikel, die wiederum unter dcm Scheine, das Beste zu wollen, das bcstchendc Gute bekämpfen, die das Vertrauen des Elcrus und Volkes auf die confer vativcn Bestrebungen erschüttern und so nach und nach an der Zerstörung der katholisch politischen Partei mit oder ohne Absicht arbeiten." (Aus dcm Pragcr Sladtvcrordnctcneollcginm,) Bei Bcrathung des Schulprüliminarcs in der Sitzung des Prager Stadtverordneten-' collcgiiims vom Ld«. Tccembcr beschwerte sich das antisemitische Mitglied Brzczuovsku darüber, daß die deutschen Volks- und Bürgerschulen zumeist von jüdischen Kindern besucht werden. „Ich habe bereits," sagte er, „im Vorjahre gewarnt, daß die Juden ihre Kinder nicht in deutsche Schulen schicken mögen; meine Warnung hat jedoch nichts gefruchket, denn auch Heuer sind die deutschen «Schulen von jüdischen Kindern überfüllt. Auf diese Weise muß das czcchische Volk antisemitisch werden. Ter Antisemitismus klopft bereits an die Grenze. Ich bin aus socialen und. nationalen Gründen Antisemit, und nach mir wird es, wenn cs die Juden so weiter treiben, das ganze czcchische Volk werden." Diesem Redner erwiderte der Großindustrielle Josef I n w a l d. Er bedauere es, daß Brzeznovskh eine solche «Spracht im

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