Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 38 (25.12.1892)
- Date
- 1892-12-25
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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I N». 3». . ____ Freies kbknfall» gleichgiltig ist; ja, sie erinnern sich ihrer eigene» Religion er» -dann, wen» sie ans die Inden „loshauen" wollen. Bteibt also nnr der Aampf gegen die Racc! ES' ist doch recht sonderbar und will absolnt mit den Grundsätze» einer gesunden Logik nicht übereinstiminen, daß man sich heute über die sogenannte jüdische Race verwundert »nd entrüstet stellt, nachdem dieselbe doch, 'wie jeder nur halbwegs gebildete Mensch, wisse» muß, jahrhundertelang lnstcinatisch gezüchtet worden ist. Ich verweise ans das Mittelalter, wo cs den Anden nicht gestaltet war, mit den übrigen Bewohnern von Slädlcn zusammen, znwohnen. Sie ivaren verstoßen und wurde» in eine» besiimnitcn Ztadlthcil (Ghetto) verwiesen, man heftete ihnen Stulle gelben Zeugs an, um sie kenntlich zu machen und den Pöbel ans sie z» Hetzen. Teil, Inden waren nicht nur össeiitliche Aemlcr und Stellen verschlossen, auch die Gewerbe und daS kleine Handwcrt waren ihm »»zugänglich. Mit Entrüstung würde rin christlicher Schuster, Schneider, Tischler, Schlosser :c. einen jüdischen Later znrückgewiesen habe», der es versucht hätte, seinen Sohn bei ihm in die Lehre zu bringe». Sin einziges Feld blieb de» AuSgestoßencn übrig der Handel! T iescm mußte» sie sich nun mit allem Fencreiser in die Arme wersen »nd all ihren Schalssin» nnd Lerstand znsammcnnchmen, um ans diesem einzigen Gebiete den Anderen, denen alle Wege offen standen, nur halbwegs gewachsen zu sein. Mit einem Worte: die Inden waren von alle» Seite» und jahrhnndevtelang einer solchen Behandlung ansgesetzt, daß ihr Charakter endlich die Sormannehmen mnßle, inivelchc er von Haß, Lerachtnng »nd Undnld'a»ikeit gepreßt worden war. - » Ter ständige Refrain bei all den henligen Schimpscreien gegen die Inden ist: die Inden habe» Geld, eigentlich sage» sie: die Jude» baden da» Geld! lind hier liegt, wie mir scheint, der Hase im Pfesier! Wie die Tinge gegen ivaeiig stehen, glaube ich, daß man dem AnlisemilismuS ni.it einen, einzigen Viflif den .Hopf ab'chlage» lounte, wen» nämlich die Inden io freundlich sei» »iSchle». ikr ganzes Geld den Herren Anlijemilc» auszusolge».. „'ul, weite, daß man sie kan» we.ler gänzlich ungeschoren lasse» ivüite. Das Faeit ist also, daß nicht moralische Entrüstung über da» Gebahrcu der Inden, ivelchcd ja in den meisten Fällen mit dem derEhrislen gleichen Leruies eongrnenl ist, 'ondern Habsucht die Triebfeder der Anlijeinilen ist. .Tao gibt.zu denke»! Ter AniiskmilisinttS wird den Fühlern über den .Hop' wachsen, und die Lerjühelen averdcii dann unkst mehr sragen, ob Christ, ob Inte, sondern in dieser Le zieliung Nctigionsgleichheit gelle» laffen »nd — eine „gerechte" Leriheilnng der irdischen Güter vornehmen. Fragen wir »»•$ nnit einmal: wie es denn lonimt, daß der Jude angeblich so viel Geld bat »nd der Christ keines? ,C» ist ivohl ganz überflüssig zu benierlen, daß es inidi' untcv den Inden Viele qil-t. die jo arm sind wie eine Aircheninau».« ' Wenn der „tleine" Tute eilt GenkM eröffnet, dann iß er mit Leib und Seele GeschäslSmanu, da» Geschäft ist ihm seine Welt. Pom frühen Morgen bis;»in ipäien Abend kan» man ihn dann in seinem Lade» sehe», und wenn er die Lude schließ', begibt er sich zu seiner Familie nach .Hanfe und ist solid. WaS das Geschäft abwirit, legt er Tag sür Tag fleißig zilsamnien und spart. Gast- »nd .Hafseehänser kennt er lani». andere Leignügnngcn auch nicht. So treibt er es mit eiserner Le barrlichkeit jahrelang fort, und die natürliche Folge davon ist meist ein stetes Anwachsen s/incr Ersparnisse, der Ansang des Reichlhums, vielleichlschon Reich ihlii» selbst. Tan», aber.auch erst dann, sängt allerdings anch der Filde zu „leben" an »nd entwickelt wohl auch einen Lupus. Nie aber hört er dabei ans,? .,» ieinem Geschäfte tüchtig zu sein. Unsere kleinen christlichen Geschänslenle dagegen Hallen sich an die Devise: „Ter Menich lebt »nt.einmal!" nnd zieben v dcingcinäß vor, nach vollendetem Tagewerke, mcistenS aber jnoch ivährend dir AibeilSzeit, sich eknige fröhliche.Sinndcn ,ü Kreiten n»d etwas von ihrem irivorbknen Geldc „linier die Leute zu hringcu". Dieses „Geld nuier dic-Lenle billigen" hat aber den Nachlhcil, daß wenig oder nichts sür sie selbst übrig bleibt, und sic es aus diese Weise in alle Ewigkeit z» nichts, bringe». Statt aber gerechternnd billigelweiie sich selbst die Schuld beiznmessen und ihre Leichtlebigkeit auszngeben, blicken sie wnihend ans ihre» täglich wohlhabender »'erdenden jüdischen Gcschäslsuachbar, ohne die moralischeArast-zn habe», es di.sein nachzulhn», im Geschäfte thälig zu sei» und;» sparen! Das ist, glaube iw, das ganze Geheimniß, warum der Jude Geld Hai nnd, wie die Anii- 'eniileu sagen, der Christ keines. Man macht de» Juden auch den Lorwnrs, daß sie unter sich fest zusammen ballen! In »iciiicni ganzen Lebe» habe ich es immer für envaS Schönes an geicheii, wenn Corporationen, Gkinciizden re. sich fest znsanlinenschließen, ihre Rechte wahren und sich niitcrcinandcr belse» und bcisptingcn, und schier alle Welt denkt so. Aber weil cs die Inden Ihn», ist eS ein Fehler! Tie cinkachsten »nd naiüllichslen Tinge nicht erkenne», die Welt mit aller Gewalt auf de» -Hops stellen wollen, das mag anlisemiiischej System sei», aber cs ist Unnatnr, >.nd die Natur verträgt aus die Dauer solche Widersprüche »ich». Ter Anliseinilisnrus, diese Pcsibenle dir henligen Gesellschaft, .wird sich in einen Schorf verwandeln, nnd die gesunde Natur wild denselben abstoße»! Ans leine» 'Fall scheinen die gegenwärtige» Häupter des AnlisemitisninS die Männer ,z» feilt, die berechtigt wären, sich als Lei besserer der menschliche» Gesellschaft hinzu stellen. . Ein Wiener Bürger. Blatt. * Seite .'i. On der Zeitschrift „N'a-lion" schreibt der deutsche Reichsiags abgeordncte Tr. Theodor Barth: Ter moderne Antiieinitisinils entspringt vor wiegend N'irlb'cha'ltichen ll» - . sachen. Er ist das demagogische Miticl, durch ivclches die wirlb'chatilich .snnnl gebliebenen die össenlliche Meinung und die S.lamsgeiva.lt für riaetionäre Li iß regeln zu gewinne»'suchen?Man sehe such nur dn-Aei „truppen des Antiiemilisinns an. Wer sind sie? Lauern, denen das Talent, rationell z» wirlh'chasle», asigeln: Hantweiker, denen die Lewundernng züustlorisel>er Seisenbkaseu leine Z-it ge lassen hat, sich der »iodernen indiistricUen Entwickiinl.z anznp.rsien, und vor Allem verschuldete Großgrundbesitzer, deren Ansprüche -ans Pcdcn ihrer land wirthschastlichen BcrnfSbildnng ungebührlich ivcit vorausgecilt sind. Diesen große» Gruppen schließen sich die verkrachten Ezistknzen ans allen Lagern gern an. Sie stillinic» natürlich z», wenn man ihnen sagt, daß ihre wirlhschaslliche Tecatenz nichl ihrer eigenen, Trägheit und ihrem Leichtsinn, sondern den teuslischen Machenschaften ihrer glückliche» Concnrrenle» oder "einer volksivirihichaftlichcn foro« majuur znzuschtciben sei.Belress» der preußischen Janker,; die dein AnlisciniliSniuS vom Herzen ergebe» sind, komml.noch der Haß gegen die Börse, hinzu Dieser Haß beruht, eigentlich darauf, daß die Börse.nicht das ist, wofür der Junker sic anSgibl, nämlich lein Platz, wo man mit leichter ' Mühe im .Ten viel Geld verdiene» kann. Zmkl Spiel bringen sic genügende Lorkenntnisse »nd eine krankhafte Neigung mit. Aber gerade weil sie ihrclseitS die Börse als Spielplatz ansehe,> und mir allzu häusig als solche benutze», io verbrennen ne sich ö'tcr nnd manchmal gründlich die Fknger. Für diesen Leichtsinn muß ein Prügelknabe geincht werden, nnd den findet man in jenen schlechten Mensche», die Börsengeschäfte treibe» uiid — znmcjsl gerade, weil sie nicht spiele» — wirthschastlich gut fahren: Unter diese» gibt es gar manche»' Jude» Grund gcnug zu», junkerliche» Hepp. Hepp! Unter diesen Gesichtspunkte» er - scheint die antisemitis.che Leivegnng nnr als ein Theil jener allgemeinen Re. aelio.n gegen die großartige Enlwillmng, welche das - WirthschastSlebe'n oller? Böller i» die>cni Jahrhundert und weciell seil etwa '!'» Jahren "anszmvei'eu hat. Es sind die zurückgebliebenen Schichten, die sich gegen die Forl'chritle des Jahrhunderts auslehnen »nd ihren Einfluß auf-die herrschenden Mächte zur Ni'cdcrhalinng der ausstrebeudcn Elemente und znL Festhaltungunberechtigter Privilegien ansznnüt'en suchen Ter Aiiliieniilisinns ist die eonremriri- Form diesi-S reartionären Hanes , Tic. Inden' habe» in den moderne» ivirthschajllichen .Hämpsen »in das Taiein besonders große Erfolge davongetrage». Das war schon ein. Grand zu einer aualineirte» Abneigung. Sodann aber-boten sie sich der Temagogic als ein vorzügliches Angrif'sobjeet dar. Religiöse und nationale Lolksinstine-e bränchicn,- »ur wiedcrbelebt zu iverden, nni.dcn-vkonoiiwchen Ursprung der Leivegnng z» verschleiern nnd die .Bewegung - in den Angen der politischen ''Naivem zu' idcalisircn. An-dicker Lrzlnneuvergisiung tragen die Herren v, Tteil'chke-, Stoller nnd alle jene Würdenträger i» .Halle und Tatar, die von dem „derechliglen .Herne" der antisemitischen Leivegnng so erbaulich zu.rede» wissen, die Hanvt schuld. Sie haben der Sache das »ioralnchd »nd nationale Mäntelchen nin gehängt und damit den uiedtigsten Beweggründen erst die Möglichkeit gegeben, sich in dieser Le,'»n»,»innig unter anständigen Lenlcn blillen zu lasse» Gerade das mit naiionalcn Antipathien und retigivfen Bornrtheilen ge chilli gemischte, anliseinilische Gist hat sich für -den Bo'.tsorgaiiisinns als io überaus säiädliäi erwiesen. Es hat die Wider,'landskeasl weiter Aecise geschwächt, sie den, ganz gemeinen ivirthschafrlichen Ankistniilisnins nicht zugänglich gewesen ,raren. In diesen .Hreise» wild' heule dein Antisemiiisiuus jene bedingte Aiieiteiinnng zu theil, die hier eiii philosophisches Raisonneinent bleibt nnb 'einige Schichten tiefer die Form eines Sstimiiizelicls sür. Ahlward, annjinint: . | i'fit der eon fessionellen Glcichbcrechlignng siebt nüd fallt aber anch die Oiltichbeieänigmig der Stände. Wenn »ia» än der Coiiicfsio,, eines Mannes, der;„,» Staats dienst persönlich a»al,:ieir! ist, Anstoß iz-.mmt, fo lann ,na„ auch,»> -eine, bürgeiliche» HeUnnsr Anstoß nehme». liebe,hlcibsil dieser letzte.,e„ .Anschauung sind ja in Breiist,'» — in der Armee >vie in der Cwilverivalinng — ,;o.1) sichtbar genug .nein Wunder, daß d:e eonsiffionell.-,,,Bornrtlnile auch gerade i» jenen junkerlichen Arenen zu Hanse sind, in denen das Liiige^b,uiz ekü-kl'alls als en, niibercchtigter Eindringling in dir höberc» St.lleii der Armee „nd Lerivallung angeieli.e» wi,d. Ten, gegenüber muß der Ginnd-'av fchro,f-anf gestellt werde», daß für dir Lesetznng alle» Siellen in, Slaal nnr tee vei'ö.i. liche C-itali'tcatton ohne iegliet»' Lerinksichiigiing des Siandrs - »nd der Con'effion inaßgrbend sein kars. ' . ' Ter AnliseiiiilisnmS liebt e», die tapferen Trnischcii mit der Ansstvi schrecken, dch; ein solche,- freier Wettbewerb niit einem Siege nnsirer islaelttisthen - Mitbürger ans allen 'velneten de« Siams lebe, ns enden tverde. Nit„ gibt es >„ Tentschland wenig mehr als l Pereenl Juden,. Weiiti aber die :H> Pe,re»l gerinaniicher Christen außerstande sein sollten,' den iiamp' „ins Tastin gegen jenes eine Perecin zu bcnehen, ohne, dag die Inden' mit Gewalt iiiedeigehalieu werte», dann iväre» dirie germanischen Temfche» ei» so armseliges Ge-elnecht, daß ihre nationale Eristenzberechiignng ernstlich in Frage gestellt iveiden iinistie. Gerade die tüchtigeren Elemente des deutschen Lottes habe» deshalb olle Ur sache,- gegen tiefe hrleidigende Uiiterstellnng dadurch zu prolestireti, daß sie die—