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Freies Blatt · 1892-12-25 · 38 (25.12.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
38 (25.12.1892)
Date
1892-12-25
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seit« 2. Freies Blatt. Nr. AS. faner, Tr. Gustav Heinrich F a l l, weist daraus hin, daß cs nnr einer verschwindend geringen Anzahl von Juden gelniigen sei, den Antritt;ti öffentlichen Aemtcrn zu erlange». Gegenüber dein Autor ^cr ..Philosophie dev Unbewußten", welcher mit Bewußtsein den Anlis.iuilisnins eultivirr und das Fernlialten der Juden von össentlichen Aemrerir ans „patriotischen" Gründen gcrechtscrtigt sindct, bcuicrkt ■Tr. 'mill: .. Lo viel Patriotismus Ivic die Herren Antisemiten, welche das nationale Gefübl in Erbpacht geuonimen haben, besitze» . unsere indischen Mitbürger noch imnkclbin. Man braucht sich nur die Mühe zu nehmen, die Berichte Aber die Tcenpation Bosniens und der Heree —-gowina zu le>en und in den Berzcichnifscn der wegen Tapferkeit bc lobtet, und mir Medailleu und Trden äusgezeichucten Loldaten iiod) -.»'eben, nm;u sinden. daß zahlreiche Inden aus dem Lchlächtsclde!!» R-amvfc sür das Baterland den Beweis geliefert haben, daß sie, obivolil ihnen von antisemitischer Leite immer vorgeworsen wird, daß sie Frciudliuge ünd. in Oesterreich ihr Baterland sehen, nicht Fremd lingc sind und nicht als Fremdlinge sich sühlcn, und daß das viel geschmälte indische Liamniesgesühl sie nicht gehindert hat — und mehr tan» auch der Antisemit nicht ihnn — aus dein Schlachtfeld«: ihr Blut und Veden sür ihr Baterland zu opsern. Beer gut genug d az » i st, sein Blut s ü r e i n V a u'd zu vergießen, der bat atich den w o h l b e g r ü n d c r c n Anspruch daraus, diel c s V and sein Baterland; 11 heiße n, wen» auch die Wiege seines Urgroßvaters nicht in diesem Van de stand, der har aber alich das Brecht, diesem Barer lande als Beainkcr oder V >' >' i e i c r zu di c n e n." Man tncidje, fuhrt der Berfa »er der Broschüre 'erner aus, den Inden znm Borwurse, daß sie in den sogcnanuteii ..sreien Berufen", deren Ausübung lediglich von der Erwerbung der et'sedellichcn lieuninine abhängig fei, das Uebergcwichr haben. „Baas sollen," sagt er, „die Inden denn eigentlich werde»??cr Beruf des Altles, Advoeale», Journalisten erregt bereits bei den Ehlistru Anstoß: r!'eaililc töune» sie nicht werden: daß sie sich dem Haudelsstandc '.oidmen, bildet, obwohl üc demselben durch die Ausschließung von den ubl i 'e» Bernsen insteiualisch zugerriebeii wurden, ''eit V liius Seiten e:»e» der schwersten Borwurse. die inan gegen sie erhebt: die Ha»dwerter >oe!iren stch mit Händen und Füße» gegen die jüdischen Hand lr^lksgeiio»e», und wenn die Inden cs wagen würden, sich in größerer .Filiidem Haudwerksstande zuzuwenden, so würde sofort die antis.-ntitjsche L.ial »iiler den Handwerkern reich in die Halme schießen: und daß die großen Massen der Gewerbetreibenden den Völklingen der aiüi'emikische» Berfülircr >'o leicht folgen und in deren 'RAtze geratlien, t'i nicht züni minkesteu auf ihre Furcht vor der jüdischen Eoncurtcnz, die 'ie i'd gerne beseitigen möchten, znrülkzilführcn, und weil man sich schäuir, das Berlangen auf Beseitigung dieser jüdischen Eoueurrcnz zu fiel!:» und cinzngestcheii, daß - die Ursache des Judenhasses in der "'leichheil des Berufes gelegen Ist, kämpft ma» gzcgc» den-Inden als solchen und vergißt dabei, daß der Jude, der seiner Beehr und Lteneapslichr gerade so entspricht wie der Christ, auch das Recht ans die freie Berufswahl und!>ns die Aizsübnng des gewählten Berufes in deni'elbcn llinfange haben .muß wie der Christ." Seine dicsfälligen Ausführuiigcn schließt Tr. Fall mit folgenden beherzigenswertben Worten: „Und gibt cs denn wirklich gegenüber dieser fnstematifchcu 'BeiHeizung des Bolkes gegen die jüdischen Mitbürger keine gesetzliche Handhabe zum Schulze derselben,- har die Regierung wirklich nicht die geiel-lichen Mittel, nm die jüdischen Staatsbürger, welchen verfassungsmäßig die gleiche Rechtsstellung gebührt wie den österreichischen Staats l'ürgcrn anderer' Eonfefston, gcgcir die antisemitischen Ansschreilungcn zu schüren? Haben wir doch einen $ 302 des Strafgesetzes, nach welchem T erjenigr,. welcher Andere;n Feindseligkeiten wider die verschiedenen Religionsgcnostenschaften aussordcrt, ancisert oder zu verleiten sucht, i»soferne sich diese Thüligkeit nicht als eine schwerer verpönte strafbare Handlung darstellt, stch eines Bergehcus schuldig macht und :» strengem Arreste von drei bis sechs Monaten vcriirthcilt werden 'oll. Tag für Tag wird diese Bcstiminuug dcS Strafgesetzes in öffentlichen Bcrfamnilnngcu, Bercinen. im Wirthshanse, in Leitungen, Proichüren und Flugb:ülter>i mir frecher Stirn übertreten, ohne daß t:e zur Wahrung d.s Rechts zu stau des berufenen Behörden mit der : olbigcn Energie und Unerbiitlichteik einschrciten. Und doch würden e:nigc wenige statuirie Ercmpel hlnreichcn> nm derartige unwürdige 'Ausschreitungen und Bcrhslzungen der Bevölkerung, welche ein fricd!:ches Zusammenleben aitsschließen, für alle ^likunsr zu verhüten." Tie deutsch liberale» Begine Wiens feierten das BersasfungSjubiläum in Festversauimlnugen, in denen hervorragende Abgeordnete, .wie T v Eduard S u e ß, Freiherr v. S o m m a r n g a, Mar M enger :e, die große Bedeutung der Ltaaisgruildgefelzc darlcgten. Tie demokratische Partei in Wien veranstalicte eine t>'eden!scicr chi >,:oßeu Ballfaale des Eiablist'ements Ronacher. In einer glänzenden Festrede legte der Reichsrathsabgeordncte Tr. Kronawetter dar, daß die Grundgesetze, welche hervorragende Männer vor 25 Jahren geschafsen haben, noch heute eilt. Bollwerk bilden, an dem sich die Wogen der Reaction brechen. Ter Reducr kam auch auf die gegenwärtigen Zustände in Wie» zu spreche» und bemerkte ». A.: Tas Wien, welches im Jahre 1H(57 von einer Begeisterung für die freiheitliche» Ideen durchzittert war, wie lies zeige es sich heute gesunken dnrch den Einsluß, welchen rcactionärc Elemente aus das Wiener Bolk erreicht haben. Er'schloß mit einem warmen Appell, jeder Einzelne möge stets nuwandclbar für den Ausbau der * Verfassung im Geiste der Freiheit und Gerechtigkeit cintrctcn. Sodann hielt auch Professor Tr. Benedikt eine fei)« wirkmigsvolle Rede, in welcher er unter lebhastcm Beifall der Anwesenden sagte: Ter Antisemit stehe a» der Grenze zwischen Bcrbrcchen und Geistesstörung. Ter Anlisemiliönius sei nicht nur ein pSlitisches, er sei ein gemeincs Berbrcchcn, weil die Ehre vieler Bürger einer wildd» Mente prcisgcgebcn werde, Es sei bedauerlich, daß solche Berbrechen in Oesterreich .ungeahndet begangen. werden können. Unter den zur Bcrlcsung gelangten Zustiiumnngskundgcbungen befand sich auch ein Tclegramm des Präsidenten des Bcrcincs zur. Abwehr des Antisculitismus, Freiherr» v. 3 «ttiicr. Porigen Freitag Abends fand im israclitischen Tempel in der Scitcnstcltciigassc eine Bersafsungsfeier statt. Tcrsclbcn gingen die allwöchentlichen Freitagsgebete voran; in dem Gottesdienste wurden jedoch auf Anregung des derzeitige» Präses der Wiener israelitischen Gemciudc, Herrn Wilhelm Ritter v Gntinann, einige Resormcn cingcsührt, ivclche. einerseits die religiöse Andacht durch Hinzufügung einer deutschen Erhörte und eines dcntschcn Ehorgcsangcs popularisiren, andererseits solchen Personen, welche nicht in der Vage sind, an dem samstägigen Festgottesdienste in den Morgcnstnndcn thcilznnchliien, durch Abhalluiig einer allwöchentlichen Erbaunngsscicr am Freilag Abends die Thcil »ahmc ermöglichen sollen. Rach dem Gottesdienste ergriff Prediger Tr. Jellvnck das Work, nm in patriotischer Rede den staiser als den Schöpfer der freiheitlichen Berfafsung und als Hort aller Be drüAten und Bcrfolgtcn zu preisen. AlS der Prediger den 'Rainen dcö -Viaifers nannte, erhob stch die ganze Bersammliing von den Litzen. Mich der Predigt wurde ein „Vobgcsang",. dessen Musik von Professor Joses Sulz er und denen deutscher Text von Moriz Ritter v. Gu.1mann verfaßt war, von dem verstärkten Ehor vorgetragcn. Ter Einladung-des ls'emcindcprüscs, dem zum crstcnmalc cingesührtcn Reform gotiesdienstc und der damit verbundcucn Bcrsassnngsscier bcizuwohncn, hatten zahlreiche Persönlichkeiten Folge geleistet: »nicr den Honoratioren, ivclche zu rescrvirtcu Ehrenplätzen geleitet wurden, besandcn sich die Hcrrcnhausmitglicdcr Friedrich Freiherr v. Pcitcilbcrgcr und Hcrr 'R'ieolaus T nmba, der Bieepräsidcut des AbgcorductcnhanscS Freiherr v. Ehlumcrki), elecichsralhsabgcordncter Professor Tr. Eduard L n eß, der Schriftführer der Freiwilligen RctpiugsgescUschast Tr. Frei Herr v. Mundn, Prosesior Zumbusch, Professor Tr. Gansbachcr :c. In'W ic n c r R c u st ad l hob der Bürgerincister und Vandtagsabgeordnckc Tr. Habcrl bei einer vom -dortigen Tcutschen Bolks vcrcin veranstalteten Gedenkfeier hervor, daß die Berfafsung Religion niid Wissenschaft schütze, die Gleichheit^ aller Ltaatsbürger gewährleiste, daß sie aber von Jenen betämpft werde, denen alle Freiheit ein <''rcncl fei und welche die Finsterniß des Mittelalters zurückwünschen. Besonders festlich wurde der fünfundzivanzigjährigc Gedenktag in den deutschen Städten Böhmens begangen. In Saaz waren alle Häuser beflaggt und Abends - illuminirt. Gegen die Oolksverhetzung. Bon cincin Frcuudc der Abwehrbcstrebungen erhalten wir folgende Zuschrift: Es in eine traurige Errullgeiischalt der zweiten Halste des so weit vorgeschrittene» und viel gepriesciien iieuuzehiiten Jahrhunderts, das berüchtigte „H,'vp! Hepp.'", welches jahrzelniietaiig geschliiimnert hatte, zu neuem tzeben crivcckl zu haben. Frisch, und sröhlich ertönt, es von allen Seiten und bildet die Signatur inu'erer Tage! Keivisien streitbaren 'Raturen genügt es nicht, daß das Reich durch den leidigen ')latioilalitüle,ihader bis in seine Grinitveslen crichilticrk ivird, die Veidcnschasien bis zum Wahnslini entsesielt sind; nein, eS muß auch noch gegen eine ganze ReligionSgeliosscin'chast gehetzt und geschürt werden. . / Aber, sagen die Führer dieser traurige» Bewegung, wir haben ja gar nichts gegen die jüdische Religion, wir haben cs bloß mit der Race zu thun! Diele Berficherung lömite min allerdings fast überflüssig scheinen, denn alle Welt weiß, daß jenen Herren ihre eigene Religion, die christliche, al« solche

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