Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 37 (18.12.1892)
- Date
- 1892-12-18
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 83% known words query
- IRI
…/4886575-5439132-5439253--0374-4886911- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I ls'iä. U1 pib 11 acfjts Mumnicr des „freien Blattes": eite -I. „Lächerlich!" .rufe» fic. „kvie will de»» Jemand, der nicht einmal weift, wer ich bi», mich so reden lassen, wie das meiner Lebensstellung, meinem Alter, Geschlecht und Bildungsgrad angemessen ist? Ich kann ja ebensogut ein ganz gemeiner junger Taugenichts, wie ein pedantischer alter Professor sein; eine in Adelsstolz verbissene Betschwester oder eine arobe pöckcrin, ein geldgieriger Geschäft-,nann, ein ernster Forscher, ei» —" „Genna, genug! Daß Sic voh alledem nichts find, weis; ich ja, von den aenanntcn kNcnschcnsortcn hätte kein Eremplar bis hichcr gelesen, ^ie acbören — gleichviel ob kNaitn oder ,frau, jnng oder alt, vornebin oder gering -»• zu jenen Leuten mit Hellem niid unbefangenem Sin», die naä' allem, was in der moderne» Ivclt die Geister bewegt, mit Interesse lauscben; die selber wenn nicht Künstler, so doch Dilettanten i» schön aeistigcn Dingen sind, wohlmeinend, von seinerSitte, beiter angelegt —" „Genug, genug — sei jech,t auch Ihnen zngcrnsen, vereheliche Unterdem-Strich Schwätzerin — das klingt ja wie jene orakelhaften Tha rakter Beschreibungen, wie sie im „graphologischen Briefkasten" vorznfo,innen pflegen, welche ans fast jeden Menschen Anwendbares und daneben soviel Schmeichelhaftes enthalten, daß die bcurtbcilten Uandschriften,Linsender sich bereitwillig für — durchblickt.erklären," ,,^ch besitze aber einen viel bedeutsainercn Anhaltspunkt, »in ans Ihr 'Uesen scl'ließen zu können, als solches in den paar und Schaltenstrichen nämlich Ihre mir bisher geschenkte einiger Schristziigc geboten wird Ansmerksamkcit." „kvcnn Sic mir deshalb Schön! längst aus der pand gelegt habe, inorans Sic schließen, daß ich an Ihrer Unterhaltung Geschmack sindc, und ableitcn. daß ich ein universell rtcbilJji bin, so kommt dies stark wie rin sich also nacbsichtig nannte ich Sie, nnde, daß nur Ihre eigene», leicht können, welche im Stande waren, lostmit Jedenfalls ist mein Gegenstand neu „Da muß ich widersprechen: „I eiten sagen, weil ich dieses Blatt nicht wenn Sie daraus ferner den Beweis ctcs, höchst liebenswürdiges Phänomen selber gemachtes Tomplimcnt heraus." „fällt ntir nicht im Traum ein! Peiler und wohlwollend — das ist was beweist, daß ich mich nachsichts bedürftig fühle; und wenn ich Ihien Geist zumnthe, so ist es weil ich angeregten Gedanken os gewesen sein die'Inhalts- und Zusammenhangs, stakeit eines sprunghaften Vortrages über „nichts u»d wieder nichts" it „Etwas" — einem Etwas, dos Sie nicht langweilt,« auszufüllen. und bescheiden." lichts" ist,ebensowenig bescheiden, als neu. Das, was dem Schöpfer genügst hat, »m die kvelt daraus zu niacbe», ist imincrhin ansehnlich genug und däbei stcinall — älter als alles klebrige," So alt, daß es längst im Maia-nnis steck» und bald ganz todt sein wird. kvic wenige, glauben noch daraii! Die Ueberzeugung von der Lwigkect des Stoffes Ewigkeit ohne Anfang wie ehnc Ende — greift immer mehr um sich,. . ." „So — da sind Sie wieder — nach kaum zehn getauschte» kvorten - glücklich bei der abstractesten Fragt der Spcculation angckominen — ich glaube, das ist eine Krankheit bei Ihnen. Lassen wir doch die Ewigkeit des Stoffes und dessen Kreislauf, dessen unendliche Thcilbarkeit und sonstige unfaßbare Eigenschasten gefälligst bei Seite und spreche» wir re» —" „Ettlschuldigen Sie, die Lenkung dcr klniciHaltung foininr mir zu. Bitte dies im Gedächtnis; zu beballc». Die in Ihren Mund gelegten kvorte und geliehenes Gut —" Mho ich kann mir i.icht gcfall-en lassciS. . Begehren Sie nicht ai:f. Es kostet mich nur Ein kvort und'Sic sinken in das Bichls zurück, aus welchem —" „Sic sagten ja, es gebe kein Nichts," .Unterbrechen Sic nicht... aus welchem Sie meine Jeder hervor, aezaiiberl hgt —" ‘ .• „Ja, ja — ein pcrcnstab von einer Feder - kvas brummen Sie? . , . hcrvorgezanbcri hat. Bleiben Sic ali'o hübsch lenksam und verzichten Sic aus die Bcthäligung Ihres imäginärcn Ichs." „Als ob dieses imaginäre Ich — eine Injurie übrigens, sür welche >>b Ibnen eine Ebrcnbcleidiginigskla^c anhängcn könnte — nicht doch Ihr pe»r wäie! Dieses Ich, wenn Sic cs so geringschätzig behandeln und dessen crratbene kvünschc nicht berücksichtigen, legt einfach das Blatt aus der ksand — dann sind/ie selber drin, in dem 'samoscn Nichts, und können da weiter philosophircn. Sohald Sic sich cingestehen müssen, daß Sie mir kein Vergnügen inchr bereiten, so ist's auch mit dem Ihrigen vorbei; /so spielen Sie sich, ich bitte, nicht gar so ans den Selbstständigen, von aller kvslt llnabhängigen hinaus, kveun es mit Ihrer kveltweisher». von dcr Sie mich vermnthlich glauben machen „wollen, daß Sic diciekbe mit Schöpslöffoln gegesten haben - wenn es damit weit ber wäre, so wüßten Sie, da;; es gar nichts ganz .freies »nd ganz Sichgenliaendcs gibt, - Alles ist solidarisch - Alles hängt „Iusammen, Sie baben ganz recht. Sic sprachen aber jetzt selber in den, Tone der Verallgemeinerung, den Sie mir vorhin so übelgenommcn haben. Ich sehe immer mehr undEmchr, daß wir nngehener sz-mpalbisircn reichen Sie mir die Band und lässen wir diesen kleinen Streit vergessen sein." _ , kUcinciwcge». Aber zur Strafe müssen Sie,jetzt allein weiter reden. Ich sage kein kvori mehr," „Das ist hart. Kachfncht und finstere Strenge hätte ich bintcr Ibrem gutmütbigcn Gesnbt nicht gesucht, Sic baben nämlich, wie jeder kNensch, dcr gerade ein harmloses Feuilleton liest, einen sehr sanslcn Ausdruck, Lin Helles Lächeln spielt um Ihren Mund, Sic schauen — „jcbt eben gescheit — aber doch einigermaßen vernnnstbcgabt aus.., Und Sic er widern wirklich nichts ö . . . Also fahre ich fort. Und da wir eben von Vernunft gesprochen, Sie machen sich keinen Begriff davon, wie wir alle dciy Ucberschnappen bedenklich nabe sind. Sic selber, trotz des verständigen Ausdruckes, den ich soeben an Ihnen gerühmt habe, und den bcizubehalten Ihne» nicht vollständig gelingt, Sie können nicht wissen, wie viel proecn^" kkarrbrit in IhiVr Gescheitheit enibalten sein »rag, Tbun^Sie inir den - Gefallen nild beobachten Sie sich wäbrend des Liiischlunimcrns «das braucht nicht über diesen Spalten zu geschoben nnd Sie werden bemerke», wie nach und nach das vernünftige Denken, wo eine Vorstellung hübsch nacb der Zandern kommt," einem consnscn Gcdankcnknäuel Platz macht, wo zwanzig beterogcne Bilder in eine einzige, »»sinnige, dem wahre» Instand > unfaßbare, dem palbträumrnden aber ganz plausible Vorstellung vermengt, lind. Barrheit ist nichts Anderes. Und wen» unter diesen verschlafenen Ideen die eine so vorherrscht, daß sie die andere mebr oder weniger überdeckt, so ist das die .form der Barrbcit, welche fire Idee heißt. Achnlichcs haben Sic wobl schön an sich seihst erfahren. Mdcr wären Sie niemass verliebt gewefeti? Nie? Das-.glaub' ich wieder nicht. Anormale Fischmcnschcn, perzens krüppcl n. dgl. pflegen auch nicht Feuilletons zu lesen. An diesem einen .factum, seben Sic, baltc ich Sic fest und construire mir daran einen - ganzen Mrganisnuis mit derselbe» Sicherheit zurecht, mit welcher Paläontologen ans einem einzigen Kieferknochen ein ganzes Skelett anfbancn und nebstbei noch'erzählen, was besagtes Skelett für kcbcnsgcwobnbeitcn hatte. Sie waren also verliebt, dabei bleibe ich. klnd sogar mchrcremale, denn wenn je ein zur Zither gesungenes Lied eine Lüge gejodelt bat, so ist cs "5as bekannte-„kNailüfterl: „Die Liab blüht nur einmal.' Und nacha is gav. . Das war' nicht übel - „nacha" blühr's auch schon nocb. Es ist Sünd' und Jammer, wie viel um dieses herrlicbste Gcnibl Iwrumgclogen -nnd gebeuchclt, gcscbämt und geleugnet wird. Ivcnn Venns lebte, sie wäre längst mit ibren, Söbircheit von der Erde davongcsä ivebr, um ihre Undankbaren verleugncr dnrcb ewige Abwesenheit z» strafen. Dieselben hätten dann ausstcrben üiüsscn was weiter nicht schade wäre, Ukars, der krriegsgott hingegen 'wenn er lebte, bätte allen Anlass,^ sich dcr ihm erwiesenen Ebrcn zu freuen. Ihn und seine Siege zu preise»^ ist eine That, deren sich BiemaNd schämt, die Niemand im verboracncn zu üben braucht, mit de/ mail siä> prahlt und rübm», Ja. der Gott des Passes und der Aassenfeindschäst könnte mit seinen 'Bekennern zufrieden sein. Im Gegensatz zur Flucht der Liebcsgönin würde cr feine pcrrfchaft ans Erden immer mehr ansbreiten und feine puldiger alle mit rübnil chcm Schlachicntod bclöbnen. Das Aefuliat wäre-frcilich wieder dasselbe: aussterben, kvas wieder nicht schade wäre. Daß wir also noch nicht ausgestorbcn sind, danken ivir dem Umstande, daß es jene Gotlbciien gar nicht gibt, deren tödtlichc Strafe nnd tödt licher Lohn uns sonst vernichtend ereilt hätte. Sie sagen kein kvort? Diese Standhanigkeit lob' ich mir. Dazu die Geduld, niit welcher Sic meine Ausführungen — - „Mb ich's aber »och lange ansballe?" ,,^lh sc»? Dann bin ich zn Ende, Dannsage ich weiter nicbis und wieder nichts."