Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1892-12-18 · 37 (18.12.1892) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
37 (18.12.1892)
Date
1892-12-18
Page
[Seite] (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
85% known words query
IRI
…/4886575-5439132-5439253--0373-4886910
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2. weihnacht's - Nummer des „Freien ll^ttes”. 1892. tivibou. os ist ein tiübiolUos Meibnachtsfest, 311 dem nicht die ^acfol der 3lufPUining, fou&ern die Braiidfaokol dos Bruderbasses entflammt wird. ^ast Fömitcrt wir kleinmütlna wordon und verzaat, wonn wir nicht wüßten, daß es nach der Nacht stets u'iodor dllaraon und nach dom Minter ^rnlstina werden muß, daß die ^onne immer wieder die Destel des Frostes und der Finstorniß siegreich brechen muß. ~V stärker wir in unserer Zuversicht sind, je-fefter, so enger wir uns im Kampfe aneinanderschließen, desto näber sind wir dem!r>iege, desto näber sind unsere heiligsten Mnnsche ihrer LisnIInng Dann wird non jenem IDeil'nachtsteste, £us wir beute nicht ohne Bitterkeit begeben können, eine neue Zeit der Aufklärung und der tiiebe anl'eben, und es wird treu altem Brauche gewesen sein „das (^ebnrtsfest des unbestegbaren (ichtgottes". Klebernicbts und wiederniMs. Lin Feuilleton von Ürrtha v. Suttner. ein Wort, lieber Leser! Mffenbar bube» Siegelt und sind so! ils ziemlich aut aufgelegt. sonst würden Sie fietr nicht so behaglich : fj; daran machen. ein Feuilleton zu lesen. iveder sind Sie von einem wüthenden hund gebissen worden, noch haben Sie »in diele Sinnde mir einem Zahnarzt, einem Gläubiger oder einem ungnädigen Vorgesetzten zu thiin: Sie wollen beute weder Ihre hochzeit seier». noch Lon-urs Unionen: Sie fühlen sich nicht über alle Maßen selig und nicht ücrbeti~iingfiicflieh; kurz. Sic bennden sich in der richtigenvecsaffiing. um ein.ferniinittaes lvort mit sich reden zu laffen. Mder rielleicht lassen Sie aueb Unvernünftiges mit sich redend... vielleicht wäre es Ihnen sogar recht angeiiehni. zu enipnnden, daß Sie um ein gutes Stuck gescheiter sind als das Federweien, welches sich da alle erdenkliche ITIuhe gibt. Sie mit den vorliegenden Zeilen zu ergötzend Uber dieies Gefühl dars ich nicht autkommen lassen. Das mutz sosort im fteimc erstickt werden, leiht zu Ihr ein idergniigea schreibe ich. sondern z» dem nieinigen — lassen Sie sich das-gesagt sein! Sie glaube» etwa gar nicht daran, daß es ein Vergnügen sei. zu 'ühreibeit? wie jener vornehme Orientale, der einem unserer Bälle zusab niid kopfschüttelnd meinte: ..Das lassen wir von unseren Selaven ver nhteit" — glauben Sie wobl aueb. daß es eine mühevolle, zur Belustigung unserer Lesegebieter demüthigst geleistete Arbeit sei. wenn wir, i» Papier drapirt, mebr oder minder anmutbige Federpas anstühren > Nein, nein: wir tanzen — will sagen wir schreiben, wenn uns im Kopfe die Musik autipielt. weil es eine Lun ist. mit den Gedanken in rhvthmischen, bald wiegenden, bald Labinrasenden Schritten sich herumzudrehen. vielleicht werden Sie mir einwenden, daß nicht immer Gedanken ^vorhanden -'eien, welche man zum Udalzer aussordern kann. Aber die Dinae und ja aar nicht so selten, wie Sie durch diesen Linwand, der auch sozusagen ein Gedanke war. selber bewiesen haben. Lassen Sie nur Sit» im Gehirne fortwährend ihatigen Ideenverhindungsaxxarat trcics | Spiel, und' an Gedanken gibt er niemals Mangel. Die Gefahr besieht eher darin daß dieselben nur gar zu eilig und inaffeuhast.untereinanderwirbeln, wie die Mücken über dem Wasser oder die Ständchen im Sonnen strahl, so daß es ganz unmöglich wird, sie in geordnetem Reigen vorzuiiibrcn. Zu reich zu reich ist alles aus dem SchöpsungssüUHorn aus die Welt geschüttet: der Ueberfluß. nicht dpr Mangel, ist an allent Llend schuld, warum müffen z. 15. so rieh arme, junge Fischleben dem hecht j rachen zum Mpser fallen? weil so ein besloßtes iveibchen ihren'Gatten nicht nur mit gesunden — Zwillingen, sondern Millionlingen überrascht, lvarurn nuche» rertchiebene Geschäftsleute driön? ivarnni bleiben so fiele Bücher . Bilder nnd Icoteiitabrikanten unberühint? warum rer k.-minerii Mvriaden reu pstanzensainen »nd verdichten sich io wenige . kosmische Rebelkeime zu Sternen? Das wissen Sie ja: durch die Lonourrenz oder — wie es in moderner IKkliieidiiiig der Freindworte -beißt — durch den Wettbewerb. Die Masseuhantg^kut hat die Schuld. ..viele sind berufen, wenige auserwählt ward schon mit Bezug aut den alten himmel gesagt. .Jedenfalls waren auch,dort, weniger Platze als Bewerber: nnd ein gleiches; hat die Socialwiffeuschatt mit Bezug aut das Bankett des Lebens entdeckt. | Die Lualadunaskarten hiezu thrilt Ratur, die Festgeberin, in verschwen l deris-her Fülle aus. aber die Zahl der Sitze ist jämmerlich knapp be- ' schränkt. j Stimmt Sie dies etwa herab? Mit Unrecht. Der Umstand allein, daß Sie ganz gemülhlich ein Zeitungsblatt zur haud genoinn en haben und darin nicht mit fiebernder hast den Loursbericht durchfliegen, sondern ruhig lesen, was unter dem Striche steht, ist an sich schon Beweis, daß Sie nicht zu den am Liiigang des übeifüllten Bankettsaales Zerquet chten gehören. Ri-hts wäre mir auch ferner gelegen. - als die Abfleht, Sje zu betrüben. Sie glauben doch nicht — nachdem ich eingestandenermaßen zu meinem Vergnügen mit Ihnen plaudere — daß es mir eine grausame Lust ge wahren könnte, Ihnen die Freude am Lebe» zu vergällen? Ls gibt zwar Kauze genug, die jede Gelegenheit wahrnehmen, etwas Uuangenehmcs zu sagen, zu fühlen oder zu denken, und es sind durchaus nicht die Derwische. allein, welche sich das Beulen* zum Berns erwählen. Da sind noch — die Antisemiten will ich für diese Festnummer ganz bei Seite lassen — weltverachtende Dichterjünglinge, gichtbehaftete pensiouisten. keifende Klatschbasen: außerdem eine ganze Reihe von Leuten, die sich Pessimisten nennen, ivelche alle, seuszeud und brummend, zankend niid-klagend an solchen Derwisch Liedertafeln mitwirkeu .., Sollte das nicht polizeilich verboten fein? Doch leider: für öffentliche Gesundheit, Sicherheit und Sittlichkeit wird behördliche Vorsorge getroffen, aber zur AufrechterHaltung der öffentlichen gute» Laune besitzen wir noch keine Schutzmamischaft. ivahrscheinlich sind Sie der Ansicht, daß eine Vermehrung polizeilicher Zwangsmaßregeln nicht eben wünfchenswerth wäre, und daß — nach dein bekannten Sprichwort ..Des Menscheu Wille ist sein Bimmelreich" --es bei weitern vorzuziehen fei, aus. freier Lntschließung verdrießlich sein z» dürfen, als mittelst Bajonettstöße oder ähnlicher sansler Staats-Lin Mischungen zu ossioieller Beiterkeit gekitzelt zu werden? Sie Haben so unrecht nicht. Aber, erlauben Sie mir, anläßlich des angesührten Sprichwortes, die bescheidene Anfrage: Glauben Sie denn überhaupt daran, daß der Mensch einen willen, d. h. einen freien ivillen hat? Sie haben also von „Determinismus" noch nichts gehört? Dann folleir Sie ^meinetwegen auch jetzt nichts davon erfahren. Als ich mir „auf ein Wort" Ihr freundliches Gehör erbeten, führte ich dabei gewiß nicht die veträtherische Absicht im Schilde, Ihnen einen philosophischen Lffay autzuklebeit. Man kann ja nicht wissen, ob Sie dergleichen lieben. Der Unistand.. daß Sie hier statt des Leitartikels das Feuilleton 'lesen, läßt eher' ans eine entgegengesetzte Geschmacksrichtung schließen. Sie lieben das Leichte. Anekdotische. Sprudelnde — Sie wollen lesen, wie man vom Rachtisch das Zuckerzeug und die Mandeln knackt . . . Ja, was müßte man Ihnen da eigentlich vorsetzen, um Sie ganz zufrieden zu stellen? ivohl irgend eine kleine Geschichte mit pointirtem Dialog, mit schalkhaften Anspielungen. zu welchen Sie angeregt lächelit könnten und wo Sie bei jeder geistreichen Wendung eine Lmpsinduna Hattpu, als wären S i c der Geistreiche. Ls thnt mir leid, diesen Lrwartungen nicht entsprechen zu können. Aber Sie sehen wohl ein: wenn ich so ein Geschichtchen bei der Hand gehabt hätte, so würde ich gleich damit aiigefangen haben, statt Ihnen ein Langes und Breites über'„nichts und wieder nichts" vorzuplappern. Lassen Sie uns übrigens zur höheren Würze die Form des Wechselgespräches annehinen und gestatten Sie mir. Ihnen einige Aussprüche in den Mund zu legen. Ls ist ja leicht zu erratheu, was so ein gutaufgelegter Feuilletonleser gegebenen Falles sagen würde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.