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Freies Blatt · 1892-12-18 · 37 (18.12.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
37 (18.12.1892)
Date
1892-12-18
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Freies Blatt. Nr. 37. und daß dir. Nation sich i». .dieser Hinsicht jeder ' Sorge entschlagen könne. ' Tr« Antisemiten nnd zwölf Socialdemokraten, unter denen sich Ti Niger ntid S tadtha gen befanden, brachten im Reichstage einen Antrag ans zeitweilige Einstellung des Skrafvcrfahrens gegen Ahiwarbt ein. Tiefer Antrag, für welchen auch das Ccntrnm geschlosien stililinte, wurde mit geringer Mehrheit angenommen. Ter Eindruck, den die Wahl Ahlward'S außerhalb Deutschlands 'gemacht hat,'spiegelt sich in nachstehenden Aeußernugen der „Times" wider: ..To ernst auch dieses Symptom der allgemeinen Tcmorali satioil in. welche die mit der nnwiderslelslichcii Schnelligkeit eines Prairieteners um sich greifende antisemitische Bewegung hervorgerufcn bat, so in doch zu hone», daß Ahlwcudts Tieg gerade durch die lliMlienerlichkeir der geistigen Berirrung, die er vcrräth, eine Reaction •,u ('-ltiifu'ii des gefunden Meiischcnvcrslandcs nnd des politischen Anstandes hcrbciführen werde. Wenn eine Partei die Führer hat, die sic verdien, io hak der Antisemitismus dadurch, daß er sich mit einem Ablwardt idenkisieirt, sich selbst vcrnrtheilk. Es müßte denn sein, die deutsche Ration verrichtete auf ihren Anspruch, an der .Tvine der modernen Eivilisation zu marschircn." ,'.Hlnuchr.’ Tie Aciion des Bcrciiics zur Abwehr des A n l > s e m i li s »i n S, welcher durch eine Deputation des Bor t stau des den Pi äsidcnlcii des Abgeordiietciihauscs um Tchutz gegen die Angriffe auf einzelne Gcscllfchaflsclasseii und Eonfessioncn ersucht hall», findet bei der forlschriltlichen Bürgerschaft allgemeine ' Zustimmung. Zm Berciue der FLrtschriltsfreuiide, der am 15. d. eine euve'leite Plenarversammlung abhielt, sagte unter lebhaftem Beifall der rantlagsabgcordnele und Sladtralh Noöke: „Merkwürdigerweise hat man gegendsesen Schritt angeführt, daß die Borkviiiinnissc im Abgcordnclenhausc eine interne Angelegenheit desselben seien. Es ist nun die Pflicht der freisinnigen Wählerschaft, ans*,»sprechen, daß diese Teputalion in ihrem'Sinne. gehandelt hal. Es ist ein Fehlschluß, zu glauben, dcH diese Angelegenheit eine iiucrne Angelegenheit dcö Parlaments sei. Tie Würde des Parlaincnis ist eine Sache, die nicht nur die Abgeordneten, sondern jeden Wähler angcht. Eine interne Angelegenheit ist .es. wenn die Herren sich unter einander Grobheiten sagen; wenn cs aber gestaltet ist, daß ganzen Wählerclassen die gröbsten Zufällen ins Gesicht.'geschlendert werden, so ist das eine externe Angelegenheit." - Alls dem Mgcordllcttllhausr. Tic anlisciuilischeu Ausschreitungen im Abgeordncleuhause haben dam geführt, daß die Tiserplinarbcfugnissc des Präsidenten verinchrr werden müssen. Bor dem Eintritte der Antisemiten in das Hans war mau-mit dem Trdnungsruf als strengster Eesssnr vorkrenlich ausgcfommcn, cs herrschte ein vornehmer Ton in den Tebasten, weil sich die Abgeordneten ihrer Wurde und der Würde des Parlaments bewußt waren. Tic Antisemiten aber brachten einen (^asieniiingenlon in die Bcrhandluiigcn. Ter Ausschuß des Abgcord nclenhaukes für die Revision der Geschästsordnnng beschloß, dem Präsidium das Recht einzurättmen, nach vorhergcgangcneir Rügen oder Tidnnngsrnse^ einem Abgeordneten bis zur Datier von zehn Sitzungen das Wort ',n cittzichen. Tic Maßregel soll mit Zustiinmnng eines Ekrenrarb.es verhängt melden, welcher ans l^rnud der Ernetinung feinet Mitglieder durch den Präsidenten neu zu schassen wäre, um den bisher ttl siche» Mißbillig niigsausschuß bei gegenseitigen Beleidigungen von Abgeortneieu;n crscvcn. Bon den Wiciirr Aiiliscmilcn uiiD ihren Bcstttdungc». Wir et ballen folgende ■ Zuschrift: .::: chöii'e» nnd eS. nach denen die p. t. Antisemiten die Menschheit i .nd edel machen zu Ivititen glauben Ten radicalen Zttdetn'refferit, »nt Pet.:. Tt. ru-'ger. an der Spitze, ist rS einerlei, ob man die Juden kev'i . lkere: *V - oder vielmehr ihr Vermögen — ihnen als ge beaieve ee.n. it in den Mund stiegen. Tie sogenannten getnäßigten Talmi auii'cnitten cl n das H der Wett in der Aufhebung der Emancipation der Fukeu Eine eigen-' Fukenst,•»>>-, Ausschließung derielbeu von allen öffentlichen EbteitumMt Aemteen, ',ini»icrarr>>i im Ghetto, der gelbe Fleck — das waren >'c e:e '.oironcii Wnn'ä'c. die Herr Tr. Patlai auf dem Herzen hätte. Mir d.-ii Hnien von der ftriemt Tbseroan; läßt sich nicht rechten, nicht weil gegen cis'Tniiiinlieii die Götter vergebens kämpfen, sondern weil die Götter Tiejenig-'n, die sie verleiben irollen, mit Blindheit -cblagcn. Aber jenen Anti - Hitiitcii, cio. i:Oft) nicht durch die Leeiiire des Bergani'ichen Blattes mn allen jl' nun't;, Bieinchwurei stank und um alles Gewissen und Gerechtigkeitsgefühl ge- ' kommen find, darf man doch einige Fragen vorlegen,' nicht ob sie mit ihren Anschauungen im Rechte sind, sondern ob ihre frommen Wünsche nicht schon längst traurige Thatsachen sind. Zur Zeit, da die Juden noch nicht emancipirt waren, haben sie nie diese Behandlung erfahren, die ihnen jetzt zutheil wird. In den Togen des Absolutismus seit und noch vor der Regicriing Maria Theresias und unter der ihrer Rachfolger sind die Inden als Menschen betrachtet und behandelt worden. Werden sie das heutzutage-' Gilt nicht die Abstammung vom Israeliten, das Bekenne» der mosaischen Consession geradezu als Verbrechen? Ist nicht ein Jude, gleichviel ob er Arzt, Beamter oder Handwerker ist, in den Augen eines großen TheilS der W«üer Bevölkerung ei» Wucherer, Ausbeuter' Bcrgister des Volkes, dem jede Geuieiiiheit und Niedertracht nicht nur zu gemuthet, sondern direct vorgeworfen wird? Wenn im Mittelalter ein Jude znm siacholicisiiiiiS übertrat, so war er vollständig gleichberechtigt und zu allen Aemterii zugclasieii. Nnd heute? Ein Gesetz freilich verbietet nicht, daß Inden zu höheren Ehren gelangen, -de fac-to aber wissen die Herren Stellenvergeber cS wohl zu vermeiden, einen Uiigclaiisten anstellen oder avanciren zu lassen. Wenn so Tag für Tag von durch Jmniuniiät geschützten „Volksvertretern" gegen die Juden gehetzt und gehöhnt wird, wenn da» Familieiilebeii, die persönliche Ehre in den Koch. gezogen wird, wenn mau für den Zufall der Geburt verantwortlich gcmacht wird, moralische, geschäftliche und persönliche Interessen und Rücksichten besudelt werden, wenn gelehrt und gefordert wird, sich -am vcben, an der Gesundheit, der Ehre von ruhigen Bürgern — denen der i Zufall jüdische Ellern gegeben hat — sich zu vergreifen, müsse» .nicht da gar! Biele all das, womit eine abergläubische Zeit die Inden unterdrückt, aber sic gleichzeitig in den dirccien Tchutz dcS Kaisers und seiner Comniissäre gestellt i hak. Verhältnissen verziehen, da sie in der Theorie frei sind, aber in Wahrheit : geschmäht und verfolgt werden? Muß da nicht lie Aera Maria Theresias das goldene Zeitalter geiiannt iver.dcii gegen eine Zeit, wie sie Prinz Liechtenstein nir die Juden herbeiführen möchte? (Vahrnilss her Mtllschrllrtchtt.) Wir erhalten nachstehende Zuschrift : Zn einer vor Kurzem abgchaltcncn Plenarversammlung des Tcmokratischcn Bercincs im VI. Bezirke hielt Herr Ludwig Hälfey eine treffende, vom Geiste reiner Humanität beseelte Ansprache. Er; sagte u. A.: „Ich halte die Freiheit viel höher als jede Nationalität und jede. Eonfcssioii. Es handelt sich in erster Linie um die Wahrung ( der Menschenrechte, denn vor Allem ist 'der Mensch — Mensch; Ra- ’ tionalität und Confessio» wirken auf ihn erst später ein und sind ei» : Tviel des Zufalls. Tix Menschen, welche dem österreichischen Ttaats- ■ verbände angchörcn, haben die Pflicht, gute Pcsterrcichcr zu fein, ob! sie nun dcittsch, tschechisch oder welche Sprache immer sprechen, und 1 sollen sich von den verkappten Feinden Tcstcrrcichs und dcS BolkcS nicht gegeneinander aufhctzen lasten. Zeder trachte das Recht seines Mitmenschen zu wahren und zu fördern, dann hat auch er Anspruch! auf Schutz und Unterstützung."; C$Utiicmittjd)C Wohlthätisskcit.) Wie wir bereits in dir. 30 j des „Freien Blattes" gemeldet, ist nun auch der Berci» zur : P f l c g c .k r a n k c r T t u d i r c n d e r, also eine rein humane Zustitution, zum Tumuiclplaye antisemitischer Umtriebe geworden. Tie antisemitischen .Studenten haben bei den am 0. November stattgchablen AnSschußwählen durch eine itach berühmten Mustern betriebene Agitation ihre Eandldatenlistc voUftündig durchzubringen gewußt, mit Ausnahme der j jenigcn Mitglieder, welche ^cr medicinischLn Facultät angehörten. Diese hatte fünf liberale Studciileti in den Ausschuß mit einer großen Majorität gewühlt. Um auch diese ans dem Ausschüsse zu entfernen, legten die Antisemiten unter dem Borwandc, daß Unregelmäßigkeiten stattgefunden hätten, gegen die Wahlen Protest ein, welchem das Schiedsgericht Folge gab. Ani 10. d. M. fanden nun die Neuwahlen statt: die Aittiscmitcn hatten eine überaus rege Agitation entwickelt, um den Berei» vollkommen „jndcilrcin" zn machen. Während des Wahlganges selbst kam cs wiederholt zu stürmische» -Seencn. Ein antisemitischer Eoulcursttldent wurde bei der Abgabe einer auf einen fremden Namen lautenden Lcgitimationskartc ertappt und mußte unter de» höhnenden Zurufen der Liberalen schleunigst das Lo^al verlassen. •R'nn verlasigten die fortschrittlich gesinnten Studenten die Aufnahme dieses Borfalles in das Protokoll und die Berlesung desselben. Ter Borsitzcnde erklärte, er werde dies nach wieder cingctrctcner Ruhe vcranlasten. Als nun die Stimmenabgabe beendigt war, kam er trotz der Atifforderüng der Liberalen seinem Bersprechen nicht nach. Tics führte zu einer tumnltuöscn Scene, indem die Liberalen Protest gegen ein solches Bcrfahrcii cinlcgtcn. Während der Stimmenabgabe riefen die Aittiscmitcn beim Berlescn nicht „arisch" klingender Namen höhnend: „Zud!" Anfangs nahmen die also Apostrophirtcn diese Zurufe stillschweigend entgegen, als aber die Sache zu bunt wurde, rief ein Student: „Das sind.. Gemeinheiten! Ter Kratikeiivercin ist inter national und inlerconfessionelll" Erst jetzt trat Ruhe ein, und die Berlesung konittc nun ungestört vor sich gehen. Es wurden im Ganzen 256 Stimmen abgegeben. Tie antisemitischen Eandidaten wurden mit

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