Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 34 (27.11.1892)
- Date
- 1892-11-27
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 84. Seit« f> Freies Erscheinung zu zersplittern, die mit der bürgerlichen Gesellschaft steht und fällt. Di« Socialdemokratie bekämpst den Antisemitismus als eine gegen die natürliche Entwicklung der Gesellschaft gerichtete Bewegung, welche jedoch trotz ihres reactionären Charakters und wider ihren Wille» schließlich revolutionär wirkt, weil die von dem Antisemitismus gegen die jüdischen Capitalisie» aufgebetzlcn kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Schichten zu der Erkenntniß komme» müssen, daß nicht blgß der jüdische Capitalist, sontern die Capitalisteuclane überhaupt ihr Feind ist, und daß nur die Verwirklichung de« Socialismn» sie aus ihrem sociale» Elende besrrien kan». („Freiheit, Liebe, Menschlichkeit.") In der Berliner Perlag« Handlung von Groningen & (So. wird dcinnächst ein Prachtwerl, betitelt: „Freiheit, Liebe, Menschlichkeit", erscheinen und eine Kund-, gebung des freien Geistes gegen die Sturnifluth der Unduldsamkeit bieten. Aus dem ersten Bogen des im Entstehen begriffenen Werkes thcilt der „Berliner Börsen-E o n'ricr" eine Reihe intercffantcr Beiträge mit. Der Oberbürgermeister von Berlin, Zelle, schreibt: Eifrig schürt die Flammen an». , ' Blaset in die Wogen; / Glaubt Ihr selber nicht daran, N»n. so wird gelogen. -Alle Hunde lasset loS: Wad da kroch int Tuner, Haue aufrecht rücksichtslos / Nach berühmtem Muster. Hinniiel, ist das Maß nicht voll? Mach' ein End' de» Plage»! — Ach, daß ich so honen soll 2» den i'aiitner Tagen. Ein Spruch von Otto Fra»; Gcnsichcn lautet: Zu ivelchem Gotte sich der -."keusch auch wendet. Es gilt für 2ude, Muselman und Christ: Wann Sprache, Weissagung, Erkenntniß endet. Die Liebe bleibt, da Gatt die Liebe ist. Rudolf B a u in b a ch erklärt lakonisch den Antisemitismus als die „Modekrankhcit deü geistige» Pöbels". Victor Btnthgc» sagt: | Wer-ehrlich seinen Weg durchmißt, Dem wünsch' ich nichts zu leide: Ein schlechter Zud — ei» böser Eln ist — Ter Teufel hol' sie Beide! Ludwig Fulda stellt sich mit folgende» Versen ein: Sagt Einer heul' auf hohem Rednerpult Mit etwas Zungenkunst und Spiegelfechleu: - „Tic Müllerkuechie sind an Allem schuld, I An allem Schädlichen und allein Schlechten," Und wiederholt im Lande weil und breit Te» gleich.» Satz mit kühler Uebcrlegung, Daun haben wir in äußerst kurzer Zeit Tie große Anti-Müllcrkuecht-Bewegung. (Tie Revision der Lehrbücher für den israclilischcn Religions- »lltcrricht in Prcupcu.) Der in Ratibor erscheinende conscrvativc „Oberschlesische Anzeiger" schreibt: Die Revision der Lehrbücher für den israelitische» :>!e!igio»Sunterricht wild auf Anordnung des CultuSministerS in der ganzen Monarchie durchgesührt. Auch im diesseitigen Bezirke, wo eine verhältuißmäßig größere Anzahl jüdische»' Elementarschulen »nd Rctigiousschnle» vorhanden ist, sind die beim Religion» unterricht maßgebenden^biblüchen Geschichten und StalechiSmen von den Mn-is schulinspectoren eingefordert ivorden und werden den höheren Behörden mit getheilt. Tie ganze Maßregel ist aus eine gehässige Andeutung der „Streu; zeitung" zurückzuführe», i» welcher der Regierung der Vorwurf gemacht wurde, sie scheine von dem Inhalte dieser Lehrbücher keine «enntniß zu haben oderuuterlasse e« absichtlich, dkuselben -zu prüseu. Tie jüdischen Gemeinden und Schulen können dem Heri» Minister nur dankbar dasür sein, daß er sich de müht, diese Behauptungen der aniisemitischen Blatter durch eine Untersuchung zu widerlege». Tie Llhrbucher, welche überall im Gebrauch sind, haben das Licht der Sessentlichkeit, in welches sie durch das Bcrsahre» der Behörde» gestellt werden, nicht zu scheue». Wir dttrsen vielmehr mit Sicherheit erwarte», daß die Ehrenerklärung, welche als Resultat des Ganze» zum Vorschein tominen wird, die-böswilligen Verleumder, gründlich Lügen straft. (Rie sollst du mich befragen!) Die Berliner „MutHeilungen^ richten an der Spitze ihrer jüngsten Nummer an Stöcker folgende kategorische Anfrage: „Herrn Hof Prediger a. D. Stöcker. Nach Blatt. 'dem Berichte der „Dresdener Nachrichten" vom ">.'d. Bk. erilarteii Sie in Dresden, daß Sie in London airf jüdisches Au stiften haben ermordet werde» sollen — Wir richte»^an Sic die Fragen: I Zn-es ivahr, daß Sie eine derartige Aenßcriing gciban haben?. Falls Sic diese Anträge bejahen: - Welches sind Zhre Beweise s ti r eine so nngebcnerl i ch e B c h a n p t n n g?!>. -W a r u »i h a b e n sic der S l a a l s a »waltschaft keine Anzeige erstattet?" 4— Stöcker, der als Antisemit vcrmuthlich auch begeisterter Wagnerianer ist, dürste wahrscheinlich singen: „Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen n. w." - (Stöcker illtervirwt. (kulrs Huret, der den langnauge» Liechtenstein mit einem Interview beehrte, ließ auch dem -Er-Hos Prediger in Berlin eine gleiche Ehre zuthcil werdm. Der Pariser „Figaro" ,thcilt über diese Unterredung Folgendes mit: „Stöcker erklärte, daß der- AntisciniriSmnS eine thcilwcisc Beseitigung der socialen Hebel bedeute. .Was ich bekämpfe,' sagte er, .ist nicht die jüdische Race und nicht die jüdische steeligio», sondern die jüdische'Finanz Tic Apostel waren Angehörige der jüdische» Raec, »nd die Znden sind das Volk des alten Testaments: ich aber bin Ehrist. Ich habe niemals behauptet, daß der jüdische Ritus das Blut der. Ehristen benütze, aber absolut sicher ist. und wurde mirvon Diptvmäten,- die int Orient gelebt haben, bestätigt, daß fanalische und abergläubische Juden Mord thaten begehen, um daS Blut ihrer Opfer z>> verwenden.. Die anti semitische Borvegung in Dcntschland ist aus ganz anderen Gründen' entstanden, hauptsächlich auö.den großen finanziellen Umwälzungen, welche seit dem dcntsch sranzösischc» M riegc sich vollzogen haben. Erst als die große Finanz und die Börsenspccnlautcn den größten Thcil der ans Frankreich gekommenen Milliarden verschlungen, unsere Znden die Bauern mehrerer Provinze» cuteigncl und Zndnslric und Handel der großen Städte in Beschlag genommc» hatten, als die jüdischen Zonrnalistc», absolute Herren der öffentlichen Meinung, der Presse, täglich ltnscre Religion verhöhnten und gleichzeitig die Literatur mit Zmmoralitätcn verseuchten, erhoben wir uns. gegen ne. Wir lickd über immer in der Defensive geblichen. Denjenigen .(»den, ivclche ihre Ehrenhaftigkeit betone», erwidere ich, daß ffe mit den anderen ioli darisch sind. Denn sic habe» niemals gegen diese AnSschrciinngen protestirt. Meine konservative» Frcukidc verlangen keine AnsnahmS gcsetze und nicht die Ansliebnng der Znden-Einancipation. Wir wissen aber, daß dje wirshschaflliche^Abhängigkeit der Proletarier weniger drückend ist als die der kleinen Eigcnthümcr, der kleinen Rauflente »nd der kleinen Gewcrbslcnte. Wir wollen daher vor Allem ernste sociale Rcforüien, geeignet, die entsittlichende nnd verderbliche Uebcr' macht dcö ansbcutcndcn Eapifals zu vernichte». Man muß das oV »offenschaftSwcsc». der kleinen .Handwerker, der Bancr» nnd her Zn dustricarbeilcr überall fördern, wo diese Form der Befreiung anwendbar ist. Wir werden nnS von der hohen Finanz nicht hindern lassen, die Privilegien der 'ReichSbant anzutasten, das Ereditweseu umzngcstalten, die Mißbräuche an der Börse radikal zu beseitigen. D»\ Hauptansgabe des wahren conservativen Politikers ist, alles Btögliche anznstrcngc», um die Pläne der Demagogie nnd die socialen Katastrophen durch eine kluge Leitung der modernen. Strömungen im voraus zu ver hjndcrn: und cs sind'genug unabhängige Eonservative da, welche sich vor den Drohungen .der . osticiöscn Presse nicht . znrückziche». Die socialistisäze Bewegung, ist eine hauptsächlich von Znden geleitete. Zch sehe, daß in den meisten Staaten die Znden sie beherrschen, lind haben Sie jemals gesehen, das; die Socialistcn die Znden. m!»streffe»? Niemals!" Stöcker war so discrek, die Diplomaten, ivclche ihm über die Blntconsttmtion fanatischer Znden im Orient (Gewißheit verschafft haben, nicht zn nennen. Seine Aclißernngen über die beraubten l^rundbesitzer nnd die Schlechtigkeit der „jüdischen" Presse kennt man schon aus unzähligen Rada'li Bersammlnnge»: auch der Werthder selben ist bereits zu wiederholtenniale» gewürdigt ivorden. Für die Wahrheitsliebe Stöcker'S zeugt' dessen- Berstchernng, das; seine coiller vativcn Freunde keine ÄnsnahmSgcsevc gegen die«- Znden verlangen. Die „.sircnzzcitnng" deS Freundes Hämmcrstci'n widerspricht zivar tagtäglich dieser Angabe, aber der Franzose braucht ja das flicht zu wissen. Der Bericht Huret'S über' seine Unterredung mit Stecker ist, um mit dem Fürste» BiSinarck zn sprechen, etwas „stkckerbeinlg", der im Somincr erschienene über die 'B.erlcgcnhcitsphrasen Liechtenstein s war viel amüsanter. Rachkliiiigc z»>» Procciic Bnschhoss.« .Der antisemitische Agi«a«m und „Schriftleiter" 'Adolf Tesdvrps wurde wegen Beleidigung des Elcvcr Gerichtshofes ans 'Anlaß des Proccffes - Bnichhoff. in Hannover zu einer Geltest rafc' von '!<>0 Mark verurtbeilt. Ans dcimclben. .Grunde, vcrnrthcilte der l^erichtshok zn Ercfeld eine Frau Namens Fi.ethcn zn einer 'Woche l^esängniß, und verhängte das Ber