Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 34 (27.11.1892)
- Date
- 1892-11-27
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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1 Seite 2 Freies Unrecht nittcrfdjäutcn (Regner# überrascht, dessen Kosten stets Niemand anders als die liberalen Parteien zu tragen haben. Der eigentliche n»d wabre Feind des Antisemitismus, der Feind, ans den der letztere seine» Sturmangriff ausschließlich richtet, ist Überall und immer der Liberalismus, weil er in Folge seiner politischen Grundanschauung der geschworene (Gegner jeder Raren- und Clastensonderbest^ebungen ist und 'ein -muß. Darum aber ist es SelbsterhaltungSpflicht für den Liberalismus, die Angriffe der Antisemiten nicht willenlos über sich ergehen;it lauen, sondern ihnen entgegen',»treten, so unangenehm es auch für •eben politisch einsichtigen und geschulten Mann sein mag, sich mit einem Oegucr in Kamps einzulassen, den man als ebenbürtig nicht;:i letr'achien -vermag. Deshalb halten wir eS für einen Fehler aller liberal denkende» Männer, daß sie niit verschränkten dlrnien dem Unwesen. welches der Antisemitismus hier in zahlreich besuchten Versamiulnngen entfalkN,' unthätig zmeben. Es ist ja unzweifelhaft, daß diese Bewegung eine durch und durch unreife ist, daß die. Gründe, welche sie ihren Erörterungen zugrunde legt, theils unrichtig und schief, ilieils gerade-,u verlogen sind, aber man unterschätzt eben die Wirkung auch der unreifsten und fadenscheinigsten Gründe auf die minder geschulten und minder selbständigen Masten, welche de» Grundstock der Zuhörer in den antisemitischen Bersammlungen bilden. Gerade daß dort die unreife fügend ein so großes (Kontingent stellt, sollte nicht ein Ohii»? gegen, sondern für eine energische Abwehr dieser Bestrebungen sein Tenn einmal in die unreife Jugend eben naturgemäß einvsänglickier für eine noch so unreife Bewegung, welche sich an die '.'elden'cha'i und nicht au,den Verstand ihrer Anhänger wendet, dann aber dürfen wir doch nicht vergesten, daß wir, wenn wir die Jugend verlieren, auch die Zukunft verlieren. Bleiben aber solche scharfe An griffe nicht etwa bloß auf die Inden, sondern auf den Liberalismus, wie fie i» den Reden und in den im Saale vertheilten Flugblättern vorgebracht werden, unwidersprochen, so kann bei den anwesenden I»'Fe reuten, die ohne Frage die Mehrzahl der Zuhörer bildeten, der Eindruck entstehen, als verübten diele ungeheuerlichen Behauptungen ans Wahr I'.i:. Berbarren wir auch weiter in dieser vornehn»eu Geringschätzung gegenüber dieser.Bewegung, deren Gefahren anderwärts so deutlich zu Tage getreten sind, io werden uns schwere Enttäuschungen nicht erspart .bleiben Dieselbe Geringschätzung .formte man in Berlin beobachten, als Hofprediger Stöcker vor vierzehn Fahren die Massen znm Judenhaß aufrief: und wie bitter hat sie sich gerächt, wie bitter hat sie sich auch 'in Easiel und an anderen Punkten geräckst! Wollen wir so lange ivanen, bis die Antisemiten, wie positive Erfolge errungen haben? Dann ist es gewöluilich zu spät dazü, sie -wirksam zu bekämpfen. Eine kleine Flamme bläsi ein mächtiger Wind aus, 'eine große entfaltet sich durch-den Luftzug erst recht. Berkennen wir es nicht: die Antisemiten nchuen darauf, über für, oder lang einige Erfolge zu erringen. Nicht umsonst lauen sie die organisatorisch ohne Frage sehr gut veranlagten Häuptlinge ihrer Bewegung, einen Boeckel, Lieberiuann, v. Donuen- U:g :c„ hieherkommen, um die Masten aufzuregen. Und vergesten nur es nicht, wie es von Anfang an unter der Aegide Stöcker's war, so ist es auch jetzt: den Inden schlägt man, den Liberalismus meint man. Eifahrnngsmäßig sind die sehr gut organisirten socialdemokratischen' Mauen den Verlockungen des Antisemitismus so gut une völlig unzugänglich. Gewöhnlich verliert daher der minder scharf oiganisirke Liberalismus,, was der Antisemilismus gewinnt."' Der Artikel weist sodann daraus hin, daß die Antisemiten schon vei>::chen, bei Dtadtperordnetenwahlen in Magdeburg, besondere Listen anizusiellen. 'Noch seien es schüchterne Versuche i man habe neben einigen erklärten Antisemiten auch noch einige liberale Männer ausgestellt, von denen man erwarte, daß sie sich als von der „liberalen Eliyue" unabhängig erweisen werden:- man Höste dadurch, den einen oder anderen!» dieser Frage minder energischen'Liberalen zu sich hinüberznzieheiö oder zu dupiren. Spater werde man mit crfcivjn Visir, Vorgehen und d Zbei rücksichtslos den t^rpiidsatz e.Isivickv et imf - rn für sich per .. .:!'e». D»durch aber könnte» selbst weiui man die .Gefahr der Wahl :::.s antisemitischen Abgeordneten bei den Parlamentswahlen für aus- .- 'igi» » erachtet, zum Mindeste» große Berwirrnng erregt werden. Men chüne sich klar die Borgänge in anderen Wahlkreisen vor Augen!a>:»n. I» Eaüel z. B. haben dem antisemitischen Eandidaten bei der letzten Reich.iagswahl nur wenige' hundert Stimmen gefehlt, um statt des nationall-beraien Eandidaten mit dem sorialdemvkratischen in die D::chroablzu kommen. Aebnliches könnte bei . der Rülwigieik und Dernpellosigkeit der antisemitischen Agitation auch in Biagdebnrg eiutreten .Die „Magdeburgjsche Zeitung" schließt: „Darum weg mit der falschen Scheu und Bornebmheii gegenüber dem nngeberdigen Knaben, dem Antisemitismus. X'-str» r-s nuitnr: denn nicht dem Jndeni b u m, sondern dem Liberalismus g i I t. d e r Kampf." S l a t t. Nr. .‘4. (Ans dkl» Abgeordnetenhausc.) Die Debatte über den Staatsvoranschlag hat begonnen und bietet den Mitgliedern aller Parteien vollauf Gelegenheit, sich in den weitesten Redepromenaden zu ergehen. Daß die Antisemiten eine solche Gelegenheit nach Gebühr ausnützen, läßt sich denken. Wir müsten noch einmal aus die schon in unserem letzten Berichte erwähnte Brandrede Geßmann'S zurückkommeu, denn der Redner hat in demselben Athem, in welchem er für den heizrigen Winter, gewiß (sie!) Exceste vorhersagte, auch' zugegeben, daß seine Reden zum Fenster hinausgehalten seien. Herrn Geßmann, dem Tri» bunen vom Neubau, mag es übrigens leicht geworden sein, den Propheten zu spielen. 'Wenn bei den von ihm als „gewiß" verkündeten Exceste» wieder, wie seinerzeit in Lerchenfeld Judenläden geplündert und Judenbesitz zerstört .werden wird, dann werden wir wenigstens bestimmt wissen, an welche Adreste wir unsere schwersten Anklagen zu richten haben. Die Presse, sagte Geßmann am Schlüsse seiner Hetzrede, werde ihn „als Dummkopf oder Idioten schildern". „Herr Graf! dies Gleichniß machen Sie, nicht ich." — Die Diagnose, welche wir aus Grund der Rede Geßmann'S gefällt haben, . hat unsere Gedanken nach einer anderen Richtung als nach zstbbs gelenkt. Lueger hat in derselben Sitzung des Abgeordnetenhauses wieder einmal Ungarn und die „Judenmagyaren" hart hergenommen, weil sich diese noch immer nicht herbeilasten, dem Dr. Lueger zuliebe ihre liberalen Grundsätze aufzugeben, die Juden zu brennen und der Elerisei allerunterthänigste Diener zu sein. Warum Lueger gerade jetzt wieder mit seinen abgedroschenen Diatriben gegen Ungarn herausrückt, ist nicht schwer zu errathen. Ter Ausgang der Krise hat die Herren daran gemahnt, daß auch die Bäume der Reaction nicht in den Himmel wachsen. Die Ausführungen Lneger's wimmeln natürlich von den bekannten alten Unwahrheiten, Unterschiebungen und Berdächtigungen, die einem Volksmann übel anstehen. Wenn er sich aber zn dem Satze versteigt: „Die Krone von Ungarn ist ebensoviel wie der Erzherzogshut von Niederösterreich, nicht um ein i-Düpselchen mehr und nicht weniger", so stellt er damit ddn juridischen 'Kenntnissen des -Iuris ntrinscM-Toctor ein ebenso schlechtes Zeugniß aus als dem Rechtsgefühl des Menschen. — Die Sitzung vom 18. d. M. gehörte zwar den Jungczechen, aber ganz wollten sich die Antisemiten den Tag doch nicht verloren sein lasten. XuIIn dies sine l’liillipiea heißt es bei ihnen. Das Wort hatte der Paneipoet H a u ck. Entweder scheint er' sich aus die Fabriration von optischen Instrumenten und deutschnationalen Gedichten bester zu verstehen als auf das Halten politischer Reden, oder Herr Hanck hatte damals einen besonders " schlechten Tag. Er behauptete, es geschehe zur Besserung der wixthschaftlichen l'age gar nichts, nur die Lage gewisser Juden sei gebessert worden. Man dürfe der Regierung die Beträge zur weiteren Forilivurstelung nicht bewilligen. Sben und unten seien bereits die jüdischen Elemente, in voller Thätigkeit. Rothschild ist König und Ksthn Erzbischof. Tie Partisanen des Margarethener Tyrtäus. fanden diese Bemerkung „sehr richtig", waren aber ganz starr vor Entsetzen über die monstruöse Enthüllung Hauck's, daß ein Referent des Eaffatioushoses in einem der Sleyrermühle gehörigen Hause wohnte! Wer möchte nicht mit Hauck darin übereinstimmen, daß iffim unter »solchen (!l Umstünden das Vertrauen in den Richterstand verlieren müsse, i „In allen deutschen Herzen,".-fuhr der Redner fort, „verbreitet sich immer mehr dieCErkenntniß, daß eö mit der heute' von der Regierung unterstützten Verjndung nicht weiter gehe, und -daß man der Regierung nicht die Mittel zur weiteren Judenmästung gewähren könne.. In Wien genießen die unverfälschten Deutschen gar keinen Schutz gegen das 3udenthum. Die Ezechen können „Ilv.j Slovani.--fingen und aus offenem Platze mit dem Revolver schießen, in Wien aber werde man vier Monats eingesperrt und verliert den Adel, wenn man in eine solche Gifthütte hineingeht und den dortigen Juden die Wahrheit jagt." Mt Schlagring und Knotenstock die Wahrheit zu sagen, ist eben dieselbe politische Moral, wie auf dem offenen Platze harmlose. Spaziergänger mit dstn Revolver zu bedrohen, weil sie Deutsche sind, und Hausfriedensbrecher sowie deren Spießgesellen haben wahrlich am wenigsten Anspruch, sich über öffentliche Unsicherheit zu beklagen. --73h der Sitzung vom 23. d. M. kam Schlesinger wieder auf seine famose Interpellation? über den Mädchenhandel zurück. Die Antisemiten lernen nichts und vergessen nichts, sie bewegen sich wie der Gaul am Göpel stets im engen Kreise. Schlesinger hat stets ein reiches Waarenlager alter, von Herrschaften abgelegter Meinungen. Nachdem er genügsam in dem Pfahle des Mädchenhandels gestöbert hatte, begann er einen Vortrag über die bekannte Verderblichkeit des Talmud auf Grund der Fälschungen Rohling's. Wenn aber schon dieser k. k. Professor der Theologie rein nichts vom Talmud versteht, um wie viel weniger versteht dann wohl der andere k. k. Professor der Mathematik davon, der die Existenz einer vierten Dimension mit der Umdrehung eines Handschuhes beweist? Glaubt Schlesinger den