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Freies Blatt · 1892-11-27 · 34 (27.11.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
34 (27.11.1892)
Date
1892-11-27
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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♦ AbonnkmkiitSpreis: «onjiSljtia mit P°si,uskndung . . fl. 2.50. Halbjährig fl. 1.25. Bierlcljährig fl. —er Sinjelnc Nummern 1 kr. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Tonntage. Reüactio» und Admiiiislratilm: Wien I. Seikerstütte 10. Nummer 34. Wien, 27. November!)!92. I. Jahrgang. Mit der heutigen Nnmmcr erhalte»Unsere k. I. Herren Abonnenten eine Broschüre: „Ttenographisches Protokoll der am 13. Oktober 181>2 vom Berein yir Abwehr deS Antisemitismus veranstalteten Protestversammlnng" als außerordentlichx Beilage. Line Unterredung mit Kirsterzbischef Dr. Rohn. Einem Milarbciter dcS „Freien Blatteö" wurde Sonntag den 20. d. M. die Ehre zutheil, von dem nenerwählten Fürsterzbischof von Olmütz Dr. Theodor Kohn in Audienz empfange» zu werden, und damit Gelegenheit geboten, mit dem Kirchenfürsten über die antisemitische Bewegung zu spreche,,. Dr. Theodor Kohn ist eine elastische Erscheinung, einfache Würde arlunct seine ganze Umgehung, und einfach wü-dig ist auch sein Auftreten. In die Domherrensoiitaue gekleidet, empfängt er in einem büigerlich anSgc statteten Salon die Besucher und weiß durch natürliche Liebenswürdigkeit sofort den Bann zu breche», der etwa die Eintretcnden gefangennimmt. Der neue Erzbischof spricht ein fließendes, aeccntfrcicö Deutsch, schlicht im Satzbau und bar jeder Phrase. SRKilirdb des Sprechens gesticnlirt Dr. Kohn häufig und verleiht seiner Rede dadurch oft Nachdruck oder schwächt auch die Wirkung ab. » Unser Mitarbeiter ging sofort i„ maclins ros ein, indem er dem Kirchcnfürstcn die gegen den Antisemitismus gerichtete Stellung des „Freien Blattes" charakterisirte. Es habe daü lebhafteste Interesse daran, aus dem Munde des Fürsterzbischofs zu erfahren, wie weit der Einfluß dieser traurigen, staatszersetzenden und »»christlichen Bcrirrung unserer Tage im Bereiche der Olmützcr Erzdivccse bereits gediehen sei, und wie der Oberhirt dieser Erscheinung wirksam ent gegcntreien könne. „Daö ist für mich wohl schwer zu sagen, eniissimo." nahm Dr. Kohn das Wort. „Ich bin doch erst seit wenige» Tage» i» meiner jetzigen Stellung, bin noch nicht von Sr. Heiligkeit bestätigt, wie soll ich da zu einer Frage Stellung nehmen, die ich im Bereiche meiner Diöcese zu studircn »och nicht Gelegenheit hatte?" „33er^e'^cii, fürstliche Gnade», ich hätte es nie gewagt, diese Frage aufzuwerfen, wenn nicht gerade in alle, jüngster Zeit die Oeffentlichkeit Vorkommnisse zu verzeichne» gehabt hätte weiche die einstimmige Verurtheilung aller anständigen Elemente der Geicllschasl fanden und die unter der Flagge des christlichen Locialismuö segelnde Bewegung als eine Räcenveihetzung schlimmster Sorte erscheinen ließen. Die antisemitische Partei kennt in ihrem Hasse und verhetzenden Treiben keine Grenze bei Personen und Sachen. Leider Gottes stehen mitten in dieser Bewegung auch einige Mitglieder deS niederen CleruS — wie dies namentlich in Wie» der Fall ist." Bei dieser Stelle nickte Fürsterzbischof Dr. Kohn mit dem Kopfe und sägte, siinen Gedanken freien Lauf lassend: „Wir Alle sind ja Menschen, mein Lieber. Die eine Versicherung können Sie hinnehmen, daß ich nach erfolgtem definitiven Amtsantritte stets trachten werde, als christlich-katholischer Bischof zu handeln. Ein förmlich-S Programm kann ich Ihnen heule nicht entwickeln. Verlangen Sie dies nicht, ich kann es nicht." Unser Berichterstatter erwiderte Parauf, daß es die öffentliche ' Meinung gewissermaßen als eine vornehme Pflicht der hohen Geistlichkeit ansehe, diesem unchristlichen Treiben energisch cistgegenzutreten. „Nochmals die Versicherung, oarissimo, .haß ich als Bischof eingedenk der Lehren unserer Religion handeln,werde." » „Wie Euerer fürstlichen Gnaden bekannt sein dürfte," fuhr unser Berichterstatter nun fort, „scheute die Presse dieser Partei auch nicht vor der Person Euerer fürstlichen Gnaden zurück und gefiel sich in den gehässigsten Angriffen." „Demgegenüber habe ich keine Worte, nur künftige Thatcn! Thatcn beweisen. Nach meinem Wirken wird man mich künftig beurtheilcn müssen. Was sollte ich auch sägen? Ehristus, der Heer, wurde von seine» Peinigern anS Kreuz geheftet, und er duldete still." Unser Mitarbeiter bemerkte hierauf, daß b^i so edler Gesinnung den Schäflein ans ganzem Herzen zu gratuliren sei, die. unter der Hut eines derart toleranten Oberhirlcn stehen. schiede äußerte der hochwürdigste Herr in leut-eliger Weise, daß es ihm zu einri» späteren Zcitpunkie inlerejsiren würde, über dieses Thema mit unserem Berichterstntlev eine eingehendere DiS-' cussion zu führen. Der pemrwählte Kirchenfürst scheint sonach seine -künftige Stellungnahme zum Antisemitismus noch nicht cndgiltig präcisirt zu habe», diesen jedoch. znm Gegenstand eines umfassenden Studiums machen zu wolle». Das Ergebniß desselben kan» bei her strengen Gewissenhaftigkeit, dem wissenschaftlichen Scharfblicke und der toleranten Denkungsweise, die dem neuen Kirchenfürsten »achgerühml werden und ln diesem Interview deutlichen Ausdruck fanden, zweifelhaft sein. . - Line 5cIbftcrl\iItimoicpflid>t. Tie „M agdcl> urgis che .-Zeitung" brizigt eine» Artitcl über den Antisemitismus i» Magdeburg/welcher die liberale» Parteien c>- mahnt, der Sclbstcrhaltnngspflicht eingedenk zu sein und der antisemitischen Propaganda entschieden engcgenzutrcten '.Inintis mutmulis paßt der Artikel auch ans österreichische Verhältnisse. Ua, Wst.n ist in ticser Beziehung ein noch abschreckenderes Beispiel alü Berti»/ Scho »erer, so wenig Ciiifirü er auch jept besitzt und so sehr er auch von anderen „Führern" vc,drängt wurde, kann sich »och immer mit Stöcker messen. Auch Lueger, G e ß m a n n und Schneider steken an agitaiorischem Raffinement Lieben» an», Bo ecke l und Ahlwardt nicht nach. t . Der auch für österreichische Liberale beh-rzigenswerthe Artikel des Magdeburger'Blattes führt anS: „Tie liberalen Parteien unserer Stadt besindcn sich, wie uns scheint, in einem Zrrthui», wenn sie der systematisch betriebene» Propaganda dcS AiuisemilisinuS jede Bedeutung absprcchen und auf eine Bekämpfung desselben verzichten zu können meinen. Besonders angenehm ist es ja freilich nicht, sich mit einer anS lo niedrigen Beweggründen hervcrgegangenen Bewegung in einen wie auch immer gearteten Kampf einzulassen. Thatsächlich treibt man aber damit nichts Anderes als Vogel-Strauß-Politik und wird dann' eines schönen Tages durch einen völlig unerwarteten Erfolg deS mit

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