Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 33 (20.11.1892)
- Date
- 1892-11-20
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seit« 6. Panama-Affaire stets perhorrescirte, und für den Baron Rothschild sein, der sich von Leffeps und Genoffen stets ferngehalten hat. Die Regierung kann nicht das geringste Interesse daran haben, daß die Course der Tuezactien während der Panamaproceffe von Rothschild gehälten werde». Die Antisemiten aber hegen unverwüstliche Sympathien für Herr» B o n t o u x, welcher beim Ausbruche des Krachs unter dem Finanzministcr Lc'-o» Say unverzüglich verhaftet und zur Maximalftrase verurthcilt wurde, während der Ltraspröccß gegen LeffcpS immer nach erwartet wird. V<-on 3ap ist Protestant, aber Bicepräsident der Rordbahn, deren Präsident Rothschild ist/ ffn.le irae! Aus antisemitischen Vereinen und!?ersanlmlungen. cN»ch immer Las stnmmr SreuzeSzcichrn.) I» der x»»st, Lügen und Erfindnnge»,'auch dann, wenn sie sich längst und unzweifelhaft als solche derausgestellr haben, in der schamlosesten Weise ausznschroten, sind die Anti semilen bnro äs eonaour», das must man ihnen lasten. Trotzdem die Kreuz zeichenastaire in der Preffe — und zwar nicht in der sogenannten Judenprcssc, sonder» in einem streng clericalen Plaue — im Gcmeinderaih« und im Abgeordnetenhanse von berufenster Seite vollständig aufgeklärt worden ist, fahren unsere christlich socialen Heißsporne-irnbekümmert fort, daraus Eavikal für die wüsteste politische Agitation zu schlage» und gewissermaßen mit dem Kreuze selbst auf die .Luden eipznhauen. Wie sich dies mit dem sonst so leicht verlevicn christlichen Gefühle verträgt, mögen diese Krenzzngprediger von der Kierbank mit ihrem Gewisse» selbst ansmachen. Ai» 14 d. '.Di. veranstalteten die Ehristlich Socialen gleich zwei Versammlungen, in» das Polt durch tzic alte falsche Dar neUnug der Krenzaffaire aiisznwiegeln. Lueger sprach in einer sogenannten allgemeine» Wählecversammlnng in Margarethen. Er zeigte sich als eine Art politischer Tr Eisenbart, indem er den bohlen Zahn der Kreuzzeiche» affaire einfach mit der stürmischen Forderung nach der coirfessionellen Schule herauischoß. Gleichzeitig trat Liechtenstein in Elterlcin's Easino vor seiner christlich sociale» Elag«e auf, mn über dasselbe Thema in einem Largo» zu.kannegiestern, der ein schlagender Beleg für hie Darwin sche Anpassung«- nud Tkgeneralioiislehre ist. Ter dnrchlänchtige Herr ist bereit« ans da« geistige Niveau seiner plebejischen. Freunde herabgekommen, lind sowohl die Logik als die Halluijg.seiner jüngsten Rede reiht sich den Leistungen de« Mechanikers Schneider würdig an. Tic Schuld an dem Erlaffe trage ein Beamter des Eultusministeriuins, der zwar christlicher, protestantischer Eonfession sei. .Allein Liechtenstein konnte cs nicht glanbeu, daß ein Ehrist. wen» auch von einer anderen Eonfession. diele« freche, geylffsige Attentat verübt haben sollte. Er suchte unwillkürlich »ach einer Ergänzung, die den Borgang aiifheUcn inöchle „iid saud diele in dem Familiennamen des belreffcnden Beamten, der^Son lag heißt, „liniere verehrten asiatischen Gäste sind am Name» ivenigstens ebenso leicht erkennbar als an der Phnsiognomic" — rief der langnasige Liechten stein mit der Sicherheit eines gründlichen Eullnrhistoriker« oder tolldrefften Jnsinnantc» „Ich habe Herrn Sonlag nie gesehen," snhr er fort, „aber ich wette mit ihin, daß er ein Lude ist; vielleicht hat sein Pater, der -ewigen Anfeindungen wegen , wie die oisiciösc Begründung einer Bekehrung letzthin lautete, vielleicht bat er selbst der Earri.'re zuliebe sich taufen taffen, ohne 'seine Abneigung gegen den Heiland abznlegen,- den seine Ahnherren gekreuzigt . haben. Solche .Fälle von Atavismus sind häusig und mahnen zur Borsichl." Man wird nach de» Beweisen fragen, die der Redner für seine „Bielleichl" bat; Beweise? Abenkencrlicher Einfall! Wer verlangt von Leuten wie Liechtenstein und Schneider »och Bewcije, von Leuten, deren einzige Parole lautet: > .»iiikniiinre u»4»et>-r! Auch in eknvr am l'l. d. M. staklgcbablen Bersamuilung de« katholischen SchulvererN^ wurde kasl'lbe Thestia ausgeschrotet. cTie Natittnalikätcuconferenz.t Auf ihrer Suche nach Parteigängen, und Bundesgenossen haben die Antisemite» stet« bei den destructiven slavischen E.leinenten unseres Balerlandes am meisten Erfolg gehabt. Similis siinili gamiet.' Tie respektive» slavischen Parteien sin.d zwar politisch k>ug genug, trotz ihrer deiilschnaiionalen Freunde keine Judenhetzen zu veranstalten und so ihre 'nationale Sache zu schädigen, dalür sinde» sich unsere ausschließlich privilegirten Berichleißer des Tentschihums ijn so rascher zu der nationalen Selbstschändung bereit ui» der lieben Freunde willen. Tie neueste Idee, welche den Häupter» der auf die Auffrischung ihres Heiligenscheine« bedachten Führer der Wiener Anri seinite» entsprang, war. wie bereits gemeldet, die Veranstaltung einer gemeinsamen Temonstralion aller urzufriedeiien Eleinente u»ter dem Proleciorake der Anlisemllk». Zn diesem Zivecke wurde im verflossenen Monate in Wien eine vert anliche Beratbinig abgehalten, bei welcher unter Zustimmung der anwesenden Telegirten der Jungikchechen, Slovenen, Slovaken, Rumänen, Rnihenen, der österreichischen Serben und der Strcßn.avr-Partei der Beschluß zustande kam, im Monate,November in Wien eine von den genannte» Parteien und den 'Ehristlich Sociale»;» bischilkende Nationalitätenconferen; abzuhalle». Au' dieser Eonferen; sollte die Uingestallung 'Testerreichs zu eine», Staatenbnnde besprochen und der bezügliche Beschluß durch eine D-piiiati»ir dem Harter vor¬ Blcrtt. Nr. 33. gelegt werden. Jndeß scheinen sich die vereinigten Arier von Oesterreich bei jener Borberathung nicht besonder« gut gesprochen zu haben. Vielleicht auch sagte den iveithergekommenen slavischen Gästen die antisemitische Gesellschaft nicht zu, Kurzum, der anlisemitischcn Projectenmacherei scheint mit ihrem jüngste» Kinde der Schiffbruch zu drohen, und Oesterreich läuft sonach Gefahr, mm seinen lustigen Nationalitätenco»greß zu kommen. (Eine Jubiläumsfeier.) Der einstige Mandl-Verein „Eintracht" auf rA>er Landstraße, der schon seit Jahren der Antisemiterei huldigt, feierte beim Dreher seinen zwanzigjährigen Bestand. Die Festrede hielt Dr. Lueger, welcher in Erinnerungen schwelgte und zu den schönsten di: zählte, daß in diesem Bersammlungslocale Dr. Grübl „oft von der Rednerbühne zur Thüre hinan«, schreiten mnßte". Das ist eine der schönste» Erinnerungen des „anlisemitischen Jagendorser", eine der garstigsten dürfte aber die sein, daß er selbst, als er die Mission übernommen hatte, die Socialdemokraten zum Radau- und Geschäft»- antisemitismu« zu bekehre», häufig in die Lage kam, zn „verdnften". Ein de« jnbilirenden Vereine«, würdiger Redner war auch — Berga»i, welcher den Ausspruch thai: „In einen politischen Verein gehört kein J«de." Wohin der im 4:>. Lebensjahr stehende, gerichtlich nnbefcholtene Galizianer Vergani gehört, darüber habe» Andere, z B. der Eigemhüiner und der Schriftleiter der „Unverfälschten Deutschen Worte", ihre eigene Meinung. (Neue LkrdächtigUllgkll Schneider'«.) Im neunten Bezirke, woselbst dex Bürgerschnllehrer Rauscher um da« LandtagSmaiidat sich bewirbt, sprach der Mechaniker Schneider-vor einer am 14 d. M. stattgehabten Antisemitenversammlung. So oft Schneider spricht, bringt er neue Verdächtigungen vor. .Diesmal verstieg er sich zn folgenden impertinenten Aeußerungen: Tie Landes ausschußstellen tragen 300(1 fl. officiell, das Nichlofficiellc jedoch sei unberechenbar. Um zu beweisen, welche Corrnption im Landtage herrsche, müsse er ei» Er lebniß miriheilcn. Bei den letzten Wahlen in de,, Finanzausschuß sprgch dessen Obmann, Abgeordneter Dumba, z» feinem Begleiter, dem Schriftführer: „Die Antisemiten bemühe» sich vergeblich ui» ein Mandat in den Finanzansschnß; solche Vfutc, die »ns controliren würden, diese Scandalmacher köniie» wir durchaus nicht brauche»!" Tiefe Worte seien deutlich von einem antisemitischen Abgeordneten gehört worden;, leider können aber, die Antisemiten nichts th»n, da der Stalchalter Gras K i e l in an Se gg de» Kaiser über sie falsch insorniire. Professor Dr. Ediiard Sneß meinte neulich in Bezug auf eine andere Be.r dächligung Schneiders: „Daß der Man» dies sagte, ist nicht so arg. daß er aber nicht ausgelachl wurde; das ist eine Schande für Wien." lSchönercr in Steiermark.) Georg Schönerer, welcher in Nicderöster reich politisch abgewirthschaftet hat und von den Schneider und Vergani verdrängt worden ist, versucht nun in Steiermark sei» Glück. In Graz fanb neulich eine sogenannte Vertrauensmännerversammlung statt, bei welcher Schönerer in seiner Eigenschaft als „Ehrenbürger von Mahrenberg" den Vorsitz sühne. Die Bersaniinlung beschloß eine „.siuvdgebung", i» welcher sie an die deutschen Abgeordneten Steiermarks die ciitschiedenc Forderung richtet, „in der heutige» Zeit natioiialrr Bedrängniß ihre zaghafte und unentschiedene Hallung besonders in »aiionalen Frage» auszugebe» und an Stelle des srenndschafilichcn Berhältniffes, das heute die größte Partei im Abgeordnetenhanse, die vereinigte deutsche Linke, zu einer Regierung linierhält, die sich seil deni Beginne ihrer Thätigkeit ,bis zum 'heutigen Tage den nalionalcn Forderungen der Deutschen gegenüber stet? ablehnend verhalte» hat, nnd die sich Heine noch auf eine deutsch feindliche Mehlheit stützt — insgesainmi eine offene und rückhaltSlose Lppositio»'' zu setzen und die Forderungen, wie sie in dem .Linzer Programme' nicdergclegt sind, durch ein kiilschiedenes nalionaleS Auftreten jede« einzelnen deutsche» Abgeordneten gegen alle Widersacher des deutsche» Volkes, auch gegen da« Judenlhum zu erzwingen". Schönerer wird bei seiner regelmäßige» Lebensweise wohl früher ei» alter Herr werden und vielleicht auch »och manche Auszeichnung der Verwandten, deren sich seine Sprößlinge mütterlicherseits erfreuen, aus staatlichem nnd kirchlichem Gebiete erlebe», bevor es gelingen wird, da» Linzer Programm zu „erzivingen". Nebenbei bemerkt stand der Schöpfung dieses Prögranlinc« ein leibhafter Jude gar nicht setne. (Stöcker in Berlin und Dresden.) Der Hofprediger a. D. Stöcker schlägt sich jetzt mit de» Redacleuren der „Neuen Deutschen Zeitnng" und der „Staatsbürger Zeitung", Bauer nnd Bachlcr, herum. I» ciner Versammlung der Berliner Ehcmlich-Sociale» sag e er neulich: „Erwin Bauer beabsichtigte, die ganze antisemitische Bewegung unter seiner Führung z» vereinigen. Daraus habe» wir Deutsche nicht gewariet. Erwin Bauer ist gar kein deutscher Reichsbürger. Wir müßten doch Schwachmatici erster Claffe sein, wenn wir erst auf einen Mann wartkii müßten, der aus Rußland kommt, und dessen Vergangenheit wir nicht kenne». Wir möchten ihm wie den Inden zurnfen: Ein klein wenig mehr Bescheidenheit." Gegen Bachler polemisirend, bemerkte Stöcker: „Tr. Bachler sagte: Wenn ich gleich aus mich genommen hätte, was dann doch über mich gekommen ist, wenn ich mich als Mann der That gezeigt hätte, so wäre die Bewegung . noch so frisch wie damals. Er meint damit meinen Rücktritt vom geistliche» Amt. In derlei Dingen muß ich mir doch selber Vorbehalte», die Stunde zu wähle». ES ist auch nicht über mich ge kommen, sondern ich habe die Entscheidung frei gewählt Wenn Dr. Bachler aber meint, daß die Beivegnng im anderen Falle noch frisch wäre, so befindet