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Freies Blatt · 1892-11-20 · 33 (20.11.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
33 (20.11.1892)
Date
1892-11-20
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 33. Seite 6 Freie, Trotzdem der Berthcidiger Dr. P. v. Berger sich auf die bewährten Talmud-Autoritäten Eisenmenger und Rohling berief und den Glauben an daS Blutrituale für eine offene Frage erklärte, wurde von dem Gerichtshöfe dem Einsprüche keine Folge gegeben, weil die Schrift geeignet sei, gegen die Juden auszureizen. — Daö Schöffengericht in Berlin hat die Beleidigungsklage des RedaeteurS der „Antisemitischen Correspondenz" gegen den friiheren verantwortlichen Redakteur der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr deS Antisemitismus" Herrn Johannes Bnchholz zurückgewiesen und letzteren freigesprochen. In einem Artikel über den Xantener Proceß hatte die „Antisemitische Correspondenz" ge schrieben, daß im Talmud der Ritnalmord gepredigt werde, sei niemals von Antisemiten behauptet worden, waS von ihnen vermuthet werde, - sei, daß es eine geheime» nur unter wenigen Angehörigen eines Stammes, -wahrscheinlich des Stammes Vcöi, weiter verbreitete Tra dition sei, daß Christenblut für den Ritus gebraucht werden soll/ wenn man seiner habhaft werden könne. Und Bnschhofs gehöre zum Stamme Levi! — Die „Mittheilungen" hatten dazu bemerkt: „Das ist sehr fein auSgedacht; aber die Hintermänner der .Anlisemitischeu Correspondenz' müssen von ihrem Publicum sehr niedrig denken, wenn sie meinen, dasselbe würde in dieser Ausrede etwas Anderes sehen als einen himmelschreienden Beweis für ihre Feigheit und Verlogenheit." Der Redakteur der „Antisemitischen Correspondenz", Herr ErdmannSdörffer, erhob deshalb die Beleidigungsklage. Der Vertheidiger deS Herrn Buchholz, Rechtsanwalt Tra ege r, machte geltend, die Bemerkung der „Mittheilnngen" richte sich gegen die „Hinter Männer" der „Antisemitischen Correspondenz", der Redakteur sei höchsten« der Vordermann. DaS Gericht lehnte den vom Beklagten angebotenen Beweis, daß die Antisemiten allerdings behauptet hätten, daß der Talmud den Ritualmord predige, ab und sprach, wie schon erwähnt, Herrn Buchhol; frei. '— Ter Rechtsanwalt Tr. Al brecht Stein, 'der frühere Vertheidiger und »achherige Gegner Ahl wardt's, durch viele Jahre ei» eifriger Führer der^ antisemitischen Partei, wurde vom Berliner Landgerichte l wegen Unterschlagung und Urkundensälschung, begangen aus Gewinnsucht und zum 'Nachtheil seines eigenen geisteskranken Oheims, .zu zwei Jahre» Gefängnlß vernrtheilt. — Die Verhandlung gegen Ahlwardt wegen der „Judenflinten"-Assaire ist aus den 29. November angesetzt. (Verbot ciucr antisemitischen Ltndentenvrrsaiiimlnug in Berlin.) Der Rector der Berliner Universität, Dr. V i r ch o w, hat eine von antisemitischen Studenten beabsichtigte Versammlung in den UniversitütSräumen verboten und dies damit begründet, daß er toiefc- Räume zu dem Zwecke, inneren Unfrieden hineinzutrage», nicht ljergebk. (Felix Dahn's Antisemitismus.) Herr Professor Tahn scheint die Antisemiten richtig zu taxiren. Man muß sich gegen ihre Vieh kosungen und Ehrungen zeitlich und energisch wehren, sonst verfällt man rettungslos der Schande, von ihnen als „Einer der Ihren" er klärt zu werden. Daß er dabei. der Prädikate eines „als Gelehrter und Dichter für unsere Nation hochbedentende» Mannes" über Nacht verlustig werden könnte, scheint Felir Dah» keineswegs davon ab;» schrecken, die Antisemiten, welche sich an seine Rockschöße hängen wollten, abzuschütteln Eine gründlichere Beschämung konnte eS für die Antisemiten nicht gebe» als die Berichtigung der T i e st - D a l> e «scheu Entdeckung in der „Krenzzeitnng" »nd nachfolgenden Brief, de» Felir Dahn an die Redaktion der „Allgemeinen Zeitung deS JndenthumS" in Berlin gerichtet hat: Hochgeebrser Herr! * Ganz von Herrenegrund danke ich Ihnen für Ihre überaus sreund'iche» » Worte; sie «rasen mich gerade, als ich an die Schrifileitung der „Kreuizeiiuug" mit Berusung aus § 11 deS PreßgeletzeS vom 7. Mai 1874 iine Berichtigung schrieb. die besagt: „es ist vollständig umvahr, daß ich bei jenem Anlast — ■ der Vortrag wird nach der. stenographische» Auszeichnung unverändert gedruckt — oder irgendwann sonst dies oder dem Sinne »ach Aehnliches gesagt habe." In jenem Bortrage war von den Juden mit keiner Silbe die Rede! Ich kann nur annehmen, Herr v. Diest-Daber hat mich mit irgend einem anderen Redner verwechselt. Mich hat diese Andichtung in lebhafteste Entrüstung versetzt; unter meinen nächste» Freunden sind Juden, die ich zu den trefflichsten Menschen zähle, die ich kenne. Wie sollte ich die Lebensgemeinschaft mit ihnen ansgeben? Ich habe sofort meine nachdrücklichste Berwahrnug an mehrere Zeitungen geschickt und werde Ihnen sehr dankbar sei», wollen Sie diesen meinen Zeilen weiteste Verbreitung gebe». Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst Berlin, 7. November 1892. Felir Dah». (Zur Ahlwardt-Biographie.) Etwas müsse» sie immer fälsche», die Herren.Antisemiten, und wen» sie nichts Anderes haben, so fälsche» sie ihre eigene Lebensgeschichte. Anläßlich der „schönen Tage von Araujuez", - wo Rector Ahlwardt noch im Vollgenuffe der Freiheit in« Blatt. Kreise Friedeberg-ArnSwälde für seine Wahl agitirte, stellte er sich den Landleuten als „pommerischer Banernsohn" dar. Wie nun der „Freisinnigen Zeitung" anS Anklam' in Pommeru geschrieben wird, hat Ahlickardt auch hierin — wahrscheinlich einem unwiderstehlichen inneren' Drange folgend — gelogen. Er ist nicht der Söhn eines Bauers aus Pommern, sondern der Sohn eines Schneiders. Sein ’ Vater machte nebenbei Musik auf ländlichen Hochzeiten »nd bei Ernte festen. Früher wohnte letzterer in dem Torfe Erieh» bei Anklam, zuletzt in Anklam selbst, wo er auch gestorben ist. Ter Vater hatte ' seinen Sohn schon früh richtig erkannt und that dem Gewährsmann des genannten Blattes gegenüber den AnSspruch: „Mein Junge, der Lehrer ist, taugt nichts." (Antisemitische Hetzereien in Frirdeberst.) Tie Wirkung der antisemitischen Hetzereien im Wahlkreise A rn Swa lde - Friedeberg macht sich bereits.- in bedenklichen Ausschreitungen gegen friedliche Bürger bemerkbar. ■ lieber einen besonders brutale» Fall dieser, Art wird der „Freisinnigen Zeitung" anS Friedeberg geschrieben: Drei Friedeberger Bürger, welche in einem Zimmn deS Hotels „Zur Post" saßen, - wurden durch einen seit-einigen. Jahren in Friedeberg wohnhaften Grafe» L u ck n e r, Reserveofficier, welcher durch daS Zimmer hindurchging, durch - eine beleidigende antisemitische Aenßerung ohne jede Veranlassung insnltirt. Der eine der' Jnsnltirten, Kaufmann Bergmann, stellte den Ruhestörer in gebührender Weise zur Rede. Der Graf antwortete mit antisemitischen Schimpfreden in Ahlwardt scher 'Tonart, ließ sich dann durch den Kellner seinen Revolver holen und bedrohte mit diesem den ihn zur Rede.Stellenden thätlich Nur durch das Dazwischentreten der anderen (christlichen) Betheiligten wurden weitere Ausschreitungen verhindert. Tie „Freisinnige Zeitung" bemerkt zu diesem Berichte: Bei der Begünstigung, welche die Antisemiten in deni Wahlkreise ofsiciell erfahren, können derartige lleberhebungen nicht wunder nehmen. «öesstn den Antisemitismus i» Frankreich.' I» Paris erscheint, wie nnS von dort gemeldet wird, demnächst eine Broschüre: ..Lettros oiivCr tos s » r I a i| n cs t i n ii j u i v o, :i,lr,-ss,'-vs ä M. .Paul do i'asnapnae et Monseigneur Richard. :irclieveitue de l’aris- (Offene Briefe über die Jndenfrage an Paul de Caffagnac und den Erzbischof von Paris),'i>ar Isidore Singer. Terselbe bereitet.and) das Erscheinen eines gegen Drnmont »nd dessen „Librc Parole“ gerichteten -—, Blattes mit dem Titel „Ln Vraie Parole" vor. —' Ter ehemalige Minister des Auswärtigen und Doyen de» Institut do* Kranen M. Barthölemy - Saint Hilai r e, richtete au Herrn Singer als Verfasser einer Schrift: „Sollen die Juden Christen werden'?" einen Brief, in welchem er sich mit großer Wärme für die bedrängten Juden ansspricht. Nachdem der greise.Staatsmann die aufgeworfene Frage in der entschiedensten Weise verneint hatte, fährt er fort: „Ich glaube Ihnen gegenüber im Namen der Philosophie diese Ansicht aussprechen zu können, die ich nicht uft neulich angenommen und schon öfter als einmal össentlich ausgesprochen habe. Was die gegenwärtigen Ver folgnngen anlangt, so müssen die Juden diese mit demselben Mnthe ertragen, mit dem sie schon andere, weit grausamere Verfolgungen er lragen haben. Diese schändlichen Barbareien werden vorübergehen, und eö wird ein Tag kommen, wo die Israeliten überall das sein werden, was sie in Frankreich sind, Bürger wie alle. Anderen, und wo sie mit ihren.Mitbürgern leben werden, wie die Katholiken und Pro testanten untereinander leben, unter denselben Gesetzen, welche sie in gleichem Maße beschützen trotz der religiösen MeinnngSverschiedenheiien." (Alltistlllikcil und LcsscpS.) Ans Paris wird NNS geschrieben: Dbschon LessepS und die Verwaltungsräthe der Pa»ainagesellsck>afi keine Israeliten sind, will 7>ie antisemitische Propaganda sich au die bevorstehenden Proceffe -anklammern, um ans dem Skandal noch Geld herauSznschlagen. ES steht jedermann frei, auf sein Risiko-Leffeps oder Genossen vor das Strafgericht zu citiren und auch civilrechilich zn verfolgen. Mehr als ein Beschädigter wird sich diesem Risico aus setzen, nämlich dfr Gefahr wegen verleumderischer Dennnciation ver uriheilt-oder znm Schadenersatz verhalten zu werden, wenn er die Vernrtheilnng der Beschuldigten nicht erwirkt. Ans dem Bureau der „Libro Parole“ des Herrn Dru»>onl findet eine förmliche An Werbung von Denniicianten statt; auch eine Subskription zur Tecknug der Proceßkosten, ivozu das Blatt 2000 FramS beiträgt. Ten ge planten Skandal wollendie Antisemiten aus dem Umstande heraus - schlagen, daß LessepS und (Genossen, für Emissionskosten, Pnb'lieitäi und Steuern 88 Millionen verausgabt haben. Während der unvermeidlichen und jedenfalls skandalöse«» Gerichtsverhandlungen wird Lei seps auf die Präsidentschaft-des Suezcanals, deren sich die Engländer zu bemächtige» suckzen, wohl verzichten müssen. Tie Aktien deS Snezkaiials können eine vorübergehende, jedoch beträchtliche Baisse erfahren. Sie wird die geringste Sorge für den Fjnanzminister Ron vier, welcher die-

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