Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 33 (20.11.1892)
- Date
- 1892-11-20
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. t Freies gebrauchten Ausdruckes ist einem Boden entsprossen, der entschieden stark mit antisemitischem Kunstdünger bearbeitet worden ist; denn die Bezeichnung der Juden als dritte Nation involvirt die Pauschalanklage wegen Mangels an politischem und nationalem Charakter und ' entspricht durchaus den Anschauungen deS RaeenantisemitiSmns, welcher die Juden als sremde 'Nation, als Gastvolk den arischen Wirthsvölkern schroff gegeiiüberstelll. TaS-r^etchäftsleben, insoweit es den iirecten Berkehr mit dem kaufenden Publicum bedingt, also der Detailhandel, liegt zinn nicht geringen Theile in der Hand von Bekennern des mosaischen (Glaubens und bewirkt naturgemäß eine wirthschastliche Abbängigkeit der t^eichäflsinhaber, die bei dem Jneinanderspielen des ' . politische» und sociaten Gebens nicht ohne Einfluß auf die Bethätiguug der nationalen Grundsäpe dieser Kauflcuke bleiben kann. Besonders der von czechischer Seite mit Schwung betriebene wirtbschaftliche Boqeott, der den Kaufmann an der Achillesferse treffen muß, zwingt wirlhichaftlich abhängige Israeliten, entweder eine passive Haltung-im öffentlichen Vebeit einzunehmen oder, und .das ist im ezechischen Theile Böbmens oft genug der Fall, d>r Gewalt wcicheud mit den Wölfen zu beulen — eine sicherlich nicht sympathische Svportunitätspolrtit, zu der aber auch anderwärts schwache Minoritäten, mögen sie welcher Confefsion immer angehören, Zuflucht nehmen. In deutschböhmischen . Bezirken sind die Inden eifrige Bertreler der deutschliberalen Ideen und lanen allen deutsche», freiheitlichen Institutionen eine ausgiebige, werklbätige Unterstützung zutheil'wcrden. Tie nationale;echi>chen Juden, die Mitglieder drs ..S|iol*'k »kaiirmikfi ziiiii1* und Miderer Bereine gleicher C.imlitiit, die, nebenbei bemerkt, nur einen geringen Bruchthejl der böhmischen .Judenschafl bilden, können sicherlich auch nicht als Beweis für die Richtigkeit der Bezeichnung „tnire 'Nation" angeführt werden Vibor Klein.) .Kreisgericht Clmiie hat Vibor Klei II, öiieiikllchen Gesellschafter der Firma „>-gua; Klei», Rothgerberei in Mährisch 2 di ö ltb erg", ffiv iv abnsinni g erklärt. Vibor Klein war 'eine! reit ..deui'ch nationaler" Reichsrathseaudidat und wurde vor einigen Monaten von Wiener Antisemiten anläßlich einer Hochzeitsreise in Bersammlungen und Z ltnngsariikeln verherrlicht: es fehlte -schon damals nicht an 2tiuii»en der Entrüstung über die Art, wie diverse Schriftleiter die ..(s'enerosikät" eines Unzurechnungsfähigen sich zunutze machten. , - Tas dcimäic Ccntrum und der Antiscmikisnnis.) Die „Neuen Tiroler stimmen" weifen darauf hin, daß die Katholisch Conservatwen von der schärferen Tonart bei den allgemeinen Reichsraths-, wählen in Oesterreich die Gründung eines Eentrums nach preußisch« deui'chem Muster als ein Universalheilmittel für alle staatlichen Schäden erklärten und jede» .Katholiken, der dagegen Bedenken erhob, als bc stochen verdächtigten. „Seither," führt das Innsbrucker Blatt fort, ..itl die Sache etwas anders geworden: die-scharfe Tonart, der nichts und niemand entschieden genug kgtholiich war, ist auf einmal milde geworden' und proclamirt die Allianz mit jenen Leuten, welche keine .Kiiiernt'cher' sind- Und die man nichts um den Beichtzettel fragen .darf, welche ihrem kirchlichen Vberhaupie nach dem Zeugnisse der Bi'chöie .schwere .Kränkungen in ungnalisieirbarer Beeise' zufüglen. Wer in diesen Chorus nicht einstimmt, der in' nicht mehr bloß ein . Regiernngskaiholik, sondern auch ein Jndonknecht, Anbeter des goldenen Kalbes, und wie die schönen Titulaturen alle heißen. Daß er bestochen iit, verneht tich von selbst. Temgegenüber verlohnt eS sich der Mühe, tu fragen, - ivie denn das Centrum ui Deutschland, das uns so oft als Muster dargestelll wurde, über den Änrisemilismus denkt." Es' werden h erau« zwei -z>olirnalstimmen eitert. Das in Aachen erscheinende . „Echo der Gegenwart" sagt: "Ge in;'.»»§ eiiie arge Uebertreibnng, wenn tie Antisemiten ihre Anllagen gegen die Inden in B-in-'ch und Bogen erheben, und es ist eine u»ver>' annvonliche Hetzerei, wenn ste die Juden sanimt und sonders „unschädlich" gemacht nunen wollen, weiiii sie aus der Judenfiage eine Nacenwage machen, wenn sie die Judenenine raiion rückgängig gemacht ivisi.-n wollen, wenn sie die bürgerliche iitl.-ichde-echngniig a»' chie Juden nicht angewandt wissen ivollen, oder treu» sie gar ans >1 rem innerste» Herzenswnii'che keinen Hebt machen, tag die .luden Je eher te bester mit Tack und stack über die Grenze gebracht iverden -ollen TaS wird kein e-.lenchleter, kein rechtdeukender Christ und auf aUerweii'qNen ein -takbvlik Kudern, welcher'ten „Cnlturlampf" mitgemachl und die A»s!:aimIg'ltzgebnng aus ''einem Rücken verspürt hat. Rein, ein wahrer Christ, 'in guter .Katholik wird auch den Juden gegenüber die"Grundsütze der iserechligteii niemals verleugnen: er wird auch ihnen gegenüber unterscheiden poi'chen tOtj (»luten und Boieii; kann ihm doch auch die Thatlache nicht ent -gehen, dag auch in den christlichen Reihen, leider viel Schlimmes vorhanden, ,'ehr viel „Äns-chuß" zu finden ist. So wird er denn gortest'ürchlige, ehrliche und friedliche Israeliten hochachken imd gern aller Freiheiten und Rechte des BorfaffungStel.ii- >n Staat und Gemeiode sich erfreuen gasten. Auf der anderen Zeile aber Blatt. _ » - _ Nr. 33. >vird er im Jntereffe der Gesainmlheit sich ebenso energisch gegen die Auswüchse des Judenthums wie gegen unwürdige „christliche" Elemente wenden, welche vom Ehristenihum nur noch etwas Aeußerliches, einen verblaßten Schein sich gerettet haben. Daß die Antisemitenparteien, welche bekanntlich von ihrem Ursprung her zu nie ist in protestantischem Boden wurzeln, hiesnr kein Auge haben; daß sie, wie man am Niederrhein zu sagen pflegt, an den „Christenjudeu" so „tolerant" Vorbeigehen, daß sie ihren Feldzug nur immer u»d immer wieder gegen die Juden, und gegen diese ohne Unterschied, richten, das ist der stärkste Beweis dafür, daß .sie den Sinn für die christliche Gerechtigkeit verloren haben,' daß ihre ganze Agitation von Willkür und Haß getragen wird ... Es muß in die Judenfrage in concreter Weise eingetreten werde», es müssen die Schäden wahrheitsgemäß und leidenschaftslos bloßgelegt werden, und es muß daun durch einestark entwickelte Selbsthilfe, durch sociale, praktische Maßnahmen und durch die correelive» Mittel der Gesetzgebung eine R.'medur gesunden werden, die den aufrichtigen Christen ebenso befriedigt wie den achtbaren Juden. ..Tie „Kölnische Volkszeitung" ist mit den voranstehenden Anssührungen rückhaltlos einverstanden und schreibt: Tie rheinische Cenirumspr,'ste ist für einen autiseinitischen Sturm gegen die Bersassung nicht zu haben — das ist für die negative. Seite der Judenfrage die Haupt ache, und die positive Stellungnahme gegen Auswüchse aller Art, welche das „Echo" unter gleichzeitiger Berwerfung der Judenhetze unter scharfer Betonung des Standpunktes strenger Gerechtigkeit fordert, ver steht sich für die Centrumspresie von selbst. Die „Neuen Tiroler Stimmen" bemerken, daß der Standpunkt des deutschen Centruins in dieser Frage sich in nichts von dem unterscheide, welchen sie selbst vertreten. „Bei uns," erkläre» sie schließlich, „koimnt verstärkend noch hinzu die u uqu alifici rbare Art des Auftretens der Wiener A n tif eni itcit, welche unsere Sache nur couiproinittiren kann, »nd das »»patriotische Auftreten eines leider nicht geringen Theiles der An ti sein i te n und ihrer Presse." l Aus dem Gcrichtösaale.) Bor dem k. k. Landesgerichte in Wien fand am 10. d. M. die Einspruchsverhandlung wegen der Confiscation einer bei LcSk & Schwidernoch erschienenen Broschüre „P h i l o s e m i t oder A»t'iscm.it — Beantwortung der Frage: Kann ein Katholik Antisemit sein? ertheilt von einem katholischen Pfarrer Wiens"; statt. Die gegen eine auch von uns (siche 'Nr. 3 des „Freien Blattes") seinerzeit besprochene Schrift des bahrischen Pfarrers und Landtagsabgeordneten Tr. Friedrich F rank polemisirende Broschüre wurde sowohl bei ihrem ersten Erscheinen unter dem Titel: „Ein Feldcaplan der Judenschutztruppe" wie auch in ihrer, jetzigen Form wegen deS Berdrcchens ber Gotteslästerung und des Bergehens der Anfreiznng gegen das In de nt hum confiscirt. Ter für die Aufrechterhaltung der Consiscatiou eintretende Staatsanwalt Tr. Hawlath bezog sich aus die in jüngster Zeit erfolgte und bestätigte Be schlagnahme einer Zeitschrift, welche den Nachweis versucht hatte, daß in älteren katholischen Moraltheologien sich Behauptungen finden, die mit den gegenwärtigen Lehren der katholischen Kirche nicht übereinstiinuieu. Selbst wenn dergleichen abstruse, mit unseren heutigen Anschauungen in Widerspruch stehende Dinge in alten Schriften einer Religionsgesellschasl wirklich enthalten wären, dürfe diese nicht dafür verantwortlich gemacht werden. Der Verfasser der in Frage stehenden Broschüre wolle aber aus dem Talmud uachwciseu, daß die Grundsätze der jüdischen Religionsgenosienschaft verwerflich seien und ein friedliches Zusainmenlebeu mit anderen Bekenntnisien auf die Dauer unmöglich machen. Es mäste dahingestellt bleiben, ob der Talmud bei den Juden wirklich die Geltung einer Traditio» habe oder bloß ein Sammelsurium von verschiedenen, sich widerstreitenden Ansichten der Rabbiner sei: das sei hier nicht maßgebend, da der Berfaster sagt, daß nicht bloß für die orthodoxen, sondern auch für die sogenannten Refornijudeu der Talmud Bedeutung habe; was er atso über den TaluNld sage, beziehe er ans das ^udenthum überhaupt. Tie Citate aus dem Talmud, Christen gelten den Inden nicht als Menschen, sondern als Biehsame, der Jude schulde nur dem Juden Nächstenliebe, das 5., t>. und 7. Gebot gelte nur Juden gegenüber, als Beweis, daß ei» friedliches Zusammenleben zwischen Christen und Juden nicht möglich sei, seien ganz geeignet zu Feindseligkeiten gegen die Juden aufzureizen. Der Verfasser nenne die Juden „Schlingpflanzen" . . . Aber geradezu verblüffend sei die Behauptung des Verfassers, daß es wirklich jüdische Ritualmorde gegeben habe, und daß noch heutzutage fanatische Juden Christenkinder tödten, um deren Blut zu ritualen Zwecken zu gebrauchen. Er führe Belege aus „Legenden" an und.be spreche auch Vorfälle aus jüngster Zeit, spreche von Bestechung und Vertuschung.' Taö Alles sei geeignet, zu Feindseligkeiten gegen die Juden aufzureizen; er beantrage daher Bestätigung der Confiscation.