Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 33 (20.11.1892)
- Date
- 1892-11-20
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/4886575-5439132-5439245--0324-4886865- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite •'! Nr. 38. ~l~ freies Blatt. steuerwesen ja so oft als ein Vorbild angeführt worden ist. Die Zahlen, ans die wir hier stoßen,;eigen mit aller Deutlichkeit, daß der Mittelstand nicht nur nicht schwindet, sondern fortdauernd in starkent Wachs - thum begriffen ist, daß er sogar weit rascher wächst als die Bevölkcrungs zahl, und es liegt kein Grnnd zu der Annahme vor, daß die preußischen Ergebnisse der Einschätzungen, wenn sie einen Ueberblict über einen längeren Zeitraum ermöglichen werden, ein anderes Vild ergeben könnten, vorausgesetzt daß unsere bisherige wirthschaftliche Entwicklung keine wesentliche Umgestaltung erleidet. Während in Lachsen die Zahl der mit einem Einkommen bis zu 110O Mark eingeschätzten Personen in dem Jahrzehnt von 18*0 bis 181*0 eine' Zunahme um 22’3 Percenl answeist, erfuhr in derselben Zeit die Zahl der mit einem Einkommen von übler 1100 bis 2200 Mark Eingeschätzten, die man als die unterste Stufe deS Mittelstandes wird betrachte» dürfen, eine Zunahme in» .'>0 -1 Percent, denn sie stieg von 105.220 Personen ans 107.708. Die nächste, die Einkommen über 2200 bis 8800 Mark umfassende Stufe des Mittelstandes wuchs um 41 0 Pereent: sie zählte 1**0 erst 2*. 102, im Jahre 1800 aber 80.*00 Personen. Die Einkommen über 3800 bis 4800 zeigen in der Personenzahl eine Zunahme um 44 7 Pereent, denn sie stieg von 10.473 ans 15.154, und die mit über 4300 bis 54( 0 Mark Einkommen Eingefchäpken vermehrten sich, da sie von 6273;n 0180 anwnchsen, um 46 5 Pereent. Während also diese den st er» deS Mittelstandes bildenden Elasten ein Wachs»»»,! zeigen, daS zwischen 40 und 00 Percent schwankt, betrug die Be völkernngszunahme in der gleichen Zeit nur 17 8 Percent 2,072.805 gegen 8.502.084). Der Mittelstand vermehtt sich mithin Verhältnis; müßig weit stärker als die Bevölkerung im (Rrnzen. Anstalt z» schwinden, zieht er immer weitere Bevölkerungsmengen .an.sich, und sein percentnaler Antheil an der Gesainmtzahl der Eingeschätzten vergrößert sich stetig. Der Zuwachs aber kommt von unten, aus den niedrigsten Stenerclasse», nnd nicht von. oben auS den Elasten der Wohlhabenden und Reichen, denn deren Personenzahl gerade zeigt percentnol die höchste ZnwachSzister (wob" allerdings die gerade für diese Elasten verschärfte Einschätzung mitgewirkt haben mag), und es läßt sich unschwer erkennen, daß eS die Zunahme der großen Einkommen ist, die das Gedeihen nnd Wachsthum deS Mittelstandes fördert und bedingt. In den Städten, wo der Großbetrieb gedeiht, zeigt sich die rascheste Vermehrnng des Mittelstandes, dort wächst die ,8ahl der Grundbesitzer oft erstaunlich rasch, und ein früher armer £»t gewinnt ei» überraschend behäbiges Aussehen. Viele der kleinen und Mittelstädte Sachsens sind, nicht wiederzuerkennen, seit der (Großbetrieb dort heimisch geworden, io vor theilhast sticht ihr AeußereS gegen früher ab. Sobald der (Großbetrieb stockt, klagen in den Gewerbe und Handelskammerberichlen am lantesten die dem Mittelstände angehörigen selbstständigen sileingewerbetreibende» nnd Kleinhändler. Es steht ja außer Zweifel, daß unsere wirthschast liche Entwicklung manchen Zweigen deS Handwerks nicht günstig ge wesen ist, ebenso wie die Entwicklung des Eisenbahnrheseiis die Fuhrleute, die Kastwirthe an den Bandstraßen und die Postillone geschädigt hat, und I es mag znm Schutze solcher Handwerker geschehen, was möglich ist; aber von einem Rückgang .nnd von einer Schädigung des Mittelstandes im Allgemeinen zu sprachen, ist nach den angeführten 7 hatsachen nicht mehr möglich Wenn somit die jetzt bestehenden Verhältnisse sich als dem Mittelstände /ganz besonders günstig erwiesen haben, so geben wir den staatserhaltenden Parteien zu bedenken, ob es recht nnd wohlgethan ist, fortgesetzt die nolhwendige Rettung des angeblich dem Untergänge verfallende» Mittelstandes im Munde zu führen und dadurch unsere Zustände als verrottet und einer gründlichen Ilmgestaltung bedürftig erscheinen zu.,lasse». . «Aus drill Absicordlltlcillmllsc.) Es ist der Stolz und das Streben anderer politischer Parteien, in Ihren Reihen Männer der Wisienschast, Professoren nnd Oielehrte zu zählen, welche die hervor tagende» jkrüste ihres Geistes in den Dienst der Partei stellen, mit dieselbe zu veredeln, zu heben nnd vor den Oiefahren politischer Ein seitigkeit zu bewahren.. Es ist aber der Fluch des Antifemitismns, daß er Alles, waS sich ihm verschreibt, schonungslos zu sich herabziel,I in den stinkenden Sumpf geistiger Verblödung nnd sittlicher Verrohung. In der Sitzung des Abgeordnetenl>anseS vom 11. Rovember richtete der Abgeordnete Schlesinger an den Ministerpräsidenten eine Inter pcllation, in welcher er von dem beim Vemberger Vandesgerichte kürzlich abgehandelten Proceß gegen eine Müdchenhändlerbande Anlaß. nahm, die giftigste Jauche über daS Jndenlhn», zu verspritzen, daS Familien leben liberaler Abgeordneter und Minister in diese schmutzige Afsaire zu zerren und die Regierung ^aufznfordern, „den allgemein schädlichen Ausschreitungen .des jüdischen Volkes eine» wirksamen Damm entgegen züsetzen".- Der k. k. ordentliche österreichische Proiesior all der Hoch schule für Bvdencultnr hat sich das Verdienst erworben. Alles, iva- . das „Deutsche Volksblatt" in vier Jahrgänge» an Ihi'lat, ("in »nd Galle geleistet, in mustergiltiger -stürze in dieser .Interpellation . sammengelrage» und die Wnthausbrüche des verbissensten Aniisenüten „vom 0>rund" weitaus Überlrossen zu haben. Die .Interpellation, deren Tenor orst nachträglich dem Hanse »aber bekannt wurde, erregte ailgr meine Empörung, und der Präsident Dr. S ,» o l! a, ein greiier Paria mentarier, der wie kein Zweiter in diesem Hanse von de» 'Stürmen politischer Leidenschaft -zu erzähle» weiß,, erklärte, die'.Jnlerpellalio» enthalte so viel-Verstöße gegen den Ausland nnd die gute Sikie, paß er » ichI - gen u'g W orte finde n t ö n n e, ' n m s e i n e E » i rüslnng darüber anszn sprechen. Der Präsident ertbeilre Schlesinger den D rdnnngsrnf. Abgeordneter Fuß erllärte namens 'einer engere» Gesinnungsgenossen, sie hätten die Interpellation mit' unterschrieben, ohne dieselbe vol,iständi>f zn lesen. Bei der Durchsicht des Protokolls habe sich jedoch gezeigt, daß diese Inter - pellation in der Dhat Stelle» enthält, die siech nicht anders charakieri streu lassen denn als eine verletzende Aenßernug, als eine Datilosig . teil. Er drückte das Bedauern jener' Mitglieder der denischen Rational Partei aus, welche das Schriftstück unterschrieben haben. Run, ein solch offenes Geständniß mildert die Schuld des Abgeordneten Fuß und seiner Gesinnnngsgenossen, aber man weiß jetzt doch, mit welchem Ernst und mit welcher Gewissenhastigteit innerhalb der antisemitischen Frac tionen jene .stnndgebnngen vorbereitet werden, die dann als der Wille nnd das dringende Bedürfnis; des „Volkes" hingestelli werden. — Auch bei der Bndgeldebatte. am 17. d. M. fehlte es nicht an antisemitischen Ercessen. Da wurde gegen Ungarn-«in förmlicher Vernichtungskrieg gepredigt, ein katholischer Prälat als „üjabbi" verhöhnt nnd der Wiener Bevölkerung Ruhestörungen in Aussicht gestellt. Ruhestörungen! Die Antisemiten prophezeihen es nnd sie können, znm Unglücke Wiens,- ihr D rakel erfüllen. 'Eoilivroillikkircildk Eoillprommc.^ In einer der letzten Sitzungen der Be;irksvertret n »g Alsergrund stand die Ersatzwahl in den Drtsschnlrath für die beide» verstorbenen 'Mitglieder Bauer nnd Heindl ans der Dngesprdnnng. Da die »»bemittelte Majorität der Bezirksvertretung de» Viberalen gehört — die Antisemiten verfüge» nur über fünf Stimmen — war es nnzw'eifelhafk, daß die »enznwählenden Mitglieder der liberalen 'Bartei entnommen würden. Die Antisemiten traten jedoch an die Majorität mit dein Ersuchen her'an, im Wege des Eompromisses eine» Anrisemile» kn den D rtsschnlrath auszunehmen. Die liberale-"Majoritüt sck>e»kte »ach ansänglichem schwachem Wider streben und mehrmaliger Berathnng diesem Ersuchen auch Berücksichtig»»;) . und vereinte ihre Stimmen auf den Antisemiten Veil »'.er. Wir haben uns über derartige compromiltirende EomproMisse bereits früher" des Eingehenderen ausgeivrochen >?cr Rrchcuschüiksbcrichl des Adlicorducrr» Dr. Hclilciila»»., Die .stremfer „Vandzsitn n g", eines der Anlisemitenblättchen im Dienste des Schloßherrn vonDRosenau, machte über die Rechenschaslsbcrichte des Abgeordneten Dr. Heinemann höhnische, spöttelnde Be merknnge», welche die freisinnige „8c i e d e r ö st e r r e i d) i s ch e P r c si c" wie folgt abfertigti „Den Renten das Blaue vom Hiuimel versprechen wie irgend ein nalionalanlisemitischer Maulheld, der in seinem Innern dabei die positive Ueberzengung l,at, das; er unerfüllbare Wünsche nnd Forderungen »ährt, das zu ihn»', hätte Herr Dr. Heinemann auch vermocht, wen» fick, solcher politischer Sdnvinlel mit seiner Gewinen Hastigkeit vertragen ivnrde. Herr Dr Heine».an» ivill i.nne Wähler icchasl nid» znm Besten balle», darnni l,all er üdi an 7lutMelie», an Anssührbares undverzichtet 'daran«, sie mir Einen Fehler allerdings hat Herr Dr. Heine» Versammlungen begangen^ er hat es unterlasset die wahre Ratnr - »ätionalanlisemitischer Politik aurznllären Die,' Unlerlassnngssünde mad>l ihm aber die.Vand'ze zum Vorwurf. Uebrigens wer tnmmen ,'id, n .inng' wohlweislich »!.l,! » die Vandzeitiu'.g nnd ihr Programm oder ihre im '.Monde hängende Anhängerschast. L >. auf wie viele .Männer glücklich bei der I.-tzlen Ueberrengle gesunden Wahlen habe» doch sd,on zur Ost.nüge bewiesen, sie überall zählen tan». In Wien haben si' Reid)srathswahl unter OOOO Wählern wieder Und das nennt fid) stolz Partei!" ,Tic „dritte Rakio»" ilf ÜPiilllUfll.l l'uni schreibt uns: Aon ossiciöser und »ichtossiciöser Seite, van Privatm und Anrisversone» — wir erinnern hier an den Bürgermeister von Randnitz loerden d, Jude» in Böhmen mit Vorliebe als die „stille Ration sin Var.de bezeicchnet. Selbst in Vehrbehelfen des k. k. i:chnll>ncherreuages-'>nd. fid, die Aenßernng: Böhmen werde von Ezecheii, Denischen »nd liten'bewohnt. Also and, hier, zwar ohne Benützung des gestügel'.en Wortes, eine Dreizahl der Rationen. Die logische 'Basis di-ie--- io r. <'M„teieie„ zu ködern., an» bei seinen Wähler . die Wählerschasl über I