Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 32 (13.11.1892)
- Date
- 1892-11-13
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32. Seite 2. Freies bekannt, welche das Ministerium zu diesem Schritte bewogen. '.sioch schärfer präeisirtc er diese Motive in der am Abend desselben Tages abgchaltencn Confcren; der liberalen Partei. " O'rjf Szap n r >, erklärte, -die Regierung habe dein von ihr. ausgestellten Programme durch die Fertigstellung der drei E'csctzcntwürfc über die staatliche M a t r i k e l f ü h r u n g, jdic Rcccption der israelitischen Eonfession rind die ^laubcnsglcichl,eil -entsprochen. Zn diesen EtTivürfen erhielt die Regierung auch die Zu stilniuung der Rronc. Tic Regierung will« jedoch wohl, daß die Lösung der kirchenpolitiichcir fragen damit nicht rrschöpst sei, ja, daß gerade die Annahme dieser Enlwnrse die Rötung anderer fragen, namentlich des Ehcrechtcs, noch dringender crichcincn laue. Tic Regierung sei auch darin nbcrcingckomnicn, daß gleichzeitig mit der Regelung dcS Ehcrechtcs auch die Zivilehe gesetzlich zu regeln sei. Ter Standpunkt, der Regierung war, daß anläßlich der Regelung des Ehcrechtcs die Eivilchr sür obligatorisch erklärt wird, lebhafte Zustimmung.) Zu diesen Vereinbarungen aber wurde die Zustimmung der -Krone noch nicht erwirkt/ Rachdcm cs aber die Uebeizeugting/Per Regierung ift, daß sic innerden obwaltenden Verhältnissen und im Interesse, des Landes nicht ersolgrcich wirken könne, andererseits aber eine partielle >irisc aus den angcsührtcii Gründen nicht tvünschenswerkh erschien, gab die gelammte Regierung ihre Temiinon. C^'rof Tznpürtp dankte sodann in warmen Worten für die ikm stets von Teile der Partei zu tbeil gewordene Unterstützung. In der gegenwärtigen ernsten Vage, firtjF er fort, habe ich nur den einzigen Wunsch, daß die Lösung eine solche sein möge, haß siechen Interessen des Patcrlandes. den Traditionen der Partei und dem nicht in Worten, sondern in 7 haken sich erweise-» den L i l> c r a l i s m u S ctM'preche. Bieepräiideni Eras Theodor Andrü'ssn beglückwünschte die Re gicrung zu ihrem Entschlüsse. Er halte einen Beschluß glicht für »othwendig, doch erkläre er für seine Person, daß er nur eine solche Regierung nntcstützen könne, welche sich das Prog ramm der a b g e d a n k I e n in sc i n c m vollen U m f a n g e zu eigen in a ch c. Roloman Tisza erklärte, er spreche hier nur aus dem l^runde, weil er nicht bloß in diesem Elub vernommen, sondern auch gelesen habe, daß bei dieser Trage von einer spceiellcu protestantischen Ta che die Rede wäre Ta dies mit der Wirklichkeit v oll ko m me n im O'egcntapc stehe, sei er gezwungen, das Wort zu ergreifen, lim dgs Ansehen des Ttaates nicht Tchaden leiden zu lasten, müsse, wie auch der Ministerpräsident erklärte, das Ehcrccht aus^ dem Rahmen der E o n i e i i'i o n c n ge n o in in e n werden und das selbe gleichmäßig für jedermann ans staatliche (Grundlage gestellt werden. Er zplle der Regierung Anerkennung dafür, daß sic das, was sie im Borjahre in Aue sicht stellte, jetzt in noch ausgedehnterem Maße verwirklichte. Taß das Eherecht gleichförmig geregelt und zur (R-ltung gebrächt werde, wird durch die allgemeine obligatorische Eivilehe bedingt. Er sei überzeugt, daß jcdcriuanu im Lande sich darein fügen und 'einschcn werde, daß dort, wo von großen siaatlictsFit Jnteienen die Rede sei, die speeiellci! confessioneUen Interessen in den Hintergrund treten müsten. Er schließe sich aus vollem Herzen der Ancrkeinkung für die Regierung an, welche bereit war, in dieser An gelegenbeit äuch die Eabinetsfrage ,u stellen Ter Redner erklärte schließlich, daß die liberale Partei, wenn sie nicht nur ihren Ramci', sondern auch ihren Traditionen treu bleiben wolle, unter den heutiges Perbältiiisten keine ändere Regierung unterstützen könne als diejenige, welche das Ehcrccht mit.Einschluß dcr a l l g c m er n en ob l i ga I or i i ch c n E ivi lehe ans dieser k^rnndlage regeln will. Nachdem noch mehrere hervorragende Parteimitglieder Erklärungen >m gleichen Tinnc abgegeben hatten, nahm die Eonferenz unter Tvakionen fitv den "'rasen Tzapiini dcstcn Erklärungen mit Ttimmen cinbelligkeit zur- -Kenntniß. - " - Alle Tpeenlationen aut eine Tpaltnng der liberalen Partei und ans die Znknnst eines antiltbcralcn Regimes in Ungarn erweisen sich jetzt schon als verfehlt. Out Abgeoidnereuhauic gab auch <''raf Albert Avvouni die entschiedene Erklärung ab, daß er einem neuen Ministerium, welches die kirchcupolitischeii Fragest im liberalen Tinnc regeln werde, keine Tchwicrigkciten machen werde. Tie Antisemiten dürften also wie bis jetzt io auch fürderhin vollauf E'rund. haben, mit Ungarn hhchlichst unzufrieden zu sein. Blakt. '_ Pr. E. Suef) über Wien. Bor einer zahlreich besuchten Wühlerversammluiig im II. Bezirke sprach RcichsrakhSabgeordnckcr Professor Tr. Eduard Stieß über die durch die antisemitische Bewegung geschaffene Sikuakion Wiens. Der ansgczeichncte Parlamentarier, dessen Ausführungen stürmischen Beifall fanden, sagte im Wescnklichcn Folgendes: Ans den .llreilen der deutsche» Bewohner TesterrcichS ist vor nicht vielen Jahre» der Ans erklungen : „Wir gravilircn nach Wien." Test einigen Jahren hört inan diese» Ruf nicht mehr. Tic Tciitschen i» den Provinzen sind nicht schuld daran; inan muß deshalb fragen : WaS hat sich in Wien geändert? Sic wissen, mit welcher Beharrlichkeit liniere Gegner im Vaitfe der letzten Jahre bestrebt waren, einzelne Theile der Bevölkerung von einer größeren politischen Ausfassnng abznlcnken uns zur ausschließlichen Betrachlnng ihrer individuellen engsten Interessen zurnckznsührcn. Sic wissen, ivic man cS zustande gebracht Haidaß ein Gewerbe gegen das andere anfiral. Während im Parlament und in den Provinzen die größten politischen Fragen zur Erörterung kamen, stritt man in Wien darnbe.r, ob die Bäcker bcrechiigt seien, Apfelstrudel zn machen. TaS ist cs. wodurch wir den Respeci im Reiche verloren habe»; man hat eine Bevölkerung gesehen, die über der Periheidignng ihrer engsten kleinen Jnter- ^Lentdie. Gesainmlheit, die Ltcllnng der Rcichshanptstadt vergaß, welche dcr Siadt Bmri» als eine Führcrin im Reiche znkommcn muß. . c. lind ivas haben wir in Bezug aus .'lampfeswcisc erlebt? WaS haben wir et lebt an Enisicllnngcn, an persönlichen Angrissen, wie Hai mau unter der An gäbe) daß man die Eorrnption belämpseu wolle, die ärgste Art der Eor rwpniou, die der Massen, nach Wien getragen? Mau Hai freigebig Versprechungen ansgeiheili, die man nie zn erfüllen i» der Vage ist. Wir haben kiese Leute bei jeder ösienllichc» gemeinnntzige» Angelegenheit, die der Stadt Wien zur Ehre und zum Ruhme gereichen sollte, als unsere Gegner gesehen, als Gegner der Rcllnngsgcscllschaft, des Frauenerwerbvereincs, des BolksbildnngSvercines, als. Gegner der Einverleibung der Borörte re. Wie lies ist das Niveau des Tones in den össenllichen Körperschaften gesunken! Und was haben die Leute erreicht? Nichts als die Herabsetzung des Ansehens der Reichshanptstadt Wien, und ihren Einsluß haben sie fast ans Null gesetzt. ES ist so weit gekomnicn, daß wir selbst aus dem Munde unseres sonst so milden und nachsichngen Monarchen strafende Worie gehört habe». Man hat mich anfgcfordcrt, die Worte, welche Te. Majestät zu nur zu sprechen die Gnade hatte, hier zu erläutern. Ich habe diele Absicht nicht, erstens weil pcrsönlichc,Aettßcrnngen des Monachen sich überhaupt zur Tisemsion in eincr ösienllichen Versnnlnttg nicht eignen, nnd ziveilcus, weil diese Worte nach ihrer Richlung und ihrem Inhalt so klar nnd zweifellos sind, daß sie einer Erläuterung.durchaus nicht bedürfen: Es hießt wahrhaftig an dem letzten Rest von Urlhcilsfähigkeit dieser Bevi'lkerung zweiselti, wenn cs uolhivendig wäre, hier noch weitete Erläuteniiucii zu geben. Tie antisemitischen Gruppen in 'Wien, Berlin, Paris re. haben eine Reihe gemeinsamer Kennzeichen. Zunächst die außerordentliche Rohheit ihres Auftretens, die Feindschaft gegen höhere, Bildung nnd den Umstand, daß diese Partei-nictnals ihr eigentliches Endziel bezeichnen könne. Bor wenigen Tagen hat ein Antisemitcnsnhrer logar behauptet, Eardinal Gruscha stehe unter jüdischem Einst nssc. Taß der Mann dies sagte, ist nicht so arg, daß cr aber nicht ans.gelacht wurde,-das ist eine Schande für Wien. Tic autisetnitijchcn Gruppen erscheinen überall nur als Berbündcte anderer Parteien, welche diese Unterstützung znlassi-n. Man erinnere sich nur an die Rolle, ivclche die anii'cmittsche Partei in Paris zur Zeit des Ausganges des Generals Boulanger gcspiclt hat. Selbstbewußle Parteien, wie z. B. die Arbeiterpartei, lasten sich nirgends mit dicker Partei ein. Tie Verbindung der Antisemiten mit unseren Eleriealen, -ivclche bis vor .Nutzem bestand, hat den letzteren sehr geschadet. Eincr^izs weil durch diese Betbindnng uralte Traditionen der latholischen .'tirche verletzt tvntdcn, andcrcrseils durch Veit eorrodirenden Ein slnß, welche dicke Verbindung ans den niederen Elerns anSgeübt habe. Ter Anslprnch des Laudtagsabgeordnetcn Cooperator Schnabl: „Tie Nääifteiilicbc. - langt bei sich selbst an", kennzeichnet -jenen erasscn Egoismns jenen Verzicht ans den Altruismus, welcher weite Volkskreisc erfüllt; er be zeichnet das- -Niveau, ans ivelchcS man das Volk bringen will. TarauS kann ersehen tverden, wie gcsähtlich für die ösientlichcn Anschauungen, für das etht'che Niveau des Belkes eine solche Bewegung mit der Zeit wirst Sondetbar ist das Berhültniß der Antisemiten, sobald die deutsche Nationalität in Frage kommt. Während die französischen nnd tschechischen Antisetniten die Juden bekämpfen, weil sic sie als Tcntsche bezeichnen, beziehungsweise ihnen Tmnpathicn jür die Tentschcn vorwcrfen, bckätnpscn die deutschen Antisemiten die Inden, tvcil diese keine Tentschen seien. Ties ein Beispiel antisemitischer Logit Erwähnenswstth ist eine Episode ans der Zeit nach dem dreißigjährigen Kriege Man trieb damals ans Testerxeich, wo der sinstcre Fanatismus herrschte,. die Protestanten auS, welche oft mit Hinterlasiung ihres ganzen Pertnögens flüchten mußten. Tbwohl unn das Volk diese Auswanderer wie die Pestkranken mied, so war ihnen merkwürdigcrlveise ans ihrer Flucht doch die Möglichkeit zn -leben geboten, lind die Ehröniken berichten daß damals die Sage ging, es sei di-