Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 32 (13.11.1892)
- Date
- 1892-11-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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AbouuementSpreis: Ganzjährig mit Postzusendung . . fl. L.L0. Halt jährig fl. l.SS. Vierteljährig fl. — .05 Einzelne Nummern 4 fr. (Vrgan zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntagk. Rcdaction und 'JlDmiuiftrntioti: IDicn , I. ^otfcrftättc 10. Nummer 82. Wien, 18. November 18^2. I. Jahrgang. Sonderbare Ariegshetzer. Irren wir nicht, so war es Fürst Bismark, der cinniat die Anekdote von jenem SerenissiinnS erzählte, welcher bei einem Besuche dcö preußischen Hofes Alexander v. Humboldt zurief: „Noch immer der alte Demokrat und noch immer in den Vorzimmern der Könige." Man wäre min versucht, dem Fürsten BiSmarck zuzurufen: „Noch immer der Verächter von Druckerschwärze und noch immer im Verkehr mit Leuten, die ihren Beruf verfehlt habe»!" Es verstreicht fast keine Woche, wo nicht eine neue Unterredung deS einst so gewaltigen Kanzlers mit einem Journalisten von mehr oder minder tekanntem Namen gemeldet würde. In seiner neuesten Interview beschäftigte sich der wider seinen Willen in den wohlverdienten Ruhestand versetzte Staatsmann mit den Elementen, welche in Rußland zum Kriege hetzen, und zeigte als solche die Pole» und die Juden sowie die von diesen und dem AuSlande beeinflußte Presse an. AlS Haupthctzcr bezcichnete er die Polen, welche die Hoffnung hege», daß Rußland in einem Kriege geschlagen und zerschlage» würde und es ihnen dann möglich wäre, ihr Polenreich wieder aufznrichlen. DieKriegShetzerei der Juden geschehe auS ähnlichen Gründen wie die der Polen. Es gehe den Juden in Rußland schlecht, und sie hoffen, daß es ihnen besser gehen würde, wenn Rußland in einem Kriege unterliege» möchte. Um seine Anklage wider die Polen alS Störenfriede zu begründe/,, hatte der Fürst de» seltsamen Einfall, den russischen KriegSministcr, den Ehcf 'des russischen Generalstabes und de» Gcneralgouverneur in Warschau für Polen auSzugeben. Sv wäre» denn die Generale WannowSkij, Obrutschew und Gurko nur darauf bedacht, daS alte Jagellonenrei'ch wieder herzustcllr». Dieser- Gurko maßregelt zwar die Polen in unerhört grausamer Weise, jagt sie aus den Acmlern und mgcht sie brotlos. Aber offenbar thut er das nur, ui» desto sicherer die geheimen polnischen Wünsche der Ausführung »äherzubringen. Eine solche Begtündung findet Nachbeter, so lange ei» SlaatSmann daS Heft in Händen hat. -Es fehlt dann nicht an elastischen Geheimrchhe», die sich selbst, dazu bringen lassen, nachzuweisc», daß zweimal zivci fünf ist. Solche Jonglcurstücklein führt man aber nicht auf, um einem Pensionisten genehm zu sei». Man wird dem Fürst, n in Deutschland ebensowenig glauben oder auch nur »nchsagen, daß Gurko ein Pole sei, als man einen Russen ernst nehme» würde, der die Behauptung riskiren möchte, der Panslavismus sei eine rein deutsche Erfindung zum Heile Germanicns, wie schon die 'Namen Stroßmayer, Bleiweis, Rieger re. beweisen. I» Preußen hiell man niemals die Generale PodbielSki und LeszczyiiSki für Polen oder Verdy du Vernois für einen Franzosen; auf den Namen und die Abstammung, diese bei den Antisemiten so sehr beliebten Vcrdächtigungsmittcl, kommt es eben nicht an. Waö sagte aber Fürst BiSmarck, um plausibel zu machen, daß die Juden in Rußland kriegslüstern seien und einen Krieg herbeiführcn wollen? Außer dem bereits erwähnten Hinweise auf die unbestreitbare Thatsache, daß eS den russischen Juden schlecht gehe, führte er nichts an, woraus er die Berechtigung zu seiner Anklage ableiten könnte. -^Jn Deutschland, namentlich in der Nachbarschaft deS Fürsten BiSmarck, in Hamburg, sah inan die - jämmerlichen Gestalten russisch-jüdischer Auswanderer, welche, auf die öffentliche Mildthätigkeit angewiesen, bemüssigt waren, in der Fremde ein Asyl zu suchen. Und die russischen Jude» sollen cö sein, welche de» E;ar, diesen „bedächtigen Herr», dev nichts mehr liebt alS seinen ruhigen, bcguemen Hausfrieden" zu»». Friedensbruch zu bewegen trachten? Auf welche Weise wollen dies die Juden anstellen'? Etwa durch'die Presse? Die Zahl jüdischer- Journalisten ist in Rußland eine verschwindend geringe; die ein flußreichin russischen Blätter aber betreiben die Jndenhctz?. Wie der verstorbene Katkow in seinen alten Tagen, thnt sich jetzt auch Fürst MeschtschcrSkij nicht nur durch Polcnhaß, sondern auch durch eine fanatische Sucht zur Verfolgung der Juden hervor. Ein eigenthnmlicher Zufall fügte es, daß fast an demselbc.» Tage, an welchem Fürst Bismarck die sonderbaren Kriegshetzer in den Reihen der russischen Inden entdeckte, daS einflußrxichc russische Blatt „Nowojtz Wremja" sich darüber beschwerte, daß die französischen Juden und Jüdenfrcundc geheime Gegner der französisch-russischen Freundschaft sind und nur aus Furcht vor Unpopularität nicht gegen "bie Annäherung protestire». Dem Fürsten Bismarck als' activem Staatsmann war jedes' Mittel recht; das Festhalten a» Grundsätzen galt ihm als überwundener Standpunkt. Auch als Frondeur befolgt er das gleiche Verfahren, und die soiidcrbarim Kriegshetzer, von deuen er. gegenwärtig spricht, sind nur Hilfstruppen, die er zur Bekämpfung seines.-Nachfolgers aus dem Boden stampft. Alles, was irgendwie mit ^dei» „neuen-Eourse" zusammenhängt, die innere und die außek« Politik, die mim jetzt betreibt, sollen äls lächerlich, wenn nicht gar als unheilvoll hingestellt werden. Die Antisemiten, deren Zweckender Fürst theilö - aus Neigung, theils auö anderen Motiven schon so oft gefördert hat, haben wieder einmal Ursache, ihm dankbar zu sein; er gab ihren Wandcrrcdncrn ein neues Thema: „Die KriegShetzerei der Juden." Allerdings sprach er auch von einem „stöckcrbcinigen Gesellen, der so conservaliv war, daß er unter.-wechselnden Ministerien sich selbst conservirtc", und zog ans der angeblichen Kriegslast der russischen Juden die Folgerung: „Unser Antisemitismus sollte daraus leruen, daß er keineswegs im Besitze deS richtigen Wanzenmittclö ist, wenn er darauf ausgeht, unsere Juden so schlecht als möglich von dem Staate und der Gesetzgebung behandeln zu lassen." Aber der deutsche Antisemitismus ist in seiner' Art auch ein Realpolitiker, der kein Mittel per schniäht, und wir werden daher in den nächsten Radau-Versammlungen zu hören bekommen„Der ruhmreiche Begründcr d:S Deutschen Reiches erblickt nicht nur in den Jude», die leider Deutschland hat, Wanzen, sondern amh in ihre» Stammcsgcuosscn im Ezarcnrciche gefährliche Elcmeule, welche ltcn Frieden Deutsch-" lauds bedrohen. Deutsches Volk, hüte dich vor den Inden!" Doch waS kümmert den Fürsten dieser voraussichtliche Effect seiner. Aeußernnge»? Ihm war es nur darum;n thun, dem Grafen Eaprivi und demjenigen, den er hinter dieser „durchsichtigen Persönlichkeit" wahrzunehmen anbeutet. Eines zu versetzen. E>j hat seine Absicht vollführt, und wenn darunte? auch der ganze» Sache Fern stehende leide», ihm ist eö — lammen. ' Die Arise in Ungarn. Graf Szapury machte am 0. November in beiden Häuser» d.eo ungarische» Reichstages die Mittheilung von-der erfolgten Demission dcö Gcsammteabinctcö und der Annahme dieser Demission von S.-itc Sr. Majestät. Der scheidende Ministcrpräsideni gab zugleich die (Gründe