Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 31 (6.11.1892)
- Date
- 1892-11-06
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 31. Freies Rechtsstaate, der als Grundsatz die Gleichberechtigung aller Staatsbürger anerkenne, solche Theorie» nicht zngelassen werden können. Tie Verbreitung der strafgesetzwidrigen Inhalts von Büchetn erfolge auch durch das Lesen, Indem habe der Verein eine Bücherei in Aussicht genommen, aus der die Mitglieder Bücher entlehnen könne». — Ter Vertreter der Beschwerde bemerkte, daß sich ans kc» verlesenen, an« den, Zuiaiiilüenhange gerissenen Stelle» kein lirthcil über die Tendenz des Wertes bilde» lasse, Er halte cS für zu weit gehend, wenn »>a» dcinsclbe» Feindseligkeit gegen da« Iudeuthuin zuschreibe. „Die Indcnsragc" sei inehr defensiver al« ossenstver Ratnr und in, Zllsainiilenhange mit der Schrift: „Ter El sah der Religion" z» benriheilen. Tic Hauptfrage bleibe, ob die Bücher gerichtlich verboten seien oder nicht, denn das Reichsgericht sei nicht bernseii,;u prüfen, oll in den Werken Tühring'S Gesell widriges knlhaUen sei. — Tas Erlcnntniß des Reichsgerichtes lautet, daß durch die iinlersagnng der Bildung de« „Vereines der Anhänger Tühring'S" eine Ver leviliig des in, Artikel I- St. G. G. geivährlcistctcn Rechte«,'Vereitle zu bilden, nicht stattgefunden habe. In den Motiven wird targele.gt, der Megierngigs Vertreter babe bei der Verhandlung an« den verschiedenen Werken Tühring'S zahlreiche Stellen verlesen, welche einerseits unverhohlene Feindseligkeit geizen das Iizdenlhui» und die Absicht, sic kein Leser cinzuslößen, bekuiide», anderer seil« gehässige Angrisse gegen das Christenlhuin enthalten. Tcrarligc Angrisje verstoßen gegen de» $ "02 des Slraskjesctzcs. Ans den Statute» gehe hervor, daß e« sich dein Vereine nicht dnrnin handle, die »tennlniß der rein theoretischen und wissenschaftlichen Werke. Tühring'S,! o n d c r » seiner aus das praktische Lebe» g er i ch l e t e» Schrillen zu lördcr». Ter Umstand, daß bisher thatsächlich kiese Schrisirn nicht gerichtlich verboten wurde», lei hier »»entscheidend, da nach den, Vereinsgesetze die Be nilbeilttng, ob ein Verein nach seinem Zwecke gesellividrig iei der politischen Behörde zustehe. Ta sich der proponirte Verein seiuein Zwecke nach als geietz widrig darstellt, so entfalle die Rolhwendigkeil, aus die sorinale» (Gründe der Iinlersagnng einzugehen. . - Stöikcr in Berlin lind Wien.. Ter anscheinend ossiciose Artikel der „R orkk c n t i ch e n A l I g e in e i n e n Zeit u » g" über die lelllc Bei li »er Rede S töcker'S, von dein in .»lürze Erivähnung geschah, lautet: Für eine am Freitag in der hiesigen Tonhalle abgchaltene Veriainininng der Christlich Socialen waren die beiden ReichSlagsabgcordnelen Hosprcdiger a. T. Stärker und Chesredacienr der „»rreuzzeilllng" v. Ha i» nie r sic i n als Rcferenlen über das Thema an gelündigt: Christlich social und aniiseinitisch. I» Anbetracht aller obwaltenden llinstiinde konnte die Walil dieses TbeinaS enltpeder »nr aut eine Bcrtchinelznng der christlich socialen und der anliseinitiichcn Gruppen oder aber aus eine Scheidung hindeule». Lclltcre aber hat Herr Slöcker vorgenoninie», wenn auch mit einigen Wenn und Aber und mit vielen „guten" Worten sür die sogenannte» Teulsch Socialen, den unter der Führung des Herr» Liebe rin a» n v. Sonne n b erg stehende» Flügel der Aulijeniitcn. Jedenfalls ist zu bedauern, dag Herr v. Hammerstein in letzter Stunde Behinderung fand, in der Veriaulinlung zu erscheinen, da kaum angenoinme» werden lan», daß er sich anders zu der vor dieser Versaniinlung erörterten Scheidungssrage gestellt haben würde als »ei» Freund Stöcker. Unsere Leser iverde» sich erinnern, tvie wir vor Jahren die christlich sociale Richtung darauf hingewicjen hatten, daß bei voller Anerkeniuing ilntf sonstige» Ziel' und Prograniinpttnlle die ihr ininianente anliseiniliiche Reigung sic ans die schiefe Ebene des Temagogenthnnis-führen müsse. Unsere Voraussicht ist nur zu richtig eingeirossen; aber wie schon vor Jahres-, trist Herr Professor Adolf Wagner, so »imuil jetzt Herr Slöeter Anlaß, eine Scheidelinie zivische» sich, reipcclive den Christlich Socialen nnd den Anliseinilen zu ziehe», wenn auch der letztere Herr nicht so gründlich vcrsuhr wie sein College in der Parlkipräsidcntschafl der Christlich Socialen. Rach der ain Freitag von Herrn Slöcker verkündeten Meinung ist die von ihm . als vorhanden zwar lu'J) anerlannle Indensrage zunächst leine Rqccnsrage, auch voin religiösen Gebiete ans will er die Iudenfrage nicht behandelt, die Jude» als solche nicht belämpst wissen; das sei nicht christlich. Woraus für ihn die Fudensiage eigentlich besteht, bai Herr Stöcker zwar anzugcben unterlassen, wenigstens ist deren positive Um- 'chreibung iin Berichte des „Rcichsboten" nnd der „»trenzzeitclilg" nicht gegeben; einigermaßen aber führt wohl die Bemcrlnilg auf die richtige Spur: „Tcr Schade» ist nicht sowohl der, daß t!<x ».<»«> Jude» da sind, sonter» die zwölf Millionen Christen, die der Jude» Sache theileu.'I. Tanach bildeten also den Inhalt der Indcnsragc auch für Herrn Stöcker jetzt aUgenicine, im Volks- und Wirlbschasis lebc» wahrnehmbare Schäden, ans deren Heilung zu denken gewiß verdienstlich ist. Alar scheint indessen auch kc>» Präsidenten der Christlich Sociale» zu sein, daß diese Heilung nicht aus dem Wege anliseinitii<t)er Agitation, am wenigsten vermittelst des Radauanliscinilismus gewonnen werden könne; deshalb seine Ab- >age, i» erster Linie an diesen. Herr Stöcker sagte den Anlisemite» manches sür sie einpsindlichc Wort; das bitterste von allen war vielleicht die Bemerknng, .;» iolchen Ansichten und Vorschlägen, wie sie die Anlisemitc» verbreiten, lönnc lvohl jemand gelangen,' der seine politische Weisheit aus dein Besuche von AgilalionSversaininlungeli, respeclivc der Leclüre von Agitationsschriften und -Blättern ichöpsc; ei» Politiker aber, und vor Allem ein conservativer Parlainentaricr -ehe ein, daß mit de» antiscmilischcn Forderungen nnd Bestrebungen praktisch gar nichts zn erreichen ist, selbst dann nicht, wenil cS die Anliseinilen ans Blatt. Seite 7. ' dreißig Sitze im Reichstage bringe» sollte», was Lewiß »'ehr viel wäre. Ta, wie wir schon andettlelen, anzuurbiiikn ist, daß Herr v Hammcrstein de» von Herrn Stöcker ausgesprochenen Ansichten beigepslichlet haben würde, falls andere noch wendige Geschäfte ihm den Besuch der Freilagsversanimlung nicht versagt hätte», so darf wohl vorausgesetzt werden, daß die von Herr» Stöcker gegen den Anti seniilisinuS dort genommene Stellnng mcht ohne Rückwirkung ans. die in Angriff _ genommene Prograniinresorm der Eonsecvalive» bleiben könne. Zwar zunächst erklärt sich Herr Slöcker »nd entschiede» nur gegen de» RadalialitisemitiSinus, gegen die Ahlwardtianer mit» Boeckcliancr. 'Rachdem diese CouleurS es osscnlundig gemacht, i» welchen Sumpf die aitliiemilifchc Agitation hinejnsührt, fofi-ni sie „zielbewußl" betriebe» wird, zieht Herr Slöcker de» einen Fuß ans dem ainscmilischen Sumpf zurück: aber er'wird nicht »mhin können, den ander» sehr b«ld ebcnsallS aufs Trockene , zu bringen. Beruft er .sich »äuilich at» coniervätiver nnd ernsthafter Politiker nnd Parlainentarier selbst daraus, nicht aus das Riveau der „VersanintiungS" politilcr sich stellen zu könne», so kann ihm nicht lange verborgen bleibe», wie zwischen dem Radauanlifcmilenthlll» ä In Ahlwardt und Boeckel und dem sanstere» der Teutich Sociale» ein Unterschied der Ziele und Grundsätze -rsofern von letzteren gesprochen iverden mag — nicht, sondern nur ein solcher der lakti scheu Methode besteht. Beweis genug dafür ist wohl, daß fortgesetzt von Be ürcbnngen z» brrichten ist, welche aiis eine sriedtiche Verschmelzung der jetzt . gelrennlcn „Brüder" in eine „große" einige antisemitische Partei abziele» Rachden, also Herr Slöcker einmal daran gegangen ist, eine Scheidung zwischen - christlich social und Antileniitcnthlim vorzilnehmcii, wird er kauzn Gelegenheit behalte», de» rinnt Fuß links, den ander» rechtsdieser Scheidelinie zu belassen und gerade die von ihm seinerseits stets empiohlene, so stark betonte Mäßigung dürtie zivingen, die Trennung zu vollenden, auch in dem Sinne, 'wie Herr Professor Wagner sic vollzogen hat. — Iw Widerspruche zur Rede S>öcker's in Berlin „nd den an dieselbe von dei „Rorddentichen Allgemeine» Zeitung" gelniipsieu Eon-ariungen stand der Besuch, de» er uni'eren Rlihauanlisemiten ab staitele. Wohl konnte Stöcker angesichts der VeriammlungSverbote weder im Wahlbezirte Schneiders noch im Hanplguarlier des christlich sociale» -Lager«, in ,'ialksburg. Hetzreden hallen; auch bei einem Vorträge in, Salon der Botscktztfleislvitivc Baronin Langenau mußte er sich Zurückhaltung auserlegc» nnd auf salbungsvolle Phrase» beschränken. Tasür aber ließ - er sich beim „Wilden Mann" iü Währing, wo er,mit Schneider, Geßmann, Lnegcr und ihresgleichen znkammcnlraf, ungenirt gehen. Er erzählte von Versolgunge», dencii er in Tentschland und England seitens »ndutdsanier Inden ausgesetzt gewesen sei, ktzinpalhisirle mit einem brave», reichSdcutschen StaatSainvakt, der für eine» Mörder, ivclcher einen jüdischen Wucherer erschlage», Partei rrgrissc» hatte, schiinpste dann ivie'Ahlnjardt oder Schönerer über die Presse und schloß mit s-ein Wunsche, daß alle Jude» wieder in das gelobte Land zurückkehren mögen. Tie Wiener Anliseiniten beiiü „Wilden Manu", durchgehcnds Männer jener Sorte, deren Verfahren vom Kaiser anfS schärfste verurtheill wurde, stiminlen Loblieder aiis Slöcker a», wobei L lieg er großes Selbslbewußssein an den Tag legte. Ter „schöne Karl" sagte, wie,das „Teutschc Bolksblätt" bc ricknet: er sei halsleidend und habe in den letzten -ttz Stunden nur 7 Stnnden geschlaien, es aber doch sür seine Pflicht, gehalten, Slöcker die Ehre' zu erweise», damit derselbe die Wiener Antisemiten in Berlinso gut al« möglich beschreibe» könne. «Aiitistniikischtr Gdcliuulh.I MazjLchreibl >ins ans Franlsurl a. M.:. Tie Antijcmilen in ihren Vcreinigiingen und Conveniileln sind rührig bei der Arbeit. Tie Berliner „GcschästsstcUc" versendet eben wieder mit drei Flug blättern folgendes charakteristische Begleitschreiben: „Liebwerlhc Gesinnung« srenude! Tie nnterzcichnete .GeschäslSstcllcübersendet anliegend die angekündiglc» drei Flugblätter ,TaS Rüstzeug des Teutschcii im .»lämpsc gegen Judamit der dringendcn Bille, die Bestellunge» darauf oiingeheud zu piache», che cS Inda« Macht gelingt, diese Bläiler alis irgend einem türnnde zu unterdrücke». Unser innthigcr, ivackercr Kainpfer, Rector AhlwNrdt, ist »niS der glänzende» Eroberung seines Oic.-!» RcichStagswahlkreiieS Fricdeberg Arnswalde jäh heraus gerissen worden nnd bat »ncrwartet silmell ieine Strasvcrbüßuug ankrelcn ninssen. k»e»ossen! Richtet Alle von Vereinswegen ein Gnadengesuch au Se. Majestät den .»iajser! Wir in Beikin haben es bereits getban! Ader unverzüglich!" Man sicht, ivclch edles Her; doch die Anliseinilen haben, welches sich gleich warm für die „Besreinng ihres inulhigen, wackeren Kämpfers" , wie für die dringende Bestellung ihrer kleinen Preßgeschäfle rübrt. auti|Vmitifdvn iMattorn. t Zur >itkuz Assüirt.» Ter katholische Rcligionslehrer Herr Aart P erg er hat jene», welche die Anairo des „slnnimen Arenzes" zu einer kleinen Juden hetze benützen wollten, einen-Strich durch die Rcch»»»g gemacht. Tas „T ^titsche Volks bla tt" ließ ihn daher von „einem Aatecheien im Rainen Vieler" der „Intcnreiilwaschnng" beschuldige». Herr Perger sendete dem voii der Linken Bahngassc aus Wohlgcriichc verbreitenden Blaüc eine Richtigstellung zu, welche