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Freies Blatt · 1892-11-06 · 31 (6.11.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
31 (6.11.1892)
Date
1892-11-06
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 31. Freies anlisemilischcn BlattcS hätten sich Vubtintr Jude» nach Ausbruch der Epidemie sehr abergläubisch benommen Ta in Neapel und Sicilicn, als dort die Cholera grassirt hatte, der Aberglaube eines Bruchtheiles der Bevölkerung jede SanirnngSnction lähmte, so müßte die „Judenfrage", wenn Antisemiten logisch denken würden und in' ihren Aeußcrungcn ehrlich wäre», die Italiener als jeder. Cultnr bare Wilde brandmarken. Im Uebrigcn ist auf jndenfcindliche Meldungen aus Rußland nicht viel zu gebe». Das ofsirielle Journal des Warschauer General gonverncurs, welches häufig in Antisemitismus macht, berichtete vor einigen Wochen von einer förmlichen Schlacht, zn der cs in .C st r o w (Aireis WlodawaX zwischen Jude» und Christen gekommen wäre, und von | ruchlosen jüdischen Plänen, die Brunnen durch Testete von Cholerakranten zu verunreinigen, um so die christliche Bevölkerung dem Bcrdcrben prciSzngeben. Auch von einem jüdische» Fackclzngc, bei welchem christliche Spaziergänger mißhandelt worden wären, wußte das Amtsblatt zu erzählen. Tic antisemitische Presse in "aller Herren Ländern unterließ cp nicht, die Atnndc von diesen jüdische» Mifsethatcn weiter zu verbreiten. Nun aber veröffentlicht das £ rga» des Generals t>kurko eine stcichtigstcllung. seiner eigenen Mitthcilnngc», welche besagt: „Tie von administrativer und gerichtlicher Leite an Trt und Ltcllc vorgeuommenc Untersuchung ergab, das; cs nur zn einer einfachen Schlägerei kam, als einem jüdische» Vcichcnzngc von Wächtern, die ein Unberufener ausgestellt hatte, das Paffirc» einer Ltrage vcr wehrt wurde. Irgend ein Bestreben der Juden, die Cholera unter Christen zu verbreiten, war nicht wahrzunehmc»; auch eine Bern» rcinigung von Brunnen durch Inden wurde nicht entdeckt. Tic Erzählung von dem Fackclziige und den bei dieser ^clegenheit miß handelten Christen beruht gleichfalls auf Erfindnng." Bon allen Antiscmiicnblättern, welche die erlogenen Mitthcilnngcn Pcs Warschauer bffieiellcn Journals gebracht haben, war bisher kein einziges so an ständig, auch die offieiellc Richtigstellung zn reprodneircn. Richt bloß das ferne Rußland, auch das nahe VFipnil bietet unseren Antiscmilcnblättcr» Ltosf zn tendenziösen falschen Angabe». In sezier Abendausgabe vom 2f>. Letobcr schrieb das „L rutsche Bolts mlalt": „Bor einige» Tagen bekam ein jiidischcr Trödler i» l'cipnik fünf Aiisten anS Hamburg/ welche alte AilcidnngSstttcke und Wäsche, enthielten. Tic Behörde, wclckst hievon Aicnntniß erhielt, belegte die Atil'tfii mit Beschlag und ließ dieselben, weil sie ans einer verseuchten liegend flammten und die t^efahr ^cinor "Einschleppung der Cholera nahelag, im Beisein einer CommissicM samnit Inhalt verbrennen. Und waS geschah dem gewissenlosen Besteller?. - In Wandsbcck i» .Hol stein wurde der Jude Mente, 'liker sich eines ähnlichen Tclietes schuldig inachte, zn zwei Jahren und!, vier Monaten <R'fäiignis; vcr »rthcilt." Ter wahre Lachverhalt ist-aber folgender: Ai» Lep tcmbcr erpcdirte ei» Atanfmann in Budapest zwei Ballen, die T irAicndcn cuthiclten, an einen Geschäftsfreund in Veipnik. TamalS war in Budapest noch nicht der Ansbruch .der Cholera constatirt, und ein Ausfuhrverbot wurde von' der ungarischen Regierung erst am •">. Letober erlassen. Beim Einlangen der Ballen i» Veivnik ordnete der Ltadtarzt, obwohl er sich überzeugt hatte, daß die buchenden ganz neu »nd rein waren, deren Berbrennnng an, da inzwischen Budapest als verseuchter Cit erklärt worden war. Lowohl der Llationsvorstand der Rordbahn, als auch der Ltadtarzt erklären in nns vorliegenden Briefen, cs sei ihnen nichts davon bekannt, daß fünf Aiisten mit Ai leider» und Wäsche . aus -Hamburg angekoininen wären, und daß jemand deren Berbrennnng angcordnct hätte. Erdichte» oder zu »»lauteren Zwecken Entstellen ist eben jederzeit Autiscmitcnart! ' 1 . (Pom Bcrciiic zur Abwehr des Aiitiiciilitismus.» Der Prä sidknt des Bcreiiics zur Abwehr deö Anliscmil'isiiuis, A. .Gundaccar Freiherr.». Suttner, hat an den Ehrenpräsidenten des Per cincs, Friedrich Freiherrn v. Lcitenbcrger, anläßlich dessen Ernennung zum lebenslängliche» Mi tgliedc dcö Herrcnhanseö folgende Glückivunschdepcschc gerichtet: Baron Scitenbcrger, C o S in a » o ö. Hocherfreut über die wohlverdiente kaiserliche Anszeichnnng, die unserem Ehrenpräsidenten zuthcil geworden, erlaube ich mir im- Rainen deS ganzcn Bercincö de» anfrichligsten Glückwunsch zu übermitteln und eine» ebenso aufrichtigen im eigenen Rainen beizufügen. ' 3 »11 n f r. (Protest und Tank.) Tic Erregung über die Borgängc im niederösterreichischen Landtage zittert noch immer tt» Herzen der Bevölkerung »ach. In einer am II. Rovcniber abgchaltcncn Plcnarversaminlung Blatt. , Leite 3. deS politischen BercincS „Donaueiub" brachte der t^emeindcralh Tr. Ltern die scandalöscn Borgängc im »icdcröstcrrcichischc» Landtage - zur Lprachc und erklärte, cs könne dem Bcrcinc nur Genugthnnng ge währe», daß der Abgeordnete des II. Bezirkes, Professor Tr. Lucß, der erste war, der Worte der Abwehr und der Entrüstung gegen diese . freventlichen Angriffe auf einen chrcnwcrthcn Ttand, eine Confessio» - und die gesammtc Reputation von Wie» gefunden habe. Ticsr un erhörten Angriffe seien am beste» von einer Ltcllc charakterisirt worden, zu der wir Alle mit Berehrung emporblicken. Es bleibe der Bevölkerung daher nur übrig, ihre Entrüstung über die ungualifieirbarcn Borgängc kundzugcbc». und ihrem verehrten Abgeordneten für seine energische Abwehr den Tank und die Zustimmung anszudrücken. Unter lebhaftem Beifall wurde diese Atundgcbung einstimmig beschlossen. (Zur ^andtagswahl im IX. Bezirke.) Für das durch de» Tod. des Bieebürgcrmcisters Tr. Borschkc erledigte VandtagSmändal eau-, - " didircn die Antifeiniten ' den Bürgcrschullchrcr und t^emeinderath Ferdinand Emil Rauscher. Coopcrdlor Vatschka, der bei de» allgemeinen Rrndtagswahlen dnrchgefallcn war, - wird also nicht wieder sein Glück versuchen. lbiain'S Zcrstrciltlicil.s In'der Prager „Bohcmiä" gibt ein christlicher Batcr eine kurze, aber für daö Bestreben gewisser Ai reise, den Judenhaß schon in der Lchnle 'zu züchten, recht charakteristische Geschichte znm Besten. Ter lehrreichen Moral halber möge sie auch hier Plan finden. Ter Pater erzählt: „Rculich beim Frühstück wnrdc meine Zeitungsleetürc unterbrochen durch den Zwischenruf: .Jehl kommen wir bald zur Lintfluth!' — AehnlichcS halte ich. mir soeben selbst gedacht, so daß ich einen Augenblick glaubte, der Zwischenruf käme »»willkürlich aus meinem Innern heraus. Allein i» Wirklichkeit war er von den Rippen meines kleinen Jungen gekommen, der mich mit diesen stolz gesprockzene» Wör.ten von den anselmlichen Fort schritten seiner beginnenden .Bildung' benachrichtigte. .Ei ei, und wo seid Ihr denn jcvt?' fragte ich. .Bei Aiain und Abel,' war die Anl wort. - Also ' erzähl' inir doch mal. die Geschichte von Aiain und Abel,' sagt' ich ihm. .Ra weißt d», Papa,' sing er. an. .der -rinin war das Borbild der Juden.' . . . Mir siel vor Lchreckcn das Aiipfel in die Taste. Wie kam der kleine Mensch, den ich . in voller nationaler nnd coufcssioneUcr BorurtheilslostZkeit hcranwachscn zu lassen bestrebt bin, zu einer solchen Anstcht? — .Ja, was fällt dir denn ein?' rief ich ihm zu. Er aber entgegnet mit großer Wichsigkeit: .Ja weißt dli, Papa: der Aiain war ans der ganzeit Erde" zerstreut und hat seinen Bruder ermordet, darum ist. er das Borbild der Iiide».' lind wie icks nun weiter forsche, wer dem Ainaben diese Rcnigkcit anvcrtraiit hat, sagt er kaltblütig:. .Im Büchel steht's!' nnd bringt daS .'Büchel' herbei, '.kc'ämlich die im t t. Lchulbüchcrvcrlage in Wen erschienene.Biblische fi-l tVcschichtc des Alten und Renen Testaments für' allgemeine Bolts schulen und für Bürgerschulen' von Tr. I. L ch nst c r.° Ta stiiuinr denn aiick, die B'euigkeil, zwar nicht wörtlich, aber ungefähr. Ani ' Leite 7 ist der Geschichte von Aiain nnd §bcl inzwei Zeilen folgende Moral angchängt: .Abel war ein Borbild des von seinen. Brüder», den Juden, unschuldig gctödteten Jesus; Aiain war ein Borlüld der über die ' ganze Erd5 zerstreuten Juden.' Zn meiner Zeit wurde» uns, glaub' ich, in den Lchnlbüchcrn keine solchen Reuigkciten znitgeiheili, wenn ich mich auch sehr wohl erinnere, daß in das alte Testament immer finnige Beziehungen auf das neue! Tcstanient cingestochteir waren: Indessen wird die Lache wohl in Trdnnng sein, da das Lchnstcr'schc Buch, wie auf dem Titelblatt ausdrücklich bemerkt ist, mit Approbation des hochwürdigsten Cardinal-Fürsterzkuichofs vd» Prag nnd einer Reihe anderer Aiirchcnfürstcn erschiene» ist. Tder sollte enpa die .Zerstreutheit', die das Ptotolnp der Inden kennzeichne» soll, ans Leite jener Herren Censoren gcivcscn sein, die von den erwähnten Aiirchcnfürstcn mit der Tnrchsicht des BncheS beauftragt wurden?" Abermals ckn Ritnalmord.) Ans Iglau wird »ns geschrieben: Auch hier scheint die antisemitische Trächeniaat ansgehen wollen, wenigstens gibt es Beute,^die geschäftig die Berbrcitnng grundloser Gerüchte besorgen und nicht übel Viift hätte», Iglan den Ruf " XantcnS zn verschasfen. Bor einigen Tagen verbreitete sich hier das Gerücht, daß eine hiesige Inwohnerin, die „rothe Jüdin" genannt, eine» sechsjährigen Christenknabe» gewürgt' habe nnd nur durch das" Einschreiten der Gendarmerie gn der AnSführnng ihres schrecklichen BorhabcnS verhindert worden sei. Tie Frau sei verhaftet worden. Wo dieses dunkle Gerücht entstanden ist,- läßt sich bisher nicht crniren: Thatsache ist, daß cs in der großen Tabak Hauptfabrik eifrig colportin z - wurde, und daß dort die jüdische Unthal den Gcsvrüchsstost bildet. .Hosfcnklich wird cS bald aufgeklärt sei», ob nur" cS hier mit einer böswilligen Entstellung oder vollständigen Erfindung z» thnn haben:, der komische Zug an der sauberen Tcndcnzgeschichte ist, daß nns »och

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