Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 30 (30.10.1892)
- Date
- 1892-10-30
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 30. Freies hätte? Und nun muß man sich von Leuten, die ebenfalls die Juden bekämpien »vollen, sagen taffen, man fürchte die Juden. (Pfni!) Ja, - da« ist dar rechte Wort dafür. Ich denke, die Antifeiniten können mir dankbar fein, daß ich von vornherein dieser nichtsnutzigen Sache eittgegentrcle. Ich habe nie den berech tigten Kampf gegen das Judenihum mit de» RadauautisemiliSmuS ans Eine Stufe gestellt. Die Christlich-Socialen hätten die Judcnfragc stets behandelt: „aber man kan» doch nicht zwölf Jahre lang jede Woche davon spreche». TaS würde selbst dem wildesten Antiseinilc» zu viel sein. (Nanu!) T^>S scheint ja ei» noch wilderer Antisemit zu sein. (Heiterkeit.» »stein, daS ist ' nnznöglich." Stöcker sprach den Wunsch ans, daß die bentschcn Fürste» dnrch einen gemeinsamen Act ihrem Bestreben Ausdruck verleihe» möchte», Deutschland dem Jtidenihume gegenüber sich selbst znrückzugcben und, Wenn nöthig, znrück- ,»erobern. Man müffe sich aber hüte» vor demRacenanliseinitiSinnS. Man bekämpfe doch auch nicht die Chinesen, beispielsweise das chinejische Theegeschäft in der Leipzigcrstraße. Man bekämpse auch die arabische» Sclavenjäger nicht, weil sie Araber sind, sonder» wei l sie durch ihre Sclavenjagde» das Land verwüste»; wir rotten die Bären nicht ans, weil sie Bären sind; sondern weil sie »nsere Herden vernichte». Auch gegen die Person der Juden solle man sich nicht wenden. „Man glaubt cS mir leider im Allgeineincn nicht, daß ich keine Antipathie gegen die Person der Juden empfinde. Es gibt in allen Kreise» dein Judenthnm augehörende Personen, die i» jeder Beziehung durchaus volle Ancrkcnnnng verdienen. Auch gegen die jüdische Religion wolle» wir unS nicht richten. Tie Apostel waren doch gelauste Juden." E» sei hier eine alberne BK Häuptling, JesnS sei gar kein Jude gewesen. Man müffe den Juden Vorhalten, wie sie »ach dem alte» Testament sei» sollten, aber nicht sind. Tie Juden emancipatiou sei nicht wieder rückgängig zu machen. TaS Schlimme liege ja nicht darin, daß wir gegen üoO.OOO Juden in Tenlschlanv haben, sondern^ darin, daß zehn Millionen Christen unlcr nnS leben, die noch viel jüdischer sind als die Juden selbst, sonst wären jene Juden längst wieder leicht in die Ecke gestellt, wohin sie gehöre»! Aber wohin sollte c» führen, wenn wir stets »naushörlich uns mit der Frage der Anshcbnng der Jndeneniancipalion beschäftigten und sie zum Mittelpunkt dcS ganzen öffentlichen Lebens machte». Redner kam auch aus de» Talmud zu sprechen/ Pom Talmud wisse» nur die allerwenigsten Reformjndc» etwas. llebrigenS stehen im Talmud »eben den schlimmsten Sätzen auch die schönste» Tngendsätze. Wenn nun die Inden sich die schlimmen Sätze aussuchcn, so liege das an den Juden, aber doch nicht am Talmud! Ter Antiseinitirnnis sei in Gefahr, liberale Elemente anfzu nehmen, weil er liberale Wahlkreise erobert habe. Ter Redner schloß mit der Aufforderung, nicht;n vergessen, daß die „Jndenfragc" nicht die politische und die sociale Frage, sondern nur ei», allerdings wesentlicher Theil dicnr Frage sei. Tie Rede war vielfach mit Beifall, aber auch inil Widerspruch begleitet,worden. I» der TiScuisio» wnrde ein Vertreter des radicalen ÄnliseiniliSmnS namens Krauts in einer stürmischen Scene zum Abtretcn genölbigt, weil er eine beleidigende Acußerung gegen eine Gestalt de« alte» Testaments sich erlaubte. Ein Herr Petri vom Teutschcn Antisemitenbnnd meinte, /ei» ausgezeichneter Talmudkcnner habe noch gestern ihm gesagt, die Inden seien wilde TbjZre, die nur dnrch Thicrbäizjüger behandelt werden sollte». Stöcker erwiderte, ein Jude, der sich so über seine Glaubensgenossen äußere, sei für die politische Agitation nicht brauchbar. Wilhelm Kretzer bedauerte die Angriffe Stöcker's gegen Ahlwardt; er empsähl Botzcottirung jüdischer Geschäfte. Stöcke.r aber nicinte, man brauche ireben der Selbsthilfe auch StaatShilfc. Ta« Judenthum würde viel zahmer werden, wenn,cs nur einmal sehe, daß die Regierung ihm gegenilber ernste Maßregeln ergriffe. Daraus wnrde die Versanimlnng geschloffen. — Z» dem Verlause dieser Vcrsaniinlnng bemerkt die „Norddeutsch^ Allgemeine Zeitung", Stöcker werde, nachdem er einen Fuß aus dem antisemitische» Snmpse herausgczogcn hat, auch den andere» heraus ziehen müssen. Wir aber glauben, daß das freiwillig gonvcrncmenlalc Trga» sich irrt. Nach de» Ersahrnugen, die man bisher mit den Stöcker und Hammerstein gemacht hat, dürfte der erstere bald wieder niit beiden Füßen im antisemitischen Sumpfe stecke». Vielleicht wäre diese unsere Ansicht sehr bald bestätigt worden, ivenn nicht die Cholera einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Stöcker -hatte nämlich ei» Gastspiel in Wien vor »nd wollte Samstag den 2». Tciober im „FünsHauser VolkSverein" in Gescllichaft — Lncger'S und Schneider'« als Redner auftreten, was indes dnrch das Verbot aller Versanimlungc» angesichts der' Choleragejahr jetzt unmöglich wurde. 2lus antisemitischen Gattern. «Ttr wcchsklltdc Mond.» Tic vielbesprochene» kaiserlichen Wort beit» Telegationsempsaug, die so scharf mit dem antisemitischen Lottertreibe» ins - Gericht gingcn, haben ans die antisemitische» Gcmnlher keineswegs ihre Wirkung versagt. Tie Beunrnhigung der Antisemiten zeigt sich in dem. noch immer nicht erloschenen Bestrebe», die ihnen ansgedrückle Brandmarke auf eine oder die andere Weise hinlvegzuargumeutiren. DeL jüngste Versuch dieser Art, wie ihn das Orgänchen der Ptcinwender Partei machte, ist für die Halbheit und für die tappende Unsicherheit dieser Partei recht bezeichnend. Tie „Nationalen Blatt. Seite 7. Blätter" stellen näinlich die Behauptung auf, die kaiserliche» Worte wären von einet» Thpile der Presse „entstellt, verdreht »nd für jüdisch-liberale Partei ziveckc auSgenüyt" worden: Nachdem so.ein antisemitischer Sprühteusel abgebrannt ist, gebe» die „Nationalen Blätter" eine Darstellung des Herganges, die i» allem Wesentlichen genau den Berichte» unserer liberalen Preffc entspricht. Schließlich knüpfe» sie an ihre eigcnthümliche Richtigstellung die Bemerkung: „Es nnterliegt wohl keinem Zweisel, daß die Worte des Kaisers sich gegen das Benehmen einzelner Wiener Abgeordnete», die zufällig der antiliberale» Partei angehören, richteten, und es ist deshalb ein frecher journalistischer Kniff, diese Aussprüche -de« Kaiser« absichtlich, io zu verdrehen, daß sie als gegen die dentschnationalc Partei gerichtet erscheinen." Alle« rechtlichen, aber wir sehen noch inimcr nicht, >vo hier der journaliswche Kniff, wo die'Verdrehung und Entste-llung liegt, ebensowenig wie wir die zwingende Logik der „Rationalen Blqtlcr" einsehen. Wir haben eS auch hier mit einer echten Steinwenderiade zu thnn, mit jener Halbheit, ivelchc sich nie ganz aus die Seite des Rechtes »nd nie ganz ans diejenige des Unrechtes zu stellen traut und stets mit einer spitzsinpigen Verdächtigung miitenhcr wankt. Wir begreifen daher, daß die Partei, welcher dieses Blatt dient, den waschechte» Antisemiten ebensowenig gesälll wie uns, und finde» de» Vergleich des „VoükSsreun^' nicht ganz unrichtig', wen» er sägt, diese Partei hiete ein Bild deS wechselnden Moyde«, der alle acht Tage ein anderes Gesicht zeigt. (Schrecklich!» Unter der Ueberschrift: „Im Zeichen de« JudenlibkraliSmuS" schreibt da« „Deutsche Volksblalt": „In der .Wiener Zeitung'- vom 25. b. ilM. wurde die Bes cvuug mehrercr amtsärztliche» Stelle» sür den Polizeirapon Wien ausgeschrieben. .Von de» CoMpelenten wird u. A. auch die Bei bring ung dcS Taus- oder Geburtsscheines gesordcrt. Merkwürdig, wie sich doch die Zeiten ändern! Vor nicht langer Zeit verlangle man'bei. einer solchen Stelleubesetzung nur den Tansschei»; jetzt verlangt man aber schon den Tauf oder Geburtsschein, lind wie lange wird eS nod, dauern, wo inan sich bloß mit. dem Geburtsschein begnüge» wird! Ja, wir gehen einer .schönen' Zukunft entgegen." Tauf oder Geburtsschein — daS ist schrecklich! Das „VolkSblatt" dürste -indessen nicht Alles gesagt haben, was ihm Kummer bereitet, und hat wohl an der amtliche» Kundmachung noch das auSzusetren, daß die de» Aerzten nach'dein Urtheile erleuchteter Antffeiniten an Verstand überlegenen alten Weiber nicht eingelade» werden, sich um die zu besetzenden Posten zu bewerben! („Tic Ausbreitung der christlich-socialen Ideen.") Ter „Volkssrennd" triuniphirt über dic_Ausbrciiung der christlich-socialen Ideen. In der Thal findet dieser Triumph auch einen schönen Ausdruck in Ziffern; der Ausweis über den „Fonds zum christliche» Taglatt" ist vom!». bis 2.‘C October um 4 fl, 5 IfT gestiegen und beträgt schon 2357 fl. 54 kr. Rach Ablauf von weiteren sechs Jahren dürfte er, wenn kein Rückgang in der JdernnnSdreiiung eiiuriit, es aus rund 3000 fl. bringe». — . (Zur Auslösung dcr Rrichenbergke Gkiiikindcvcrtrctuug.) Mehrere Ami scinilenblätter gefallen sich darin, die „Jndenliberalen" als die Urheber der Auflösung der Reichenberger Gemeindevertretung hiiizustcllcn. Tiefe durch nichts begründete Verdächtigung hatte zuerst ein altlichechisches Blatt ausgesprochen, und nun beten sic ihm „deutsch.nationale" Trgane pach. Tie deutsch-liberale Preffc hat aber, wenn sie auch auH ihrer Abneigung gegen das Regime Schücker-PradS kein Hehl machte, die gegen eine hervorragende deutsche Stadt gerichtete Ans lö'ungsinaßregel pom Standpunkte der Gcmcindeaulonoinic abfällig beurtheilt. «Tic Auswanderung aus Galizien.) Ans Lemberg wird uns geschrieben - Unser Landsmann Vergani beschäftigt sich von Zeit zu Zeit mit der Auswanderung aus Galizien, >»» zu dem Schluffe zu gelangen, die Juden'mit ihrer „Gütcrschlächtcrci" und ihrem Wucher seien die Hanvlschnldlragcnden. Polniiche Blätter dagegen, welche sich durch Gehässigkeit' gegen die „koscher teutonische" Judenschasl schon zu einer Zeit auszcichnclen. in welcher Pan Vergani noch mit allerlei Geichästsprojecien an den Rlttcr vom Schwarzen Meere sich hcränzudrängcn suchte, führen aus, daß die neuerliche Auswanderung der . ruthcnischen Bauer» aus; Galizien nach Rußland aus Wühlereien rnssovhilcr Agenten und auf das Mißverliältniß in der Bodencinibeilnug zwischen Graß und Klcingrundbesttzern zurückzusühren sei, und treten sür eine rationelle Par ccllirung von Grund und Boden ein. Ter Szlachta in Galizien fehle es an Capital, ihre ausgedehnten Besitzungen gehörig zu bewirthschasicn, den Bauern dagegen sei cS zu engein ihren Gehöften. Tic Parcellirung einvsehlc sich schon auS nationalen Gründe», da eS nicht ralhsam erscheine, polnischen Grundbesitz im Falle der Uebcrlastung in „fremde" Hände gelangen zu taffen. Tic judcn seindlicheu polnischen Blätter befürworten also die „Güterschlächterei", damit nicht, wie eines derselben sich ausdrückt, „irgend ein SSJolf oder Bär ganze Güter verschlinge". WaS aber den Wucher anlangt, welcher de» Bauer aus beute, so sei nur an den vor Jahren erschienenen Aussatz de« Grafe» Slanislans Tarnowski über „Portionen" (Getreidewucher der Szlachta» crinnen. Pan Vergani kennt doch die Verhältnisse seines Heii»,r»la»des, und wenn er die Juden als diejenigen hinstcllt, welche in. erster Linie au der bäuerliche» Aus wandernng Schuld tragen, so ist'daS kein in gutem Glaube» begangener Zrrthum.