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Freies Blatt · 1892-10-30 · 30 (30.10.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
30 (30.10.1892)
Date
1892-10-30
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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Nr. 30. Seite 8. Freies (Sujets inixtes.) Zn Prenßifch-Schteiien entspann sich zwischen den Trgancn der Tenksch Eonservaliveu und der Tent'ch-Sociale» eine heftige Zeilniigsselide. Das Zniikerorgan „M o r g tn b la 11" warf den Deutsch socialen Stimmenfang ans Koste» der Cowervaiiven vor, was angesichts der Reisediätcn und Bewilthnngeii, deren sich deutsch iociale Wanderrcdnec seitens conscrvativer Herren zu crsrenen Hanen, sehr undankbar sei. Die „Tstivacht" entgegnet: Es sei eine Träumerei, daß die Deutsch Socialen de» Tciilich-Eoiiselvaliven bei dcn nächsten Wahlen eigene Kandidaten gegenüberstellen ivollteu; cs liege „bis jctzl" iveter ein Bcschlns; noch ein dahingehender Antrag vor; Träumerei, und ncch dazu eine, welche ein eigeuthuniliches ficht ani die aristokratische Tenkwei'e deS „Morgenblaltes" werfe, sei es auch, wenn dasselbe von Reiiediinen und' Be. wirthungcn spreche, die Tenk'ch ioeiale Eon'crvalivcil .zu verdanken gehabt hatte». Die Dache erklärt sich icbr einiach. Es ezistire eine grösiecc Anzahl von , <u>ts jnixros, d. h. von feilten, die ein Loppelgeivisien haben, halb deutschsocial und halb deutsch conservativ. Wenn nun >'olch ein politischer Zwillings niann cinetii Änkiscniiten Hans mid Pör>'^ onnck, so habe doch das „Morgen blall" nicht das Recht, zu behanvten, der also Unterslützte zehre von der conscrvalive» Hältte des Parteifreundes. Diese fogik in echt antiseinitikch. ltsiigkiilob. i Eines der Merkmale der Anli'emitenfübrer ist Eigenlob. Zm Teui'chen Reiche kan» inan dies ebenso wahrnchmen wie in der ,,'Dstmark". -Der Abgeordnete Ziin»irrinan» bringt in seinein eigenen Plane „ans wiederholtes Ersiichen ans dem fc'erkrei'c" einen' ipaltcnlangcii Rcclaine Artikel seine Peno» beirenend, ans einem gefinnungsverwandten sächsi'chen Blättchen zum Abdruck. Es beißt darin; „Es ist der ritterliche fräiitiicbe Geist, der Geist seines fandsmanncS des Gra-en S»a>bwiv mir seincin Recken Wagenimhe, feinem fcbenstraiigc Und 'einer KampfeSftcndigkeit, in inniger Geinemichait mit der - behaglichen Belchanlichkeit, der BerdaliiingSkraft und dein Bedanungsgennsse des »ieder'ächsitchen Siainmes: dort wagen/ hier wägen! Das Pflichtgefühl ist cs nicht iiiimer, was 'nmvalki'ch macht: es kann sogar in prononcirter Form ab- : üosien. wenn eS nicht reiner Pnrikanismns ist, aber als perwiilichr Ziincnkrast übt es die stärkste Anziebnng gerade ans das Volk, welches sich' schließlich mehr ans lein Berkrauen denn ani seinen Berstand verlassen will. Und Zimmer niann ist der Mann danach: .er paukt nicht rcclamehasi ans dem knvscrnen Pslanliienkessel diests Püichtgesühls herum: nein, es ist bei ihm in Silber . getrieben, verionlich. mir der 'einen Bcrgoldung, ivie 'sie ein edelmännischeS . Enipfinden verleiht. — Es ist >o charakteristisch, wenn Zimmermann lacht: ein so svötliicheS, amnsirtes und so herzliches fachen; ja, er versteht cs, zur rechten Zeit zu lachen, zur rechten Zeit ernst zu sein. Er hört seine Parteigenossen an lind iagr kein Wort, und wenn sie schließlich glauben, daß er ihnen ziistimmr,' >'o sängt er an, ihnen den Kovf zu wa'chen mit einer Glündlichkeil, die - eben der Geduld entstammt, mit der er sic angehvrt hat; er ieunl sie, und; nun kann er ihnen rathen. Das nimmt ihin niemand übel, gerade diese» 1 Moment be'äbigt ihn zu in Parteiführer, und lachend stimmen wir ihm; zu. Za, ja! Er fit ein .boshafter' Men-ch, er ibui in einer Bcrsammlung ge- ' wohnlich das Gegentbeil von dem, was man ihm räth, aber 'eine Erstchrnng j in es. eben Und 'eine Dclbstsicherheit, die unser Berlraueu steis rechtfertigt. Do 1 haben ivir ihn gerne,' ja. mehr »och; denn 'ckiließlicki, und das ist die Eigen- | i'diaft, welche wir am meisten an ihm 'chäven, ist er kindlich und unbefangen | in dein Dinne der geschloffenen, zukim'isicheren-Rainren. Das zeigt sich znivciien l in kleinen Zügen. ES bar mir Dvaß gemacht, daß er, als ich ihn in Bi zum : erstenmal in der Nähe sah, einen verdammr vci'choncncn grauen Filz trug: aber er ist eben Gcgl sei Dank weder eitel noch nreberüch — und daS ''agen ivil ihm ins Gesicht: weil Nalur'evon solcher Beschaffenheit das Bewußtsein I ihrer Rechte und Pflichten nicht verlieren, eben wenn sie ihnen — bewußt i werten. Tie volilische Zukunft mag komincn, wie sie will: wir werdcu zu ihm! stehen,'iveil wir winen, daß er seinen Dlandvnnki nicht ändern ivicd!" \ amtlich-sächslschc Anklsciiiikismus. > lieber die Zäh, der Zuden in j Deutschland bringt die „keipziger Ze-itung", das Drgan der königliä, sächsischen Regierung, eine Zusanuneiistellnng staiinischen Materials, der Folgendes i zu eninclimen ist: „Wenn das .Jüdische Archiv' und die damit ziemlich überj enisiinimnnde Statistik der geographischen Gesellschaft zu Mar'cille Recht haben,! gibt cs aus der Erde nicht mehr als 6' , Millionen Ziraelite», wovon etwa! 5*, Millionen auf Europa kommen. Ziemlich grnau der zehnte Theil der ' J'raeliten Eurovas, näiinich 507>84, kamen, wie uns das jevt erschienene i Zuli Heit der Reichsstatistik belrbrt, bei der Bolksziihlung des Zahrcs I 8!'0 auf das Deutsche Reich Zur die größeren Dtädte Teurütilands stellt sich »ach der B-l a t t. Zählung des Jahres 188«) die Reihensolge der größere» Drle »ach dem Promillesatz ihrer jüdischen Bevölkerung wie folgt: Posen 107 5, Fürlh 1072, Frankfurt 1012, Pkannheim 75 0, Breslau 613, Berlin 481 (1890 : 50 2),- Hainbnrg 14 5, Würzburg -115, Bamberg 12 9, Königsberg 361, Mülhausen 31-3, Karlsruhe .33 8, Straßburg 33 7. Köln 312. Tarmstadt 30-9, Nürnberg 30 5 n. s. w. Deutlicher als in dieser Reihenfolge der Städte kommt die Thatsache, daß die jüdische Bevölkerung am dichtesten nicht im Nordoste», sondern im Sn> westen und Süden sitzt, in einer liebersicht der Provinzen und Regierungsbezirke zum Ausdruck. Tic stärlstc israelitische Beimischung' habe» hiernach die südlicheil und südivestlichen Bezirke Wiesbaden 30-9, Mannheim 28-8, Hessen 'Nassau 20 7, Pfalz ,15>-I, Unter- und Mittclsrauken 23-0 und 17-5; Provinz Posen 25 .3 ist die einzige Provinz des Nordostens, die sich diesen Bezirken mir dichtester jüdischer Bcvölkernng zngescllt. Nicht anders verhält eS sich mit der Reihenfolge der Staaten. Auch hier zeigt sich der Südwestcn, voran das Großherzogthnm Hessen 257, dann Elsaß folhrigen 216 und das Großherzoglhum Baden 19 1 am stärksten von jüdischen Elemente» durchsetzt. Preußen und Baher», die dann folgen, entfernen sich mit 12-4 und 9-8 inlr wenig vom Reichsdnrchschiiilt. Weiter hinter ihm zurück steht schon das Königreich Würltctnberg 0-2, am weitesten das Königreich Sachsen 28. Tie Reihenfolge der Kleinstaaten geht von Hamburg 28 9 bis aus Sachsen-Altcnbnrg 0-3 herunter. Bon hervorragendem Znleresse ist die Frage, ivie lange nngcfäh'.- dicjüdi'chc Bevölkerung gebraucht hat, mit in Deutschland ihre jetzige Zalil zu er rcichen. feidcr fehlt cs hierüber an verläßlichen nnd erschöpfenden Zahlen; nur einige Ziffern der sächsi'chen Statistik mögen von dieser mcrkivürdigen Ent wicklniig ein Bild geben. Tic Zahl der jüdische» Einwohner betrug im König reich Sachsen: 18.31 850, 1870 3310, 1885 7755, 1890 9308. Tie jüdische Bevölkerung wuchs also im Königreich seit 50 fahren um 1002 Perceni, seit 2t» Zahrc» »in 108 Pereent. Zn den Städten aber stieg sic in diesen 20 Fahre» folgendermaßen: in feipzig um 1.30 von 1703 aus 1225, in Tresden um 100 von 1.310 aus 201t! und''in Ehcmnitz um 903 Pcrcent von 95 ans 953. Jist füllte bat 'sie sich in-fünfzig Zähren, in Ebemnitz in zwanzig Zähren verzehnfacht" Tas Regierungsorgan schließt seine Zusammenstelliing mit der folgenden, zur Aushebung gegen die 9308 jüdischen -Einwohner Sachsens wohl geeigneten Belrachlung: „Noch immer hat Sachsen unter de» größeren,.deutschen Staaten die schwächste Beimischung jüdischer Elemente. Dasselbe wird von den sächsi'chen Großstädten zu gelten haben. Zn der ra'enden Eile abe/, mit der hier die jüdische Bevölkernng gewachsen ist, stehen unsere sächsi'chen Städte in. Tenlschland wohl einzig da. 'Nur darin ist wohl auch der Grund für die auss erste überraschende Erscheinung zu suchen, daß der Antisemitismus in den lebten Jahren nirgends so schnelle Fortschritte gemacht har als in Sachsen, dem Lraale, der relativ auch jetzt noch die wenigsten Zuden zählt. Tie Erscheinung des orientalischen ZnwandererS und sei» ganzes Gebahrcn ist uns noch zu . ne», zu fremd, während sie anderwärts, gar nicht mehr anfsällt, und unwillkürlich 'fragt sich der geängstigtc Bürger, wo das hinaus 'null." Ter Grund für die Fortschritte des AnlisemitirmnS in Sachsen liegt ohne ^Zweifel auch darin, daß 'ächsi'che Regierungsorgane it» fördern, und unwillkürlich-fragt sich jeder gesittete Mensch, wo das hinaus will. Nach Schlich dcs Blaues. Zn der ls'emc'in dcrat hs-S ibu»g vom '2*.. Cctobcv in Keimten die 7*(nttiemitcn wieder einen Scanbai, in Folge dessen flieget uiib Steiner von dieser und dcn drei nächsten Sitzungen ansgeschloisen'w urdc» Zur gefälligen Beachtung! ocuc Hcrrcil Alionnciitcii, bereu "Momtcincut mit kljlciu Cctobcr cnbct, welche dasselbe aber zu erneuern wniischcii, crslicheu wir, ltii»? liicuou rechtsseitig in Äcniitiiiß zu sctzcn, da wir lirmidsäylich ohne Bestcllilng feine wcitcrcn Excinplarc bcistcllcn. Die Administration. # . Bcikriklskrklärilngcii;nm „Bercin zur Abwehr des Aiitisclilititzmus" werden entgegeugklioillllien im Lecrctariatc des Pcreiues, Wien, I., Parisergaisc 4. 9 ■ V. - ■ . .. . .. —- ■ - I 111 1111- --I-L .äbonnrmrnteaumeUningrn auf das „Freie Blak^ nimmt die Adiuinislralion, Wien, 1., Scilerstätte 10, jederzeit cutgegen. Gbendaselbst werden auch einzelne Nummern abgegeben. Probennmmern zur weitcren Bcrbrrituug des „Freien Blattes" werden lScsilliiungsgeiiossen auf Bcrlaugcn bereitwilligst zur Bersüguug gestellt. Herausgeber und verantworrticher Redaeteur: Ernst Bieter Zenker. — Druck von Eh. Reißer sä M. Wcrthner, Wien.

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