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Freies Blatt · 1892-10-30 · 30 (30.10.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
30 (30.10.1892)
Date
1892-10-30
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30. Freier Urtheil jedes ehrlich denkenden Menschen, was man von einer solchen Persönlichkeit, die ihr Ehrenwort bricht, zu halten hat." Ter „Reichs- Herold" sagt leider nicht, ans wie vielen Paragraphen der Vertrag besteht, aber wenn alle in dem Geiste dieser beiden abgesagt sind, dann darf man jene bedauern, welche einem antisemitischen „Geschäft" ihre Seele, und ihren Leib verschreiben. Vielleicht findet sich auch in jedem dieser Verträge ein Paragraph des lakonischen Inhaltes: r)mt nioney in vornpoekot!“ —z. (Schonuitgsvolle Behandlung.^ Tic auffällige Thatsache, daß der preußische Justizministcr v. Schclling in den Fällen P a ä s ch und Ahlwardt seine Strafanträge zurückgezogen hat, wird in der ,,'.K ord deutschen Allgemeinen Zeitung" durch folgende osstciöse Er klärung vcrthcidigt: „Für die unparteiische Wirksamkeit eines MinistcrS, welcher die Aufsicht über die Staatsanwaltschaft und in einem gcwisic» Sinne auch über die Gerichte zu führen hat, ist cS unerwünscht, wenn er bei diesen Behörden als Kläger austrctcn und ihren Schuh für seine Person in Anspruch nehmen soll, und dies gilt sin erhöhtem Maße, wenn der Minister durch diese Proceßführnng 'in eine persönliche Gegnerschaft zu gcwisicN Richtungen im StaatSlebcn tritt. Tennoch ist der Instizmiuistcr, soweit in jenen. Truckschriftcn Acnßcrungcn that sächlicher Ratur, enthalten waren, zu Strafanträgen geschritten, aber einzig zu dem Zweck, eine Richtigstellung deS Sachverhaltes hcrbcizufiihrc». Von diesem Standpunkte auS konnte er die Sache als erledigt betrachte», nachdem in andctcu Untersuchungen eine eingehende, die eidliche Vernehmung des Ministers in sich schließende Beweisaufnahme stättgcfundcn und sich, wie in einer Sache auch durch richterliches Urthcil fcstgcstcllt wurde, die völlige Haltlosigkeit jener An'sstrcnungen ergebe» hatte. Sb eine etwaige Wiederaufnahme dieser Ausstreuungen einer gleichen Schonung begegnen würde, erscheint uns zweifelhaft." LAHlwardl und Paulus. Wie aus Berlin berichtet wird, hat Er-Rcetor Ahlwardt am 21. d. M. in Plötzcnfcc die über ihn wegen Beleidigung der Berliner Stadtverwaltung verhängte Gefüngnißstrafe angctrctc». Seine Hoffnung, »och in letzter Stunde mit Rücksicht auf seine RcichstagScandidatnr einen Aufschub zu erwirken, hat sich nicht erfüllt. An demselben Tage hat auch der auSgewicscnc russische Unterthan Paulus M a,yc r Preußen vcrlasicn müssen. (Ein zcitgcuiäßcr firlaß.) Wie anS Tarmstadt berichtet wird, hat die großhcrzoglichc Regierung einen Erlaß an die ihr nntcrstchtndcu Beamten gerichtet, in welchem dieselben ermahnt werde», sich von der antisemitischen Bcwcgniig fcrnznhaltc». Tic Regicriing sah sich zu diesem Schritte dadurch veranlaßt, daß viele, namentlich jüngere Beamte > aus ihrer Rcignng zurAiitiscmitcrci kein Hehl machten. Vom Groß-.' Herzog wurde bekanntlich die antisemitische Bewegung auf daS ent schiedenste vcrnrthcilt. (Ein Freispruch. Ter Redactcnr der „Ulm er Schnell post" Hans Klee in a » n hatte sich kürzlich wegen Beschimpfung der israelitischen RcligionSgcnofscnschafl vor de» (Geschworenen in Ulm zu vcr antworten. Ter Angeklagte erklärte, daß er seinen Schmähartikel,gegen die Juden auf Grund der.Enthüllungen Rohling'» über de» Tal- , mud abgefaßt habe. Tic als Sachverständigen vcrnommcncn Stirchcnraih Tr. v. Wassermann »ud Pfarrer Presset kennzeichncteii Rohling'» Angaben als Entstcllnngcn. Ter Vertheidiger R-rchtSanwalt Sßwald führte in seinem Plaidoyer ans: Ter Angeklagte habe mit seinen Acußcrnngcn gar nicht die ReligionSgcsctlschaft stilS solche treffe» wollen, sonder» nur Angehörige derselbe»; er habe für wahr gehalten, ivas er Rohling nachgcdrnckt, und im guten Glauben gehandelt. 'Wenn dies zulrcsfc, so müsse ihm wie dem Vertreter jeder anderen politischen Richtung daS Recht der freien Meinungsäußerung zugcstaudcu werden. Ter Votfitzendc VandgrrichtSrath Köhn betonte iir feiner Schluß bclchrung, cö koninic hier nur darauf an, fcstznstcsteil, ob »ach dem Wortlaute des Gesetzes, der gemeinverständlich fei, eine,Beschimpfung der israelitischen RcligionSgcnosscnschaft vorlicgc: die (Geschworenen mögen sich ohne Rebeucinflüssc lediglich von dem Gesetze leiten lassen. Tic Geschworenen aber verneinten die Schuldfrage, und daraufhin, würde der Angeklagte freigcsprochen. Truuioilt's Riitlic».) Man schreibt UNS aus Paris: Man führt fort, gegen die antiscinitischc Bcutclschncidcrci und Ehrabschncidcrci die besten Mittel der Abwehr zu gebrauchen. Ter Tircctor des antisemitischen Blattes, Herr Drumont, hat noch die 1 Ol). 000 Francs, Kosten und ZnfcrtionSgcbühren aus dem Proccsse Burdea» zu bezahlen, sobald der EafsationShof das Urtheil bestätigt haben wird, was »» ' zweifelhaftest. Schon macht ihm der. (Uvoßrabbincr vonVcfonl, de» die „lül.ro Parole“ beschuldigte, das; er anläßlich der.Manöver zwei . Soldaten', die bei ihm hätten cinqiiarticrt werden sollen, nicht anfiiahm, eine» ähnlichen Diffamationsproecß. Er verlangt 20.000 FraneS. Schadenersatz und auf Kosten deS Beklagten die Veröffentlichung des UrthrilS in 32 Zeitungen. Triimont ist feiner Vcrnrlhcilnng so sicher, Blatt. Seite b daß er bereits katzcnjämuierlich für mildernde Umstände zu seinen Gunsten plaidirt und das israelitische Eentralconsistorium in Paris, dcsicn Präsident Baron Rothschild ist, beschuldigt, den Großrahbincr von Vcsoul gegen ihn aufgchctzt und ihm die TisfamationsNagc anbefohlen zu haben. (Zur IudtNvcrfolgllllg i» Rlimanik».) Ter rnmänischc Minister Präsident hak laut Mitthcilung eines Bnkarcstcr Blattes die bcschwcrdcführcndcn Jude», welche trotz deS Umstandes, daß sic dem Verbände der rnmänischc» Armee angchörcn, von ihren Törfcrn als „Frcmdi" verjagt wurden, barsch znrückgewicsc» und ihnen erklärt, „es bleibe dabei". Tic Petenten habe» in Folg^ dessen der Regierung im Wege deS Gerichtsvollziehers eine Sommatio» deS Inhalts zngehcn lassen, ihre »»gesetzliche Austreibung aus ihre» -Wohnorten zu sistiren, und sind überdies entschlossen, den Proccßwcg zu betreten, damit die Landes justi; über die Acte der Regiernng ihr Votum abgcbc. (Gleichzeitig wurde an König Earol ein Telegramm abgcseudct, in welchem dcr obcrstc Kriegsherr gebeten wird, die Soldaten mosaischer Eonfcssio» gegen daü gesetzwidrige Vorgehen der Behörden zu schützen« (Tie jüdischen (Kolonien in Argentinien.) Herr d'Avigdor in London erhielt von Eoloncl (('oldshmidt folgende», vom 31. August datirtcn Brief, welchen er veröffentlichen ließ: Ta Colonisationsplan de» Baron Hirsch nimmt immer mehr, wenn auch um langsam und Schritt für Schritt, eine greifbare Gestalta». Tie Schtvibrig teile» und Hindernisse, gegen die. ich anznkämpfe» hatte und noch habe, anch nur annähernd z» bctrlireibcn, fehlen mir die geeigneten Worte, Leute, die zn verlässig n»d zugleich arbeitsfähig sein solle», sind leider selten zn finden. Trotz dem sind in de» Lolonien bereits Hänser erbaut, die von arbeilsainen, dem AU erb an obliegenden jiidi scheu Eolo nisten bewohnt iverden. Als ich hier anlangte, fand ich Manrizia als eine von circa hundett Familien bcwohnic Stgdt vor. Leider bcsaizke» sich unter denselben viele Faulenzer und Nergler, die ihre» schädlick>en Einfluß anch ans dir Nüchterne» und Strebsamen geltend zu machen snchcen. ES gelang mir aber, insofern Remednr zu schaffen, als ich die Familie».getrennt von einander ansiedclte, damit sie nicht allpl oft mit einander verkehren können, und sic zur Arbeit anhalle. In einem jüdischen Blatte laS ich eine abfällig gehaltene .Urilik über die Administration der Eolonien sowie eine Mitthcilung von hier, daß sttlO Familien nach Europa zurückgekehrt ieie», daS religiöse, Leben ließe viel zn wünschen übrig, cs seien keine Schächter in de» Eoloiiien, itnd die Eolenisten wären darüber sehr ungehalten. Diese Mittheilnngen aber beruht» znm Theil ans Uebeltrcibuügcn n»d zum Theil ans Lng und Trug. Wahr ist, »nr, daß 120 Familie» nach Europa zurück gekehrt sind, »ich zwar »nr solche, die in Argentinien zu verbleiben keine Lust halten oder nicht arbeiten wollte», oder solche, welche ihren rebellischen Einstuß auf die Solide» mid Arbeitsame» anszuübe» bestrebt ivaren. Schächter sind hier eine Menge vorhandeir; manche von ihnen sind hochanständige Leute, viele aber machen anS ihrem Antt ein schmutziges Gewerbe und verursachen durch ihr »»religiöser Treiben Aergerniß. Ter Bau von Gotteshäusern nnd Schulen wird recht bald i» Angrisi genommen iverden. Ich hielt eS für meine Pflicht, zuvörderst für die Fertigstellung von Häusern für die Frauen und Kinder der Eolonisten, die sich früher in -selten und Hütten aushielten, Sorge zu trage». Leider sind hier Leute, die selbst die spätesten rabbinischcn Gesetze mit peinlichster Sorgfalt aiiSübrn, die göttlichen Geieve der zehn Gebote aber geradezu mit Füßen trete». Was die mich betreffenden Anschtvärziingen und Berlenmdungc» anlangi, so wundere ich mich gär nicht darüber. Jeder Ausichcr, den ich, gewiß weil er eS veldient, feines Amtes entsetze, und jeder Coloiiin, de» ich wegen seiner Faulheit ultd lvegen liederlichen Lebenswandels ans den Eolonie» vcr iveise, und selbstverständlich nachher meine Feinde. Für die „tugendschwindclndc Polissoncrie" der Antisemiten war dieser Brief mit seiner ilngcschmiultcn Tarstcllung ein, fetter Bissen. Sie verlausten von allen Fiidcn, daß sie Mustcrmenschcn fein sollen, nnd thun so.- als ob untcr Auswanderern germanischer, slavischcr :e. Abstammnnst sich gar kein Fauler, kein Störenfried und kein Verächter der „zehn Gebote" befände. AnS den „Eutlmlluugcn über die Tr.-Bernhard Förste rasche Ansicdlung - R c u - Grrm.a »ic n in Paragna»," von Itilius K l i» g b e i l erfuhr man indessen, daß der seinerzeit viel genannte Autiscmitenführcr, der dann durch Selbstmord endigte, durch, nnvcrschämtc und gewissenlose Vorspiegelungen zahlreiche „rein deutsche Arier" ins Verderben gcbrackst hat. 2lus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. l Schneiders Rechenschaftsbericht.» Bor einer Wählerversammliing ln, ScchShaus erstattete Mechaniker S chncider am 20. d. M. seinen RechenschastSbericht alS Abgeordneter. In» Laufe seiner AnSlassungeu übertruinvsie er daS Bergäni'ichc Lügcnbtatt. Während dieieS behauptet hatte; die kaiserlichen

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