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Freies Blatt · 1892-10-30 · 30 (30.10.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
30 (30.10.1892)
Date
1892-10-30
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 30. Freie, rtgukirungscoinnnssion, Minister, Statthalter, Bürgermeister, Stadlrath seien gewerbsmäßig verrissen worden. Der gebildeten Wählerschaft sei das Urlheil des Dr. Lueger ganz gleichgiltig; er könne mit seinen Tiraden höchsten« »och de» Beifall der johlenden Menge erringen, den zu erringen das rcdurirte Ziel seiner Ehrgeizes sei. Nach einer eingehenden Erörterung des Erwcrbstcuertarifcs fuhr Stadtrath NoSkc fort: Tr. Lueger könne sich drehe» und wenden wie er wolle, er habe hier im Saale den Standpunkt des Großgrundbesitzers gegenüber dem kleinen und mittlere» Gewerbestande vertreten, u»d als er sich entlarvt sah, gleich dem bei einer schlechten Thaten Ertappten, dem die Leute »achlause», um ihn riyznfange», selbst angefangen, einem Anderen, dem Dr. Friedjung »acbzulaufcn mit dem Ruse: „Haltet ihn anf, er will die Wucherer sowie die Güterschlächter und Börseaner begünstigen." Seine Beziehungen;» de» ihm so sehr verfchmte» Kategorien seien aber nicht immer so gespannt gewesen. Die politische» Capriolc» des Herrn Dr. Lueger sangen an, Mitleid z» errege», denn auch der geschickteste Clown laufe Gefahr, den Hals zu brechen, wenn er auf der politischen Bühne dem gesunden Menschenverstände allzu gewagte i-.rsti mortui i ziuuuihe. Zu bedauern sei es, daß Tr. Fricdjung sich so viel Mühe gegeben habe, llch n»d das Teutichthui» überhaupt einem Lueger gegenüber zu vertheidige». Ter deutsche FreiheitSdichter Arndt, dem man wohl ein Unheil hierüber' zutraue» werde, sage, daß Deutsche dort z» suchen seien: „Wo Eide schwört der Truck der Hand, Wo Treue bell vom Auge blipt ‘ Und Liebe warm im Herzen sitzt " Trage nun jemand warme Liebe im Herze», der dem gnimüthigeu, von ihm aber irregclciten Wienertbilin de» Elassenhaß und, daS i^ift der gegen scitige» Bcrhetzung inS Herz geträufelt bat; für den, statt daß ihm Treue aus de» Angen blitzt, GesinnuiigSuiilreue bisher 'der einzige Grund gewesen ist, den er im öffentlichen Lebe» sestgchalteu bat, der bni Druck der Hand, die Eide schwören soll, zu Beginn seiner Lansbahn mit den von ihm verfehmten Liberale» gewechselt hat und sich von den Liberalen in den Fluthc» des volitiiche» Leben« rmportrage» ließ, der sich noch vor sieben Zähre» vozi den Märgarethner Wähler» ans da« Prkncip der Gleichheit aller Conseisionc» -und Ralislialitäie» wählen ließ, itnd der jetzt deiz von ihm irrcgesührten und niißleitelc» Tbeil der Bevölkerung den Clcricale» uud Feudale» in die Arme führt? Habe der ein Recht, uns über Teutichthnm zu beleltren? AngesichlS der.bodenlosen — Freiheit in der Benützung der parlamentarischen Tribüne, welche sich die Herren Tr. Lueger, Schneider,, Steiner e tulti quanti herauSnchmen, müffe c« einmal gesagt werden: „Deutsch rede» »zöge» die Herren; aber da«, waS.man einen deutschen Mgn»,. einen deutsche» Charakter nennt, da« sind die Herren nie und nimmer!" (Der Nachfolger des „Maiidlianismus".) Au« Anlaß der Wahl de« 'Dr. G r üb l zu in Bice-Bürgermcitcr veranstaltete der Bürger verein im III. Bezirke eine Fcstversanimlung. Dr. lÄrübl, der für die ihm bereitete Svation dankte, gedachte in seiner Ansprache der An sänge seiner politischen Laufbahn und kam auf seinen früheren politische» Gegner Dr. Mandl zu spreche». Dr. Mandl, führte er anS, habe ein- System ausgestellt, welches durch die Art seines Wesens, durch die Hingebung an sein Programm ihm viele Anhänger schassen mußte. Merkwürdig sei cS, daß die Freunde Dr. Mandl'S, die Freunde des Juden, diesem sein Programm wcggcnommcn haben, »in cs gegen die Jude» anzuwcndc». Das ist eine der. genialsten Adaptirnngcn. Dr. Mandl Habe die Erfahrung gemacht, wie man erpropriirt werden kann, wie man jemandem die Waise ans der Hand winden kan», nm sic gegen denjenigen zu wenden, der sic geschmiedet hat. Dr. Mandl konnte eine» dauernden Erfolg fticht erzielen wegen der Maßlosigkeit scincs Auftretens; - der Nachfolger des „MandlianiSmus", der Antisemitismus, werde sich auch nicht behaupten können, nicht allein lvegcn der Maßlosigkeit seines Auftretens, sondern insbesondere wegen seiner Rohheit und Unmeiischlichkcit, lvclchc dem Wiener Gcmüthe fremd sind, welche dem Wiener vielleicht eine Zcitlang plausibel gcüiacht werden können, welche er aber eines Dagcs gewiß mit Ekel und/Abscheu von sich weisen wird. | ‘ <Dankadresse an Hofrath Dr. Nothnagel.» Dreihundert jüdisch- Acrztc haben an den UnivcrsitätSprofcsscr Hofrath Dr. Hermann Nothnagel folgende Tankadrcsic gerichtet: Hochverehrter Herr! Tie 'Unterzeichneten, jüdische Aerzle in Wien, fühlen sich gedrängt, einer lauge gehegten Empfindung Ausdruck zu gebe» und Ihnen "aufs herzlichste süv Ihr öffentliches Wirken zu danken. Seil Jahren sehe» wir mit inniger Frende, wie Sie »»erschrocken dcn stampf führen gegen die judeufeindliche Strömung/ welche heute droht, alle Be ziehungen zwischen uns »nd unseren Mitbürger» zu vergifle». Nie ist für eine gute Sache warmherziger, nie selbstloser gekämpft worden, stein Band der Abstammung, keinerlei persönliches Motiv verbindet Sie mit uns Juden. Aber Blatt. , Seite 3. Sie gehören zn den seltene» Menschen, welche das Anderen zugesügte Uilre'cht empfinden, als wenn e« Sic selbst träfe. Reine Liebe zur Gerechtigkeit und Menschlichkeit leitet Sic nnd die edlen Männer, die a» Ihrer Seite kämpfen. Die Zukunft wird zeigen, daß Sie sich nicht vergebens geniühl haben/ Aber welches auch''der Erkolg sei, wir Juden verdanken Ihnen die trostreiche Empfindung, nicht vereinsamt zu stehen; wir sehen an Ihnen und Ihren Freunden, daß nicht wir Jude» allein glaube», hier werde um die höchsten _ *- Güter der Menschlichkeit nnd der Gesittung gekämpst. Unsere Dankbarkeit ist um so wärmer und inniger, je schmerzlicher wir die kühle Gleichgiltigkeit empfinden, mit der Biele jencin Treibest znsehe». Möge cS Ihnen gegönnt sei», bald diese Bolkskranlhcit erlöschen zu'sehen, welche droht, denbesten «Gewinn unserer Cultarentwicklung zu vernichte», das gleiche Recht und de» Frieden unter de» S'aalSgcnossen. Sic werden das freudige Bewußtsein genieße», das Beste für die Rettung dieser hohen Güter gewirkt zu haben. Wir aber werden imnier in daukerscillteur Herze» dessen ge- -dcnkcn, wie Sic und Ihre Freunde für un«, eingctrcte» sind i» schwerer Zeit. (Folgen die Unterschritten.> Bei Ucbcrrcichnng der Adresse hielt kaiserlicher Rath Dr. Wölsler eine herzliche Ansprache, und Hofrath Dr. Nothnagel dankte den Unterzeichnern mit warmen Worten. (i-iit bischöfliches Collcetivschreibeil. Das ..lhumzu welchem der „UntcLordnung' und Zurückhaltung" fordernde Lueger dcn Mechaniker Schneider verhielt fsichc die Notiz „Schneider« Rechenschaftsbericht" in der Rubrik „Ans antisemitischen Berciucn und Bcrsammlnugcn" », war nicht die einzige Genngthunng, welche dem Eardinal Gruscha wegen der in Scchshau« ihm widerfahrenen Be . leidignng zntheil geworden war. Die Mitglieder des bischöfliche» Eomit-'-, welche in Wien versammelt waren, und zwar: '--Franz Eardinal Schönbor», Fürstcrzbischof vvn .Prag, Johann Baptist Zw erg er, Fürstbischof von Seckau, Matthäus Josef Binder, Bischof von St. Pölten, Fra»; Salcsius Bauer, Bischof von Brünn, Jakob- Miss ia, Fürstbischof von Laibach, Franz Salcsius Doppelbauer, Bischof von Linz, und Josef ötahn, Fürstbischof von'Gurk, haben vor ihrer Abreise an den Eardinal Gruscha ein Schreiben gerichtet, welches vom „Batcrland" veröffentlicht wird und gleich-zu Beginn erklärt: „Mit innigster Thcilnahmc. nnd ticsstcm Schmerze verfolgen die fr gcbcnst nntcrzcichnclen, eben in Wien weilenden Bischöfe dib schwere» stränt'nngcn, die Eurer Eminenz bereits ivirdcrholt, namentlich abcr in diesen Tagen in ungnalisieirbarcr Weise zngcfügt worden sind, wobei man yoch vermeinte, durch ein derart igcs Borgchcn der heiligen Sache de« Ehristcnthnmö eine» Dienst zn erweisen." Tic llnznsziedeu heit mit den „ganz, .cigenthünilichen" Einrichtungen, »»scrc« Bolksschul Wesens sei allerdings vollkommen berechtigt, aber der Episeopat habe ' Alles gethan, -was in seiner Machtsphäre gelegen, um eine Umgestaltung des Bolksschulwesciis auf eonfcssiouellcr Grundlage herbciznführen. Eine vollkommene und allscitige Gesundung unserer Schulcinr-ichtungen sei erst dann zn erhossen, „wenn ei» intensiveres Bcrständniß dafür durch Zusammenwirken a ller berufenen Ureise bei den Wahle» in die-verschiedenen Bertretnngskörpcr nnd Schulräthe maßgebenderen Einfluß gewonnen, haben wird". Wn Schlüsse deS Schreiben« hfißt cs: „Möchte doch auch der Umstand, daß eine stuudgebuug, wie. der inzwischen allerdings von amtswegcn behobene Erlaß de« Wiener Bezirksschul rathes von, 10. Detobcr, überhaupt möglich warmöchte' auch die hiedurch hervorgcrufcne und in ihrem Wesen berechtigte Ent rüstnng, wenngleich sic leider nicht überall den richtige» All «druck gefunden hat, dazu beitrage», dieses Bcrständniß zu wecken, zn verbreiten und zu vertiefen!" Form- und Inhalt dieses Schreiben« dürften nicht bloß dem in „nnqualisirirbarcr Weise" schwer gekränkten Eardinal, sondern auch dem Oh«« der antisemitischen Fraetio», deren, gelinde gesagt, anstandswidrigcs Auftreten im Geincinderathe und außer halb desselben als ein dem Wesen nach ,b ercch l.ig I cs oberhirtlich anerkannt wird, eine freudige theiingthunng bereiten. Der verlorene Haust. Tic Prager „Bohemia" Ividmct der Antiscniiterci eine Betrachtung, welcher wir Folgendes enlnehinen: Der (antisemitische) Desperado von heute ist ehemals ein sehr netter Mensch , gewesen. Sogar ein vortrefflicher Mensch, wenn Sie wollen. Dein Dcutschthuin— wohlgemcrkt: dem freisiillligen, fortschrittlichen Deutsch thum war er.mit Leib und Seel' ergeben. Seins Ideale hießen Schiller und Lcssing, nnd seine Buscnsrcnndc-' hießen merkwürdigerweise jtohn und Jcitclcs. Merkwürdigerweise, sagen wir, denn heute genügt der Anblick einer Firmätäfcl mit. ähnlichem Naincu, sein Blut in Wallung zu versetzen, seine Äugen hervorqucllen zu lassen. Damals aber hatte er sogar, eine- Schwäche für die Juden. Jahrelang >aß er mit ihnen allabendlicl) in dickster Freundschaft beisammcn; bei „Landes vatcr" nnd Bruderkuß siel« ihm gar nicht ein, zwischen. Genossen jüdischer und „arischer" Herkunft zu unterscheiden. T re st kann 'eh,", l

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