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Freies Blatt · 1892-10-30 · 30 (30.10.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
30 (30.10.1892)
Date
1892-10-30
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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f I Seite 2. Freies Blatt. Nr. 30. sogar von geistlichen Herrendann rücken die Bäuerlein bei ihren trügen und Pfeifen zusammen, und hierauf geht eS los: ,Es war ciiunal - -“ Tic Herren aus Wien wiifen halt, gar so interessante P't'id)id)tn, -zu erjiilileii, meistens von dem bösen Juden handelnd, und ein geistlicher Herr, der mir einem Bauer wie mit seinesgleichen spricht,, o. der weiß »och schöneres als dic- Anderen alle. So erzählt er von einer Zeit, wo die Bauern so glücklich waren wie im Schlaraffenland, -wo jeder sein Hub» im Topfe und die harten Thaler im Geldbeutel batte: wo.man eigene Sileidervorschrifte» erlasten mußte, weil die ' Bauern große Gigerln waren, ja, wo die Bauern so reich waren, daß sie nicht nur au den »Ungern, sondern auch an den Zehen goldene Ringe trugen. Man denke nur! Sie guten Waldvieriler höre» mit Mund und STIne»;ft, und wenn der Märchenerzähler fertig ist, dann wird er mit »Fragen bestürmt, .ob und wann jene goldene, gute alte Zeit kür die Bauern wiederkebren werde. Ja, heißt es da, wen» die Bäuerle:» sein dem Iv v Liberalismus abschwöreu, hinter jedem Juden nichtig ..Hepp! Hepp!" schreien und bei den nächsteu Wahlen ihre Stimmen einem Antisemiten geben. Tie Antisemiten gehen mit den geistlichen Herren, und von diesen - allein hängt es ab, den Bauer ivieder in jene glückliche Vage znrückznversetzen „Es war einmal —" Bor mir liegen ein paar zerknitterte, vergilbte Blätter, die ich ans unserem alten, großen »Familienkaste» ans gestöbert bade. Auch ste erzählen merkwürdige Tinge, wie es den Bauern erging in jener Zeit, von der die geistlichen Herren schwärnien, und die ne mir Hilfe des Antisemitismus nun wieder znrückbriugen wollen. Bon goldenen »ringer und Zehenringen.ist da freilich nicht die Rcde. die ganze Geschichte klingt überhaupt weniger verlockend und poetisch, da sie aber unsere guten Waldviertler Bauern ganz besonders »rngebt, so will ich ne ibnen auch nicht voreutksiilten und kurz ihren lcbrreichen Jnbalt wiedergeben. Also, „es war einmal ein bekanntes Stift, der Name thut ja nichts zur Sache, genug, /s lag hark am »ruße des Wienerwaldes T ie Zeit, von der die Rede ist, war jene glückliche Zeit, wo der Jude einen-gelben »Fleck am Rocke-tragen mußte, wo liberale Gesinnungen das einrateliste Mittel 'waren, auf den Spielberg zu komm:», und wo das geistliche Siitk über die Bauern der liegend die unbedingteste Bormtindichasr führte. Ter Bauer war da aller Tenkbeschwerden überl’ch'ii und Hatto den einzigen Beruf, an das Stift gewiste Abgaben zu entrichten. Tiefe Abgaben waren nun allerdings nicht gering,- imd schon die Auszählung der verschiedenen Titel, unter denen das loster das Geld des Bauerneiiistreiite, bildete eine gar stattliche Reihe. Ta gab cs Bogreirecht, <^rnnddienst,Ro bottpflichten alstr 'Alt für Ja gd.fr ohne», S lraßen bau frohnen n. s. w. War' das Jabr um, so waren von dem ganzen Ertrage von Grund und Boden U> Pereent dem Stifte zu entrichten. Tas war der'Zeh ent. Tancbcn gab cs noch allerlei andere schöne „Rechte". Für ein bestimmies Ranmmaß Weingarten behob das Stift eine gewiste Menge Wein in ii;i!ifi;i oder in l^eldrelutum; das nannte mau in jener voeii'chen Zeit Bergrecht, und das Merkwürdigste an der Sache ist,, daß das Bergrecht eingebok'en -wurde auch in Jahren, wo kein Wein gewachsen. und von »Feldern. wo keiner gepflanzt worden war. Es -ereignete sich also oft, daß ein armer Bauer für ein Grundstück, das seit Urväierzeilen nicht mehr mit Reben bepflanzt war, das Bergrecht entrichten mußte, und zwar obendrein nach dem Weinpreis des be treibenden JnOres. Tamil war es aber teincswegs abgetlian »Fand eine Bermögensübcriragnng stakt, sei es nun durch Stauf, Tausch, Schenkung, Heirat, Erbschaft n dgl, so wczr das Landeniinin zu entrichten, d h ."> Pereent-des Staufschillings oder^des eingeschützten Werrbes. T:e>e schöne Abgabe mar ohne Rücksicht auf die Belastung des verkeimten oder abgetretenen lautes zu zahlen, also auch dann, i.vrnii ne für den Ucbernebmer nicht einen Heller Besitz bedeutete. Wer B cm «:°'.undsinck in: Werihe von 1 <MKJ seiden übernahm, auf 'dem jedoch 1 <M () Gulden Schulden ruhten, inNe Azleichwohl dem Stifte In Gulden Vandemium zu entrichten. Etwas Milder war das dritte im Bunde dieser .schönen Rechte', das Mortuarium, welches im Todes, .'alle von den Erben behoben wurde,: es betrug gleichfalls 5» Pereent ron der geianimlen beweglichen und unbeweglichen Hinterlassenschaft, jedoch nach Abzug der Schulden. Wenn man aber bedenkt, wie oft gerades im bäuerlichen Leben Besitzübertragungen stattnnden, und wie eoniviioin die Bcsttzverbältniste innerhalb der ,Familie selbst sind, so begr-str man, wie 'drückend Laudemium und Mortuarium waren. Man ncchne nur folgenden, gewiß nicht seltenen »Fall an. Ein Sohn übernimmt von seinen Eltern die Wirihschaft, bleibt ihnen aber den staiissch'.lling schuldig. Später heiratet er und tilgt mit der Mitgift d:-: Hältke der Schuld. Es stirbt hierauf der Baker, das Permögen, bestehend in der »Forderung an den Sohn, gehl auf die Mutter über : s stirbt auch die Mutter undzuletzt die »Iran, die ihr gehörige Hälfte der Realität geht auf den Witwer über, der nun ein zweiteSmal heiratet und dem neuen Weibe die Hälfte anschreiben läßt. In diesem sehr gewöhnlichen Falle hatte der betreffende Bauer daS Vaudemium einmal vom ganzen Werth, dreimal vom'halben Werthe und dreimal daö Mortuarium vom halben Werthe der Wirthschaft, d. i. viermal f» Pereent von einem und demselben Besitz gezahlt. ES war also unter ungünstigen Berhältnisten sehr leicht möglich, daß schon nach drei bis vier Besitzern der ganze Werth einer Wirthschaft in Form des Laudeminms und Mortnariums einmal in den Säckel des Stiftes floß. Tabei ist. nicht zu vergesten, daß derselbe Bauer auch Steuer an Gemeinde, Land und Staat zu leisten hatte, daß er an der Linie vor Wien für seine Prodnete eine überaus hohe BerzehrungSsteuer entrichten mußte, und daß außerdem seine Söhne sich einem harten, lange »Jahre dauernden Militärdienste widmen mußten. »Ich glaube nicht mehr von dem. überfließenden Glück der Bauern in jener- Zeit erzählen zu müssen, welche die antisemitischen Bolksbegluckerheute in so verlockenden Farben malen, daß. den Waldviertler Bauern wieder der Mund danach wäffert. Bon goldenen Finger- und Zehenringen Hab' ich nichts gelesen, und wer mit dem Rechnen nicht auf allzu schlechtem Fuße steht; wird sich selbst leicht überzeugen, daß es auch mit dem Huhn im Topfe in jener Zeit schlimm bestellt gewesen sein mag. „Es war einmal —", noch nicht sind es fünfzig Jahre her, daß dem -Bauer dieser furchtbare A.lp> abgenoi'nmen, und daß er zum freien Menschen gemacht wurde, und, merkwürdig, er scheint Alles vergessen zu haben, als wären Jahrhunderte seither verrauscht. Bon denselben Herren — ja vielleicht sind es mitunter selbst noch dieselben Personen —, denen er einst Grnnddionst und Robott, Bogteirecht und Bergrecht, Laudeminm uüd Mortuarium leisten mußte, läßt er sich heute Märchen über eine angeblich goldene alte Zeit erzählen, er küßt unterwürfig den Rocksanm seiner ehemaligen Bedrücker, beschimpft die Männer, welche ihm das furchtbare Joch äbgenommen haben, und wirft sich dafür einem gewiffenlosen Temagogenthum in die Arme. Und warum dies Alles? Uin den verhaßten Juden ' zurück in die Knechtschaft stoßen zu können, stürzen sie sich selbst mit hinab. Wer hätte es glauben sollen, daß sich der niederösterreichische Bauer so bald in den BorniärJ znrücksehnen werde? Es ist noch nicht so lange her, daß er eine feste Säule des Freisinns war, aber — „es war einmal —" (Alls dem stiltthliausc.) Tie »Fortschrittspartei des Gemeinderathes ist erfreulicherweise ans das räthselhafte Ansinnen des Bürgermeisters, die Antisemiten in den Stadtrath eindringen zu lassen, nicht eingegaugen, und so wird denn diese Körperschaft auch fürder bloß sachlicher Berathnng gewidmet sein und nicht wie andere zu antisemitischen Demonstrationen mißbraucht werden können. — In der zum Abschlüsse gelangten Gemeinderathsdebatte über das Gutachten betreffend die Erwerbsteuerreform hielt Stadtrath Roöke eine glänzende Rede, an welche die Antisemiten und ihr Führer »och lange zurückdeuken werden. Er sagte: Tie antisemitische Lpposiiioii, deren Führer,'Tr. Lueger, zum er oll'»- Benlieidiger eines Einst Schneider Herabgeiunken lei, rechne mit einer ver stcvien Wählerschaft, welcher rücksichtlich der Consession der Sinn für Recht und Gereänigkeit ablianden gekommen sei, und die nun auch rücksichtlich anderer Jnteresien diesen mangelnden Rechtssinn bekunde. Höre denn die ehrliche Arbeü bei 5 st. 'J.'i kr. Steuer auf, habe der Geiverbsmann, der sich über diese Steuer grenze in seinem Erwerbe hinanfgeschiviingeu hat, keinen Anspruch mehr aus die Wahrung seiner Interessen? Tie Frage der Vertretung der Handels- und Gewecbekamnier in den Erwerbsteiiereonnnissionen habe der Lpposilion Ge- - iegenheit zu einer Aetion gegen die Slainmer geboten. Tiefer Angriff auf die Kammer und ans einige Redner in der Tebatte sei die ganze finanzpolitische Weisheit des Führers ter-pSpposition gewesen. Es sei richtig, daß die Handels und Gewerbekannner bei: Interessen jener Geiverbsleute, die einem Dr. Lueger und Schneider nachlaufen und statt zu arbeiten antisemitische Allotria treiben, nicht gedient hat; das sei ihr aber als Berdienst zuzuschreiben. Im Rainen des ernsten, arbeitenden, stenerzahlende» Gewerbestandes zu sprechen, habe Herr Tr. Lueger kein Recht. Bei den letzten Kammerwahlen haben 32 Genoffen ,-chatten mit 15.000 Mitgliedern die Eandidatnre» unterstützt. Die Kammer habe vom ihre» Retioeinnabme», zu denen die kleinen Gewerbetreibenden im Berhältniß von ', zu ä/;, welche die oberen Wahlgrnppen bezahlen, beitrage»,!K> Pereent für das Kleingewerbe verwendet und in der Frage des Hausier-. Handels, der Waarenansverkäufe, der Skrafhausarbeit, des Ratenhandels, der Gründung von Rohstoff- und Maierialvereinen die Wünsche der vernünftig denkenden Gnverbsleule wesentlich gefördert. Auf Beifall der Gesinnungsgenossen des Tr. Lueger rechne sie nicht. UebrigenS sei ja keine anständige Corporation und kein öffentlicher Functi'onär mehr in Wien, die Dr. Lueger nicht schon angegriffen und besudelt habe; UniversitätSprofefforen, Techniker, Donau i

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