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Freies Blatt · 1892-10-30 · 30 (30.10.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
30 (30.10.1892)
Date
1892-10-30
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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I AdottiiemetttSprets: Ganzjährig mit Postzusrudung . . fl. *.50. Halbjährig fl. l.*5. Lirrleijährig fl. —.05 Einzclne Nummrrn 4 kr. Organ zur Abwehr drs ^lntisrmitismus. C-rjchcinl nu jedem Sonntage; 'Jicöactimt iinD '.'löminiiuiUtrn: Wien I. ■§circvftätto 10. Nummer:!0. Wir«, •{(). Ortobrr 11192. I. Jahrgang, Die Lholera und die Antisemiten. Die Cholera ist auf ihrem Rundzange durch Europa auch in Wien eiugetroffcu. Erfreulicherweise dürften aber, wie ärztliche Autoritäten anttchmen, die hier aufgetauchten Fälle sporadische bleiben und die Eholera in Wien keine größere Verbreitung ge winnen. Schon seit dem Aüftauchen dieser verheerenden Krankheit in Rußland schickten sich, die Antisemiten an, sie zur Förderung ihres unsauberen ProgrammeS, der Judenhetze, anözunützeu. Nicht die Mißwirthschaft in dem-Lande der PobedonoSzew und Mcschtfchcrsky, nicht die Seuchenherde in Astrachan und anderen russischen Städten flößten ihnen Besorgnisse - ein, und sie verlangten liicht etwa Schutzvorkehruiigeu gegen eine Einschleppung der Eholera aus Rußland, sondern das Ganze bot ihnen einen will kommenen Anlaß, um einen schon früher geäußerten Herzenswunsch »ach Ehicanirung der Rußland freiwillig oder gezwungen ver lassenden jüdischen Auswanderer zu erneuern. Für das frevelhafte Gebahren russischer Griiizbehörden, welche choleraverdächlige ftianfe ohne jede Anzeige an den Nachbatstaat Weiterreisen ließen, wie dies neulich wieder bei einer Woloezysk vaisirenden italienischen Gesellschaft geschah, interessirlen sich die antisemitische» Blätter und Pereinsredner nicht, im tnindesteu. AlS dann Hamburg von der Epidemie heimgesucht würde, war eö nicht Theiluahme für deutsche StammeSgenossen, die aus den antisemitischen Kundgebungen hierüber sprach, .sondern wieder bloß die Sucht, sich ein großes Unglück zunutze zu machen und der Judenhetze neue Nahrung zuzuftthren. Bevor noch Geheimrath Koch über die Entstehnngsursache auch nur eine Bermuthung aus sprechen konnte, waren Bergani und Psenner schon darüber einig, daß einzig und | allein die russischen Juden die Eholera nach Haryburg verschleppt haben, daß dies aber nicht möglich gewesen wäre^ wenn der Hamburger Senat sich nickit .aus „verjudeten" Elementen zusammengesetzt hätte. Ein gleiches Verfahren beobachteten die antisemitischen Hetzer, als aus Galizien.und Budapest Eholerafälle gemeldet wurden. Ihr ganzes Sinnen und Trachten richtete sich nur darauf, den traurigen Nachrichten einen Werth als antisemitisches Agitationsmittel abzugewinnen. Während man in Wien alle Borkthrungen traf, um für den Fall, als die Eholera auch hier ihren Einzug halten sollte, zu deren-Bekämpfung gerüstet zu sein, und i» erster Linie die Freiwillige Retluugsgesellschaft eine rühmeuöwerthe Opferwilligkeil au den Tag legte, bereiteten sich die Antisemiten zu deren Empfang unter Anderem' auch durch jene «eenen im niederösterreichischen Landtage vor, welche von Sr. Majestät dem Kaiser sowie von allen Gesitteten in unserem Baterlande als „Schande vor der Well" gekennzeichnet wurden. Stöcker scheint noch einen Ueberrest von Scham zu besitzen und sprach letzthin die Meinung au6, daß man im Parlamente sich nur blamire, wenn man Ausschreitungen, die inan allenfalls in BereiitSversammlungen begehen könne, dorthin verpflanze. Unsere Christlich Socialen aber scheuen derlei Blamagen nicht. Haben sie doch zu wiederholtenmalen cynisch gestanden, daß es ihnen gar nicht darum zu thün sei, den Reichsrath, Landtag oder Gemeiitderalh zu ihrer Ansicht zu bekehren, und daß sie bloß zum Fenster hinausspreche». Bisher, hat die Cholera allerdings die Erwartungen nicht gerechtfertigt, welche antisemitische Abgeordnete in sie gesetzt zu haben schienen. Die Fälle Strkal und Wodal wareit nicht danach beschaffen, Judenhetzen' hervorzurufen. Man konnte nicht einmal den leichtgläubige» Anhang durch den Alarmruf aushetzen: „Die Inden bringen »»ö die Eholera!" Die Name» der armen Eholera tapfer zeigen doch vielmehr, daß sie sich anö jenen Kreise» recrnliren, denen der Anlisemitensührer im Gemeiitderalh die Angehörigkeit zum denischen Bürgerthnm nichr abspricht. Sollte aber, was ein gütiges Geschick verhüten möge, Wien dennoch der Sckanplatz einer Cholera Epidemie werden, dann wurde zugleich die Senche^des Antisemitismus, die schon so lange in unserer Sladt grassirt, große Beunruhigung verursachen. Die Anliseinilenführer, welche unter Mißbrauch der Jnimnnitäl in der Reichs und Landesvertretung ganz unverhohlen den Ver »ichlnngökampf gegen unsere jüdischen Mitbürger predigen, ihn» dies auch, da freilich in Mehr versteckter Weise, in sonstigen Ver sainntlungen. Geßnnrn»;. B. tritt vor Bauern für die „Ausrottung aller Schädlinge" ei», welche „der christlichen Bevölkerung Glauben, Sille, Geld und Besitz rauben", und damit seine Anhörer nicht darüber im Zweifel sein sollen, wer diese „Schädlinge" seien, geht der christlich-socialen Aufforderung ein wüstes Ge. schimpfe gegen die Juden voran. Scheicher ermahnt, „die tut würdigen Sclavenfessel». in .welche wir geschlagen iind>;n sprengen". Selbstverständlich bleibt der Mechaniker,Schiüid.r hinter ähnlichen Leistungen nicht zurück, sondern überbietct sie choch. Nachdem aber die Wiener Antisemiten selbst ''ihre schändliche» Pläne zur Fructificirung der Cholera verralhen haben, waren für die Eventualität, daß die Krankheit hier einen epidemischen Charakter annehme» sollte, auch prophylaktische Maßnahme» gegen den Unfug' gewisser „Bolkstribnnen" dringend geboten. Die Verfügung des Polizeipräsidenten, welcher die Abhaltung aller Versammlungen, bei denen ein größeres Znsammenströmett von Mensehen sialtsindei, bis auf Weiteres untersagt hat, erscheint demnach vollkommen bc- -gründet, und zwar nicht bloß wegen der Eholeragefahr, nii> welcher öafc Verbot motivirt wird, sondern auch im Hinblicke 'auf die durch die Landtags - Scandale heroorgernfene Besorgmß vor eventuellen antisemitischen Ercessen. > £s war einmal — ch'eidcr leiai Mürel,en.t nremo, Cet.• l>. „Es war einmal —" Wer kennt nicht die Macht dieser Worte und denen, was sie verheißen, auf untere lieben-A{ leinen '? Mäuschenstill hocken sie ans ihren Plätzen und stecken die aiöpt'chen zusammen- und -lauschen erndächtig, sobald es losgeht: „Es war einmal —", "Tann folgt eine schon hundertmal gehörte lNschichte von einem Wnnderland. wo in den Wäldern nur anigeputzke Ehrin bannte stehen, und ans den Straßen Zuckerreiter sich bewegen, sodaß man nur danach zu langen braucht n. s. tu. — aber die si leinen hören immer, andächtig, wie das erstemal, zu, und wenn die Geschichte zu Ende ist, dann nagen tu dringend: „Wann koiunit denn die Zeit, wo' auch bei uns in den Wäldern die anfgepntzten Ehristbänine stehen und ans den Straße» die Zuckerreiler dahersprengen, so - daß man . nur danach zn taugen braucht'?" -■ " - „ES war einmal — “ Ja, es war rinmal eine Zen,- wo fiel) unsere Waldviertler Bauern gar schön dafür bedanli hätten^, wenn man sie mit jenen Aiindcheu verglichen hätte, die man durch solche Mürlein dahin bringen kann, fein brav zu sein Aber das,war einmal. Heule bekommen sie oft aus Wien Besuch <>on studierten Herren.

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